The Deuce 2x01

The Deuce 2x01

George Pelecanos und David Simon öffnen die Pforten zur zweiten Staffel von The Deuce, die fünf Jahre nach dem Finale der ersten spielt. Wo stehen die Figuren von James Franco, Maggie Gyllenhaal und Co? Hier unsere Kritik.

Szenenbild der The-Deuce-Episode Existenzberechtigung: Candy (Maggie Gyllenhaal) und Harvey (David Krumholtz) am Schnittpult. (c) HBO
Szenenbild der The-Deuce-Episode Existenzberechtigung: Candy (Maggie Gyllenhaal) und Harvey (David Krumholtz) am Schnittpult. (c) HBO
© zenenbild der The-Deuce-Episode Existenzberechtigung: Candy (Maggie Gyllenhaal) und Harvey (David Krumholtz) am Schnittpult. (c) HBO

Der Journalist und Serienautor David Simon hat sich schon so mancher Schattenseite des American Dream gewidmet: Drogendealer in Baltimore (The Wire), Soldaten im Irak (Generation Kill), Überlebende von Hurrikan Katrina (Treme), Rassisten in Yonkers (Show Me a Hero) und zuletzt der aufkeimenden Pornoindustrie im New York der 70er Jahre (The Deuce). Sein Markenzeichen ist die bedingungslose Authentizität, als würde er keine Geschichte erzählen, sondern vielmehr Geschehnisse dokumentieren. Dennoch zeichnet sich sein jüngstes Werk, das im Herbst 2017 an den Start und gestern in die zweite Staffel ging, durch eine etwas buntere Aufmachung aus. Bleibt das auch so in den neuen Episoden?

In der Auftaktepisode Existenzberechtigung alias Our Raison D'etre geht es zunächst einmal darum, die Zuschauer auf den aktuellen Stand zu bringen. Denn seit dem Finale im Vorjahr sind in der Zeitlinie der Serie ganze fünf Jahre vergangen, so dass die von James Franco porträtierten Zwillingsbrüder Vincent und Frankie sowie Eileen/Candy (Maggie Gyllenhaal) das Jahr 1977 schreiben. In New York ist dies die Hochphase von Disco- und Punkmusik, während der angehende Bürgermeister Ed Koch parallel für Sauberkeit und Ordnung auf den Straßen sorgt. Für die Sexarbeiterinnen bedeutet dies mehr Sicherheit, wenngleich die Zuhälter neue Wege suchen (müssen), um sich selbst unverzichtbar zu machen.

Der Weg zum Orgasmus

Ergründete David Simon in The Wire einst die Tragödie korrumpierter Systeme und der Doppelmoral staatlicher Institutionen, so thematisieren er und sein Kollege George Pelecanos in The Deuce nun die Dichotomie zwischen Schein und Sein - und das ausgerechnet bei der einen Sache, bei der diese beiden Extreme so nah beieinanderliegen: Sex. Besonders deutlich wird dies in der letzten Sequenz dieser wie gewohnt grandiosen Auftaktepisode, in welcher der Regisseur Alex Hall mit schnellen Cross-cuts zwischen einer „echten" Sexszene von Vincent und Abby (Margarita Levieva) und einer gefakten hin- und herwechselt, die sich Candy gerade am Schnittpult ansieht.

Candy, die fünf Jahre nach ihrem Besuch der Premiere des Pornoklassikers „Deep Throat“ inzwischen selbst ein kleiner Star am Blue-Movie-Himmel ist, versteht den Unterschied zwischen echtem Sex und gespieltem. Ihr großes Ziel als Regisseurin ist die perfekte Simulation eines Orgasmus. Sie will, dass sich die Männer beim Masturbieren in die Frau hineindenken können. Ihr Kollege Harvey (gespielt vom sichtlich schlanker gewordenen David Krumholtz) verspottet sie dafür als Möchtegern-Warhol und gibt ihr zu verstehen, dass Pornos nichts mit Kunst zu tun hätten und dass Männer keinerlei Interesse daran hegen, zu begreifen, wie die Welt für Frauen aussieht.

