Westworld 2x06

© effrey Wright in „Westworld“ (c) HBO
Im Vorfeld der zweiten Staffel von Westworld war den Verantwortlichen um die beiden Serienmacher Lisa Joy und Jonathan Nolan sicherlich mehr als bewusst, was für eine gewaltige Bestie sie sich mit ihrem Sci-Fi-Western-Drama zum Ende der ersten Staffel herangezüchtet haben. Die Welt von „Westworld“ ist mittlerweile weitaus größer als noch in ihrer Premierenstaffel, die unterschiedlichen Handlungsstränge haben zugenommen und es gibt mehr Handlungssorte, an denen sich bekannte, aber auch viele neue Charaktere tummeln. Das ist eine durchaus natürliche Entwicklung für eine Serie wie „Westworld“, indem an vielen Stellen eine ordentliche Schippe draufgepackt wurde.
Damit gehen wiederum Gefahren und Risiken einher. Bisher ist es den Autoren in der zweiten Staffel von „Westworld“ sehr gut gelungen, das wohl größte potentielle Problem gekonnt zu beherrschen. Durch die Aufteilung der vielen Einzelgeschichten auf bestimmte Episoden ist selten der Eindruck entstanden, dass man sich womöglich zu viel aufbürden würde. Mal pausierte dieser Plot, mal wurde sich nur auf ein paar der Charaktere konzentriert, die dann wiederum in der nächsten Folge der Handlung fernblieben, während die große Stunde von anderen schlug. Die Macher zeigten ein wunderbares Gespür für die genau richtige Balance und fabrizierten so mehrere sehenswerte Episoden, die sich strukturell oft stark voneinander unterschieden haben, was wiederum eindrucksvoll zeigte, wie facetten- und abwechslungsreich diese Serie doch sein kann.
This is a test
Irgendwann ist jedoch der Punkt erreicht, an dem man die verschiedenen Stränge aber eben nicht mehr nur parallel nebeneinander von sich laufen lassen kann. Die Zuschauer fiebern ja vor allem dem Moment entgegen, an dem vieles, wenn nicht sogar alles zusammengeführt wird und sich aus den zahlreichen Puzzlestücken ein einzigartiges Gesamtbild zusammensetzt. In der Episode „Phase Space, Westworld“ haben wir nun zwar nicht genau den Punkt erreicht, an dem alles auf einer übergeordneten, thematischen Ebene perfekt ineinander greift, da diese schwierige Herausforderung wohl sehr wahrscheinlich dem Staffelfinale vorbehalten ist. Man kann die aktuelle Folge aber schon als eine Art Testlauf sehen, in der man sich allen wichtigen Handlungssträngen auf einmal widmet.
The unknown
Das Resultat fällt jedoch ein wenig gemischt aus, denn, wo einige Episoden zuvor sich noch das Gütesiegel „wie aus einem Guss“ verdient haben, leidet „Phase Space“ stellenweise etwas darunter, dass so viel an so vielen verschiedenen Orten gleichzeitig passiert. Zwar hält man wie so oft ein paar faustdicke Überraschungen für die Zuschauer bereit, dramaturgisch baut sich aber nur in einigen Momentaufnahmen eine gewisse Spannung auf. Aufgrund der groben Zerstückelung der Folge entsteht der Eindruck, dass viele Szenen losgelöst vom ganzen Rest stehen und damit weniger Teil des Ganzen, sondern vielmehr eigenständige Bruchstücke einer sehr lose arrangierten Erzählung sind. Besagte Bruchstücke selbst haben indes durchaus den einen oder anderen emotionalen Höhepunkt zu bieten. Die teils sehr sprunghaften, zusammenhanglosen Übergänge zwischen den Szenen fordern aber auch ihren Tribut.
