Bates Motel 2x10

Die zehn Episoden der zweiten Staffel von Bates Motel scheinen wie im Fluge vergangen zu sein, was man an sich ja schon als Kompliment für die Serie interpretieren kann.
Norman Bates (Freddie Highmore) hatte in der nervenaufreibenden Episode The Box (2x09) schließlich die Wahrheit über das Böse in seinem Inneren und den Tod von Miss Watson erfahren. In The Immutable Truth will er seiner bedrohlichen Existenz ein Ende bereiten, um damit sich selbst und auch seine Lieben vor Schrecklichem zu bewahren. Indem Norma (Vera Farmiga) seinen Selbstmord verhindert glaubt sie, ihren Sohn ebenso zu retten wie sich selbst. In Wahrheit besiegelt sie ihren eigenen Untergang.
White Pine Bay
Obgleich sich mit dem Tod von Nick Ford (Michael O'Neill) ein Teil der vielversprechenden Komplikationen für Norman und auch für Dylan (Max Thieriot) verflüchtigt, bringt der Handlungsstrang um die Drogengeschäfte in White Pine Bay doch noch einige Highlights mit sich. So bereitet es einem beispielsweise eine diebische Freude, wie der chronische Kotzbrocken Zane (Michael Eklund) endlich den Lohn für seine zahlreichen Untaten erntet. Es wirkt zwar nicht unbedingt lebensnah, dass Alex Romero (Nestor Carbonell) noch einen zitierfähigen Spruch parat hat („I am a man of my word“; ungefähr: „Ich halte, was ich verspreche“), bevor er den Abzug drückt, doch darüber kann man zugunsten der überbrodelnden Coolness des Sheriffs hinwegsehen.
Nachdem Jodi Wilson (Kathleen Robertson) nicht zu dem Kreis der Figuren gehört, denen Romero heroisch aus der Patsche helfen kann, darf man sich in der kommenden, dritten Staffel von Bates Motel zudem auf einen Dylan freuen, dem das „Machtvakuum“ an die Spitze des Kartells verholfen hat. Die Tatsache, dass der Sympathieträger den zweifellos komplikationsbehafteten Posten nicht freiwillig einnimmt, hat dabei ein beachtliches dramaturgisches Potential.
Der Dritte im Bunde
Überhaupt verhält sich die Episode Dylan gegenüber wohlgesonnen, der in einer der bewegendsten Szenen mit von der Partie sein darf. In ihrer Dankbarkeit für seine Loyalität und die Hilfe bei der Befreiung von Norman findet Norma endlich die Kraft, sich aufrichtig bei Dylan zu entschuldigen. Als sie ihrem Ältesten offenbart, drei Tickets nach Montreal bestellt zu haben, gewährt sie Dylan Zutritt in den inneren Zirkel der Familie. Nicht nur den Zuschauern dürfte dabei selbstverständlich klar sein, dass Dylan seinem kleinen Bruder niemals die Postition streitig machen könnte, die er für seine Mutter hat. Er wird für immer dazu verdammt sein, in dem familiären Gespann auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Nichtsdestotrotz ist Normas Geste doch bemerkenswert.
Die feindliche Welt
Für Norma bricht mit ihrer Freundschaft zu Christine (Rebecca Creskoff) auch die wichtigste Ablenkung von ihren mütterlichen Pflichten in sich zusammen. So fügt sich das Streitgespräch im Supermarkt fugenlos mit den vielen anderen kleinen, aber dennoch schicksalsträchtigen Begebenheiten zusammen, die sie und Norman auf so verhängnisvolle Weise zusammenschweißen. Wieder einmal steuert die dissonante und zutiefst faszinierende Beziehung zwischen Norman und seiner Mutter die Sternstunden der Episode bei.
Ohne Umschweife erwähnt Norma gegenüber ihrem Sohn, dass sie versucht habe, mit George (Michael Vartan) zu schlafen. Zum einen wirft ihre beiläufige Feststellung die Frage auf, warum es denn am Ende nicht geschehen ist? Wesentlicher ist jedoch, warum zum Teufel sie Norman diese Information anvertraut. Die Antwort liegt darin begründet, dass er nicht der einzige Protagonist in der Serie ist, dessen Bezug zur Realität zutiefst gestört ist.
