The Deuce 1x06

© arry (Gbenga Akinnagbe, l.) und CC (Gary Carr) sind zu Beginn noch amüsiert von Vinces Geschäftsvorschlag. / (c) HBO
Wie in so vielen David-Simon-Serien wächst auch im zweiten Teil der ersten Staffel von The Deuce zusammen, wofür im ersten Teil die dramaturgischen Grundlagen gelegt wurden. Manche Handlungsbögen sind dabei schwieriger zu durchschauen als andere. Eines ist jedoch klar, auch wenn man als Zuschauer nicht gleich überall durchsteigt: Alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Einen echten Überblick über ebenjene Zusammenhänge haben nur die wenigsten Figuren in dieser Serie. Sie sitzen mit uns in einem Boot und können genießen.
Patience is a virtue
Die Macht, die die neuen Regeln am Times Square und entlang „The Deuce“ bestimmt, bleibt größtenteils unsichtbar. Nur einmal begleiten wir Rudy Pipilo (Michael Rispoli) und seinen Anwalt James Schuster (David Aaron Baker) in einen Gerichtssaal, wo zu beobachten ist, was in der gesamten Stadt passiert: Die sogenannten Obszönitätsgesetze werden von Richtern reihenweise gekippt, weil sie aus ihrer Sicht gegen die Zusatzartikel 1 und 14 der Verfassung verstoßen. Dies macht den Weg frei für einen viel aufgeklärteren Umgang mit Pornographie.
Die Profiteure davon stehen längst in den Startlöchern. Zu ihnen gehören Leute wie Regisseur Harvey Wasserman (David Krumholtz), der nicht genau weiß, wie diese justizielle Aufweichung vonstatten geht, der aber sehr wohl erkennt, dass er diese Situation für sich ausnutzen sollte, und zwar „one pubic hair at a time.“ Der zu erwartende Boom in dieser Art von Filmproduktion dürfte nun zwar nicht mehr lange auf sich warten lassen, ist aber auch noch nicht da, weshalb sich Eileen (Maggie Gyllenhaal) noch ein wenig gedulden muss, bevor sie voll ins Filmgeschäft einsteigen kann, auch hinter der Kamera.
Immerhin hat Wasserman ein so schlechtes Gewissen wegen der dürftigen Auftragslage, dass er Eileen das Angebot macht, bei der Betreiberin eines Escort-Services vorzusprechen. Dies ist für sie zwar keine Ideallösung, aber sie hätte damit wenigstens die Chance, dem Straßenstrich ein für alle Mal den Rücken zu kehren. Das Versprechen an ihre Mutter Joan (Carolyn Mignini), sie von den Erziehungsaufgaben für ihren Sohn zu befreien, muss dann eben doch noch warten. Die Richtung stimmt, auch wenn es für uns Zuschauer schwer mit anzusehen ist, wie sich Eileen im grellen Scheinwerferlicht vor versammelter Mannschaft im Intimbereich säubert.

Als am Set dringend eine brünette Ersatzdarstellerin gesucht wird, bekommt auch Lori (Emily Meade) ihren ersten Auftritt. Allerdings müssen Wasserman und seine Crew dafür viel tiefer in die Tasche greifen als zunächst angenommen. Loris Zuhälter CC (Gary Carr) kann sein Straßengehabe nicht ablegen, sondern erwartet eine aus seiner Sicht angemessene Kompensation für die Einnahmen, die Lori auf dem Strich hätte erzielen können. Ob er sich auch nach den Aktionen der Polizei noch so vorlaut verhalten wird, bleibt abzuwarten.
Nothing avant-garde
Die Cops des 14. Bezirks bekommen nämlich den Auftrag, zum Jahresende rund um den Times Square aufzuräumen. Die Intention dahinter ist klar: Das Bild vom zerlotterten Rotlichtviertel soll mit einem touristenfreundlicheren überpinselt werden. Hierzu muss den Zuhältern deutlich klargemacht werden, dass sie und ihre Frauen auf der Straße keine ruhige Minute mehr haben werden. Also werden ganze Wannenladungen Prostituierte verhaftet und die Zuhälter müssen tatenlos mit ansehen, wie ihre aufgemotzten Karren abgeschleppt werden. Was das Ganze bringt? Laut Alston (Lawrence Gilliard Jr.) nichts, wie er Sandra (Natalie Paul) verrät.
Später hat er aber doch noch eine potentiell explosive Geschichte für sie. Er und Kollege Flanagan (Don Harvey) haben nämlich genug davon, dass sich ihre korrupten Vorgesetzten die eigenen Taschen vollmachen. Konkret gezeigt wird uns das anhand des Beispiels von Lieutenant Sweeney (Shaun O'Hagan), der kürzlich erst im „Hi-Hat“ den wöchentlichen Bestechungspreis verkündete und das Gleiche nun auch im Massagesalon wiederholt, was Mister „Ich bin hier nur der Barkeeper“ Bobby (Chris Bauer) zwar leicht verärgert, aber nicht wirklich erstaunt.
Allzu großes Kopfweh dürfte auch Vince (James Franco) diese weitere Abgabe nicht bereiten, schließlich ist das the cost of doing business. Er kann vielmehr immer noch nicht richtig fassen, welches Geschäft er da gerade betreibt: „Runnin' whores with my sister's fuckin' husband.“ Einen ersten Dämpfer erhält er zu Beginn der Episode, als er und Bobby von den Zuhältern wegen seines Massagesalon-Pitchs ausgelacht werden. Am Ende jedoch hat sich das Ganze wie von selbst geregelt: Kleinlaut erkundigen sich Reggie (Tariq Trotter) und Rodney (Method Man) nach den Konditionen. Nur Larry (Gbenga Akinnagbe) bleibt skeptisch.

