The Leftovers 1x08

The Leftovers 1x08

Cairo ist die bisher beste Episode von The Leftovers und die vielleicht beste Episode des bisherigen Fernsehjahres. Unter der Regie von Michelle MacLaren verschmelzen mehrere Erzählstränge zu einem grandiosen Panorama des Leidens.

Jill (Margaret Qualley) liefert einen von vielen emotionalen Tiefpunkten der Episode. / (c) HBO
Jill (Margaret Qualley) liefert einen von vielen emotionalen Tiefpunkten der Episode. / (c) HBO

Die größte emotionale Intensität erreichte The Leftovers bisher in den Episoden, die sich auf einzelne Charaktere konzentrierten - Two Boats and a Helicopter mit der Geschichte von Matt Jamison (Christopher Eccleston) und Guest mit der Geschichte von Nora Durst (Carrie Coon). In Cairo schafft es die Serie nun erstmals, dieses Niveau an emotionaler Intensität in mehrere Handlungsstränge einzubetten. Unterstützt werden die Autoren Curtis Gwinn und Carlito Rodriguez von der grandiosen Regie der TV-Veteranin Michelle MacLaren (Breaking Bad, Game of Thrones) und Max Richters erneut überragendem Score.

There's only fucking me

Die Episode treibt die Geschichte voran, gibt uns tiefe Einblicke in die Motivationen der Hauptfiguren, bricht mit bisher Geglaubtem und jongliert gekonnt mit neuen und alten Rätseln. Dabei wird immer offensichtlicher, dass hier Damon Lindelof am Ruder sitzt - die Parallelen zu Lost werden eindeutiger. Die Serie um einige auf einer Insel Gestrandete hätte vielleicht schon so großartig wie The Leftovers sein können, hätte sie sich von den Fesseln des Networkfernsehens befreien können. Bei HBO kann Lindelof nun jedoch seiner Lust am Mysterium uneingeschränkt nachgehen.

Die Parallelmontage zu Beginn zwischen Kevin Garvey (Justin Theroux) und Patti (Ann Dowd), die später in seinen Armen sterben wird, wirft ihre langen Schatten auf das Folgende. Sie lässt erahnen, dass es zwischen den beiden zum ultimativen Konflikt kommen wird. Fortan erzählen die Autoren eine Geschichte von Hingabe und Aufopferung, von Überzeugung und Willenskraft, von Existenz und Leiden. Sie folgen dabei einmal mehr den Mitgliedern der Familie Garvey (mit Ausnahme von Tom) und deren Suche nach Sinn in dieser sinnentleerten Welt.

Kurz vor ihrem selbst gewählten Tod, als sie schon längst weiß, dass sie gleich sterben wird, verrät Patti ihrem Entführer Kevin, was ihr Antrieb und - angeblich - auch der Antrieb der guilty remnant ist. Sie bezieht sich dabei auf Kevins Ehefrau Laurie (Amy Brenneman): „I could offer her something that you could not. Purpose. That's all any of us want now. (...) Not answers. Not love. Just a reason to exist. Something to live for. Something to die for.“ („Ich konnte ihr etwas bieten, das du ihr nicht bieten konntest. Bestimmung. Das ist alles, was wir nun wollen. (...) Keine Antworten. Keine Liebe. Nur einen Grund zu leben. Etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Etwas, wofür es sich zu sterben lohnt.“)

Michael Gaston bleibt eines der größten Rätsel von %26bdquo;The Leftovers%26ldquo;. © HBO
Michael Gaston bleibt eines der größten Rätsel von %26bdquo;The Leftovers%26ldquo;. © HBO

Es ist so einfach wie einleuchtend: In einer Welt, in der von einem Moment auf den nächsten Leben einfach aufhören kann zu existieren, verwandelt sich die reine Existenz schon zum größten aller Mysterien. Alles, was zuvor Sinn hatte, verkehrt sich in sein Gegenteil. Wozu lieben, wenn diese Liebe nur größte Schmerzen hervorruft? Wozu eine Familie gründen, wenn diese jederzeit zerschmettert werden kann? Wieso sprechen, wenn es nichts Wichtiges mehr zu sagen gibt, wenn die Worte ihre Bedeutung verloren haben?

You are on your own

Statt sich jedoch damit zu begnügen, die Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz anzuerkennen und ihr trotzdem einen Sinn zu verleihen, haben sich die guilty remnant unter Pattis Führung zu einem fanatischen Kult entwickelt, der nicht davor zurückschreckt, eigene Mitglieder zu ermorden, um auf ihre Sache aufmerksam zu machen. Das muss man sich einmal vor Augen führen: Die Sekte opfert eigene Mitglieder, um neue zu gewinnen (kudos übrigens an unsere eifrigen Kommentarschreiber, die genau das vorausgesehen haben).

