Bates Motel 1x01

© in merkwĂŒrdiges VerhĂ€ltnis: Norman (Freddie Highmore) und seine Mutter (Vera Farmiga). / (c) A&E
Das passiert in der Pilotfolge von Bates Motel:
Nach dem Tod ihres Mannes zieht Norma Louise Bates (Vera Farmiga) gemeinsam mit ihrem Sohn Norman (Freddie Highmore) an die KĂŒste, wo sie ein altes zwangsversteigertes Motel gekauft hat. Schon bald benennt sie es um - in Bates Motel. Sie und ihr Sohn haben ein sehr enges und inniges VerhĂ€ltnis, das aber auch nicht frei von Spannungen ist. Sie will ihn fĂŒr sich haben und sieht es gar nicht gerne, wenn er auĂerhalb der Schule noch andere Dinge unternimmt. Etwa sogar noch mit hĂŒbschen MĂ€dchen.
Ausgerechnet als Norman sich davongeschlichen hat und mit einer Gruppe von MĂ€dchen aus seiner Klasse auf eine Party gegangen ist, wird Norma vom Vorbesitzer (W. Earl Brown) des Motels, der sich davon gar nicht gerne trennen mochte, ĂŒberfallen...
Unerreicht
Die Produzenten von Bates Motel - darunter Lost-Showrunner Carlton Cuse und Parenthood-Autorin Kerry Ehrin - haben sich eine der wohl gröĂten Herausforderungen gesucht, der man in Hollywood nur habhaft werden kann, indem sie sich eines Stoffes annahmen, der zu den bedeutendsten Klassikern der Filmgeschichte zĂ€hlt: Alfred Hitchcocks „Psycho“.
Schon mehrfach ist versucht worden, die Geschichte des Films auf die ein oder andere Weise - als Sequel oder ansatzweise in „Psycho IV - The Beginning“ auch schon als Prequel - weiterzuerzĂ€hlen. Doch keiner der Produktionen ist es jemals gelungen, aus dem ĂŒberragenden Schatten des Hitchcock-Films herauszutreten.
Psycho
Aus heutiger Sicht ist kaum noch vollstĂ€ndig zu ermessen, wie gewagt und revolutionĂ€r „Psycho“ zu seiner Zeit gewesen ist: Die Ermordung der vermeintlichen Protagonistin nach etwa der HĂ€lfte des Films; die EnthĂŒllung, dass Norman Bates selbst seine Mutter verkörpert hat - das waren gigantische WTF-Momente, lange bevor es in Filmen und Serien normal wurde, auf diese Weise mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Der Mord in der Dusche ist ein audiovisuelles Kunstwerk, eine unĂŒbertroffene Komposition aus Mise en ScĂšne, Montage und Musik, die auch mehr als fĂŒnfzig Jahre spĂ€ter kaum an Wucht verloren hat. Dazu die ĂŒberwĂ€ltigende Darbietung von Anthony Perkins. Und dann ist da natĂŒrlich auch noch die psychoanalytische Thematik, welche mit „Psycho“ nachhaltig Einzug in die PopulĂ€rkultur gefunden hat - und zum Gegenstand zahlloser akademischer Auseinandersetzungen mit dem Film geworden ist.
Die Auflistung der kĂŒnstlerischen Verdienste von „Psycho“ lieĂe sich noch beliebig lange fortsetzen. Sie dient hier vor allem dem Zweck aufzuzeigen, wie groĂ die Herausforderung fĂŒr die Macher von Bates Motel wirklich gewesen ist, gegen ein solches Meisterwerk nicht abzustinken.
Respekt und ein eigener Weg
Und tatsÀchlich muss man der Pilotfolge attestieren: sie hÀlt sich sehr gut. Bates Motel gelingt es einerseits, sich voller Respekt vor der Vorlage zu verneigen: Die Szenerie ist bis in die kleinsten Details der des Films nachempfunden. Die aus dem Film bekannte Vorgeschichte der Figuren wird akurat - mit allenfalls minimalen Differenzen: im Film hieà es, dass die Mutter das Motel gebaut hat, in der Serie kauft sie es - aufgegriffen. Zum Teil sind sogar manche Einstellungen Àhnlich denen aus dem Film gewÀhlt.