Sein Nummer-eins-Mädchen Darlene (Dominique Fishback) landet schließlich aber doch dort, weil er ihr nach den jüngsten Polizeiaktionen eine deutliche Wahl gegeben hat: „The movies or the ho-house.“ Ihre Begeisterung hält sich angesichts der zu dünnen Wände allerdings stark in Grenzen, weshalb es gut sein könnte, dass sie auch bald vor die Wasserman'sche Kamera tritt. Die dabei gedrehten Filme könnten dann im von Frankie (James Franco) eindeutig betitelten „The Masturbatory“ laufen, eine neue Geschäftsidee, die eigentlich von Big Mike (Mustafa Shakir) ersonnen wurde.
Misdemeanor faggotry
Das ungleiche Duo bietet sich Rudy Pipilo für eine Sonderaufgabe an, liefert dabei gute Arbeit ab und macht den Gambino-Gangsterboss damit noch glücklicher, als er es mit seinem ehrlichen Geschäftspartner Vince sowieso schon ist. Zusammen verfolgen sie zwei Schergen des rivalisierenden Genovese-Clans, mit dem die Gambinos eine Pornoautomatenkooperation betreiben. Pipilo befürchtet aber - zu Recht, wie sich dank Mike und Frankie herausstellt -, dass Marty Hodas (Saul Stein) und Konsorten den Ertrag nicht gerecht aufteilen. Also lässt er nachzählen. Beschwerden der Konkurrenz darüber sind an die nächsthöhere Instanz zu richten.
Momentan sieht es danach aus, als gäbe es keinen ernst zu nehmenden Widersacher für Pipilo und all jene, die mit ihm Geschäfte machen. Das liegt ganz einfach daran, dass er von allen Protagonisten am besten informiert ist. Ob ein solcher Gegenspieler bis zum Ende der ersten Staffel von The Deuce noch auftauchen wird, darf bezweifelt werden. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass die Mafia in sämtlichen anrüchigen Geschäftszweigen auf beachtliche Weise reüssiert. Für eine Simon-Pelecanos-Produktion ist das aber auch ein bisschen ungewöhnlich.
Allerdings porträtieren sie diese Welt so umfassend, dass die Abwesenheit von Hindernissen nicht so schwer ins Gewicht fällt. Ein Beispiel dafür ist die kurze Unterhaltung zwischen Paul (Chris Coy) und Abby (Margarita Levieva), zwei Figuren, die nur tangential mit der schönen neuen Porno- und Prostitutionswelt zu tun haben und deshalb auch ein bisschen naiv sind, was ihre Betrachtung von Sex und Sex als Geschäft angeht: „If it wasn't so much fun, it'd be ridiculous.“ Für sie ist Sex Spaß, für andere harte Existenzgrundlage. Das erahnen sie zwar, können es aber nicht nachvollziehen. Auch dafür ist in dieser Serie Platz. Und das ist sehr gut so.
Trailer zu Episode 1x07: „Au Reservoir“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 16. Oktober 2017The Deuce 1x06 Trailer
(The Deuce 1x06)
Schauspieler in der Episode The Deuce 1x06
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