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Szenenbild der The-Deuce-Episode Existenzberechtigung: Abby (Margarita Levieva) gratuliert Darlene (Dominique Fishback) zum Diplom.
Szenenbild der The-Deuce-Episode Existenzberechtigung: Abby (Margarita Levieva) gratuliert Darlene (Dominique Fishback) zum Diplom. - © HBO

Kein Wunder, dass Männer die Welt lieber aus ihrer eigenen Perspektive sehen, denn die Siebziger - das machen Simon und Pelecanos mehr als deutlich - sind für das weibliche Geschlecht damals nicht viel wünschenswerter als ein Leben in der zum Glück fiktiven Welt von The Handmaid's Tale. Darlene (Dominique Fishback), die die letzten Jahre dazu nutzte, ihren Schulabschluss nachzuholen und nun auch weiter wissbegierig bleibt und liest, bekommt von ihrem Pimp beispielsweise die folgende Weisheit vor den Latz geknallt: „Bücher sind dumm.“ Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Wie würde diese Welt nur aussehen, wenn nicht zufällig Männer das physisch stärkere Geschlecht wären?

Ein Zwilling kommt selten allein

Da sich die Episode um Existenzberechtigungen dreht, muss auch die Frage erlaubt sein, ob Simon und Pelecanos die richtige Entscheidung getroffen haben, was die weitere Teilnahme von James Franco betrifft. Im Rahmen der #MeToo-Bewegung musste sich der Schauspieler mehreren Anschuldigungen der sexuellen Belästigung stellen. Und da sich The Deuce gerade um die Themen Sex und sexuellen Missbrauch dreht, schien eine Entlassung Francos oder sogar eine Absetzung der Serie zwischenzeitlich nicht allzu weit hergeholt. Ich persönlich kann zumindest nicht abstreiten, dass ich Franco mit diesem neuen Wissen im Hinterkopf anders sehe als vorher, so dass mir während dieser Auftaktepisode immer wieder der Gedanke kam, ob es nicht auch ohne ihn funktioniert hätte...

Zugegeben: Vincent und Frankie aus der Serie zu streichen, wäre storytechnisch eine Herausforderung gewesen - immerhin kann man schlecht zwei Figuren auf einmal glaubwürdig um die Ecke bringen, zumal Simons Geschichten als äußerst subtil gelten. Aber eines macht diese erste neue Episode ebenfalls deutlich: Der Handlungsstrang der Zwillingsbrüder ist mit Abstand der langweiligste, besonders im Vergleich mit Candy, dem wahren Star der Serie, wie schon die Eröffnungsszene zeigt. Die Trope des einen verantwortungsvollen Bruders und des anderen, der immer nur für Chaos sorgt, ermüdet schnell. Der einzige Sinn mit Blick auf diese Episode: Da Vincent nach Frankie sucht, der aus der gemeinsamen Kasse Geld genommen hat, um einen Ehering für seine neue Frau zu kaufen, können Simon und Pelecanos im Schnelldurchlauf alle Sets der neuen Staffel präsentieren.

Auch wenn es The Deuce bei HBO nie über eine Million Zuschauer gebracht hat, scheint das Budget der Serie weiter groß genug, um tolle Kulissen und Kostüme zu kaufen. Inzwischen hat auch Vincents ehemaliger Barkeeper Paul (Chris Coy) seine eigene Bar, während Vincent selbst einen angesagten neuen Tanzklub führt, wozu er die Zeit hat, weil sich seine Freundin Abby parallel um das Hi-Hat kümmert, welches sie sukzessive in eine Punkkneipe verwandelt. Allen Figuren scheint es fünf Jahre, nachdem wir sie das letzte Mal gesehen haben, deutlich besser zu gehen - mit Ausnahme der vom Aussterben bedrohten Zuhälter, allen voran C. C. (Gary Carr). Damit ist nun alles angerichtet für eine großartige zweite Staffel, und dass sie großartig wird, daran besteht kein Zweifel.

Sonstige Gedanken:

  • Fans von The Wire dürften aufgehorcht haben, als Bobby (Chris Bauer) nach Vincents Überraschungsbesuch folgenden Satz zum Besten gab: „The fuck did I do?“ Das Erbe von Jimmy McNulty (Dominic West) lebt in The Deuce also fort.
  • Glückwunsch an Alston (Lawrence Gilliard Jr.) für den schicken neuen Job als Mordermittler. Ihm verdanken wir auch den poetischsten Dialog dieser Episode: „Woran starb Slow James?“ „Am Tod.“ Das ist große amerikanische Literatur.
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    Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 10. September 2018

The Deuce 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(The Deuce 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Existenzberechtigung
Titel der Episode im Original
Our Raison d'Etre
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 9. September 2018 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 10. September 2018
Autoren
George Pelecanos, David Simon
Regisseur
Alexander Hall

Schauspieler in der Episode The Deuce 2x01

Darsteller
Rolle
Gbenga Akinnagbe
Gary Carr
Dominique Fishback
Luke Kirby
Jamie Neumann
Michael Rispoli
Method Man
Don Harvey
Kim Director
Olivia Luccardi

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