Andererseits gibt sich Bates Motel aber auch sehr selbststĂ€ndig, was vor allem dadurch erreicht wird, dass die Serie in der Gegenwart spielt. Daraus ergibt sich ein Ă€uĂerst faszinierendes SpannungsverhĂ€ltnis: sie ist ein Prequel fĂŒr Ereignisse, die uns als Publikum aus einem Film bekannt sind, der im Jahr 1960 angesiedelt ist. Sie selbst spielt jedoch nicht in den frĂŒhen 50er Jahren, wie es eigentlich chronologisch korrekt wĂ€re, sondern im Hier und Jetzt. Der Effekt, der durch diesen Kunstgriff erzielt wird, ist höchst bemerkenswert, da die Figuren uns dadurch viel nĂ€her sind - und die Geschichte entsprechend an IntensitĂ€t gewinnt. Bates Motel sagt uns ganz bewusst: das ist nicht nur eine Story aus einem lange zurĂŒckliegenden Horrorklassiker. Nein, es ist etwas, dass fĂŒr uns heute unverĂ€ndert relevant ist.
Plötzlich ist es 2013
Die Zuschauer, die sich genau wie der Rezensent nicht im Vorfeld haben spoilern lassen, was die Gegenwart als Handlungszeit angeht, erleben in den ersten zehn Minuten der Folge eine schrittweise Irritation der eigenen Erwartungshaltung, was an und fĂŒr sich schon einem - zumindest kleinen - WTF-Moment gleichkommt: Zu Beginn weist erst einmal nichts darauf hin, dass die Handlung im Heute spielt. Der Teekessel, das BĂŒgeleisen - all die Dinge, auf welche der Blick der Kamera in der Bates'schen Wohnung fĂ€llt, wirken so rustikal, dass man ohne Weiteres glauben könnte, in den 50er Jahren zu sein. Ein erster Moment der Irritation stellt sich ein, als Norman und seine Mutter in dem alten Mercedes unterwegs sind. Er ist alt. Aber doch nicht alt genug (ohne es recherchiert zu haben, wĂŒrde ich ihn auf ein Baujahr irgendwann in den 70ern schĂ€tzen).
Wirklich bewusst, dass wir uns in der Gegenwart befinden, wird sich der Zuschauer erst in der Szene an der Haltestelle, als die MĂ€dchen in dem schicken neuen Cabrio vorfahren. Und wir auf einmal ihrer Handys gewahr werden. SpĂ€testens dort besteht kein Zweifel mehr: Toto, in den 50ern sind wir hier nicht. Der Augenblick ist auĂerdem höchst raffiniert gewĂ€hlt: das Hereinbrechen der Gegenwart als Handlungszeit (im Bewusstsein der Zuschauer) fĂ€llt mit dem Moment zusammen, in dem Norman ebenfalls zum ersten Mal mit etwas Neuem konfrontiert wird. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir ihn immer nur zusammen mit seiner Mutter gesehen. Doch auf einmal tritt ihm die „AuĂenwelt“ entgegen. Unsere Erfahrung als Zuschauer (uns neu in der Handlung orientieren zu mĂŒssen) und seine Erfahrung als Figur (sich in einem neuen sozialen Umfeld zurecht zu finden) werden hier geschickt parallel gefĂŒhrt.
Normal Norman
Was nicht zuletzt dabei hilft, uns Norman auch als Figur nĂ€her zu bringen. Er ist interessanterweise auch am ehesten der SympathietrĂ€ger der Serie: er versucht zumindest, ein normales Leben als Teenager zu fĂŒhren; er zeigt einen Drang nach UnabhĂ€ngigkeit und SelbststĂ€ndigkeit; er möchte sich aus der Umklammerung seiner Mutter lösen, auch wenn er wegen seiner Liebe zu ihr nicht so recht weiĂ wie. Er ist damit auf jeden Fall mit hinreichend positiven Attributen besetzt. Und es ist keineswegs so, dass man hier den Eindruck haben wĂŒrde, dass er zwangslĂ€ufig zu dem Mörder werden mĂŒsse, der er dann spĂ€ter geworden ist.
Genau darin liegt das eigentlich Erschreckende und Faszinierende von Bates Motel: dass es ein Junge ist, der eigentlich gar nicht so sehr von uns verschieden ist - und doch hier auf einen Pfad gerĂ€t, der ihn schlieĂlich als psychopathischen Killer enden lassen wird.
