The Leftovers 1x10

The Leftovers 1x10

Im Finale von The Leftovers lösen Damon Lindelof und Tom Perrotta das Versprechen ein, das sie einst gegeben hatten: Kein einziges Mysterium, kein einziges Rätsel wird aufgelöst. Stattdessen traktieren sie ihre Zuschauer in The Prodigal Son Returns mit einer emotionalen Tour de Force.

Am Ende der ersten Staffel steht eine schlichte Botschaft: Das Wichtigste ist die Familie. / (c) HBO
Am Ende der ersten Staffel steht eine schlichte Botschaft: Das Wichtigste ist die Familie. / (c) HBO

Die düstere, emotional mitreißende und leidenschaftlich umstrittene HBO-Dramaserie The Leftovers endet mit einem positiven Ausblick. Sie endet mit neuen Erkenntnissen, alten Rätseln und genug offenen Fragen, um weitere Staffeln zu füllen. Sie endet damit, dass eine auseinandergebrochene Familie (zumindest teilweise) wieder zusammenfindet - und dass aus den zusammengefundenen Teilen vielleicht zwei neue Familien entstehen. Zum Schluss obsiegt die einfache, uralte, aber doch so leicht vergessene Erkenntnis, dass man sich nicht zu leicht von seinen Nächsten abwenden, sondern ihnen verzeihen und sie mit all ihren Schwächen akzeptieren sollte.

We made them remember

Damit Kevin (Justin Theroux) und Laurie Garvey (Amy Brenneman) zu dieser Erkenntnis gelangen können, bedarf es aber einer emotional aufwühlenden Reise, die auch am Ende von The Prodigal Son Returns noch nicht abgeschlossen ist. Die erste Staffel von The Leftovers endet mit ebenso vielen offenen Fragen wie vor gut drei Monaten, als sie begann. Wir wissen nun immer noch nichts über die plötzliche departure, nichts über die Herkunft der Guilty Remnant, nichts über die angeblichen Wunderheilkräfte von Wayne (Joseph Paterson), nichts über die Stimmen, die Kevin senior (Scott Glenn) in seinem Kopf zu hören scheint.

Trotzdem - oder gerade deswegen? - gibt es keine Serie, die in diesem Jahr (oder überhaupt je) emotional mitreißender gewesen wäre. Die Mischung aus realistischem Familien- und Gesellschaftsdrama mit einem mythologisch-religiös durchtränkten Überbau sucht ihresgleichen - und sorgt für aufgeregte Debatten zwischen Anhängern und Gegnern. In der Finalepisode geben Lindelof und Perrotta dann noch mal alles, um diesen Streit neu zu entfachen. Sie liefern - wie angekündigt - keine einzige Erklärung, dafür aber eine lange Traumsequenz, die mehrere Anspielungen auf Verschwörungstheorien von Lost'schem Ausmaß zulassen.

Kevin Garvey sitzt da im Auto seines Freundes Matt Jamison (Christopher Eccleston), sie befinden sich auf der Rückfahrt von Cairo nach Mapleton. Gemeinsam haben sie Pattis (Ann Dowd) Leiche begraben. Matt hat Kevin dazu aufgefordert, eine Bibelpassage aus dem Buch von Hiob vorzulesen, aus der Geschichte eines Mannes, der unbeschreibliche Leiden durchlebt - nicht, weil er für seine eigenen Sünden büßt, sondern, weil Gott versucht, dem Teufel zu beweisen, wie unerschütterlich der Glaube an ihn sein kann. Die Parallelen zu Kevins eigener Geschichte sind eindeutig und so kommt es - in einer Serie von etwas zu eindeutig eingesetzter religiöser Symbolik - nacheinander zur Reinwaschung der Sünden (Kevin wäscht Pattis Blut von sich ab), zum Geständnis (Kevin bricht gegenüber Matt zusammen) und zur anschließenden Belohnung durch Wayne (Kevin darf sich etwas wünschen).