Wir erfahren in dieser Episode nicht, ob Laurie davon wusste, dass Gladys von den eigenen Mitstreitern ermordet wurde (und dafür laut Patti („She was okay with it.“) auch bereit war). In Pattis Abwesenheit wenden sich die Sektenmitglieder indes an sie zur Orientierung. Laurie nimmt diese Führungsrolle an, könnte aber durch die überraschende Ankunft ihrer Tochter Jill (Margaret Qualley) - eine überwältigende Szene - aus der Bahn geworfen werden. Ich hoffe inständig darauf, dass Lauries Muttergefühle ihre Hingabe an die Sache der guilty remnant übertrumpfen, angesichts der immerwährenden Dunkelheit in dieser Serie bin ich dafür jedoch nicht gerade optimistisch.

So überraschend es auch war, als Jill an die Tür der „GR“ geklopft hat, so folgerichtig ist es. Kevin gibt dem völlig orientierungslosen Mädchen schon lange keinen emotionalen Halt mehr. Und da nun auch ihre beste Freundin Aimee (Emily Meade) nach dem Streit um eine mögliche Affäre zwischen Aimee und Kevin - nach zahlreichen Andeutungen wurde dies endlich auch von einer Protagonistin aufgegriffen - ausgezogen ist, hat Jill nun keinen Anker mehr in ihrem Leben. Immerhin stellt sie beim Einbruch in Noras Haus fest, dass sie mit ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung nicht alleine ist - trotzdem zieht es sie eher zu ihrer echten Mutter, anstatt Nora möglicherweise als Ersatzmutter anzuerkennen.

Aus freiem Willen stirbt Patti (Ann Dowd) in Kevins (Justin Theroux) Armen. © HBO
Aus freiem Willen stirbt Patti (Ann Dowd) in Kevins (Justin Theroux) Armen. © HBO

Wenngleich der Plot in dieser Episode schnell vorangetrieben wird, bleiben viele Fragezeichen - neue und alte. Die absolute Unsicherheit des in seiner Verzweiflung regelrecht zerfließenden Kevin überträgt sich beinahe auf den Zuschauer, bis er in einem Strudel aus Andeutungen und Halbwahrheiten unterzugehen droht. Das Rätsel um Garveys Hemden scheint aufgeklärt, das um die Identität von Michael Gaston bleibt. Außerdem bleibt unklar, in welchem Geisteszustand Kevin sich während seiner nächtlichen Selbstjustizunternehmungen befindet. Schlafwandelt er? Hat er eine gespaltene Persönlichkeit? Manche Rezensenten gehen sogar so weit, Gaston und Patti als Einbildungen zu interpretieren.

Until we are erased

Während ich keine Anhaltspunkte dafür sehe, dass sogar Patti eingebildet sein könnte, will ich mir über Gaston noch kein abschließendes Urteil erlauben. Ein weiteres Mysterium rankt sich um die Pakete, die an die „GR“ geliefert werden. Sind darin lebensechte Puppen verpackt, die die Sekte für eine öffentlichkeitswirksame Aktion (in Kombination mit den in der Kirche ausgelegten Kleidern) installieren will? Sind darin vielleicht sogar echte Leichen? Meg (Liv Tyler), die in dieser Episode ihr Schweigen bricht, sieht im Fernsehen einen Bericht über ein leeres Massengrab. Könnten die Leichen von dort sein?

Möglicherweise bekommen wir darauf bald Antworten, möglicherweise nicht. In Cairo schafft The Leftovers neben der beinahe unaushaltbaren emotionalen Intensität bei mir erstmals auch eine unbändige Erwartungshaltung: Ich will nun unbedingt wissen, wie es weitergeht. Der Episodentitel bezieht sich übrigens auf den Ort, wo Garvey und Gaston Patti gefangen halten. Auch ein Artikel in der ominösen Ausgabe der National Geographic aus der letzten Episode steht damit in Verbindung. Um hier jedoch nicht zu sehr in Lost-Gefilde abzudriften, überlasse ich die Spekulation darüber unseren Kommentarschreibern.

Das herausragende Drehbuch, das Patti am Ende die zweite Strophe des W.-B.-Yeats-Gedichts „Michael Robartes bids his Beloved be at Peace“ zitieren lässt, wird von der überragenden Regie von Michelle MacLaren komplementiert, während der Score von Max Richter die zahlreichen emotionalen Magenschläge dieser Episode musikalisch perfekt unterlegt. The Leftovers beweist mit dieser Episode, dass es alles kann: greifbare Charakterzeichnung, fesselndes Geschichtenerzählen, umwerfende audiovisuelle Inszenierung. Cairo ist die vielleicht beste Episode einer Dramaserie im sowieso schon herausragenden Serienjahr 2014. Viel besser wird es wohl auch nicht mehr - Ozymandias lässt grüßen.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. August 2014
Episode
Staffel 1, Episode 8
(The Leftovers 1x08)
Titel der Episode im Original
Cairo
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 17. August 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. Dezember 2014
Autoren
Curtis Gwinn, Carlito Rodriguez
Regisseur
Michelle MacLaren

Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x08

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