The Deuce 1x05

© bermals versucht Zuhälter Rodney (Method Man), Eileen (Maggie Gyllenhaal) anzuwerben. / (c) HBO
Auch in der Episode What Kind of Bad? ist wieder einiges los entlang The Deuce. Sie eröffnet jedoch an einem ungewohnten Ort. Entgegen meiner Vermutung in der Review zu I See Money hat Darlene (Dominique Fishback) das Busticket nach Hause nicht verschmäht, das ihr von Abby (Margarita Levieva) zugesteckt wurde. Allerdings nutzt sie es auch nicht für den ursprünglich angedachten Zweck. Zu Hause in North Carolina angekommen, besucht sie nicht etwa ihre Verwandtschaft, sondern geht auf Talentsichtung.
Uplift only
Eventuell ist das die einzige Möglichkeit, wie sie ihrem Zuhälter Larry (Gbenga Akinnagbe) den Heimaturlaub abschwatzen konnte. Dagegen spricht, dass sie offensichtlich schwer gelangweilt ist von dem, was ihre alten Freundinnen zu erzählen haben. Eine andere Erklärung liefert am Ende der Episode ihre Kollegin Ashley (Jamie Neumann) gegenüber der weiterhin sehr verwirrten Abby: „Maybe she likes her life the way it is.“ So schwierig es auch sein mag, diese Erklärung zu akzeptieren, so nachvollziehbar ist sie doch.
Wir wissen nicht, welche Vorgeschichte Darlene hat, ob sie einst einfach nur aus einem Wunsch nach aufregendem Großstadtleben nach New York floh, oder ob sie auch zu Hause schon misshandelt wurde. Aber wie wir bereits an Lori (Emily Meade) und nun auch an Bernice (Andrea-Rachel Parker) erkennen können, ist der Nachschub an jungen Frauen, die genau wissen, worauf sie sich einlassen, nicht vom Versiegen bedroht. Abbys Unverständnis demgegenüber ist verständlich - sie dient als unsere Vertretung in dieser Welt -, aber ein reines Aburteilen dieser jungen Frauen ist viel zu kurz gegriffen.
Ashley weiß, wovon sie spricht: „Daddys, husbands and pimps, they're all the same. They love you for who you are until you try to be someone else.“ Ja, die Zuhälter behandeln ihre Prostituierten oftmals verachtenswert, aber wer sagt eigentlich, dass ein Ehemann, ein Chef oder gar ein Vater seine Macht nicht minder verachtenswert einsetzt? Diese Frauen haben bestimmt allesamt dramatische Vorgeschichten, aber manchen von ihnen war es zu Hause vielleicht auch einfach nur ein bisschen zu langweilig. Deswegen verschwenden sie auch keinen Gedanken daran, dorthin zurückzukehren.

Die Einzige, die momentan wirklich an ihrem Beruf verzweifelt, ist Eileen (Maggie Gyllenhaal). Nach ihrer Tour de Force in der letzten Woche bürden ihr die Autoren Will Ralston und Chris Yakaitis dieses Mal eine noch schwerere Last auf. Von einem vermeintlichen Freier wird sie so sehr verprügelt, dass selbst eine dicke Lage Schminke nicht kaschieren kann, was ihr zugestoßen ist. Der stets um ihre Dienste werbende Zuhälter Rodney (Method Man) erkennt darin sofort seine Chance, sie zukünftig unter seine Fittiche zu nehmen.
Lucky me
Das Gespräch zwischen ihnen hat mehrere erschreckenden Komponenten. Nicht nur erwähnt Rodney mehrere Vorfälle dieser Art, die ihr in den vergangenen Jahren zugestoßen sind. Eileen ist es offensichtlich gewohnt, in regelmäßigen Abständen schwer verprügelt zu werden. Und trotzdem riskiert sie Nacht für Nacht ihre körperliche Unversehrtheit. Als sie außerdem Rodneys Avancen abwehrt, wechselt der sogleich in den absoluten Ekelmodus und erniedrigt sie vor Freundinnen, Kolleginnen und potentiellen Kunden, indem er sie nach dem Trauma befragt, das sie auf die Straße getrieben habe.
Das macht die romantische Vorstellung von der Sexarbeiterin, die dies aus ganz freien Stücken tut, natürlich postwendend zunichte. Obwohl wir es nie vergessen haben, wissen wir wieder, in wessen fähigen Autorenhänden wir uns befinden. Mit ihrem love interest läuft es für Eileen übrigens auch nicht besonders rund. Der Sex mit Jack (Will Chase) ist für sie nicht befriedigend, woraufhin sie keinerlei Scheu zeigt, selbst nachzuhelfen. Dann fragt er sie nach einem richtigen Date mit Freunden, bevor er ihr Geld für die Taxifahrt zusteckt. Er mag das gut meinen. Dass es für sie trotzdem einem Nackenschlag gleichkommt, macht das nicht besser.
Mich würde ja interessieren, wie Frauen es finden, wenn sie von Männern unmittelbar nach dem Sex gefragt werden, ob sie gerade einen Orgasmus hatten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besonders gut ankommt. Erstens sollte es doch möglich sein, das währenddessen festzustellen. Und zweitens setzt die Frage voraus, dass man zu beschäftigt mit der eigenen Klimaxerlangung war, um auf sein Gegenüber, in dem man gerade steckt, zu achten. In mir löst diese in Filmen häufig gestellte Frage jedenfalls stets übles Fremdschämen aus, weshalb ich sehr froh über Eileens Reaktion war.

