The Leftovers 1x09

The Leftovers 1x09

Vor dem Finale der ersten Staffel gönnt sich The Leftovers eine dramaturgische Atempause. Die Episode The Garveys at Their Best ermöglicht uns einen Einblick in das Leben der Protagonisten wenige Stunden vor der Sudden Departure.

Da war noch alles normal: Kevin Garvey (Justin Theroux) beim morgendlichen Joggen. / (c) HBO
Da war noch alles normal: Kevin Garvey (Justin Theroux) beim morgendlichen Joggen. / (c) HBO
© a war noch alles normal: Kevin Garvey (Justin Theroux) beim morgendlichen Joggen. / (c) HBO

Angesichts der portrĂ€tierten Ereignisse in The Garveys At Their Best, der neuen Episode der US-Serie The Leftovers, könnte man sich fragen, wieso sich Damon Lindelof und Konsorten erst jetzt dazu entschieden haben, einen solch dezidierten Einblick in die Hintergrundgeschichten der Charaktere zu erlauben. WĂ€re die Geschichte von Anfang an nicht viel nachvollziehbarer gewesen, hĂ€tte man gleich zu Beginn all das gewusst, was man soeben gesehen hat? FĂŒr das VerstĂ€ndnis dieser Mysteryserie, die ja eigentlich keine Mysteryserie sein will, wĂ€re dies sicher hilfreich gewesen.

We're reaching the point of no return

Als Episode, die einen emotionalen Eindruck hinterlassen will, hĂ€tte sie am Anfang jedoch viel weniger gewirkt. Bis zu diesem Zeitpunkt kannten wir die Mitglieder von Familie Garvey und ihre Bekannten und Freunde nur als Menschen in der Postapokalypse. Nun bekommen wir jedoch gezeigt, was die vielen Figuren immer wieder vor dem inneren Auge abspielen lassen: die unmittelbaren Tage und Stunden vor dem Ereignis, das ihre Leben fĂŒr immer verĂ€ndern sollte. Genauso funktioniert doch Trauer: Man erinnert sich konstant an Ereignisse, die vor einem einschneidenden Erlebnis passiert sind - und fragt sich stĂ€ndig, ob man etwas hĂ€tte Ă€ndern können, ob man das Ereignis irgendwie hĂ€tte abwenden können.

Wenngleich die Protagonisten in The Leftovers sehr wahrscheinlich wissen, dass sie keinerlei Schuld an den Vorkommnissen des 14. Oktober 2011 tragen, so bedeutet dies noch lange nicht, dass sie die letzten Augenblicke mit den Verschwundenen jemals vergessen könnten. The Garveys At Their Best endet damit, dass sĂ€mtliche zentralen Charaktere unmittelbar von der sudden departure betroffen sind: Nora Durst (Carrie Coon) befindet sich mitten im grĂ¶ĂŸten Familienstress, als alle Mitglieder ihrer Familie plötzlich verschwinden. Die Geschwister Tommy (Chris Zylka) und Jill (Margaret Qualley) nehmen gerade an einem Experiment teil, Kevin (Justin Theroux) hat eine AffĂ€re mit einer Frau, die wĂ€hrenddessen verschwindet und seine Ehefrau Laurie (Amy Brenneman) verliert sogar ihr ungeborenes Kind, von dem Kevin aber noch nichts weiß.

Der folgende Kritikpunkt wurde von einigen Kommentarschreibern schon öfter geĂ€ußert - nun muss ich erstmals auch zugeben, dass das Verschwinden etwas unplausibel dargestellt wird: Beim Verschwinden von zwei Prozent der Menschheit ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass sĂ€mtliche Mitglieder der Garvey-Familie in solch direkter - und teilweise abstruser - Weise von dem Ereignis betroffen sind. Trotzdem funktioniert diese Episode als Einblick in die spĂ€teren Denk- und Verhaltensweisen der Figuren bestens.

