Bates Motel 1x02

Die grafische Aufbereitung der Sequenz, in der Norman Bates (Freddie Highmore) zu Beginn der zweiten Episode von Bates Motel das mysteriöse Skizzenbüchlein durchblättert, unterstreicht es wirkungsvoll. Die verstörenden Zeichnungen ziehen den Jungen in ihren Bann. Im Laufe der Folge Nice Town You Picked, Norma ... werden wieder und wieder kleine Befremdlichkeiten eingeführt, die auf überzeugende Weise das Gefühl nähren, dass „etwas“ nicht stimmt.
„It is like this. But it is not like this.“ Die diffusen Worte, mit denen Norma eigentlich ihre neue Heimatstadt charakterisiert, passen auch zu ihr und Norman. Sei es, dass ihr Sohn den Werkzeuggürtel des toten Vergewaltigers Keith Summers wie eine Art Trophäe bei sich behält. Oder auch, dass Norma (Vera Farmiga) niemals anklopft, bevor sie das Zimmer ihres Sohnes betritt - und sich gar darin umzieht.
Mithilfe der Figur Dylan (Max Thieriot) wird zum einen die Haupthandlung - in der es um das fatale Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit von Mutter und Sohn geht - aufgemischt. Zum anderen erhalten die Zuschauer in neu etablierten Erzählsträngen einen ersten Eindruck davon, welchen Preis die Bewohner von White Pine Bay für ihre komfortable Existenz bezahlen.
Eindringling
In den wohlbehüteten Mikrokosmos von Norman und seiner Mutter Norma dringt in Gestalt von Dylan ein wütender Fremdkörper ein. Normans großer Bruder sticht nicht nur anhand seines Nachnamens Massett auf eklatante Weise aus dem familiären Trio heraus. Dylan sucht - im Gegensatz zu seinem Bruder - eher die Nähe zu Stripperinnen als zu seiner Mutter.
Der Charakter gibt dem Zuschauer zudem quasi einen Insiderzugang in das Leben der „Norms“: Auf der einen Seite füttert er die inzestuösen Eindrücke, indem er die Eifersucht seiner Mutter über Normans potentielles Sexleben thematisiert. Zum anderen liefert er neue Details zum Tod von Normans leiblichem Vater Sam.
„I have been worried about money since I was conscious.“ Weil das Geld für das Motel aus Sams Lebensversicherung stammt und der Familienvater sich anscheinend nicht sonderlich liebevoll verhalten hat, liegt der Schluss nahe, dass Norma den Tod ihres Ehemannes herbeigeführt hat.
Als Dylan jedoch auf fast melancholische Weise Fotos der beiden „Norms“ betrachtet und die Szene mit der Liedtextzeile „I want your love“ hinterlegt wird, scheint auch er der Vorstellung von Geborgenheit nicht abgeneigt zu sein...