All diese negativen Erfahrungen lassen Eileen schließlich wieder bei Pornoproduzent Harvey Wasserman (David Krumholtz) vorsprechen. Der hat gute Nachrichten für sie: In seinen Kameras befindet sich nun wieder Film. Die Erklärung dafür ist ebenso vage wie amüsant: „Something about community standards. Apparently, New York has none.“ Von diesen Drehbuch-Kleinoden lassen sich in What Kind of Bad? wieder allerlei finden. Ob Reporterin Sandra (Natalie Paul) und Cop Alston (Lawrence Gilliard Jr.) nun über den Mythos des Sisyphos philosophieren oder Frankie Martino (James Franco) über das Sexleben von Homosexuellen.
Like the East German track team
Mit wem Letztgenannter diese Unterhaltung führt, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Barkeeper Paul (Chris Coy) ist momentan größtenteils in seinem eigenen Handlungsbogen unterwegs, der uns eher die Schwulenszene New Yorks vorstellen soll, als ihn mit den Vorgängen entlang The Deuce zu verknüpfen. Aber das ist völlig okay. Regisseurin Uta Briesewitz, die der Episode einen fantastischen look gibt, macht aus diesen Szenen für das Format ungewöhnliche kleine Ausflüge. Sowohl die Szene im Sexkino als auch die auf der Party sind echte Sehenswürdigkeiten.
Ganz am Ende entscheidet sich Briesewitz gar für einen Shot, der als Spiegelung der Abschlussszene letzter Woche dient. Vinnie (Franco), der vernünftigere Bruder, begutachtet darin den Fortschritt der Bauarbeiten in seinem als Massagesalon getarnten Bordell. Eigentlich hatte er Rudy Pipilo (Michael Rispoli) via Tommy Longo (Daniel Sauli) bereits eine Absage erteilt. Schwager Bobby (Chris Bauer) offenbart jedoch erstmals große Überredungskünste, indem er Vincent seine düsteren Jobperspektiven ausmalt.
Bisher geriert sich die Mafia hier als jovialer, großmütiger Freund, dem Drohgebärden fremd sind. Beim realitätsnahen Stil, den Serienschöpfer David Simon und Konsorten pflegen, dürfte es jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis auch einem der Martinos ein Nasenbein gebrochen wird. Die andere Option wäre, dass es diese für beide Seiten fruchtvollen Kooperationen wirklich gab. Das mag sein, jedoch sollten Vinnies Befürchtungen hinsichtlich einer zu engen Verzahnung mit Familie Gambino keinesfalls außer Acht gelassen werden.
Der Plotfortschritt zieht im nun begonnenen zweiten Teil der ersten Staffel an, aber es ist immer noch bemerkenswert, mit welch innerer Ruhe und Selbstsicherheit das Autorenteam vorgeht. Es reiht Szene an Szene, bei denen man als Zuschauer denkt, neben den Figuren im Wagen oder im Diner zu sitzen und ihnen bei alltäglichen Gesprächen zuzuhören. Langweilig sind diese Gespräche aber nie, sondern jedes Mal witzig, spannend oder bedrückend. Woche für Woche wird uns Schreibkunst auf höchstem Niveau vorgeführt.
Trailer zu Episode 1x06: 'Why Me'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 9. Oktober 2017The Deuce 1x05 Trailer
(The Deuce 1x05)
Schauspieler in der Episode The Deuce 1x05
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