The Leftovers 2x01

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Der Serienschöpfer der polarisierenden Dramaserie The Leftovers, Damon Lindelof, adaptiert darin den gleichnamigen Roman von Tom Perrotta, der als Autor und Executive Producer fungiert. Weil mit dem Ende der ersten Staffel die Handlung aus der Buchvorlage auserzĂ€hlt war, musste sich das Kreativteam auf die Suche nach neuen Geschichten fĂŒr ihre Charaktere machen. In Axis Mundi, der Auftaktepisode zur zweiten Staffel, demonstriert Lindelof nun, dass er auch ohne vorgegebenes Material ein fesselndes, zutiefst beunrigendes Panorama menschlicher Emotion entfalten kann.
We are spared
Gleich zu Beginn liefern er und seine Ko-Autorin Jacqueline Hoyt eine lange Sequenz, die den metaphyischen Ton aus der ersten Staffel widerspiegelt, gleichzeitig jedoch etwas Neues ausprobiert, was die Serie bislang noch nicht zu bieten hatte. Eine schwangere Höhlenfrau, die vor Jahrhunderten dort gewohnt hat, wo spĂ€ter ein Wunder stattfinden wird, verliert bei einem Erdbeben sĂ€mtliche Mitglieder ihrer Sippe. Gleichzeitig setzen ihre Wehen ein. Sie gebĂ€rt das Kind und beiĂt die Nabelschnur durch. Komponist Max Richter versieht das alles mit fröhlicher klassischer Musik, die zu den Szenen nackten Ăberlebens nicht so recht passen mag und uns somit in den Zustand beunruhigter Aufregung versetzt, den die Serie wie derzeit keine zweite zu schaffen imstande ist.
Am nĂ€chsten Morgen lĂ€sst die Frau ihr Neugeborenes fĂŒr kurze Zeit unbeaufsichtigt, um Nahrung zu sammeln. In diesem Augenblick widmet sich eine Klapperschlange dem Baby. Die Mutter verscheucht das Tier, bevor es ihrem Kind ernsthafte Verletzungen zufĂŒgen kann, bekommt dabei aber selbst einen Biss ab. Es dauert nicht lange, bis sich das Gift in ihrem Körper ausgebreitet und sie getötet hat. Das Baby liegt hilflos in ihren reglosen Armen, versucht erfolglos, sich herauszuwinden, und erstarrt ehrfĂŒrchtig, als ein Geier ĂŒber ihm kreist und seine furchteinflöĂenden Laute von sich gibt. Es ist eine Parabel ĂŒber die Erbarmungslosigkeit im Naturzustand, ĂŒber den endlosen Kreislauf des Lebens, ĂŒber die Macht des StĂ€rkeren und die Notwendigkeit zivilisatorischer Strukturen.
Es hĂ€tte durchaus zur hoffnungslosen, die Ausweglosigkeit menschlicher Existenz erkundenden Ausrichtung der Serie gepasst, hĂ€tte die Szene mit dem hilflosen Baby und dem Geier geendet. Doch plötzlich taucht eine weitere Höhlenfrau auf, die sich kurz umschaut, das Baby auf den Arm nimmt und die Leiche liegenlĂ€sst. Der natĂŒrliche Instinkt dieses Menschen ist intakt, gesellschaftliche Strukturen gibt es jedoch noch keine. Tausende Jahre spĂ€ter wird Nora Durst (Carrie Coon) Ă€hnlich handeln. Inmitten einer untergehenden Zivilisation (The Abandoned Ruins of a Dead Civilization) wird sie ein Baby auf den Arm nehmen, das zuvor sich selbst ĂŒberlassen wurde.
Es dauert bis kurz vor Schluss dieser Auftaktepisode, bis wir Nora Durst und das Baby zum ersten Mal sehen. Zuvor widmet sich Axis Mundi ausgiebig den neuen Figuren in dieser zweiten Staffel. Der Einstieg in den gegenwĂ€rtigen ErzĂ€hlstrang findet dort statt, wo die Höhlenfrau erfolglos um ihr eigenes Leben gerungen hat. Evie (Jasmin Savoy Brown) planscht mit ihren Freundinnen in einem See, aus dem ein gutmĂŒtiger Forscher Wasserproben entnimmt. Trotz groĂflĂ€chiger Warnhinweise fĂŒllt Evie ebenfalls eine groĂe Flasche Wasser - erst spĂ€ter bekommen wir dafĂŒr eine ErklĂ€rung.
