The Deuce 1x04

© incent (James Franco, M.) sieht in eine ungewisse Zukunft. / (c) HBO
Man ist von dieser Crew gewöhnt, dass sie die auĂergewöhnliche FĂ€higkeit hat, aus vermeintlich alltĂ€glichen VorgĂ€ngen herausragende Szenen zu machen. Man kennt das aus The Wire oder aus Treme. In den ersten drei Episoden von The Deuce standen Plot und Charaktere noch stĂ€rker im Vordergrund, weshalb das rein observierende Element des Drehbuchs noch nicht so deutlich herausstechen konnte. In I See Money holt Drehbuchautorin Lisa Lutz das nun bravourös nach. Sie lĂ€sst Szenen, Figuren und Schauspieler atmen.
To new beginnings
Uns wird dadurch das wahnsinnig befriedigende GefĂŒhl vermittelt, echten Menschen zuzuschauen. Man glaubt, diese Welt und ihre Bewohner schon immer gekannt zu haben. Dank des exzellenten Drehbuchs werden die exzellenten Darsteller in die Lage versetzt, sich in dieser Welt mit schlafwandlerischer Sicherheit zu bewegen. So wird uns ein Eindruck der SelbstverstĂ€ndlichkeit vermittelt. James Franco hat natĂŒrlich schon immer einen Zwillingsbruder und arbeitet in einer Bar in Manhattan. Ebenso natĂŒrlich ist Maggie Gyllenhaal eine Sexarbeiterin, die daran langsam verzweifelt.
Es gibt in dieser Episode zwar einen Plotfortschritt, aber der ist beinahe nahtlos eingebettet in die beobachtende Natur der ErzĂ€hlung. Diese konzentriert sich auf die Schnittstellen all der unterschiedlichen IdentitĂ€ten, die entlang âThe Deuceâ aufeinandertreffen - und die dort koexistieren, ohne jemals zu verstehen, wie das jeweilige GegenĂŒber tickt. Aus Aufregung kann dabei schnell Desillusion werden, wie man in dieser Episode bei niemandem stĂ€rker spĂŒrt als bei Eileen aka Candy (Gyllenhaal mit einer fantastischen Schauspielleistung). Sie muss einen Nackenschlag nach dem anderen aushalten.
Schon im cold open geht es los, das dieses Mal wortwörtlich zu nehmen ist. Lori (Emily Meade) und Eileen stehen nĂ€mlich im Regen und stellen ernĂŒchtert fest, dass der StraĂenbetrieb fĂŒr den Abend wohl ausfĂ€llt. Also weicht Eileen ins Pornokino aus, wo ihr beim ersten Freier eine Ratte ĂŒber den Arm lĂ€uft, bevor kurze Zeit spĂ€ter bereits der zweite Freier anklopft. In dieser wie auch zwei weiteren Szenen sieht sie einfach nur noch mĂŒde aus, bringt gerade mal die Kraft auf, nicht nein zu sagen. FĂŒr eine zĂ€rtliche Geste, die sich ein neuer Freier wĂŒnscht, reicht es aber schon lange nicht mehr.

Und dann kommt es noch dicker - im wahrsten Sinne des Wortes. Ebenjener Freier, dem sie gerade noch beinahe abgesagt hĂ€tte, stirbt, wĂ€hrend sie ihn oral befriedigt. Ihrer Verstörtheit nach zu urteilen, muss ihr das zum ersten Mal passiert sein. Sie schafft es gerade noch, einem Polizisten Bescheid zu sagen, sucht dann aber Zuflucht bei Ruby (Pernell Walker), wo sie ganz offen ausspricht, dem Business baldmöglichst den RĂŒcken kehren zu wollen. Aber so einfach ist es nicht. Irgendwo muss die Kohle ja herkommen. Der Traum vom FilmgeschĂ€ft scheint hier bereits wieder Vergangenheit, wird zumindest mit keinem Wort erwĂ€hnt.
Used to pain
Ein zwar weit hergeholter, aber doch nicht ganz unvorstellbarer Ausweg könnte sein, den richtigen Mann zu finden. Vielleicht lĂ€sst sich Eileen auch deshalb auf ein Date mit Jack (Will Chase) ein, den sie im MusikgeschĂ€ft kennenlernt. Dieses lĂ€uft jedoch eher schlecht, da es Eileen offensichtlich schwerfĂ€llt, zwischen sich und Candy zu unterscheiden. Immer, wenn Jack etwas auch nur ansatzweise Intimes wissen will, zieht sich Eileen in ihren Candy-Schutzpanzer zurĂŒck. Sie trĂ€gt beim Date sogar eine PerĂŒcke, so vorsichtig ist sie geworden. Aber wer könnte es ihr verdenken? Wie kann bei diesem Job Platz fĂŒr echte Liebe bleiben?
Den finalen Magenschlag bekommt Eileen in Leons Diner verpasst. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, was ihr zugestoĂen ist. Statt aufmunternden Worten erntet sie aber nichts als Hohn und Spott. Frankie, seine Zockerkumpels und die uns bestens bekannten ZuhĂ€lter mögen es vielleicht sogar gut meinen, als sie ihr einen Spitznamen verpassen und stehenden Applaus geben, aber fĂŒr Eileen sind das alles nur schmerzhafte Erinnerungen daran, welch tiefes Loch sie sich selbst gegraben hat, als sie einst beschloss, den Pfad der Prostitution zu betreten.
Auf diesem wandelt auch Darlene (Dominique Fishback), die in ihrer Desillusion noch nicht annĂ€hernd so weit fortgeschritten ist wie Eileen. Hier muss sie sich von Abby (Margarita Levieva) eine einfache Frage stellen lassen, die sie in dieser Form bestimmt schon zigfach beantwortet oder ignoriert hat: Wie ist sie auf der StraĂe gelandet? Darlene gibt darauf nur halbherzige Antworten, weil Abby es angesichts ihres völlig unterschiedlichen soziokulturellen Hintergrunds sowieso nie verstehen wĂŒrde. Das Busticket nach Charlotte, das Abby ihr daraufhin schenkt, wird sie wohl nicht lösen.