Als Rezensent stellt einen „Phase Space“ vor die schwierige Aufgabe, etwas Ordnung in diese sprunghafte Episode zu bringen, die gleich zu Beginn mit einer großen Enthüllung aufwartet. Die Interviewsituation zwischen Arnold (Jeffrey Wright) und Dolores (Evan Rachel Wood) ist ein bekanntes Bild, bereits zum Auftakt der Staffel wurden wir Zeugen eines Gespräches zwischen den beiden, was den Zuschauer in dem Glauben ließ, dass wir uns weit in der Vergangenheit am Anfang des Parks befinden. Nun werden wir aber mit der Möglichkeit konfrontiert, dass das alles Humbug ist, denn: In diesem Gespräch ist es Dolores, die die Zügel hält, während Arnold beziehungsweise Bernard auf die Probe gestellt wird. Also ganz ähnlich, wie es William mit seinem Schwiegervater Jim Delos zuletzt in der Episode The Riddle of the Sphinx getan hatte.

Just data
Können wir nun also davon ausgehen, dass die mysteriöse Kontrolleinheit, nach der aktuell gesucht wird, tatsächlich Arnold in sich trägt? Bekommt dieser nun ein neues Leben „geschenkt“? Und wann spielt diese Szene eigentlich? Nicht nur nach dem „Wann“ kann man fragen, das „Wo“ ist ebenso interessant. Die Szene zwischen Arnold und Dolores ist mal wieder in einem anderen Seitenverhältnis aufgenommen als der Rest der Episode - einzig die letzten Minuten, als sich Bernard in die von Ford (Anthony Hopkins) kreierte und kontrollierte Datenbank „The Cradle“ einspeisen lässt, werden ebenfalls in diesem Verhältnis dargestellt. Zufall? Eine optische Brücke zwischen Beginn und Ende der Folge? Oder ein visueller Hinweis, dass beide Szenen in einer gänzlich anderen Verbindung zueinander stehen?
Die letzten Sekunden der Episode offenbaren uns, dass Ford nach wie vor unter uns weilt und sein Geist ein Teil der riesigen Host-Datenbank voller Back-ups ist, die im Innern genauso aussieht wie das kleine Western-Städtchen Sweetwater. Kommen wir noch einmal zu der Kontrolleinheit zurück: Da sich Bernard daran erinnert, bereits schon einmal eine Kontrolleinheit zur „Cradle“ gebracht zu haben, wäre es dann nicht denkbar, dass es sich bei dieser um das Bewusstsein von Robert Ford gehandelt hat, das vor nicht allzu langer Zeit in das System eingeführt wurde und seitdem die Kontrolle über dieses hat?
Back door
Nun kann man darüber diskutieren, wie spannend es ist, dass Ford offensichtlich weiterhin viele Fäden in der Hand hält und aus der digitalen Zwischenwelt heraus die von Dolores angeführte Revolution beeinflusst. Ein satter Überraschungsmoment ist es allemal, wie der alte Strippenzieher selbst am Piano des Saloons sitzt, zu seinen Füßen ein Windhund, was an eine Geschichte von ihm aus der ersten Staffel erinnert. Nun muss man abwarten, wie viel Macht Ford in diesem Zustand hat. Es scheint so, als würde er dem Aufstand der Androiden helfen, indem er die Quarantäneteams von Delos daran hindert, auf „The Cradle“ zugreifen zu können.
Diese kommen nach wie vor nicht an die entscheidenden Daten heran, um dem Chaos ein Ende zu bereiten. Nachdem man Peter Abernathy (Louis Herthum) hat sichern und auf sehr schmerzhafte Weise fixieren können, kann ein neues Team unter Führung des kernigen Macho-Söldners Coughlin (Timothy V. Murphy) einen kleinen Teilerfolg verzeichnen. Doch was bringt ihnen das, wenn ihr Hauptquartier in die Luft gesprengt wird? So sieht nämlich der Plan von Dolores aus, die die Schaltzentrale der Menschen direkt attackiert, indem sie aus dem Zug einen fahrenden Sprengsatz macht, der ihre Feinde da trifft, wo es ihnen aktuell am meisten wehtut. Die Explosion fällt etwas unspektakulär aus, doch die eigentlichen Konsequenzen sollten nicht lange auf sich warten lassen und werden in den nächsten Episoden sicherlich thematisiert.
