The Leftovers 2x01

The Leftovers 2x01

Wie die neugeformte Familie Garvey macht auch das HBO-Drama The Leftovers in seiner zweiten Staffel einen Neuanfang in Texas. Zunächst begegnen wir dort den Mitgliedern einer ansässigen Familie, die glücklich erscheint. Unter der Oberfläche brodelt es jedoch gewaltig.

Die unbarmherzige Natur / (c) HBO
Die unbarmherzige Natur / (c) HBO

Der Serienschöpfer der polarisierenden Dramaserie The Leftovers, Damon Lindelof, adaptiert darin den gleichnamigen Roman von Tom Perrotta, der als Autor und Executive Producer fungiert. Weil mit dem Ende der ersten Staffel die Handlung aus der Buchvorlage auserzählt war, musste sich das Kreativteam auf die Suche nach neuen Geschichten für ihre Charaktere machen. In Axis Mundi, der Auftaktepisode zur zweiten Staffel, demonstriert Lindelof nun, dass er auch ohne vorgegebenes Material ein fesselndes, zutiefst beunrigendes Panorama menschlicher Emotion entfalten kann.

We are spared

Gleich zu Beginn liefern er und seine Ko-Autorin Jacqueline Hoyt eine lange Sequenz, die den metaphyischen Ton aus der ersten Staffel widerspiegelt, gleichzeitig jedoch etwas Neues ausprobiert, was die Serie bislang noch nicht zu bieten hatte. Eine schwangere Höhlenfrau, die vor Jahrhunderten dort gewohnt hat, wo später ein Wunder stattfinden wird, verliert bei einem Erdbeben sämtliche Mitglieder ihrer Sippe. Gleichzeitig setzen ihre Wehen ein. Sie gebärt das Kind und beißt die Nabelschnur durch. Komponist Max Richter versieht das alles mit fröhlicher klassischer Musik, die zu den Szenen nackten Überlebens nicht so recht passen mag und uns somit in den Zustand beunruhigter Aufregung versetzt, den die Serie wie derzeit keine zweite zu schaffen imstande ist.

Am nächsten Morgen lässt die Frau ihr Neugeborenes für kurze Zeit unbeaufsichtigt, um Nahrung zu sammeln. In diesem Augenblick widmet sich eine Klapperschlange dem Baby. Die Mutter verscheucht das Tier, bevor es ihrem Kind ernsthafte Verletzungen zufügen kann, bekommt dabei aber selbst einen Biss ab. Es dauert nicht lange, bis sich das Gift in ihrem Körper ausgebreitet und sie getötet hat. Das Baby liegt hilflos in ihren reglosen Armen, versucht erfolglos, sich herauszuwinden, und erstarrt ehrfürchtig, als ein Geier über ihm kreist und seine furchteinflößenden Laute von sich gibt. Es ist eine Parabel über die Erbarmungslosigkeit im Naturzustand, über den endlosen Kreislauf des Lebens, über die Macht des Stärkeren und die Notwendigkeit zivilisatorischer Strukturen.

Es hätte durchaus zur hoffnungslosen, die Ausweglosigkeit menschlicher Existenz erkundenden Ausrichtung der Serie gepasst, hätte die Szene mit dem hilflosen Baby und dem Geier geendet. Doch plötzlich taucht eine weitere Höhlenfrau auf, die sich kurz umschaut, das Baby auf den Arm nimmt und die Leiche liegenlässt. Der natürliche Instinkt dieses Menschen ist intakt, gesellschaftliche Strukturen gibt es jedoch noch keine. Tausende Jahre später wird Nora Durst (Carrie Coon) ähnlich handeln. Inmitten einer untergehenden Zivilisation (The Abandoned Ruins of a Dead Civilization) wird sie ein Baby auf den Arm nehmen, das zuvor sich selbst überlassen wurde.

Es dauert bis kurz vor Schluss dieser Auftaktepisode, bis wir Nora Durst und das Baby zum ersten Mal sehen. Zuvor widmet sich Axis Mundi ausgiebig den neuen Figuren in dieser zweiten Staffel. Der Einstieg in den gegenwärtigen Erzählstrang findet dort statt, wo die Höhlenfrau erfolglos um ihr eigenes Leben gerungen hat. Evie (Jasmin Savoy Brown) planscht mit ihren Freundinnen in einem See, aus dem ein gutmütiger Forscher Wasserproben entnimmt. Trotz großflächiger Warnhinweise füllt Evie ebenfalls eine große Flasche Wasser - erst später bekommen wir dafür eine Erklärung.

