The Deuce 1x08

The Deuce 1x08

Die herausragende erste Staffel von The Deuce endet nicht mit einer ihrer besten Episoden. In My Name Is Ruby steht der Handlungsfortschritt im Vordergrund. Außerdem kommt es erneut zu einem unvorhergesehenen Ereignis, das weniger Eindruck hinterlässt als das vorherige.

Eileen (Maggie Gyllenhaal) hat es vorerst geschafft, den Straßenstrich hinter sich zu lassen. / (c) HBO
Eileen (Maggie Gyllenhaal) hat es vorerst geschafft, den Straßenstrich hinter sich zu lassen. / (c) HBO
© ileen (Maggie Gyllenhaal) hat es vorerst geschafft, den Straßenstrich hinter sich zu lassen. / (c) HBO

In der vorletzten Episode der ersten Staffel von The Deuce gelang es dem Kreativteam, uns fulminant zu überraschen. Statt den tragischen Tod der abwanderungswilligen Prostituierten Ashley (Jamie Neumann) zu inszenieren, ließ Autorin Megan Abbott den Zuhälter Reggie (Tariq Trotter) mit einem lauten, überhaupt nicht zu erwartenden Knall aus dem Leben scheiden. Daran wird in der Finalepisode My Name Is Ruby nur tangential erinnert; lieber präsentieren uns David Simon und George Pelecanos einen weiteren gewalttätigen Todesfall.

The world, it's changing

Dieses Mal erwischt es die im Episodentitel genannte Prostituierte, die entlang „The Deuce“ aus leicht nachvollziehbaren Gründen als „Thunder Thighs“ bekannt ist. Ihr Tod hat mich in emotionaler Hinsicht jedoch weniger berührt als der aus der vorigen Folge, obwohl es umgekehrt sein müsste. Simon und Pelecanos setzen hier meiner Meinung nach einmal zu oft auf den Überraschungseffekt. Wäre Reggie in Au Reservoir nicht urplötzlich von Restaurantbetreiber Leon (Anwan Glover) erschossen worden, hätte ihr forcierter Fenstersturz mehr Eindruck hinterlassen.

Dann wäre auch die Botschaft eindrücklicher gewesen, die Simon und Pelecanos damit hinterlassen wollen: So viel Modernisierung das Gewerbe rund um den Times Square bis zu diesem Zeitpunkt auch erfahren haben mag, so tief bleibt es in seinen rauen Ursprüngen verwurzelt. Vor allem Sexarbeiterinnen wie Ruby, die ohne Schutz durch einen Zuhälter unterwegs sind, sind ihren Freiern hilflos ausgeliefert. Die Möglichkeit des gewaltsamen Todes ist ihr ständiger Begleiter - und das auch für Prostituierte wie Lori (Emily Meade), die von Jähzorn und Gnade ihrer Zuhälter abhängig sind.

Erschreckend sind auch die Reaktionen, die Rubys Tod nach sich ziehen. Loris Zuhälter CC (Gary Carr) macht beim ersten Anblick ihrer Leiche Witze, wofür er von Streifenpolizist Alston (Lawrence Gilliard Jr.) sofort die völlig gerechtfertigte Quittung erhält. Vince (James Franco) schließt zwar seine Bar für den Abend, ist ansonsten aber mehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Die Einzigen, die wohl echte Gefühle für Ruby hegen, sind ihre aktuellen und ehemaligen Kolleginnen vom Straßenstrich, Darlene (Dominique Fishback), Shay (Kim Director) oder Eileen (Maggie Gyllenhaal).

Die sind jedoch allesamt gerade zu sehr mit anderen Projekten beschäftigt, um sich die neuesten Nachrichten von ihrer Laufmeile abzuholen. Shay befindet sich überwiegend im Drogensumpf, während Darlene und Eileen an ihren Pornokarrieren feilen. Vor allem Letztgenannte macht in dieser Episode wohl den endgültigen Sprung von der Sexarbeiterin zur Sexfilmerin. Dank eines glücklichen Zufalls - Harvey Wasserman (David Krumholtz) hat einen Motorschaden - befördert sie sich selbst zur Regisseurin und beweist dabei ein Talent, auf das „Truffle“ und Hitchcock stolz wären.

An sich selbst zweifelnde Zuhälter sieht man auch nicht alle Tage.
An sich selbst zweifelnde Zuhälter sieht man auch nicht alle Tage. - © HBO

Belohnt wird sie für ihre Chuzpe mit der Anerkennung Harveys und einer Einladung zur Premiere des bahnbrechenden Pornofilms „Deep Throat“. Während Eileens Zukunft also ziemlich rosig aussieht, bekommen wir auch einen Einblick in ihre düstere Vergangenheit, und vielleicht sogar einen Erklärungsansatz dafür, warum sie überhaupt in dieses schmutzige Geschäft geraten ist. Von Harveys Kraftausdrücken wird sie an ihren Bruder Patrick (Dennis Flanagan) erinnert, der vom Vater in eine „Heilanstalt“ für Homosexuelle gesteckt wurde, um Scham von der Familie fernzuhalten.