Norma führt zu keinem ihrer Söhne eine „normale“ Beziehung. Im Falle von Dylan scheint sie ihre mütterlichen Pflichten bereits aufgegeben zu haben. Ihr „I hate you“ würde man so eher von einem pubertierenden Teenager erwarten - nicht aber von der Erziehungsberechtigten. Bei Jugendlichen nicht ungewöhnliches Verhalten wie spätes Nachhausekommen oder der Verzicht auf den Gebrauch eines Tellers werden von ihr sofort als Kriegserklärung verstanden.
Brüder
Es gibt gravierende Spannungen zwischen Normas Söhnen. Diese treiben Norman bereits jetzt dazu, seinen Bruder mit einem Schnitzelklopfer zu attackieren. Trotz des immensen Eskalationspotentials kommt Dylan seinem Bruder aber sofort zur Hilfe, als Norma dessen an Mukoviszidose erkrankte Schulfreundin Emma Decody (Olivia Cooke) einem Kreuzverhör unterzieht. Normas besitzergreifende Rolle in Bezug auf ihren Jüngsten wird hierbei besonders energisch verdeutlicht. Wieder mischt sich in die gängige Neugierde einer Mutter noch ein unangenehmer Beigeschmack: „What is your life expectancy, Emma?“
White Pine Bay
In einem parallelen Erzählstrang lässt sich Dylan durch die Männer aus dem Umfeld von Bradley Martins (Nicola Peltz) Vater bereitwillig in schmutzige - wohl aber durchaus lukrative - Geschäfte verwickeln. Überhaupt geht es in White Pine Bay ziemlich hart her, was schon der übel zugerichtete Mr. Martin so grausig demonstriert.
Es ist erquicklich, dass es Norma trotz ihres charmanten Auftretens nicht gelingt, insbesondere den hartnäckigen Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell) um den Finger zu wickeln. Die Tatsache, dass sie nicht immer die richtigen Worte findet, um sich gänzlich unverdächtig zu machen, lassen die Figur sowohl unerfahrener als auch menschlicher erscheinen. Zugleich kann Norma aber zielsicher Deputy Zack Shelby (Mike Vogel) als den zugänglicheren Gesetzeshüter ausmachen, der sie in die örtlichen Gegebenheiten einführt: „The people in this town. They deal with things in a different way.“
Genau wie Normas Fassade ist auch das Leben in dem Städtchen lediglich eine Kulisse, hinter der sich - ähnlich wie in dem Ort Sandford aus dem Film „Hot Fuzz“ - ein alles umfassender, tiefer Abgrund verbirgt. Als der so freundlich und strebsam erscheinende Polizist Zack beiläufig und völlig selbstverständlich eröffnet, dass die Verbrennung von Mr. Martin alttestamentarisch nach dem „Aug um Aug“ Prinzip vergolten würde, ist das schon mehr als befremdlich. Nice Town You Picked, Norma ... Indeed.
Hier schließt sich auch der Kreis für Normans Skizzenbuch. Dass die Zeichnungen in ihrem Stil an japanische Mangas erinnern, passt zwar zu dem modernen Setting, wirkt in einer klassisch amerikanischen Horrorgeschichte aber zunächst etwas fehl am Platz. Der asiatische Einschlag bekommt seine Rechtfertigung, als klar wird, dass das Büchlein die Geschichte von vier chinesischen Zwangsprostituierten schildert, die in dem Hotel und dessen Umgebung stattgefunden hat. Der Zuschauer bekommt im Zuge der Detektivgeschichte („Someone did this to these girls, Norman. And we can prove it.“) somit einen weiteren Anhaltspunkt dafür, welche Gräueltaten sich im Namen der unorthodoxen geschäftlichen Nische von White Pine Bay ereignen.

Der steinige Weg zum Psycho...
Als Norman in einer wirklich sensiblen Geste mit Blumen für Bradleys Familie im Krankenhaus auftaucht, wird ihm durch Richard (Richard Harmon) ein kleines Häppchen Ablehnung serviert. Eigentlich gibt es in ihrem Zwiegespräch keinen groben Verstoß gegen die menschliche Etikette. Da man jedoch stets Normans Werdegang vor Augen hat, möchte man schützend einschreiten, um den Jungen vor jeglichem Einfluss zu bewahren, der einen Teil zu dieser fatalen Entwicklung beitragen könnte. In diesem Bschützerinstinkt reflektiert sich wieder der große Vorteil, der mit einem noch verhältnismäßig unschuldigen und verletzlichen Protagonisten einhergeht.
Besonders im Umgang mit Emma kann man Norman ins Herz schließen. Die ungewöhnlich erwachsenen Konversationen zwischen den beiden Teenagern werden im Übrigen dadurch plausibel, dass Emma aufgrund ihrer Krankheit einen höheren Reifegrad an den Tag legt und es sich bei Norman ohnehin um eine außergewöhnliche Persönlichkeit handelt.
Drogenfelder samt bis an die Zähne bewaffneter Wächter und ein öffentlich zur Schau gestellter Racheakt der eindringlicheren Sorte machen Lust, das Städtchen und vor allem dessen Bewohner näher kennenzulernen. Natürlich nur aus der sicheren Distanz des heimischen Wohnzimmers, versteht sich.
Fazit
„She is not a bad person. She is just not perfect,“ sagt Norman über seine Mutter. „Und werden wir nicht alle von Zeit zu Zeit ein bisschen mad“, möchte man in Anlehnung an das große filmische Vorbild von Bates Motel einwerfen...
Eine Reihe von „Psycho“-Referenzen - wie die ausgestopften Vögel in dem Laden von Emmas Vater - können auf subtile Weise zu dem starken atmosphärischen Sog beitragen, den die düstere Serie verströmt. Dank der Einführung von Dylan und dessen Zugang in das kriminelle Subsystem der Stadt und auch aufgrund der überzeugenden Leistung der Schauspieler gewinnt die hervorragend vorgestellte Norma/Norman-Konstellation noch einmal an Reiz hinzu. Es scheint, als ob sich das Wagnis, „Psycho“ in Serie zu schicken, auszahlen könnte...
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 28. März 2013(Bates Motel 1x02)
Schauspieler in der Episode Bates Motel 1x02
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