The Deuce 1x07

© m Kino läuft „Boys in the Sand!“ / (c) HBO
Die neue HBO-Dramaserie The Deuce von David Simon und George Pelecanos hat einen bemerkenswerten Start hingelegt. Mit seinem typischen Stil der Nichtberücksichtigung serieller Gepflogenheiten gab uns das Autorenteam von Beginn an das Gefühl, tief in diese uns so fremde Welt des Sexgeschäfts im New York der 70er Jahre einzutauchen. Figuren aus allen Teilen ebenjenes Geschäfts wurden stets als voll ausgeformte Charaktere wahrgenommen und nicht nur als klischeebeladene Cops, Prosituierte oder Zuhälter aus dem Drehbuchseminar.
Nobody knows the rules anymore
Weil gleich am Anfang diese Grundlagen etabliert wurden, können Simon und Kollegen mit zunehmender Laufzeit immer größere Früchte ihrer Arbeit ernten. Heraus kommt dann beispielsweise eine Episode wie Au Reservoir, in der Simon und Megan Abbott mit atemberaubender Selbstsicherheit vorgehen, voller Vertrauen in die von ihnen erschaffenen Zusammenhänge zwischen ihren Figuren und deren sich überkreuzende Lebenswelten. Den Überraschungsmoment am Ende hätte es da schon fast nicht mehr gebraucht, ein willkommener Aufreger ist er aber trotzdem.
Die Episode widmet sich zu großen Teilen dem Arbeitsalltag der Prostituierten. Ashley (Jamie Neumann) beschließt nach einer weiteren Degradierung durch ihren Zuhälter CC (Gary Carr), heute einfach nicht zur Arbeit zu gehen. Stattdessen macht sie es sich im Hi-Hat bequem, wo sie auf Dauergrinser Frankie (James Franco, Regisseur der Episode) trifft. Von Paul (Chris Coy) und dessen Freund werden sie zur Premiere des Pornofilms „Boys in the Sand!“ eingeladen, ohne darüber aufgeklärt zu werden, um welche Art Pornofilm es sich handelt.
Frankie ist über „the Lawrence of Arabia of vignettes and fucking ball-sacks“ so schockiert, dass er es nicht lange im Kinosaal aushält. Für Ashley sind all die Penisse, die sie auf der Leinwand sieht, hingegen „just a regular night“. Man weiß in diesem Moment gar nicht, ob man lachen oder es doch lieber traurig finden soll. Jedenfalls hat Frankie seine Libido keinesfalls verloren, weshalb er und Ashley auch in einem für sie ungewohnt komfortablen Hotelzimmer landen. Am nächsten Tag jedoch bricht die Realität über sie herein und Abby (Margarita Levieva) muss mit einer Notunterkunft aushelfen.

Frankie ist da schon wieder nirgendwo zu sehen, hat aber immerhin eine gute Ausrede. Für Rudy Pipilo (Michael Rispoli) soll er erste Modelle von „The Masturbatory“ anfertigen lassen, nachdem der für Frieden zwischen den Mafiafamilien gesorgt hat. Wie lange seine Sexgeschäfte aber noch so problemlos weiterbetrieben werden können, weiß er nicht. Sollte John Lindsay, Bürgermeister von New York und Präsidentschaftskandidat der Demokraten, das höchste Amt im Staat nicht erobern, fürchten er und seine Kollegen neue Repressalien gegen ihr Gewerbe.
Till then, au reservoir!
Dabei gibt es bereits jetzt genug - meist monetäre - Hürden, die es zu überspringen gilt. Zu spüren bekommt das momentan hauptsächlich Bobby (Chris Bauer), der nun nicht nur wöchentlich an seinen Paten und den 14. Polizeibezirk abdrücken darf, sondern auch an Detective Haddix (Ralph Macchio), seines Zeichens Repräsentant der neu gegründeten Public-Morals-Taskforce. Dieses Problem ist jedoch eher das kleinste, mit dem sich der Massagesalonbetreiber herumschlagen darf. Die größeren Kopfschmerzen bereiten ihm seine Angestellten.
Ganz unschuldig ist Bobby daran jedoch nicht. Seinen Liebling Tiffany (Danielle Burgess) hält er unverhohlen von Freiern fern und zahlt ihren Verdienst aus eigener Tasche. Das kommt bei Ruby (Pernell Walker) und Konsorten denkbar schlecht an. Außerdem bricht Shay (Kim Director) nach einem zu heftigen Ritt auf dem white horse zusammen und muss ins Krankenhaus gebracht werden, und die von Darlene (Dominique Fishback) aus North Carolina mitgebrachte Bernice (Andrea-Rachel Parker) erweist sich als ungeeignet für den Job.
Überdies sind die Verdienste im Salon schlechter als auf der Straße, was Barbara (Kayla Foster) dazu zwingt, einem Freier während eines Dreiers mit Melissa (Olivia Luccardi) Geld zu stehlen. Beide müssen unterschiedlich hart dafür büßen, was ihren Zuhältern Reggie (Tariq Trotter) und Larry (Gbenga Akinnagbe) den Sinn ihrer Arbeit zurück ins Gedächtnis ruft. Davor beschwerte sich letztgenannter bei Rodney (Method Man) und CC noch darüber, dass der Erfolg der Massagesalons ihnen größtenteils Langeweile einbringe.