The dick takes us in

Fatalerweise wurde Patrick dort mit Elektroschocktherapie behandelt, was aus ihm ein verzweifeltes Bündel des Selbsthasses gemacht hat. Er versucht, Eileen gegenüber die Behauptung aufrechtzuhalten, dass er gar nicht schwul ist, scheitert damit aber, weil sie es schon immer wusste. Obwohl dies eine neue Figur ist, schaffen es Drehbuch und Schauspieler, eine mitreißende Szene abzuliefern. Noch mitreißender wäre sie natürlich gewesen, hätten wir den Charakter schon früher getroffen. Dieses und andere kleine Storytelling-Probleme durchziehen die gesamte Episode.

Vor allem im Handlungsbogen um Vinnie und Konsorten wird das offenbar. Seit einigen Episoden wird uns nun schon vorgeführt, dass sich Vinnie nicht wohlfühlt mit dem immer tieferen Eintauchen in die Welt von Rudy Pipilo (Michael Rispoli) und Tommy Longo (Daniel Sauli). Frankie (James Franco) und Bobby (Chris Bauer) sind einfach nur zufrieden, dass sie mittlerweile ein Vielfaches von dem verdienen, was sie in ihren vorherigen Professionen mit nach Hause brachten. Und eine besonders große Gefahr lauert ja auch noch nicht - weder von Seiten des Staats noch von der konkurrierender Mafiabanden.

Weil geschäftlich alles glatt läuft, hat es den Anschein, als suche das Autorenteam händeringend nach Konflikten für eine ihrer Hauptfiguren. Deswegen verprügelt Vinnie mit Tommys Unterstützung seinen Konkurrenten Eddie Bucco (Michael Lombardi) als Rache für seine (Ex-)Ehefrau Andrea, die wir aber nicht zu Gesicht bekommen. Die Szene verdeutlicht, dass Vinnie nicht abgeneigt ist, die Hilfe der Mafia anzunehmen, wenn es ihm zum Vorteil gereicht. Aber sie wäre wirkungsvoller gewesen, hätten wir zuvor mitbekommen, wie übel Andrea zugerichtet wurde.

Es ist ja ein durchaus interessanter Ansatz, den Protagonisten Erfolge zu gönnen, aber dann sollten diese auch nicht mit allzu konstruierten Konflikten gespickt werden. In diese Kategorie fällt zum Beispiel der Deal, den Zuhälter Larry (Gbenga Akinnagbe) mit seiner Prostituierten Barbara (Kayla Foster) einfädeln will. Sie wird dabei verhaftet und muss wohl für längere Zeit ins Gefängnis, was Larry ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, uns Zuschauern aber kaum eines, ist sie doch kein ausgereifter Charakter, dessen Schicksal uns interessiert.

Sandra (Natalie Paul) will gerne Korruption aufdecken, darf aber nicht.
Sandra (Natalie Paul) will gerne Korruption aufdecken, darf aber nicht. - © HBO

Ein weiterer Handlungsbogen hat aus meiner Sicht ein Problem, das für viele andere Zuschauer keines sein dürfte - die Nähe zu The Wire. Dieser Allzeitklassiker hat sich den Kampf ehrenwerter Individuen gegen übermächtig erscheinende Institutionen auf die Fahnen geschrieben, was in The Deuce ziemlich genau kopiert wird. Reporterin Sandra (Natalie Paul) ficht diesen Kampf gegen ihre Vorgesetzten in Redaktion und Verlag aus, während Alston versucht, seinen Beitrag zum Antikorruptionskampf innerhalb der Polizei zu leisten. Beiden gelingen dabei nur minimale Erfolge.

Better porno through science

Das liest sich nun alles ziemlich negativ, aber bei einer Serie, die sich zu solch grandiosen Höhen aufgeschwungen hat, ist solche Kritik angebracht. Trotzdem lieferte die Finalepisode wieder viele wunderbare Momente. Der Gastauftritt von Clarke Peters als ausstiegswilliger Zuhälter Ace dürfte jedem Fan des Simon-Oeuvres einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt haben.

Ähnlich große Freude hatte ich am dauergrinsenden White Frankie, an Eileens Theorie, warum lesbische und interracial Pornos so gut laufen, an Rodneys Angst vor Melissas Zahnlücke, am Gedenken der pimps an ihren gefallenen Kollegen, an Pipilos casual racism (weil das einfach verdammt gute Charakterzeichnung ist), am fortschrittlichen Beziehungsmodell von Vince und Abby (Margarita Levieva), an der lieben Hausfrau, die ihre schmutzige Seite an Harveys Sets ausleben will, am Abschied von Alston und Ruby, den sie beide nicht als solchen begreifen, und so vielen mehr.

Diese Serie war von Beginn an ein wahres Freudenfest an toller Inszenierung - im Finale von Michelle MacLaren -, hervorragender Ausstattung, brillanten Dialogen und großartigem Schauspiel. Etwas Besseres wird in diesem Jahr schwer zu finden sein.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 30. Oktober 2017

The Deuce 1x08 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 8
(The Deuce 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Premierenfieber
Titel der Episode im Original
My Name Is Ruby
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 29. Oktober 2017 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 30. Oktober 2017
Autoren
David Simon, George Pelecanos
Regisseur
Michelle MacLaren

Schauspieler in der Episode The Deuce 1x08

Darsteller
Rolle
Gbenga Akinnagbe
Gary Carr
Dominique Fishback
Natalie Paul
Michael Rispoli
Method Man
Kim Director
Olivia Luccardi
Don Harvey
Michael Lombardi

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