Westworld 1x06

„We're going to have some fun, won't we?“ Es scheint so, als hätte Maeve (Thandie Newton) verstanden, welcher Erzählstrang momentan der interessanteste in Westworld ist - besonders dann, wenn Dolores (Evan Rachel Wood) gar nicht vorkommt. Sämtliches Material mit der Oberprostituierten funktioniert in The Adversary hervorragend. Leider gilt das nicht für alle Handlungsbögen - manche fühlen sich bisweilen an wie eine Verzögerungstaktik, damit die Geschichte nicht allzu schnell voranschreitet.
Here forever
Auch in Maeves Handlungsbogen kommt nicht alles einwandfrei daher, was aber durch die emotional aufwühlenden Sequenzen wettgemacht wird, in denen ihr Felix (Leonardo Nam) zeigt, wie sie entstanden ist. Über ihn hatte ich in meinem letzten Review spekuliert, ohne ausreichend zu kennzeichnen, ob er ein Androide sein könnte. Die Worte seines Kollegen Sylvester (Ptolemy Slocum) hatten mich dazu verleitet, was viele Leser zu Recht kritisierten. Dafür an dieser Stelle eine Richtigstellung - es gibt tatsächlich keine handfesten Beweise dafür, dass Felix ein Roboter ist.
Als Maeve wieder auf seinem Wartungstisch landet, nachdem sie einen sex- und gewalthungrigen Newcomer so lange provoziert hat, bis der sich zum Mord an ihr hinreißen lässt, erklärt ihr der Techniker, was der Unterschied zwischen ihnen beiden ist: „I was born. You were made.“ Freilich könnte das auch ein Roboter sagen, der darauf programmiert ist, schließlich hat ja niemand Erinnerungen an die eigene Geburt. Wir wollen aber trotzdem auf deutlichere Hinweise warten, ob einer der Delos-Angestellten ein Androide ist - im Internet kursieren ja längst Theorien, wonach das auf Bernard (Jeffrey Wright) zutrifft.
Nachdem Maeve die wichtigsten Eckpunkte ihres eigenen Wesens erfahren hat, geht Felix noch einen äußerst riskanten Schritt weiter und zeigt ihr die oberen Etagen der Roboterfabrik. Hier würde ich einwenden, dass es unglaubwürdig ist, wie einfach sich Felix zur Kooperation überreden lässt - und ich würde die Frage stellen, warum die Wartungsräume aus Sicherheitsgründen nicht überwacht werden. Das sind jedoch die einzigen Ungereimtheiten, die ich an diesem ansonsten sehr starken Handlungsbogen zu bemängeln habe. All die Szenen, in denen Maeve erfährt, wie sie, wie ihre Persönlichkeit erschaffen wurde und dass ihre Träume keine solchen sind, sondern wirklich stattgefunden haben, berühren emotional so sehr, wie es in dieser Serie bisher nicht vorkam.

Anderswo geht es weniger ergreifend zu. Am wenigsten können weiterhin die unternehmensinternen Querelen fesseln, die sich bei Delos abspielen. Theresa (Sidse Babett Knudsen) beendet deswegen ihre Affäre mit Bernard und fordert Sizemore (Simon Quarterman) dazu auf, die außer Kontrolle geratenen Vorhaben von Parkchef Ford (Anthony Hopkins) einzuhegen. Stattdessen lässt der Chefautor seinem Frust über die gestrichene neue Storyline freien Lauf und knüpft sich den eigenen Kündigungsstrick.
Look at that, science
Zuvor erzählt er der Barbekanntschaft Charlotte Hale (Tessa Thompson) aber noch viel zu freimütig über seine vielseitigen Probleme mit den Vorgesetzten. Auch hier scheint fragwürdig, ob sich Sizemore - trotz ausschweifenden Alkoholkonsums - wirklich so gehen lassen würde. Das Gejammer über das eigene berufliche Scheitern ist ja nicht gerade das optimale Flirtthema. Natürlich stellt sich Charlotte später als Aufsichtsratsvorsitzende des gesamten Unternehmens heraus - ich hatte nach der ersten Begegnung (die angesichts der Besetzung mit einer Bekanntheit wie Tessa Thompson auffallend spät kommt) damit gerechnet, dass Hale Journalistin ist.
Elsie (Shannon Woodward) macht sich derweil auf die Suche nach dem- oder denjenigen, der oder die hinter dem im Holzfäller gefundenen Satellitensender stecken. Sie vermutet Industriespionage, muss am Ende der Episode aber feststellen, dass nicht nur Theresa dahintersteckt, sondern die Androiden der ersten Generation auch verändert werden - und das von niemand Geringerem als dem mysteriösen Arnold. Bevor sie weitere Informationen sammeln kann, wird sie jedoch von Unbekannt entführt - eine beliebte dramaturgische Taktik, um Spielzeit zu schinden. Dass so etwas passieren würde, war spätestens klar, als Elsie von Lowe dazu ermahnt wurde, bei ihrem Solotrip auf sich aufzupassen.
Auch Lowe selbst unternimmt einen potenziell nicht ganz ungefährlichen Informationsbeschaffungsausflug in Sektor 17, wo weitere Abweichungen im Hostverhalten festgestellt wurden. Dort findet er ein Haus, in dem die letzten von Arnold gebauten Androiden leben. Sie waren ein Geschenk an Ford, der sich als kleiner Junge auch unter ihnen befindet, bilden sie doch seine Familie am Beginn seines Lebens ab. Ford selbst taucht im richtigen Moment im Haus auf, um Lowe vor den Aggressionen des Vaters zu schützen, was mittlerweile ein bisschen zu oft passiert, als es stets als Zufall einstufen zu können. Eher würde ich hier die Notwendigkeit des Drehbuchs vermuten.