Reboot
Bei dieser gewagten Unternehmung wird Dolores übrigens von Teddy (James Marsden) unterstützt. Nach seinem „Reboot“ ist er ein treuer, skrupelloser und kaltblütiger Handlanger, der Menschen gegenüber keine Gnade mehr zeigt. Das dürfte Dolores beruhigen, hat sie so doch eine potentielle Schwachstelle in ihrem Plan ausgemerzt. Evan Rachel Wood gelingt es aber in einem Augenblick hervorragend, über ihre Mimik einen Hauch von Wehmut und Mitleid für Teddy auszudrücken, dessen wahre Natur sie entscheidend hat verändern lassen - eben so, wie es für sie am besten passt. Das war doch aber nicht die Idee der Robo-Revolution, an deren Ende die einst unterdrückten Androiden sich ihrer selbst bewusst sein werden und über einen freien Willen verfügen, oder? Aktuell zählt nur Dolores' Wille, was ein starker Kontrast zu dem Weg ist, den Maeve (Thandie Newton) eingeschlagen hat.
Maeve kehrt in Phase Space der in der letzten Episode eingeführten Shogun World bereits wieder den Rücken, jedoch nicht ohne einen sehr emotionalen Abschied. Während sich ein Großteil der Episode sehr um das Voranschreiten des Plots kümmert, hält man in den bewegenden Szenen zwischen Akane (Rinko Kikuchi) und Maeve noch einmal wunderbar inne. Der Verlust von Sakura hallt extrem nach, bei Akane, aber auch bei Maeve, die mit der japanischen Geisha nur zu gut fühlen kann und ihr Leid bestens versteht. Ohnehin kehrt mit der Geschichte aus Shogun World etwas Ruhe in die insgesamt sehr sprunghafte Folge ein, verweilen wir als Zuschauer doch mal etwas länger an einem Ort, der in der Tat wie eine Welt abseits von all dem Trubel und Durcheinander in Westworld wirkt.

Choose your fate
Nach einem fabelhaften Duell zwischen Musashi (Hiroyuki Sanada) und seinem Kontrahenten Tanaka (Masayoshi Haneda), in dem elegant und fast schon zeremoniell die Katanas gekreuzt werden, verwöhnt man uns noch mit einem atemberaubenden Panorama des kleinen Sees, an dem Sakura (beziehungsweise ihr Herz) ihre letzte Ruhe finden soll. Die Handlung in Shogun World hat etwas Poetisches, ist gleichzeitig aber auch ein wenig tragisch. Denn all dies ist natürlich eine künstlich erschaffene Illusion, ein Gefängnis für die japanischen Hosts um Akane und Musashi, die durch Maeve jetzt die Gelegenheit bekommen, Reißaus zu nehmen. Doch sie bleiben in ihrer Heimat oder eben dem, was sie glauben, was ihre Heimat ist, um für diese zu kämpfen.
Natürlich könnte Maeve ihre neuen Fähigkeiten nutzen, um Akane und Musashi davon zu überzeugen, ihr zu folgen. Doch sie überlässt ihnen die Entscheidung - ein wichtiger Schritt für sie, zu sich selbst zu finden und einen eigenen, freien Willen zu entwickeln. Einen dezenten, aber sehr eindringlichen Moment markiert übrigens der kurze Augenkontakt zwischen Musashi und Bogenschützin Hanaryo (Tao Okamoto), deren Weg sie raus aus Shogun World und hinein in eine neue Welt führt. Diese Hosts verhalten sich schlichtweg unglaublich menschlich, was es so einfach macht, Empathie für sie und Verständnis für ihre Entscheidungen zu zeigen. Für Maeve bahnt sich indes das Ende einer anstrengenden Reise an, trennt sie nach einer Abkürzung durch das Untergrundsystem des Parks doch nicht mehr viel von ihrer Tochter. Als sie dieser in ihrer alten „Heimat“ gegenübertritt, fällt ihr aber nicht nur auf, dass sie von ihrer Tochter nicht erkannt wird, nein, Maeve wurde auch von einer neuen Mutter abgelöst, die ihr darüber hinaus erschreckend ähnlich sieht. Das hätte sich Maeve natürlich im Vorfeld denken können, schmerzhaft ist diese Erfahrung aber dennoch.
