Bates Motel 2x02

Wie bereits in der Auftaktepisode der zweiten Staffel, kann man sich auch in der Episode Shadow of a Doubt wieder durch das ausgezeichnete Spiel der Serienstars Vera Farmiga und Freddie Highmore in den Bann ziehen lassen. Die verhängnisvolle Wechselwirkung zwischen Norma und Norman Bates kann auf vielen Ebenen begeistern. Hingegen wirken die übrigen Handlungsstränge eher wie Störfaktoren, die sich dem zentralen Thema der Serie Bates Motel allzu hartnäckig in den Weg stellen.
Nebensache
Im Verlauf der Episode Shadow of a Doubt wird man immer wieder zwischen Langeweile und Verzücken hin- und hergerissen. Selbst dem an sich sehr vielversprechenden Charakter des Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell) kann es nicht gelingen, den Erzählstrang um die verschiedenen Verstrickungen im Weed-Geschäft langfristig aufzuwerten. Der Mord an Gil (Vincent Gale) wird hier zum Auslöser eines Konfliktes zwischen den „zwei Familien“, die die kriminellen Geschicke von White Pine Bay kontrollieren. Während sich Gils tatsächliche Mörderin Bradley Martin (Nicola Peltz) im Keller der Familie Bates versteckt, wird einer der Männer des Obergangsters Nick (Michael O'Neill) von einem schwer kontrollierbaren Hitzkopf hingerichtet.
Dylan und Emma
Generell ist es löblich, den Zuschauern die Figur Dylan (Max Thieriot) noch näher zu bringen. Schließlich fungiert er - als das eindeutig normalste Familienmitglied - dazu, die Merkmale noch hervorzuheben, in denen Norma und Norman hier vom Standard abweichen. Leider ist die Geschichte um die Gras-Barone weder originell noch spannend genug geraten. Statt an der Seite von Remo (Ian Tracey) würde man den Kleinkriminellen doch lieber im Umgang mit Bruder oder Mutter erleben - denn deren Szenen entfalten einfach mehr Intensität. Vielleicht könnte Dylan seine Zeit aber auch mit Emma Decody (Olivia Cooke) verbringen. Zum einen ist es mittlerweile fast schmerzhaft zu sehen, wie sich ihr liebenswerter Charakter völlig erfolglos um Norman bemüht. Es wäre dem schwerkranken Mädchen fraglos zu gönnen, wenn sie einmal mit einem sympathischen jungen Mann konfrontiert werden würde. Zum anderen könnten die Serienverantwortlichen auf diese Weise gegen ihre unangenehme Angewohnheit vorgehen, Emma mit lächerlichen Kurzauftritten abzuspeisen.
Goodbye, Bradley!
Vielleicht wird Emma ja bald öfter zum Einsatz kommen. Schließlich wird in der Episode Shadow of a Doubt mit Bradley Martin eine ihrer Konkurentinnen erst einmal aus der Handlung von Bates Motel herauschauffiert. Wer den Gedanken daran, auf unbestimmte Zeit auf den Anblick von Nicola Peltz verzichten zu müssen, nicht erträgt, kann sich vielleicht durch den Gedanken trösten, dass sie in diesem Jahr auch noch auf der großen Leinwand zu sehen sein wird. So gibt sich Peltz im vierten Teil der „Transformers“-Saga die Ehre.
Armer Norman...
In Bates Motel wird man die von ihr gespielte Figur vielleicht nicht unbedingt vermissen. Schließlich hatte man in Anbetracht von Normans Werdegang stets (und wohl nicht gänzlich unbegründet) das Gefühl, dass Bradley durch ihr unsensibles Verhalten unwissentlich dazu beiträgt, ein Monster zu erschaffen. Auch in dieser Episode beschwört die herablassende Art, in der das Mädchen Norman ausnutzt, den Unmut der Rezensentin herauf. Die Tatsache, dass man Norman gegenüber noch immer einen Beschützerinstinkt an den Tag legt, zeigt gleichzeitig, wie gut es der Serie gelingt, seine Verletzlichkeit zu betonen.
Auf der anderen Seite hat die arme Bradley in letzter Zeit wirklich einiges durchgemacht. Die Notiz, die sie Norman über seinen Bruder zukommen lässt, offenbart zudem nicht nur, dass Bradley die Hilfe ihres Freundes durchaus zu schätzen weiß. Gleichzeitig wird durch ihre Feststellung, dass es sich bei Norman quasi um den perfekten Menschenfreund handelt, die Fallhöhe für den Protagonisten vergrößert. Denn der Weg zum mordenden Misanthropen wäre schon für einen Normalsterblichen sehr weit gewesen.