Eine besondere Art von Mutterliebe
Die Pilotfolge lebt besonders von dem subtilen Drama, das sich in der Mutter-Sohn-Beziehung abspielt, die vom ersten Moment an falsch wirkt. Norman findet seinen toten Vater auf dem Boden, aber seine Mutter scheint das gar nicht sonderlich zu interessieren. Alles, was sie kĂŒmmert, ist der Trost fĂŒr den Sohn. Die Art, wie sie spĂ€ter mit ihm spricht, wie sie sich ihm gegenĂŒber verhĂ€lt, wie sie beispielsweise auf der Motorhaube fĂŒr ihn posiert - das alles erweckt den Anschein, als wĂŒrde hier nicht eine Mutter mit ihrem Sohn, sondern eine Frau mit ihrem Partner interagieren. Die inzestuösen Untertöne sind dabei kaum zu verkennen. Eben so wenig wie die Eifersucht, die sie zeigt, als die MĂ€dchen Norman zum „Lernen“ abholen wollen.
Ein Fall von Notwehr
Norma ist per se nicht unsympathisch. Aber sie scheint doch von einer Art dunklen Drang getrieben, der sie nicht nur dazu veranlasst, ihren Sohn, wenn es sein muss, auch mit dem gezielten Erwecken von SchuldgefĂŒhlen, fĂŒr sich zu vereinnahmen, sondern auch sonst recht rĂŒcksichtslos vorzugehen, wenn es um das Erreichen ihrer Ziele geht. Das geht sogar so weit, dass sie - um einen etwaig geschĂ€ftsschĂ€digenden Skandal zu vermeiden - lieber die Leiche ihres Vergewaltigers wie ein Mordopfer verschwinden lĂ€sst, als den Angriff und die Notwehr der Polizei zu melden. Norma und ihr Sohn haben zunĂ€chst nichts Unrechtes getan. Erst durch ihr anschlieĂendes Verhalten setzen sie sich ins Unrecht - und mĂŒssen die Entdeckung durch den Sheriff (Nestor Carbonell, Lost) fĂŒrchten.
Die Szene, in der er einem menschlichen BedĂŒrfnis folgend ins Badezimmer geht, wĂ€hrend die Leiche nur durch einen Vorhang getrennt nebenan in der Badewanne liegt, ist vielleicht nicht sonderlich originell. Spannend ist sie aber trotzdem. Nicht zuletzt, weil man sich gar nicht mal hundertprozentig sicher sein kann, ob er die Leiche nicht vielleicht doch gesehen hat.
Was die Duschszene fĂŒr „Psycho“ gewesen ist, ist in der Pilotfolge von Bates Motel Normas Vergewaltigung und die Tötung ihres Angreifers (wobei sie - kaum ein Zufall - zu einem Messer greift, das der spĂ€teren Mordwaffe ihres Sohns Ă€uĂerst Ă€hnlich ist). Vor allem fĂŒr die Dynamik im VerhĂ€ltnis von Mutter und Sohn dĂŒrfte diese Szene von gröĂter Bedeutung sein: Sie war in Gefahr. Und er war nicht - rechtzeitig - da, um ihr zu helfen, sondern stattdessen auf einer Party, was sie ihm auch vorhĂ€lt.
Bitte keinen Lehrer!
Im Grunde gibt es an Bates Motel nur eins auszusetzen. Und auch das ist eigentlich zunĂ€chst nur eine BefĂŒrchtung, die sich aus dem Cliffhanger der Folge speist: dieser erweckt den Eindruck, als wĂŒrden wir einem Serienkiller bei seinem Treiben zuschauen, wovon Norman zuvor bereits Aufzeichnungen in einem Heft entdeckt hat, das unter dem Teppich in einem der Motelzimmer versteckt war. Hoffentlich wollen die Autoren die Geschichte damit nicht in die Richtung lenken, dass Norman von einem anderen Serienkiller angeleitet wird. Das ist in der ein oder anderen Form schon so oft dagewesen, dass es einfach nur noch öde ist. Viel interessanter ist es doch zu verfolgen, wie aus der problematischen Interaktion mit seiner Mutter heraus langsam Wahnsinn und Gewalt von ihm Besitz ergreifen.
Fazit
Ein klasse geschriebenes und gespieltes Drama, welches - zumindest auf der Grundlage der Pilotfolge zu urteilen - der Vorlage keine Schande macht.
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 20. MĂ€rz 2013Bates Motel 1x01 Trailer
(Bates Motel 1x01)
Schauspieler in der Episode Bates Motel 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?