Never mind, it's pointless

Ihr Bruder Michael (Jovan Adepo) füllt das Wasser nämlich in kleine Reagenzgläser ab, um es später auf dem Markt seiner texanischen Heimatstadt Jarden an Touristen zu verkaufen. Er kann dafür überhaupt nur Geld verlangen, weil in Jarden etwas Besonderes geschehen ist, das seitdem ganze Busladungen Schaulustiger in das Städtchen spült. In diesem Ort mit seinen gut neuntausend Einwohnern ist während der Departure keine einzige Person verschwunden. Kein Wunder also, dass sich unter den Besuchern Anhänger sämtlicher Glaubensrichtungen befinden. Weiterhin ist es wenig verwunderlich, dass daraus Profit geschlagen wird.

Jedoch ist Michael kein Ungläubiger, der sich an diesem vermeintlich göttlichen Wunder bereichern will. Im Gegenteil: Er ist ein aktives Mitglied der Kirche, das vor lauter Stolz beinahe platzt, als er die Sonntagslesung halten darf. Im Gegensatz zu seiner Schwester wirkt er zurückhaltend, schüchtern, beinahe zahm. Evie singt zwar auch im Chor, ist allem Anschein nach eine gute Schülerin und ehrgeizige Sportlerin, muss von ihren Eltern aber zum pünktlichen Heimkommen ermahnt werden, während Michael gar nicht erst rausgeht.

Dass in ihrer Heimatstadt nicht alles mit rechten Dingen zugeht, entblättern Lindelof und Hoyt im Laufe der Episode nur ganz langsam. Zunächst wirken die Außergewöhnlichkeiten wie harmlose Spinnereien: Ein aufgebrochener Straßenabschnitt wurde mit einem gläsernen Käfig versehen, eine Frau wässert im Brautkleid ihren Vorgarten, in der Stadtmitte residiert ein zotteliger älterer Mann auf einem Pfahl, der mit dem Wort „Miracle“ beschrieben ist. Er verlässt sein neues Heim offenkundig nicht, versorgt wird er von Michael und anderen Stadtbewohnern, die ihm regelmäßig Essen vorbeibringen.

Das alles sind Auffälligkeiten, die in der Welt von The Leftovers kaum erwähnenswert sind. Vor allem anhand der Figur von Michaels und Evies Vater John (Kevin Carroll) häufen sich daraufhin aber die bedenklichen Vorkommnisse. Im Haus der Familie Murphy, zu der auch Erika (Regina King) gehört, ist in regelmäßigen Abständen ein Geräusch zu hören, das sich anhört wie das Zirpen eines Vogels, dessen Quelle aber einfach nicht ausfindig zu machen ist. Vor allem John treibt das beinahe zur Weißglut.

Something bad is going to happen

Der vordergründig treusorgende Vater zeigt zum ersten Mal sein wahres Antlitz, als er gemeinsam mit seinen Feuerwehrkollegen einfach das Haus seines Freundes Isaac (Darius McCrary) niederbrennt, weil der sich als Wahrsager ausgegeben hatte und nicht zugeben wollte, dass seine seherischen Kräfte nicht echt sind. Zuvor hatte er John eine düstere Prophezeiung gemacht. Danach verarztet ihn Erika, als sei nichts gewesen. Die Feuerwehr scheint in diesem Ort eine supralegale Rolle auszufüllen, wozu der Auftrag gehört, die Stadt von Scharlatanen wie Isaac zu säubern. Dabei ist noch gar nicht sicher, ob Isaac überhaupt so einer ist. Auch nach seinem Rauswurf besteht er weiterhin darauf, dass sich John vorsehen solle - eine schöne Parallele zu Wayne, dem undurchsichtigen Wunderheiler aus der ersten Staffel.

Fortan häufen sich die Merkwürdigkeiten. Beim Joggen (wieder eine Parallele zu Staffel eins) macht Erika, die ihre Umwelt nur mit Hörgeraten akustisch wahrnehmen kann, einen Umweg in den Wald, wo sie einen Schuhkarton ausgräbt, in dem ein Vogel sitzt. Der lässt sich nicht zweimal bitten, die neugewonnene Freiheit auszukosten, und ergreift die Gelegenheit zur Flucht. Hat das etwas mit dem merkwürdigen Zirpen im Haus zu tun? Wie ist der Vogel in den Karton gekommen? Und noch viel wichtiger: Wie hat er darin überlebt? Allzu viele Hoffnungen auf eine Beantwortung dieser Fragen sollten wir uns indes nicht machen. Die erste Staffel hat uns gelehrt, dass Lindelof nicht an der Auflösung von Mysterien interessiert ist.