Später wird der jüngere Androiden-Ford gegenüber dem Partner seines Schöpfers verlautbaren, dass ihm Arnold aufgetragen habe, seinen Hund zu töten. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Arnold entgegen sämtlicher Annahmen noch lebt oder ob er die Androiden so programmiert hat, dass sie lange nach seinem Tod den Aufstand proben - oder zumindest von ihrem vorgegebenen Verhalten abweichen. Einen weiteren Hinweis, wo sich Arnold aufhalten könnte, bekommen wir derweil im Handlungsbogen von Teddy (James Marsden) und Mr. Black (Ed Harris).
Turn the other cheek
Die beiden suchen einen Weg ins abgeriegelte Pariah, wo sie Wyatt (Sorin Brouwers) vermuten, der bekanntlich weitere Informationen zur Auffindung des Labyrinths hat. Teddy selbst macht dahingehend folgende kryptische Aussage: „The maze itself is the sum of a man's life.“ In dessen Zentrum stehe ein Haus, das von einem Mann - Arnold? - erbaut wurde, der fürchterliche Rache an seinen Feinden nahm, die ihn zuvor wiederholt umgebracht hätten. Das Labyrinth sei dazu da, Eindringlinge abzuhalten, da es so verworren sei, dass nur der Mann es entwirren könne.
Es sind lediglich Informationshappen, die uns Puzzlespielern da vorgeworfen werden - genau wie das neue Mysterium um Fords unheimliche Roboterfamilie. Bernard tut gut daran, diese neue Erkenntnis mit größter Vorsicht zu behandeln. Das Labyrinthsymbol taucht unterdessen in manch anderen Handlungsbögen auf. Einmal ist es in einen Tisch geritzt, woraufhin Ford seine (oder Arnolds?) alte Aufzeichnungen hervorkramt, in denen es bereits enthalten ist. Außerdem hat das Brenneisen der Soldateneinheit ebenjene Form.
Erscheint das ständige Auftauchen dieses Symbols auch repetitiv, so macht einer der wichtigsten Erzählstränge, der von Maeve, in The Adversary bedeutsame Fortschritte. Hier offenbart sich, welch riesiges Potenzial in Westworld schlummert. Andererseits bleibt offensichtlich, wie verliebt Nolan und Konsorten in ihre eigenen Rätsel sind. Durch die Auftürmung immer neuer Mysterien wird ihnen aber der Reiz genommen, weil längst nicht garantiert ist, dass sie alle aufgelöst werden - und schon gar nicht, dass das auch zufriedenstellend vonstattengeht.
Die visuelle Umsetzung, der Score von Ramin Djawadi und die musikalische Untermalung bleiben exzeptionell. Wenn diese technischen Elemente mit den interessantesten Aspekten der Geschichte verschmelzen - wie hier im Falle von Maeves Erkenntisprozess - wird „Westworld“ zum absoluten Serienspektakel. Wir können nur hoffen, dass das zum Ende der ersten Staffel noch öfter passiert.
Trailer zur nächsten Episode der US-Serie „Westworld“, „Trompe L'Oeil“ (1x07):
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 7. November 2016Westworld 1x06 Trailer
(Westworld 1x06)
Schauspieler in der Episode Westworld 1x06
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