Supergirl 1x19

Nach dem Crossover-Event mit The Flash ist vor dem Staffelfinale: Die Superheldenserie Supergirl biegt mit der Episode Myriad nun endgültig auf die Zielgerade seiner ersten Staffel ein und setzt zu einem gewaltigen Schlussspurt an. Nach dem beachtlichen Quotenerfolg des Aufeinandertreffens zwischen der Maid aus Stahl und dem schnellsten Mann der Welt will man den jüngsten Aufschwung (trotz erneuter mehrwöchiger Pause) von „Supergirl“ mitnehmen und fährt nun eine Woche vor dem Ende der ersten Staffel schwere Geschütze auf - und das macht sich bezahlt.
„Myriad“ ist eine der besten Episoden des noch sehr jungen Formats, was aber nicht nur an den guten Darbietungen der Darstellerriege oder den actionreichen Höhepunkten zwischendurch liegt. In dieser Episode zeigt sich vor allem, dass die konsistente Charakterzeichnung der Figuren über die gesamte Staffel von extrem großem Wert ist. Es werden gleich mehrere schwierige Fragen für unsere Heldin aufgeworfen und die unterschiedlichsten Standpunkte kollidieren. Das Interessante ist jedoch, dass man selbst die eigentlichen Antagonisten in ihrem Handeln nachvollziehen kann, was es für Supergirl nur noch umso schwieriger macht, eine Entscheidung zu treffen, um die Bevölkerung von National City beziehungsweise die gesamte Menschheit zu retten.
Symbol of hope
Gelegentlich leistet man sich den einen oder anderen Aussetzer, gestaltet sich manch Handlungsstrang oder manche Wendung etwas zweckdienlich und herrlich simpel (ein Beispiel: Supermans „Auftritt“, den man letztlich nur belächeln kann, weil der strahlende Superheld furchtbar einfach aus dem Spiel genommen wird, liegt es doch an Supergirl, den Tag zu retten und nicht an ihrem Cousin). Im Großen und Ganzen können kleinere Probleme wie diese aber erfolgreich durch die schwungvolle Erzählung, der bisher wohl größten Herausforderung für Supergirl und ein aufregendes Ende aufgewogen werden. Eine Schande, dass wir uns noch eine Woche gedulden müssen, bis dieser Zweiteiler zum Finale der ersten Staffel von „Supergirl“ aufgelöst wird.

Beyond recovery
Doch, bevor es zum fulminanten Schlusspunkt kommt, der uns ein episches Duell der Danvers-Schwester - die hirngewaschene Alex (Chyler Leigh) im Kryptonit-Superanzug gegen die nachvollziehbarerweise zaghafte Kara (Melissa Benoist) - verspricht, muss erst einmal etwas Klarheit geschafft werden, welchen perfiden Plan Karas Onkel Non (Chris Vance) mit dem geheimnisvollen Projekt Myriad und der Unterstützung der verführerischen Indigo (Laura Vandervoort) verfolgt. Karas Nächste und Liebste sind allesamt unter dem merkwürdigen Einfluss Nons, ohne eigenen Willen und ferngesteuert, so dass sie sich nach einer kurzen Prügeleinlage bei der DEO mit dem Rücken zur Wand und auf sich allein gestellt wiederfindet.
Die Freilassung zahlreicher fieser Alienwesen (darunter Superbraut Maxima vom Planeten Almerac, die einst beinahe Kal-El aka Superman geheiratet hätte) kann Supergirl mit der Zerstörung der Steuerkonsole noch verhindern (was anscheinend das komplette System auf Eis legt, da die Möglichkeit der manuellen Befreiung der außerirdischen Schwerenöter von Non nicht weiter in Erwägung gezogen wird), während Lucy (Jenna Dewan Tatum) sie unter Beschuss nimmt. Kara steht allein auf weiter Flur und erhofft sich zumindest etwas Hilfe von ihrem Cousin, der jedoch noch anderweitig beschäftigt ist. In den heiligen Hallen der Festung der Einsamkeit bekommt sie über das Hologramm ihrer Mutter Alura (Laura Benanti) dann aber einen hilfreichen Überblick, was Myriad genau ist und Non vorhat.
Mind control
Bei Myriad handelt es sich um dasselbe „Programm“, mit dem der kryptonischen Bevölkerung einst das Gehirn gewaschen und die Kontrolle über deren Gedanken übernommen werden sollte, um so ohne weitere Gegenwehr Maßnahmen einleiten zu können, den Planeten vor seiner Zerstörung zu bewahren. Nichts anderes soll nun auf der Erde passieren: Astra plante von Beginn an, die Menschen zu kontrollieren und so zu verhindern, dass die Welt noch mehr zu Grunde gerichtet wird. Non führt diese Mission nun weiter, doch ist die Gedankenkontrolle und im Grunde genommen systematische Versklavung der Menschheit der richtige Weg, deren Untergang zu verhindern? Oder gibt es eine andere, weniger drastischere Möglichkeit, wie auch Astra in den letzten Zügen ihres Daseins eingesehen hat?