Plot und Beobachtung verschmelzen im Handlungsbogen um Vincent (James Franco). Er hat gleich an mehreren Fronten mit aufziehender oder schon lange schwelender Unzufriedenheit zu kĂ€mpfen. Die GeschĂ€fte mit Gangsterboss Pipilo (Michael Rispoli) laufen so gut, dass der sich schon ĂŒber Vinces Ehrlichkeit wundert. Die Belohnung lĂ€sst nicht lange auf sich warten, wenngleich uns Zuschauern vorenthalten wird, was die Zukunft fĂŒr Vince bereithĂ€lt. Aller Wahrscheinlichkeit ist Abby Teil davon - im Gegensatz zu Ehefrau Andrea (Zoe Kazan), die eine deutliche Absage erhĂ€lt.
Break a few eggs to make an egg sandwich
Zum ersten Mal ziehen die Mafiosi in I See Money ihre Maske der falschen Freundlichkeit ab, die ihnen sowieso niemand so wirklich abgekauft hat. Als sich auf der Baustelle Widerstand gegen die zusĂ€tzliche, inoffizielle Steuer regt, wird dem RĂ€delsfĂŒhrer eine deutliche Botschaft verpasst - und zwar so, dass es alle sehen können. Es wĂ€re ja auch zu schön gewesen, wenn es fĂŒr Vince weiter so gut gelaufen wĂ€re. Und es wĂ€re auch keine Serie von David Simon gewesen, weshalb dieser nicht gerade minderschwere RĂŒckschlag zu erwarten war.
Leiser geht es in einer Szene zwischen Vince und seinem Barkeeper Paul (Chris Coy) zu, die deshalb aber nicht weniger Eindruck hinterlĂ€sst. Paul hat Probleme mit seinem Freund, weil der noch nicht bereit ist, sich öffentlich sehen zu lassen. Entsprechend mies ist seine Laune bei der Arbeit, was an people person Vincent nicht vorbeigeht. Dennoch gelingt es Vince nicht, die richtigen Worte zu finden. Er hat keine Ahnung von der Welt der Schwulen, weiĂ mit dem Begriff âStonewallâ nichts anzufangen und hĂ€lt den damit verbundenen dreitĂ€gigen Aufstand fĂŒr eine Randnotiz in den Abendnachrichten. FĂŒr Paul jedoch ist das eine ganze Welt.
Wie schon bei Abby und Darlene treffen hier Figuren aufeinander, denen der Zutritt zur Welt des jeweils anderen wohl stets verschlossen bleiben wird. Sie können mit freundlichen Gesten an die HaustĂŒre klopfen, Einlass werden sie jedoch keinen bekommen. Sie sind dort so fremd wie Journalistin Sandra (Natalie Paul) auf dem StraĂenstrich, wo sie von Streifencop Alston (Lawrence Gilliard Jr.) sogleich als Sonderling identifiziert wird. Man kann sich verkleiden, man kann die Sprache annehmen, aber man wird als AuĂenstehender niemals ganz in einem fremden Milieu aufgehen können.
Beachtlich an Lutzs Drehbuch ist neben der beobachtenden ErzĂ€hlung auch der Wortwitz und die omniprĂ€senten popkulturellen Referenzen. Vincent bezeichnet sich selbst als „regular Dale Carnegie“, weil ihn Pipilo fĂŒr seine KommunikationsfĂ€higkeiten lobt. Alston wird von Kollege Flanagan (Don Harvey) als „Deputy Fife“ verhöhnt, als er die Grenzen des befohlenen Verhaftungsverbots austestet. Und schlieĂlich wĂ€re da mit âBlack Frankieâ (Thaddeus Street) eine weitere neue Figur zu nennen, die sich bei Vince einen Job als „gunman“ sichert - trotz drohender Ăberbevölkerung keine Gefahr der Langeweile.
Trailer zu Episode 1x05: 'What Kind of Bad'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 2. Oktober 2017The Deuce 1x04 Trailer
(The Deuce 1x04)
Schauspieler in der Episode The Deuce 1x04
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