Vermeintlich glĂŒckliche Familie I: Kevin (Justin Theroux) und Laurie (Amy Brenneman)
Vermeintlich glĂŒckliche Familie I: Kevin (Justin Theroux) und Laurie (Amy Brenneman) - © HBO

Dabei lĂ€uft der Beginn der Episode Ă€ußerst verwirrend ab. Kevin befindet sich auf seinem ĂŒblichen morgendlichen Jogginglauf, an dessen Ende er sich eine Zigarette gönnt, was er aber vor dem Rest seiner Familie - wenig erfolgreich - verheimlicht. Er kommt dabei noch einmal an dem Haus vorbei, das zu Beginn der Auftaktepisode mit dem PortrĂ€t eines Verschwundenen bemalt war. Das PortrĂ€t ist nun nicht mehr da. Er kommt zurĂŒck in eine luxuriöse Villa und holt sich ein GetrĂ€nk aus dem KĂŒhlschrank. Im Hintergrund spricht eine dunkelhaarige Frau, die wir nicht sofort erkennen, da sie von der Kamera nicht fokussiert wird.

Hail to the Chief

Die Frau tritt in den Fokus und wir erkennen Laurie. Wenige Augenblicke spĂ€ter kommt auch Jill dazu, sie ist bester Laune, trĂ€gt Zahnspange und amĂŒsiert sich ĂŒber ein virales Internetvideo. Sie ist das genaue Gegenteil der post-departure Jill: fröhlich, aufgeweckt, lebensfroh. Wegen des Episodentitels dachte ich auch hier noch, dass diese Episode nun einen Einblick in eine Welt geben sollte, in der es nicht zur Apokalypse gekommen ist. Zu Beginn machte sich also etwas Frustration bei mir breit, weil ich kein echtes Interesse daran gehabt hĂ€tte. Zum GlĂŒck wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Wir befinden uns in den Tagen unmittelbar vor dem kollektiven, unerklĂ€rlichen Verschwinden.

Dieser Einblick wird von Lindelof und seiner Co-Drehbuchautorin Kath Lingenfelter möglichst effektiv ausgenutzt. Nach dem ungewöhnlich schwungvollen und fröhlichen Auftakt mit zwei vermeintlich glĂŒcklichen Familien Garvey und Durst entblĂ€ttern sie nĂ€mlich behutsam die emotionalen Schutzpanzer, die sich sĂ€mtliche Figuren zugelegt haben (mit Ausnahme von Jill vielleicht). Sie zeigen dabei gnadenlos auf, dass das Leben der Charaktere auch vor der departure schon ein einziger TrĂŒmmerhaufen war - nur gab es damals noch genĂŒgend Anreize, die Fassade des glĂŒcklichen Kleinstadtlebens aufrechtzuerhalten. Ein großes Haus, eine funktionierende Familie, eine intakte Stadtgemeinschaft - alles Dinge, die nach den Ereignissen des 14. Oktobers fĂŒr viele keine Rolle mehr spielen.

Lindelof und Lingenfelter liefern ĂŒberdies nachvollziehbare ErklĂ€rungen fĂŒr die Verhaltensweisen der Protagonisten. Sie folgen einfach den Überzeugungen, die sie schon vor der departure hatten. Laurie glaubt als Psychiaterin, dass es keinen Zweck habe, vergangene Tragödien vergessen zu wollen - man mĂŒsse sich viel eher eingehend damit auseinandersetzen und eines eben nicht tun: vergessen. Folgerichtig landet sie nach der departure bei den Guilty Remnant, deren primĂ€re Motivation es ist, an die grĂ¶ĂŸte Tragödie der Menschheit zu erinnern. Kevin macht es hingegen genau andersrum - er versucht, die schlimmen Dinge aus der Vergangenheit zu vergessen und hĂ€lt auch seinen Sohn dazu an: „Sometimes you have to pretend.“ („Manchmal muss man eben so tun als ob.“)

Vermeintlich glĂŒckliche Familie II: Tom (Chris Zylka) und Jill (Margaret Qualley)
Vermeintlich glĂŒckliche Familie II: Tom (Chris Zylka) und Jill (Margaret Qualley) - © HBO