Insbesondere das zwischenzeitliche Treffen zwischen Non und seiner Nichte führt uns in Myriad sehr eindringlich das Dilemma für unsere Heldin vor Augen: Eigentlich hat Non gar nicht mal so Unrecht, wenn er sagt, wie die Erde vor die Hunde geht und es doch schon längst so weit ist, dass ein jeder wie eine seelenlose Drone vor sich hinschuftet, während die wahren, globalen Probleme von Nichtigkeiten wie Reality TV und Boulevardberichterstattung überschattet werden. Wird die „Brainpower“ aller Menschen gebündelt, können sie gemeinsam an einer Lösung für die vielen Problemherde arbeiten. Diskriminierung, sei es aufgrund der Hautfarbe, des Geschlechts, der Sexualität oder was auch immer, existiert nicht mehr.
Automatons
Doch führen die Menschen als Teil dieser Schwarmintelligenz überhaupt noch ein eigenes Leben? Sind Nons Methoden nicht viel zu krass und gefährlich, vor allem, wenn jemand wie Indigo ihm den Flo ins Ohr setzt, dass er weit mehr als nur der Herrscher über die Erde sein könnte und jeden Menschen effektiv unterwerfen und zu seiner Marionette machen kann? Supergirl sieht sich demselben inneren Konflikt wie ihre Mutter ausgesetzt, die ebenfalls entscheiden musste, ob sie die Unabhängigkeit der Kryptonier für das Wohl und Wehe ihres Heimatplaneten eintauschen sollte. Als Zuschauer findet man sich beim Abwägen dieser beiden Seiten ein Stück weit zwischen den Stühlen wieder, wobei es letztlich klar sein sollte, dass Nons Weg der falsche ist. Dennoch kommt man etwas ins Grübeln. Die Autoren entwerfen eine nachvollziehbare Pattsituation für ihre Hauptfigur, in der man nicht mit ihr ob der großen Verantwortung, die auf Karas Schultern ruht, tauschen möchte.

The price to pay
Einzig Cat Grant (Calista Flockhart) und Maxwell Lord (Peter Facinelli) (dank einer praktischen Erfindung von letzteren, um die von Nons Leuten gekaperten Lord-Satelliten zu blockieren, die die Gehirnwäsche der Stadtbewohner ermöglichen) stehen Kara in dieser schwierigen Zeit zur Seite, könnten aber kaum unterschiedlichere Standpunkte vertreten: Lord ist bereit, das ultimative Opfer einzugehen (die Auslöschung hunderttausender Menschen, um die Kryptonier zu beseitigen), während Cat einen Appell an Karas Wesen und Überzeugungen als Lösungsmittel sieht. Die junge Heldin wirkt zwischendurch arg ratlos, doch eine beherzte Ansprache Cats, die Kara erst klarmachen muss, was für eine besondere Gabe sie aufgrund ihres Symbolcharakters als Zeichen der Hoffnung in sich trägt, ermutigt Supergirl, sich und ihren Methoden treu zu bleiben. Sonst wäre sie keinen Deut besser als Non oder gar Lord, der aufgrund seiner Angst keine Skrupel zeigt und zum Äußersten bereit ist.
Sowohl die Figurenzeichnung von Kara als auch von Non, Maxwell Lord und Cat Grant weist kaum Lücken auf. Die Charaktere handeln konsistent und nachvollziehbar, so, wie sie lang und breit etabliert wurden. Umso einfacher ist es für uns Zuschauer, ihre jeweiligen Positionen nachvollziehen zu können: Lords Furcht, die durch den Verlust seiner Eltern genährt wurde, deren Tod er hätte vereiteln können. Cats kleine Läuterung, sich anderen Menschen etwas zu öffnen, ging ihr doch Supergirl mit gutem Beispiel voran. Selbst Nons Hass aufgrund Astras Tod ist verständlich. Und natürlich ist da noch Kara zwischen all diesen Fronten, die wieder einmal hervorragend von Melissa Benoist zum Besten gegeben wird.
What needs to be done
Es gefällt mir schlichtweg, wie viel Sinn all die Konflikte in Myriad ergeben, so dass ich gerne dazu bereit bin, etwaige störende Nebenkriegsschauplätze zu ignorieren. Als Non zum Beispiel James (Mehcad Brooks), Winn (Jeremy Jordan) und eine weitere Angestellte CatCos zum Selbstmord verleitet und Supergirl nur die beiden erstgenannten retten kann, wird man sich zwar der Macht Nons bewusst, wirklichen emotionalen Wert hat dieser Schockmoment aber nicht. Dies liegt einfach daran, dass das Todesopfer ein nicht existenter Charakter für uns ist, zu dem wir keinen Bezug haben. Im Gegenzug ist die Dynamik zwischen Benoist, Facinelli und Flockhart Gold wert. Vor allem letztere kombiniert mal wieder die Rolle von Karas Mentorin und der schlagfertigen Powerfrau mit großer Spielfreude - einen köstlichen kleinen Seitenhieb auf ihren Ehemann Harrison Ford inbegriffen.