Auch einzeln stark
Während die Serie dann am besten ist, wenn Norma auf Norman trifft, können die beiden Protagonisten auch im Alleingang begeistern. Norma bringt durch ihr unbedarftes Gespräch mit der Gynäkologin und ihre Auswahl von Bibliotheksbüchern subtilen Humor mit in die Handlung. Dafür ist man der Figur sehr dankbar. Denn obwohl sich die nächste große Katastrophe erst am dramaturgischen Horizont abzeichnet, herrscht in der Serie so oft ein Grundton des Unbehagens, dass man nichtsdestotrotz auf leichtere Passagen als Erholungsmöglichkeit angewiesen ist.
Auch Norman ist nicht zwangsweise auf mütterlichen Beistand angewiesen, um unterhaltsam zu sein. Im Gespräch mit seinem Bruder Dylan zeichnet sich ab, dass Normans Gefühle für Bradley Züge einer gewissen Besessenheit aufweisen. Dabei flackern Highmores Augen derartig besitzergreifend, dass man ihm sein Mädchen lieber nicht streitig machen würde.
Die Anormalen
Als Norman mit Bradleys Mutter telefoniert, wird den Zuschauern vor Augen geführt, wie fest der Griff ist, mit dem Norma ihren Sohn umklammert. Dass Norma ihrem Sohn dabei physisch nicht von der Seite weicht, scheint zudem als Pars pro toto für ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach Nähe im Geiste zu stehen.
Allein in der Tatsache, dass man als Mutter eines Teenager-Sohnes davon ausgeht, seinem Sprössling durch gemeinsames musicaln eine Freude zu machen, wirkt nach gewöhnlichen Gesichtspunkten befremdlich. Bei ihrem verkrampften Streben nach Normalität schießt Norma so unermüdlich über das Ziel hinaus. Dass Mutter und Sohn sich zusammen ausgerechnet für eine Aufführung vor Publikum casten lassen - und nicht etwa einen Kursus im Kissenbesticken absolvieren -, ist bezeichnend. Denn für die Bates macht es eigentlich keinen Unterschied, ob sie auf einer Bühne agieren oder im Supermarkt. Die Prämisse bleibt die gleiche: „it is just pretending, right?“
Besonders der „Mr. Sandman“-Performance der beiden am heimischen Klavier wohnt eine so merkwürdige Mischung aus hysterischer Heiterkeit und vehementer Realitätsverdrängung inne, dass das Szenario richtiggehend gruselig ist.
Mutterinstinkt
Fraglos ist Normas Klammergriff sehr eng. Aber gleichzeitig sollte man ihr Verhalten selbst dann noch nachvollziehen können, wenn es wieder einmal manipulative Züge annimmt. Denn schließlich geht es hier um weit mehr als eine Frau, die sich vor der Leere fürchtet, welche flügge gewordene Kinder nun mal hinterlassen. Norma Bates muss einen Killer im Auge behalten. Denn neue Indizien wie die Perlenkette der Miss Watson machen es selbst einer Realitätsverzerrungsvirituosin wie Norma schwer, die Wahrheit über ihren Liebsten zu verdrängen. Das bedeutet aber nicht, dass sie es nicht trotzdem mit aller Macht versuchen würde: Ganz nach dem Motto „Beim Hauch eines Zweifels für den Angeklagten“ reicht Emmas vage Nachricht über die Verhaftung eines Tatverdächtigen im Fall Watson aus, um in Norma ein Feuerwerk der Erleichterung zu zünden...
Fazit
Wie gewohnt leisten Farmiga und Highmore in Bates Motel großartige Arbeit. Neben Veras Performance auf der Bühne, in der sich Norma - gewohnt übertrieben - mit „Lady Peaceful, Lady Happy - that's what I long to be“ selbst zu besingen scheint, ist besonders auch ihr wütender Schlagabtausch mit Norman geglückt. Dank Normas kindlicher Verletztheit und ihren manipulativen Anwandlungen bekommt man stets das Gefühl, dass hier ein Liebespaar in Streit geraten ist - und kein Gespann aus Mutter und Sohn.
Zukünftig wäre es wünschenswert, wenn die Geschichten, die sich außerhalb des zentralen Konfliktes ereignen, stärker von der mächtigen Wirkung der beiden Protagonisten profitieren könnten. Oder aber die Drehbuchschreiber müssen die entsprechenden Erzählstränge so originell und überraschend gestalten, dass sie sich irgendwann selbst tragen können. Bisher sind einem Männer wie Johnny B, Nick oder auch Kyle aber ziemlich egal.
Nicht zuletzt profitiert die Episode Shadow of a Doubt selbstverständlich durch ihren nervenzehrenden Cliffhanger. Denn wenn Norma im ersten Staffelfinale von Bates Motel die Wahrheit gesprochen hat, ist der Neuzugang zu Schrecklichem fähig. Der Titel dieser Episode ist übrigens gleichzeitig der Name eines Psychothrillers von Alfred Hitchcock aus dem Jahre 1943. Und auch hier kommt ein ganz und gar unliebsamer Onkel zu Besuch...
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 11. März 2014(Bates Motel 2x02)
Schauspieler in der Episode Bates Motel 2x02
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