Bessere Chancen sehe ich da schon für die Erklärung des merkwürdigen Verhaltens des Pastors. Nach Michaels Lesung kündigt er im Sonntagsgottesdienst an, dass er für einige Zeit von Matt Jamison (Christopher Eccleston) vertreten werde, weil er sich einer Operation unterziehen müsse. Er gibt Matt das Wort, der die Gemeinde sogleich herzlich begrüßt, unterbricht ihn aber plötzlich, als Matt vom Schicksal seiner apathischen Ehefrau Mary (Janel Moloney) erzählen will. Wieder so eine winzige Auffälligkeit, die in Kombination mit den anderen zu einem immer größeren, beunruhigenden Strom anschwillt.

Das ist es, was The Leftovers schon in der ersten Staffel so wunderbar gelang: Viele kleine Ungereimtheiten wuchsen schnell zu einer Kakophonie der Absurditäten zusammen, um uns Zuschauer mit einem beständig unwohlen Gefühl zu hinterlassen. Es sind eben nicht die großen, knalligen Momente wie die Departure, die unser Leben nachhaltig verändern. Es sind die vielen kleinen, die nur in Kombination miteinander zur Geltung kommen - dann aber umso heftiger. Weil diese Serie diese kleinen Momente seziert und in menschliche Emotionen übersetzt, ist sie so unheimlich wirkungsvoll.

There's no place in the world safer

Mit der Ankunft der Garveys werden die ersten Gefühle der Unrast verstärkt. John lädt seine neuen Nachbarn zur Geburtstagsparty ein, wo sich Kevin (Justin Theroux) zurecht wundert, warum sie die einzigen Gäste sind. John kommentiert mit breitem Grinsen, dass sie keine Freunde hätten, was nun ein Witz sein könnte, oder die traurige Wahrheit, als Witz verpackt. Zuvor hat Nora von John bereits einen Kuchen als Einzugsgeschenk überreicht bekommen, von dem John aber glaubt, dass er vergiftet sein könnte, weil er ohne Absender auf seiner Veranda abgelegt worden war. Im Angesicht des hautfarbentechnisch nicht ins Garvey-Schema passenden Babys fragt Evie überdies Jill (Margaret Qualley) ganz forsch: „Is she adopted or did your mom fuck a black dude?

Beim gemeinsamen Abendessen kommt schließlich zur Sprache, dass John wegen versuchten Mordes über sechs Jahre im Gefängnis saß. Bevor Kevin jedoch weitere Details erfragen kann, erleidet Evie einen epileptischen Anfall, der ein dunkles Vorzeichen sein soll, für das, was nachfolgend geschieht. In der gleichen Nacht ereignet sich nämlich ein Erdbeben, das just dort einen riesigen Spalt hinterlässt, wo Evie mit ihren Freundinnen am Tag zuvor gebadet hat. Mit Schrecken müssen John und Michael feststellen, dass Evie auch nachts wieder diesen Ort aufgesucht hatte - und höchtwahrscheinlich in den Abgrund gezogen wurde.

All die subtil eingestreuten Ungereimtheiten entladen in diesem Moment ihre furchteinflößende Wirkung. Jarden, der Ort, dem göttliche Vorsehung zugeschrieben worden war, ist nun auch von einer Katastrophe heimgesucht worden. Penibel haben Lindelof und Holt gemeinsam mit der tollen Regisseurin Mimi Leder und dem sparsam eingesetzten Score von Max Richter auf diesen Augenblick hingearbeitet. Jetzt trifft er uns mit voller Wucht. So sind wir es von dieser Serie gewohnt - und wer geglaubt hat, das Ende des Romans bedeute auch das Ende von packendem Storytelling, der kann sich hier vom Gegenteil überzeugen. The Leftovers macht gleich vom Start weg wieder großen, unheimlichen Spaß.

Trailer zu Episode 2x02: 'A Matter of Geography'

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 5. Oktober 2015

The Leftovers 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(The Leftovers 2x01)
Titel der Episode im Original
Axis Mundi
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. Oktober 2015 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 11. Dezember 2015
Autoren
Damon Lindelof, Jacqueline Hoyt
Regisseur
Mimi Leder

Schauspieler in der Episode The Leftovers 2x01

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