Puppets
Die Storyline in dieser Ecke von Westworld ist ohne sie weitergegangen und wiederholt sich immer und immer wieder. Das gilt auch für den Angriff der Ghost Nation, der jedoch mehr eine missverstandene Rettungsaktion als ein brutales Massaker ist. Die von Akecheta (Zahn McClarnon) angeführten Ureinwohner wollen Maeve und ihrer Tochter helfen, doch ihr Instinkt und ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit machen sie skeptisch. Aber an was erinnert sie sich wirklich? Hat die Ghost Nation vielleicht damals schon eine ganz andere Rolle gespielt und einzig der Code in Maeve und ihre vagen Erinnerungen sagen ihr, dass es sich bei diesen um das Feindbild handelt? Möglicherweise steckt da viel mehr dahinter, als das, was sie permanent vor ihrem inneren Auge sieht.
The darkness
Vielleicht gehe ich einen Schritt zu weit, doch ich könnte mir vorstellen, dass sich schon bald die Wege von Maeve und dem Man in Black (Ed Harris) kreuzen könnten - derjenige, der seine perversen Mordfantasien an ihr und ihrer Tochter ausgelebt hat. William und seine Gruppe werden zwischenzeitlich nämlich auch von der Ghost Nation attackiert, möglicherweise wollen diese Maeve vor niemand anderem als dem Man in Black warnen und beschützen. Mit ein bisschen Kommunikation wäre alles so viel einfacher, doch Drehbuchautorin Carly Wray lässt es lieber etwas chaotischer zugehen, um am Spannungsregler zu drehen. Auch wenn Maeve dank ihrer „neuen Stimme“ über neue, mächtige Fähigkeiten verfügt, könnte nun um sie herum alles in sich zusammenfallen - vor allem ihr Traum von einem Leben mit ihrer Tochter, die aktuell gar nicht weiß, wer Maeve überhaupt ist. Aber auch der Verrat durch Lee (Simon Quarterman), der Kontakt mit der Kavallerie aufnimmt, oder eben ein Wiedersehen mit dem Man in Black, ihr persönliches Hassobjekt, sind besorgniserregende Entwicklungen für Maeve, die sie so zuletzt wohl weniger auf dem Schirm hatte.
Bezüglich dem Man in Black hält man sich derweil weiterhin die Option offen, diesen charakterlich in eine neue Richtung zu entwickeln - zumindest scheint es anfangs so. Nachdem er zunächst noch glaubt, dass seine Tochter (Eltern und ihre Kinder - von allen Aspekten wohl der rote Faden, der sich am ehesten durch die Episode zieht) ein Host ist, der von Ford geschickt wurde, um ihn zu ärgern, kommt es zu einer schönen Aussprache zwischen William und Grace beziehungsweise Emily (Katja Herbers). Letztere möchte das Kriegsbeil begraben und stellt ihrem Vater einen Neustart in Aussicht. Eine große, reife Geste von ihr, die William doch sehr nahegeht. Ed Harris kommen gar ganz leicht ein paar Tränen, eine derartige emotionale Regung hatte man vom Man in Black bisher noch nicht gesehen. Aber er will diese einmalige Chance einfach nicht wahrnehmen. Er steckt zu tief in diesem absurden Spiel um Leben und Tod drin und kann nicht anders, als immer weiter voranzupreschen. Während Maeve alles dafür gegeben hat, um zu ihrer Tochter zurückzukommen, die sie nicht wiedererkennt, setzt der Man in Black alles daran, sich von seiner eigenen Tochter zu entfernen, die ihn noch nicht aufgegeben hat.
Trailer zu Episode 2x06, „Les Écorchés“:
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 28. Mai 2018Westworld 2x06 Trailer
(Westworld 2x06)
Schauspieler in der Episode Westworld 2x06
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