Fels in der Brandung
Während Norman mehr und mehr in seiner gespaltenen Persönlichkeit verloren geht, kann Norma nicht zwischen sich und ihrem Sohn differenzieren. Die Traumata ihrer Kindheit, Jugend und auch ihrer Ehe mit Normans Vater haben sie mit dem einzig „Guten“ in ihrem Leben verschmelzen lassen. Deswegen findet sie es auch nicht unangebracht, Norman leidenschaftlich auf den Mund zu küssen, oder sich im Takt von Liebesliedern inbrünstig an ihn zu schmiegen: „We are together and that's all that ever matters“ („Wir sind zusammen und das ist alles, worauf es ankommt“).
Zur gleichen Zeit speist sich aus dieser kompletten Abhängigkeit von Norman und seiner „Unschuld“ ihre Verblendung, wenn es darum geht, den schrecklichen Tatsachen ins Auge zu sehen. Auf beängstigende Weise kommt in Norma so wieder die schreiende Furie zum Vorschein, als ihr Fels in der Brandung beim Essen auf seinen Mord an Blair zu sprechen kommt. So lange man nur beharrlich von „Magendarm-Grippen“ und „Träumen“ sprechen kann, hat die Realität keine Chance.
Normans Abschied
Im Gegensatz zu seiner Mutter stellt sich Norman der Wahrheit. Im Kampfe gegen das Böse schreckt er nicht einmal davor zurück, sich umzubringen. Auf famose Weise gelingt es Bates Motel hier, die Sympathien für den zwiegespaltenen Protagonisten anzufeuern. So geht mit den Angelegenheiten, die Norman akribisch noch ins Reine bringen möchte, bevor er sich erschießt, eine derartige Wärme und kindliche Unschuld (Apfelkuchen!) einher, dass es einem fast das Herz bricht.
In diesem Zusammenhang erhält auch die in letzter Zeit von der Serie vernachlässigte Olivia Cooke in ihrer Rolle der feinfühligen Emma noch einmal die Gelegenheit, zu glänzen. Indem Norman ihr die Wahrheit über Dylan und dessen Zeugung verrät, gewährt er seiner Freundin gerade so viel Einsicht in die Abgründe der Familie Bates, um sie zum Bleiben zu überreden. Aus diesem Akt spricht hier vor allem die große Sorge um die „beste Mutter der Welt“, die er nicht vollkommen einsam im Leben zurücklassen möchte.
Norma bleibt für ihren Sohn der wichtigste Mensch auf der Welt. Und weil er sie nicht nur mehr liebt als das eigene Leben, sondern auch mehr als den eigenen Tod, verzichtet er darauf, sich von seinen Qualen zu erlösen. „Mutter, du hast gewonnen.“
Fazit
Die Episode The Immutable Truth kann nicht nur tief berühren und treibt die Protagonisten ihrem Ende auf ungeheuer packende Weise entgegen. Sie profitiert zudem auch von einer kunstvollen Kameraführung, die je nach Bedarf sie Spannung schürt - wie bei der rasanten Hatz durch den Wald - oder aber Assoziationen zu „Psycho“ wachruft - wie es zum Beispiel bei Normas Schaukelstuhl. So lässt auch der Blick, den Norman am Ende dieses Finales direkt auf den Zuschauer richtet, einem nicht nur das Blut in den Adern gefrieren, sondern kommt auch einer Huldigung der filmischen Vorlage gleich.
Es ist zwar keine große Überraschung, dass es Norman am Ende mit der Hilfe von Mutter gelingt, den Lügendetektor auszutricksen. Doch dank der förmlich schwindelerregenden Inszenierung der Passage, verblasst die Vorhersehbarkeit zur Nebensache. Der gute, der so durch und durch liebenswerte Norman, der sich in dieser Episode von Bates Motel mit aller Kraft gegen seine böse Seite aufgebäumt hatte, hat den Kampf verloren.
Seine Mutter, die in der Serie zwar in diesem Moment - im Gegensatz zum Gruselfilm-Klassiker - bereits wieder verstummt ist und stattdessen verwischt hinter Normans Schulter verharrt, ist unabänderlich ein Teil von ihm. Als wären die beiden dieselbe Person. In Anbetracht einer gelungenen zweiten Staffel, dem durchweg fantastischen Gespann aus Farmiga und Highmore und diesem starken Finale ist es nicht einmal a little mad, wenn man der Fortsetzung von Bates Motel bereits jetzt entgegenfiebert.
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 6. Mai 2014(Bates Motel 2x10)
Schauspieler in der Episode Bates Motel 2x10
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