Eine Geschichte von übergroßem Ehrgeiz und unverschämten Exzessen, die den Aufstieg und Fall zahlreicher Charaktere in einer Ära zügelloser Dekadenz und Verderbtheit während Hollywoods Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm in den späten 1920er Jahren nachzeichnet.
Filmkritik „Babylon - Rausch der Ekstase" durch Adam Arndt exklusiv für Serienjunkies.de
Nach La La Land und Whiplash sowie der Jazz-Serie The Eddy widmet sich Filmemacher Damien Chazelle erneut einigen seiner Lieblingsthemen: Hollywood, Partys und Musik. Heraus kommt dabei der dreistündige Film Babylon: Rausch der Ekstase. Interessanter Abriss von Early Hollywood oder doch überlange Prunkparty?
Der vergleichsweise junge Filmemacher Damien Chazelle (Jahrgang 1985) hat nach „Whiplash“, „La La Land“, „Aufbruch zum Mond“ und der Serie The Eddy schon wieder einen neuen Streifen am Start, der erneut Hollywood ins Zentrum rückt und auch gewisse musikalische Vorlieben abbildet. Das fertige Werk heißt „Babylon - Rausch der Ekstase“ respektive in Deutschland „Babylon - Rausch der Ekstase“ und geht drei Stunden lang. Mit dabei ist eine ganze Wagenladung von bekannten Namen, die nach dem Drehbuch von Chazelle performen.
Brad Pitt, Margot Robbie, Diego Calva, Jean Smart, Jovan Adepo, Li Jun Li, P. J. Byrne, Lukas Haas, Olivia Hamilton, Tobey Maguire, Max Minghella, Rory Scovel, Katherine Waterston, Flea, Jeff Garlin, Eric Roberts, Ethan Suplee, Samara Weaving, Olivia Wilde und noch einige andere mischen in mehr oder minder großen Rollen mit. Wobei vor allem die erste Handvoll die meiste Screentime hat.

Der etwa dreistündige Film spielt zwischen 1925 und 1952 und zeigt anhand fiktiver Stars die Übergangsphase vom Stumm- zum Tonfilm in Hollywood - und das in Saus und Braus.
Der POV-Charakter und Erzähler ist Manny Torres (Diego Calva), der als Assistent anfängt und sich über glückliche Zufälle eine Position im Filmbiz erarbeitet und immer weiter nach oben aufsteigt. Er trifft auf Schauspieler, Musiker, Filmemacher und Produzenten, die seine Wege immer wieder kreuzen. Gleichzeitig ist er eine Art Fixer, wenn sich jemand danebenbenimmt oder man einen Mann fürs Grobe braucht - oder den Elefantentransport. Manny kann alles oder zumindest so gut improvisieren, dass Probleme sich auflösen.
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Studiochef Don Wallach schmeißt eine gigantische, pompöse und feuchtfröhliche Party. Dort ist auch Manny mit dabei. Der versucht, für die Stars und die anderen Partygäste alles möglich zu machen: von Drogen über das Wegschaffen von ohnmächtigen Frauen bis hin zu wilden Tieren, die als Ablenkung sorgen. Ein Überraschungsgast ist Margot Robbies Figur Nellie LaRoy, der Manny die Chance ihres Lebens verpasst, indem er sie in besagte Party und die City of Stars jubelt. Was folgt, ist ein beispielloser Spontanaufstieg, der aber nicht immer nur glamourös ist...
Einer der größten Stummfilmstars dieser Zeit ist Jack Conrad (Brad Pitt). Ständig wechseln die Frauen an seiner Seite und er glaubt, dass seine Karriere ewig hält. Doch dann werden auf einmal Tonfilme attraktiv für das Biz und das Publikum im Film und er selbst erlebt erste Flopps und Lacher auf seine Kosten.
Den heißen Jazz liefern die Musiker Jovan Adepo und Sidney Palmer. Auch sie machen Karriere im Filmbiz des Early Hollywood, doch: Wo Licht ist, ist meistens auch Schatten und es stellt sich die Frage, wie weit man sich verstellt und den Wünschen der Chefs anpasst, um oben zu bleiben...
Ansonsten geht es beispielsweise auch um Showbiz-Journalistin Elinor St. John (Jean Smart, Hacks) die die Darsteller und Entertainer beim Übergang zum Tonfilm unterstützt, oder Showlady und Entertainerin Lady Fay Zhu (Li Jun Li), die ein Auge auf Nellie wirft - wie aber fast alle im Entertainment-Zirkus in dieser bewegten Zeit...