Während Non von Indigo noch mehr auf die finstere Seite gezogen wird, als er es schon ist (das düstere Sounddesign in dieser Szene ist absolut perfekt), fasst das neu arrangierte Team Supergirl einen anderen Plan: Anstelle einer verheerenden Bombe gefüllt mit Kryponitstaub auf National City fallen zu lassen, soll Supergirl das tun, was sie am besten kann: sie selbst sein. Es läuft wohl auf eine weitreichende Übertragung von einem alten Fernsehstudio aus hinaus, um die Bevölkerung von der Gedankenkontrolle Nons zu befreien und mit Supergirl als Symbol der Hoffnung die Menschen wachzurütteln. Ja, diese Idee klingt ein Stück weit sehr nach unfehlbarer Retterin in strahlender Rüstung, deren schiere Präsenz das Gute in den Menschen zu Tage fördert. Dies ist manch einem vielleicht etwas zu kitschig, einfach oder sogar zu naiv von den Figuren (und Autoren) gedacht, im Kern entspricht diese Gedanke aber vollends Supergirls Charakter und ihrem Ursprung als Comicfigur.
Salvation
Ob und wie Kara das Übermitteln dieser Botschaft an die Menschen von National City bewerkstelligen will, bleibt offen, tritt ihr doch schlussendlich Alex in einem extrem coolen Outfit gegenüber, das mit Blick auf ihren badass-Charakter passender nicht sein könnte. Auch sie fällt letztlich Myriad zum Opfer, nachdem sie mit J'onn (David Harewood) nach National City zurückgekehrt ist, um ihrer Schwester zu helfen. Zuvor befanden sich die beiden noch auf der Flucht (die Tarnung als Mutter und Kind gefällt mir sehr gut) und kehren schließlich bei Alex' Mutter Eliza (Helen Slater) ein, die den guten J'onn sogleich mit tausenden Fragen löchert.
Das Aufeinandertreffen dieser Charaktere ist durchaus charmant, aber nur von kurzer Dauer, kann Alex doch nicht einfach tatenlos herumsitzen, während Kara gegen Non kämpft. Dass Jeremiah noch am Leben sein könnte, behalten Alex und J'onn erst einmal für sich, wollen sie doch nicht zu früh die Hoffnung nähren. Möglich, dass sich die Macher hier die Tür für eine potentielle zweite Staffel aufhalten.

Dass Alex dann Indigo in die Hände fällt, die sich zuvor in einer knackigen, explosiven Auseinandersetzung mit J'onn J'onzz gegen den Marsianer behaupten kann und diesen schwer verletzt, ist ein klein wenig vorhersehbar. Die Erwartungshaltung ob des Staffelfinales in der nächsten Woche wird aber kaum gemindert, ganz im Gegenteil sogar: Als ferngesteuertes Werkzeug Nons will Alex nun Kara ans Leder, die sich wiederum im Konflikt mit sich selbst wiederfindet, ihrer Schwester Einhalt zu gebieten. Ich persönlich kann es kaum erwarten, diesen Kampf zu sehen. Es bleibt abzuwarten, ob es gar zu einem größeren Opfer kommen wird, um Non und Indigo aufzuhalten. Dass dies Supergirl gelingen wird, ist wohl kaum zu bezweifeln. Doch der Weg ist das Ziel. Und ich bin sehr gespannt, wie dieser genau aussehen wird.
Fazit
Supergirl kratzt zum Ende seiner abwechslungsreichen ersten Staffel an der Bestwertung, muss aber aufgrund ein paar bequemer Zweckdienlichkeiten, die den Plot auf den Weg bringen, ein paar Punkte einbußen. Die meisten von diesen sind jedoch leicht zu vernachlässigen, bereitet das Format einem doch nach wie vor große Freude, sei es aufgrund der starken Schauspielleistungen, den spannenden Entwicklungen oder aber auch dem eigenen Ton, den die Serie immer wieder anstimmt. Amüsanten Momenten der Auflockerung weichen immer wieder sehr ernste, emotionale und nachdenklich stimmende Augenblicke, in denen man sich problemlos mit den Charakteren identifizieren kann. Für das Staffelfinale ist nun alles angerichtet, weshalb wir gespannt sein können, wie die Macher ihre Geschichte der ersten Staffel zu einem Ende bringen werden. Die Vorfreude darauf dürfte indes nicht nur bei mir groß sein.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 12. April 2016(Supergirl 1x19)
Schauspieler in der Episode Supergirl 1x19
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