Was Kevin und Laurie - und fast alle anderen zentralen Charaktere - eint, ist ihr UnglĂŒck in der normalen Welt. Laurie ist schwanger, will aber ihrem Ehemann davon nichts erzĂ€hlen, weil sie fĂŒrchtet, dies wĂŒrde ihn noch weiter von ihr entfernen. Kevin ist mit seinem Leben unzufrieden, weil seine Frau erfolgreicher ist als er, weil sein Vater ihn beruflich (noch) ĂŒberflĂŒgelt, weil er mehr erwartet hat als ein Haus im GrĂŒnen, zwei Kinder und die Frage, ob man sich nun einen Hund anschaffen sollte oder nicht. Tom kann nicht von seinem biologischen Vater ablassen, betrinkt sich und sucht ihn nachts auf, um ihn zur Rede zu stellen.

You have no greater purpose

Patti (Ann Dowd) ist bei Laurie in Behandlung und kann das Scheitern ihrer Ehe nicht vergessen. Nora Durst verzweifelt an der Unaufmerksamkeit ihres Ehemanns Doug (Sebastian Arcelus) und den schwierigen Kindern. Sie bewirbt sich bei der BĂŒrgermeisterschaftskandidatin Lucy Warburton (Amanda Warren) um einen Job - ihre BegrĂŒndung: „I need something for myself.“ („Ich brauche etwas nur fĂŒr mich.“) Gruselig, wie schnell dieser Wunsch Wirklichkeit wird. Auch Matt Jamisons (Christopher Eccleston) Post-departure-Anwandlungen und sein fast schon fanatischer Missionierungseifer, bekommen hier einen Hintergrund: Seine Ehefrau Mary (Janel Moloney) saß am Steuer des Wagens, der wĂ€hrend des Verschwindens in einen schweren Unfall gerĂ€t - was Mary wohl in ihren Wachkomazustand versetzte (wenngleich dies nicht explizit dargestellt wird).

Solche RĂŒckblendenepisoden sind dramaturgische SpielplĂ€tze fĂŒr Drehbuchautoren. Sie können Hinweise verstecken, Verbindungen aufbauen, ĂŒberall easter eggs auslegen. Und dafĂŒr, dass Lindelof zu Beginn hoch und heilig versprochen hat, das Mysterium um die departure nicht in den Vordergrund zu stellen, streut er in dieser Episode doch unzĂ€hlige kleine Andeutungen, Hinweise, Querverbindungen und Vorahnungen aus. Patti scheint seherische KrĂ€fte zu haben, als sie Laurie gegenĂŒber sagt: „Something's wrong inside you.“ („In dir ist etwas falsch.“) Kevin begegnet einer Gruppe Frauen, die ihn verwechseln und ihn fragen, ob er „bereit“ sei. Kurz danach explodiert etwas in der Abwasserleitung und lĂ€sst einen Gullydeckel meterweit in die Luft fliegen.

Die in der Gegenwart zu Tode gesteinigte Gladys (Marceline Hugot) ist die Leiterin des Tierheims, wo Laurie einen Hund adoptieren will. Der Hirsch, der spĂ€ter in Kevins KĂŒche wĂŒten wird, taucht auch vor der departure schon auf und zerstört beinahe das gesamte Haus des Ehepaares, das von Nora Durst spĂ€ter zum Verschwinden ihres Sohnes befragt werden wird. Tom und Kevin tragen schon ihre Tattoos, haben sich diese also nicht als irgendeine Form der TrauerbewĂ€ltigung stechen lassen - eben weil sie vor dem Ereignis ebenso unglĂŒcklich waren wie danach. The Garveys At Their Best erreicht vielleicht nicht die emotionale IntensitĂ€t einiger ihrer VorlĂ€ufer, passt sich aber sehr schön in die Geschichte ein und liefert viele wichtige Hintergrundinformationen, bevor die herausragende erste Staffel (leider erst in zwei Wochen) zu ihrem Abschluss findet.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 25. August 2014
Episode
Staffel 1, Episode 9
(The Leftovers 1x09)
Deutscher Titel der Episode
Die Garveys in Höchstform
Titel der Episode im Original
The Garveys At Their Best
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 24. August 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 12. Dezember 2014
Autoren
Kath Lingenfelter, Damon Lindelof
Regisseur
Daniel Sackheim

Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x09

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