Als Zuschauer ist man opulente Hollywood-Partys oder amerikanische High-Society-Anlässe sicherlich gewohnt. „The Great Gatsby“ oder „The Wolf of Wall Street“ (beide zufällig mit Leonardo DiCaprio) zeigen oftmals die Exzesse und Ekstase der Reichen und Schönen. Doch, was „Babylon - Rausch der Ekstase“ nach einer elefantösen Eröffnungsszene präsentiert, raubt den Atem - und zwar in alle denkbare Richtungen. Opulenz, Geldverprassen, Orgien und Filmframes voller Sünden und Eskapaden überfordern den Zuschauer an allen Ecken und Enden. Das ist imposant, aber eben auch vor allem exzessiv und ganz schön viel zu verdauen...
Man verdient sich also sehr schnell die FSK-16-Freigabe beziehungsweise das R-Rating wegen der vielen Nacktheit/Sexszenen, dem Wortschatz, dem Drogenkonsum und der allgemeinen Unheimlichkeit/Creepyness, auch weil gewisse Dinge mit Tieren (Elefant, Schlange und Krokodil) angestellt werden, die eine Triggerwarnung für Tierfreunde verdienen. Eine Selbstmordwarnung kann man rausgeben und auch vor der Thematisierung von mentaler Gesundheit warnen.

Manchmal wirkt der Film nicht nur wie eine Hommage an das alte Hollywood und die Jazz-Hochzeit, sondern auch wie Chazelles Versuch, seinen eigenen Quentin-Tarantino-Film abzuliefern. Wir springen zwar nicht unbedingt chronologisch umher, dafür aber von Schauplatz zu Schauplatz und Figur zu Figur und gucken dabei episodenhaft beim Aufstieg (und oftmals Fall) der Protagonisten zu. Dabei befinden wir uns in einer fiktiven respektive alternativhistorischen Welt. Ein Beispiel: Eine Stummfilm-Regisseurin begleitet Robbies Figur am Anfang ihrer Karriere und bis in die Talkie-Periode. Ob die Jazz-Musiker in der Zeit tatsächlich schon so viele Annehmlichkeiten hatten, steht auf einem ganz anderen (Noten-)Blatt... Manche Filmemacher und Studios gab es natürlich auch in der Realität, andere dienten als Inspiration und noch mal andere sind wiederum direkt Teil der Erzählung.
Ein weiterer Eindruck, den ich nicht loswerde - und ich möchte betonen, es ist nur meine Interpretation: Chazelle möchte seinen Oscar-Verlust gegen „Moonlight“ mit diesem Streifen kompensieren, indem er das abliefert, was die Academy und seine Kohorte im Business anspricht: Hollywood und das Filmemachen selbst, alte Musik, Exzess, gescheiterte und tragische Persönlichkeiten. Ob das aufgeht, muss sich zeigen. Bei den Golden Globes gab es nur eine Auszeichnung für den Best Original Score, obwohl der Film und das Hauptdarsteller-Trio Pitt, Robbie und Calva nominiert waren...

Es ist bemerkenswert, dass bei aller Liebe für das Filmemachen an sich, die Stummfilmzeit oft nur am Rand oder eher selten behandelt wird. Filme über Filme, wie „Chaplin“ mit Robert Downey Jr., Scorseses „Hugo“ oder „The Artist“ sind eher die Ausnahmen als die Regel. Quentin Tarantino ist oftmals eher in New Hollywood verliebt, hat aber natürlich auch schon in „Inglorious Basterds“ der Kino-Ära des Zweiten Weltkriegs Tribut gezollt. Insgesamt kommt es aber nicht allzu oft vor, dass man Stummfilmstars und ihren Werken noch Beachtung schenkt, obwohl das auch durchaus seinen Reiz hat.