Kevin Garvey (Justin Theroux) ist völlig verzweifelt. © HBO
Kevin Garvey (Justin Theroux) ist völlig verzweifelt. © HBO

Ist die departure also eine Probe Gottes für die Durchhaltefähigkeit und den Glauben der Menschheit? Wir erfahren es hier nicht und werden es wohl auch nie erfahren. Statt uns diese Fragen zu stellen, sollten wir eher die Gefühle genießen, die jede einzelne Episode der Serie - und vor allem diese letzte - hinterlässt: Angst und Hoffnung, Beklemmung und Erleichterung, Bedrückung und Freude. Wie die gesamte erste Staffel wechselten sich auch im Finale die gelungenen und weniger gelungenen Momente ab, im Gesamtbild entsteht jedoch ein grandioses, von unerklärlichen Mächten geformtes Gesellschaftspanorama, das in der Seriengeschichte absolut einmalig ist.

If you touch her, we're in this together

Wir Zuschauer werden über den Verlauf der Episode auf eine emotionale Achterbahnfahrt geschickt. Matt erweist sich als guter Freund, der sogar so weit geht, Kevin bei der Verheimlichung von Pattis Selbstmord zu helfen, obwohl das gegen seine moralischen Grundsätze verstößt (zumindest sollte es das tun). Kevin bricht daraufhin mehrmals weinend zusammen, zum ersten Mal lässt er seinen Schuldgefühlen über den Verlust seiner Familie freien Lauf. Das Geständnis hat reinigende Wirkung für seinen Seelenzustand - ganz am Ende huscht sogar ein Lächeln über seine Lippen, als er mit seiner (potentiellen) Neufamilie wiedervereint ist.

Zwischendurch muss er aber eine weitere - metaphysische oder albtraumhafte? - Prüfung überstehen, als er von einem fürchterlichen Traum heimgesucht wird. Darin liefert ihn Matt an die gleiche Nervenheilanstalt aus, in der schon sein Vater sitzt, der ja auch kurz nach der departure damit anfing, Stimmen zu hören und deren Befehlen zu folgen. Statt einer Mahlzeit bekommt er dort nur die Ausgabe vom National Geographic, die ihm sein Vater schon einmal zugeschoben hatte und worin angeblich Lösungen für all die offenen Fragen enthalten sind.

Als er sich wieder beruhigt hat, darf er in den Aufenthaltsraum zum Fernsehen (wo einmal mehr eine Episode von „Perfect Strangers“ läuft, einer Serie, deren kompletter Cast in der Welt von The Leftovers verschwunden ist). Plötzlich beginnt auch Kevin - in Anwesenheit seines Vaters - eine Stimme zu hören. Es ist die von Patti, die von den Toten auferstanden zu sein scheint und sich nun seiner annimmt.

Die Traumsequenz nimmt einen großen Teil der Episode ein, was einen negativeren Eindruck hinterlassen hätte, wäre das Finale nicht so bombastisch ausgefallen. Zu Beginn entscheidet Laurie, nun neue Anführerin der „GR“, den geplanten Coup d'État der Sekte durchzuführen. Sie bringt damit wissentlich die eigene Tochter in Gefahr, denn Jill (Margaret Qualley) ist nun Teil der Sekte. Dabei gibt sie ihrer Mutter, die sie wieder nach Hause schicken will, eine Möglichkeit dazu: Sie müsse es ihr nur sagen, es aussprechen. Doch Laurie ist so gefangen im Fanatismus des „GR“-Regelwerks, dass sie stumm bleibt. Erst am Ende, als Jill ohnmächtig im brennenden Haus der Sekte liegt, bringt sie es über sich, ihren Namen herauszuschreien, damit Kevin sie retten kann.

Als letzten Wunsch vor seinem Tod will Wayne (Paterson Joseph) Kevin (Justin Theroux) einen Wunsch erfüllen. © HBO
Als letzten Wunsch vor seinem Tod will Wayne (Paterson Joseph) Kevin (Justin Theroux) einen Wunsch erfüllen. © HBO

In Mapleton herrschen da schon bürgerkriegsähnliche Zustände, die „GR“ wurden zu Freiwild erklärt, nachdem sie ihre wochenlang geplante Aktion durchgeführt haben. Am Morgen des 14. Oktobers, vier Jahre nach der departure, wachen die Menschen des Ortes auf und finden ihre verschwundenen Angehörigen genau dort wieder, wo sie sich einst scheinbar in Luft aufgelöst hatten. Für die meisten ist das eine Kapriole zu viel, mit Fackeln und Mistgabeln vertreiben und ermorden sie die Guilty Remnant, weil diese getan haben, was von Beginn an ihr einziger Antrieb war: die Menschen an die größte Katastrophe ihrer Geschichte zu erinnern.