Never mind, it's pointless
Ihr Bruder Michael (Jovan Adepo) fĂŒllt das Wasser nĂ€mlich in kleine ReagenzglĂ€ser ab, um es spĂ€ter auf dem Markt seiner texanischen Heimatstadt Jarden an Touristen zu verkaufen. Er kann dafĂŒr ĂŒberhaupt nur Geld verlangen, weil in Jarden etwas Besonderes geschehen ist, das seitdem ganze Busladungen Schaulustiger in das StĂ€dtchen spĂŒlt. In diesem Ort mit seinen gut neuntausend Einwohnern ist wĂ€hrend der Departure keine einzige Person verschwunden. Kein Wunder also, dass sich unter den Besuchern AnhĂ€nger sĂ€mtlicher Glaubensrichtungen befinden. Weiterhin ist es wenig verwunderlich, dass daraus Profit geschlagen wird.
Jedoch ist Michael kein UnglĂ€ubiger, der sich an diesem vermeintlich göttlichen Wunder bereichern will. Im Gegenteil: Er ist ein aktives Mitglied der Kirche, das vor lauter Stolz beinahe platzt, als er die Sonntagslesung halten darf. Im Gegensatz zu seiner Schwester wirkt er zurĂŒckhaltend, schĂŒchtern, beinahe zahm. Evie singt zwar auch im Chor, ist allem Anschein nach eine gute SchĂŒlerin und ehrgeizige Sportlerin, muss von ihren Eltern aber zum pĂŒnktlichen Heimkommen ermahnt werden, wĂ€hrend Michael gar nicht erst rausgeht.
Dass in ihrer Heimatstadt nicht alles mit rechten Dingen zugeht, entblĂ€ttern Lindelof und Hoyt im Laufe der Episode nur ganz langsam. ZunĂ€chst wirken die AuĂergewöhnlichkeiten wie harmlose Spinnereien: Ein aufgebrochener StraĂenabschnitt wurde mit einem glĂ€sernen KĂ€fig versehen, eine Frau wĂ€ssert im Brautkleid ihren Vorgarten, in der Stadtmitte residiert ein zotteliger Ă€lterer Mann auf einem Pfahl, der mit dem Wort âMiracleâ beschrieben ist. Er verlĂ€sst sein neues Heim offenkundig nicht, versorgt wird er von Michael und anderen Stadtbewohnern, die ihm regelmĂ€Ăig Essen vorbeibringen.
Das alles sind AuffĂ€lligkeiten, die in der Welt von The Leftovers kaum erwĂ€hnenswert sind. Vor allem anhand der Figur von Michaels und Evies Vater John (Kevin Carroll) hĂ€ufen sich daraufhin aber die bedenklichen Vorkommnisse. Im Haus der Familie Murphy, zu der auch Erika (Regina King) gehört, ist in regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden ein GerĂ€usch zu hören, das sich anhört wie das Zirpen eines Vogels, dessen Quelle aber einfach nicht ausfindig zu machen ist. Vor allem John treibt das beinahe zur WeiĂglut.
Something bad is going to happen
Der vordergrĂŒndig treusorgende Vater zeigt zum ersten Mal sein wahres Antlitz, als er gemeinsam mit seinen Feuerwehrkollegen einfach das Haus seines Freundes Isaac (Darius McCrary) niederbrennt, weil der sich als Wahrsager ausgegeben hatte und nicht zugeben wollte, dass seine seherischen KrĂ€fte nicht echt sind. Zuvor hatte er John eine dĂŒstere Prophezeiung gemacht. Danach verarztet ihn Erika, als sei nichts gewesen. Die Feuerwehr scheint in diesem Ort eine supralegale Rolle auszufĂŒllen, wozu der Auftrag gehört, die Stadt von Scharlatanen wie Isaac zu sĂ€ubern. Dabei ist noch gar nicht sicher, ob Isaac ĂŒberhaupt so einer ist. Auch nach seinem Rauswurf besteht er weiterhin darauf, dass sich John vorsehen solle - eine schöne Parallele zu Wayne, dem undurchsichtigen Wunderheiler aus der ersten Staffel.
Fortan hĂ€ufen sich die MerkwĂŒrdigkeiten. Beim Joggen (wieder eine Parallele zu Staffel eins) macht Erika, die ihre Umwelt nur mit Hörgeraten akustisch wahrnehmen kann, einen Umweg in den Wald, wo sie einen Schuhkarton ausgrĂ€bt, in dem ein Vogel sitzt. Der lĂ€sst sich nicht zweimal bitten, die neugewonnene Freiheit auszukosten, und ergreift die Gelegenheit zur Flucht. Hat das etwas mit dem merkwĂŒrdigen Zirpen im Haus zu tun? Wie ist der Vogel in den Karton gekommen? Und noch viel wichtiger: Wie hat er darin ĂŒberlebt? Allzu viele Hoffnungen auf eine Beantwortung dieser Fragen sollten wir uns indes nicht machen. Die erste Staffel hat uns gelehrt, dass Lindelof nicht an der Auflösung von Mysterien interessiert ist.