Einmal nur schaut sich Cafébesitzer Leon (Anwan Glover) an, wie Melissa von Reggie behandelt wird. Beim zweiten Mal schon zückt er seinen Revolver, richtet ihn auf den Gewalttäter und drückt emotionslos ab. In aller Seelenruhe nimmt er danach den Telefonhörer, wählt die Nummer der Polizei und deklariert ungerührt: „I just shot a nigger.“ Wäre dies nicht so dramatisch gewesen, hätte ich glatt lachen können - nicht nur angesichts Leons Stoizismus, sondern auch wegen der Genugtuung ob des Schicksals von Reggie, dem bislang unbarmherzigsten Zuhälter.
Santa never delivered
Am Ende ist es nicht nur er, der sich aus der Serie verabschiedet, sondern wohl auch Ashley, die mit Abbys Unterstützung in ein neues Leben in Lackawanna bei Buffalo aufbricht, wo ihre Schwester wohnt. Dort sei sie zwar noch nie gewesen, weil es eben Lackawanna sei, jedoch sei das immer noch besser, als zurückzugehen nach West Virginia. Ob Lori (Emily Meade) auch bald an einen solchen Punkt kommt? Nachdem sie von Eileen (Maggie Gyllenhaal) am Set Unterstützung in Sachen Performance bekommen hat, sieht es jedenfalls nicht danach aus.
Viel eher suggeriert uns eine verblüffende Szene in Mooneys Sexladen, dass sie stolz auf ihre Pornoauftritte ist. Überdies offenbart Eileen während der Kooperation mit Lori ein bislang unentdecktes Talent als Artdirektorin und Regisseurin, das auch an Harvey Wasserman (David Krumholtz) nicht vorübergeht. Er fragt sie deshalb, wie sie in dieses schmutzige Business geraten sei und stellt eine ähnliche Theorie auf wie Rodney vor ein paar Episoden. Eileen gibt darauf die beste, nämlich keine, Antwort und widmet sich wieder ihrem neuen day job als Eskortdame.
Eine seligmachende Hommage an The Wire findet sich indes im Handlungsbogen um Chris Alston (Lawrence Gilliard Jr.). Seine neue Freundin, Reporterin Sandra (Natalie Paul), weist ihn darauf hin, dass es doch großen Sinn ergeben würde, die Besitzurkunden all der neu eröffneten Massagesalons anzusehen, um dahinter vielleicht ein Muster zu erkennen. Lester Freamon (Clarke Peters) würde bei so viel Geistesgegenwart wahrscheinlich in Freudentränen ausbrechen. Außerdem erfährt Alston beim Herumführen seines neuen Vorgesetzten McDonagh (Ed Moran) eine bittere Realität über schwarze Polizisten.
Wären all diese Handlungsbögen nur so geschickt miteinander verwoben und die Charakterzeichnung so interessant und tiefgründig, würde das schon genügen, um The Deuce als beste neue Dramaserie des Jahres auszuzeichnen. Hinzu kommen aber noch die exquisite Ausstattung, das bis in die kleinsten Nebenrollen makellose Schauspiel und die geradezu köstlichen Dialoge, die aus einem Serienmenü im piekfeinen Ein-Sterne-Restaurant eines in einem noblen Zwei-Sterne-Etablissement machen. Dürfte man es, man würde sich danach glatt die Finger ablecken.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 23. Oktober 2017The Deuce 1x07 Trailer
(The Deuce 1x07)
Schauspieler in der Episode The Deuce 1x07
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