I don't ever want to forget them. I can't. They were my family.

Eine Betroffene dieser Aktion ist Nora (Carrie Coon), die morgens die Treppe herunterkommt und sofort in lautlose Verzweiflung verfällt, als sie die Puppen ihrer verschwundenen Familienmitglieder sieht - ein echter Uncanny Valley-Moment. Coon spielt diese Szenen fantastisch, sie war die Entdeckung von The Leftovers. Statt sich am nachfolgenden Autodafé zu beteiligen, zieht Nora aber ganz eigene Schlüsse daraus. Sie bringt die Puppen ihrer Kinder ins Bett, packt ein paar Sachen, schließt die Haustür ab und will den Ort ihres größten Leidens verlassen. Zumindest, bis sie vor Kevins Haustür das Baby von Wayne und Christine (Annie Q.) entdeckt, das nun sowohl von seiner Mutter als auch von seinem Vater und seinem Ziehvater Tom (Chris Zylka) verlassen wurde.

Für Nora, Kevin und Jill könnte das Baby ein gemeinsamer Neuanfang sein - so, wie es für Laurie und Tom einen Neuanfang geben könnte, schließlich lässt Meg (Liv Tyler) selbst nach ihrem Beinahetod keinen Zweifel daran, dass sie eine fähige Patti-Nachfolgerin sein kann.

Furchteinflößende Atmosphäre: Nora (Carrie Coon; r.) mit den Puppen ihrer Familienmitglieder © HBO
Furchteinflößende Atmosphäre: Nora (Carrie Coon; r.) mit den Puppen ihrer Familienmitglieder © HBO

The Prodigal Son Returns ist auch in der technischen Umsetzung eine herausragende Episode. Regisseurin Mimi Leder findet ihren ganz eigenen Stil, indem sie mit der Kamera ganz nah an ihre Protagonisten rückt. Selten bekommt man so viele Close-ups zu sehen wie in dieser Episode. Das Produktionsteam konnte sich dabei stets auf seine Schauspieler verlassen, vor allem Theroux und Coon liefern im Finale eine fantastische darstellerische Leistung ab. Auch die eingesetzte Musik (und natürlich der Score von Max Richter) funktionieren hervorragend - welcher Song könnte zu dieser Episode besser passen als „Ne Me Quitte Pas“ („Verlass mich nicht“) von Nina Simone, welcher Song den Aufbruch der „GR“ besser umschreiben als das Metallica-Instrumental-Cover „Nothing Else Matters“ von Apocalyptica?

In The Leftovers passieren manche Dinge auffallend zufällig. Wie kann es sein, dass Kevin auf den schwer verletzten Wayne trifft - ausgerechnet im Moment seiner größten Verzweiflung? Selbiges gilt für das Wiedersehen von Tom und seiner Mutter. Man kann sich daran aufhängen - oder man kann als gegeben hinnehmen, dass in dieser Welt unerklärliche Dinge passieren, die vielleicht von einer unsichtbaren göttlichen Macht gelenkt sind, vielleicht aber auch nicht. Die bloße Prämisse der Serie ist schon nicht einfach zu akzeptieren - hat man sich jedoch einmal darauf eingelassen, wird man mit einem herzzerreißend dramatischen, markerschütternd emotionalen Kunstwerk belohnt. Keine leichte Kost, nichts für schwache Nerven, aber doch unendlich unterhaltsam.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 8. September 2014
Episode
Staffel 1, Episode 10
(The Leftovers 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Der Verlorene Sohn kehrt heim
Titel der Episode im Original
The Prodigal Son Returns
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 7. September 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 19. Dezember 2014
Autoren
Damon Lindelof, Tom Perrotta
Regisseur
Mimi Leder

Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x10

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?