Da ich eine Vergangenheit in Film Studies habe, kenne ich viele der Anspielungen, die Chazelle an die über 100-jährige Kinogeschichte als Liebesbrief an Helden vergangener Zeiten einbaut. Allerdings frage ich mich, wie viel Otto-Normal-Kinogänger aus dem Film mitnimmt oder ob man sich von diversen chaotischen Aspekten, der gezielten Reizüberflutung und der willkürlichen „Weirdness“ abschrecken lässt. Denn das neue Werk des jungen Autors ist nicht nur ein Mischmasch aus Erzähltönen und Stimmungen, sondern auch ganz viel verschiedenes auf einmal. Das erfordert eigentlich über drei Stunden viel Aufmerksamkeit, ist aber wegen einiger verstörender Szenen und Themen nicht unbedingt leicht konsumierbar und rezipierbar.
Natürlich haben wir es hier nicht mit einem Werk von David Lynch, Nicolas Winding Refn oder David Cronenberg zu tun, deren Filme oftmals viel undurchdringbarer sind, aber trotzdem wird „Babylon - Rausch der Ekstase“ wohl die Geister scheiden, sofern die Leute überhaupt den Gang ins Kino wagen. In den USA ist der Film gefloppt, weil man sich getraut hat, gegen den Geldstaubsauger namens „Avatar - The Way of Water“ in den Wettbewerb zu treten. Doch auch sonst sprechen zwar die Namen für den Film, aber die lange Laufzeit, die Zeitperiode, die Prämisse und das Thema ökonomisch gesehen eher gegen einen Blockbustererfolg auf anderen Märkten.
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Neben all der Meditation über Early Hollywood bringt Chazelle auch noch einige Kritik am damaligen und auch heutigen System unter. Denn es geht um die Vergänglichkeit des Ruhms, um Halbwertzeiten von Starlets und Movie Stars. Ebenso auch darum, wie manche Innovationssprünge oftmals dazu führen, dass die Spezialisten und Celebrities einer Ära aussterben oder überflüssig werden. Dass Macht, Geld und Ruhm in den meisten Fällen korrumpiert, wenn man sich nicht kontrolliert. Dass es zwar zweite Chance gibt, aber das Business auch unerbittlich sein kann, wenn man die Chance zum Comeback nicht nutzt. und letztlich: dass da draußen Mächte sind, die Verzweiflung riechen und ausnutzen, wenn sich die Chance ergibt.
Das wird am Beispiel von Nellie durchexerziert, die genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie sie darauf erschien. Wie eine Sternschnuppe, die wahnsinnig Eindruck schindet, aber dann verglüht und vergessen ist, weil neue nachkommen. Nur wenige schaffen den Absprung, wie etwa der Musiker im Film, und auch Manny hat am Ende des Tages wohl mehr Glück als alles andere...
Denn wie schon in „La La Land“ gibt es nicht unbedingt das Happy End, das die Zuschauer sehen wollen, aber das gibt es im wahren Leben oftmals ohnehin nicht so oft wie in Filmen aus der Traumfabrik. So endet der Film mit einer wahnsinnig schönen Montage, die die Filmfans wie mich kurzzeitig glücklich macht und inspiriert, alte Klassiker nachzuholen, neu zu entdecken oder erneut zu schauen.
Denn oftmals verbindet man mit dem Kinogang auch eine gewisse Nostalgie und ein Gefühl, was nur so im dunklen Vorführraum möglich ist, in dem man die anderen Sinne bis auf Hören und Sehen abschalten muss und sich auf das einlässt, was über die Leinwand flimmert. Für die Liebe am Film. Darauf kommt es an. Vier von fünf Filmrollen für „Babylon“.
als Elinor St. John
als Sidney Palmer
Jc Currais
als Truck Driver
Jimmy Ortega
als Elephant Wrangler
Hansford Prince
als Joe Holiday
Telvin Griffin
als Reggie
Circus-Szalewski
als Driver (Wallach's Party)
Lukas Haas
als George Munn
Li Jun Li
als Lady Fay Zhu
Kaia Gerber
als Starlet
als Officer Elwood
Eric Roberts
als Robert Roy
Tyler Seiple
als Customer at Sam Wong's
Olivia Hamilton
als Ruth Adler
Alexandre Chen
als Ruth's D.P. (James Wong Howe)
Bob Clendenin
als Otto's A.D.
Miraj Grbic
als Extra
James Wellington
als Extra
Laura Steinel
als Abby (Assistant Jack's Tent)
Danny Jolles
als Writer (Jack's Tent)
Turtle
als Employee (Camera Rental House)
Richard Clarke Larsen
als A.C. (Camera Rental House)
Max Minghella
als Irving Thalberg