Bessere Chancen sehe ich da schon fĂŒr die ErklĂ€rung des merkwĂŒrdigen Verhaltens des Pastors. Nach Michaels Lesung kĂŒndigt er im Sonntagsgottesdienst an, dass er fĂŒr einige Zeit von Matt Jamison (Christopher Eccleston) vertreten werde, weil er sich einer Operation unterziehen mĂŒsse. Er gibt Matt das Wort, der die Gemeinde sogleich herzlich begrĂŒĂt, unterbricht ihn aber plötzlich, als Matt vom Schicksal seiner apathischen Ehefrau Mary (Janel Moloney) erzĂ€hlen will. Wieder so eine winzige AuffĂ€lligkeit, die in Kombination mit den anderen zu einem immer gröĂeren, beunruhigenden Strom anschwillt.
Das ist es, was The Leftovers schon in der ersten Staffel so wunderbar gelang: Viele kleine Ungereimtheiten wuchsen schnell zu einer Kakophonie der AbsurditĂ€ten zusammen, um uns Zuschauer mit einem bestĂ€ndig unwohlen GefĂŒhl zu hinterlassen. Es sind eben nicht die groĂen, knalligen Momente wie die Departure, die unser Leben nachhaltig verĂ€ndern. Es sind die vielen kleinen, die nur in Kombination miteinander zur Geltung kommen - dann aber umso heftiger. Weil diese Serie diese kleinen Momente seziert und in menschliche Emotionen ĂŒbersetzt, ist sie so unheimlich wirkungsvoll.
There's no place in the world safer
Mit der Ankunft der Garveys werden die ersten GefĂŒhle der Unrast verstĂ€rkt. John lĂ€dt seine neuen Nachbarn zur Geburtstagsparty ein, wo sich Kevin (Justin Theroux) zurecht wundert, warum sie die einzigen GĂ€ste sind. John kommentiert mit breitem Grinsen, dass sie keine Freunde hĂ€tten, was nun ein Witz sein könnte, oder die traurige Wahrheit, als Witz verpackt. Zuvor hat Nora von John bereits einen Kuchen als Einzugsgeschenk ĂŒberreicht bekommen, von dem John aber glaubt, dass er vergiftet sein könnte, weil er ohne Absender auf seiner Veranda abgelegt worden war. Im Angesicht des hautfarbentechnisch nicht ins Garvey-Schema passenden Babys fragt Evie ĂŒberdies Jill (Margaret Qualley) ganz forsch: „Is she adopted or did your mom fuck a black dude?“
Beim gemeinsamen Abendessen kommt schlieĂlich zur Sprache, dass John wegen versuchten Mordes ĂŒber sechs Jahre im GefĂ€ngnis saĂ. Bevor Kevin jedoch weitere Details erfragen kann, erleidet Evie einen epileptischen Anfall, der ein dunkles Vorzeichen sein soll, fĂŒr das, was nachfolgend geschieht. In der gleichen Nacht ereignet sich nĂ€mlich ein Erdbeben, das just dort einen riesigen Spalt hinterlĂ€sst, wo Evie mit ihren Freundinnen am Tag zuvor gebadet hat. Mit Schrecken mĂŒssen John und Michael feststellen, dass Evie auch nachts wieder diesen Ort aufgesucht hatte - und höchtwahrscheinlich in den Abgrund gezogen wurde.
All die subtil eingestreuten Ungereimtheiten entladen in diesem Moment ihre furchteinflöĂende Wirkung. Jarden, der Ort, dem göttliche Vorsehung zugeschrieben worden war, ist nun auch von einer Katastrophe heimgesucht worden. Penibel haben Lindelof und Holt gemeinsam mit der tollen Regisseurin Mimi Leder und dem sparsam eingesetzten Score von Max Richter auf diesen Augenblick hingearbeitet. Jetzt trifft er uns mit voller Wucht. So sind wir es von dieser Serie gewohnt - und wer geglaubt hat, das Ende des Romans bedeute auch das Ende von packendem Storytelling, der kann sich hier vom Gegenteil ĂŒberzeugen. The Leftovers macht gleich vom Start weg wieder groĂen, unheimlichen SpaĂ.
Trailer zu Episode 2x02: 'A Matter of Geography'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 5. Oktober 2015The Leftovers 2x01 Trailer
(The Leftovers 2x01)
Schauspieler in der Episode The Leftovers 2x01
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