Supergirl 1x13

Für die Episode For the Girl Who Has Everything hat sich das Produzententeam hinter Supergirl in dieser Woche einem der beliebtesten und in den Augen vieler Kritiker besten Comicausgaben zum Mann aus Stahl angenommen: Die Geschichte folgt dabei dem Vorbild des Comics The Man Who Has Everything (zu deutsch: Das Geschenk) aus der Feder des zauseligen Altmeisters Alan Moore und dem bekannten britischen Illustrator Dave Gibbons von 1985. Darin wird Superman von einem außerirdischen Parasiten in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen gehalten, in der sein Heimatplanet Krypton nie zerstört wurde und er ein friedliches Leben mit seiner Familie führt. Probleme sind aber jedoch auch hier vorprogrammiert.
Die Supergirl-Autoren adaptieren diese Erzählung nahezu eins zu eins und machen dabei alles in allem einen grundsoliden, bisweilen sogar sehr guten Job. Wider Erwarten präsentiert man uns keine ausgelutschte „Monster/ Alien of the Week“-Geschichte, sondern verbindet den Auftritt des tentakeligen Parasiten Black Mercy (eine Mischung aus Facehugger, dem Nachwuchs Cthulhus und einer Kletterpflanze) mit den finsteren Plänen der anderen zentralen Antagonisten neben Maxwell Lord in der ersten Staffel der Superheldenserie. Dabei bietet man uns aber gerade zum Ende der Episode eine überraschende Wendung an, die sehr spannende Konsequenzen haben könnte.
Fantasy
Zugegeben, viele Dinge in „For the Girl Who Has Everything“ passieren furchtbar plötzlich und so kann man durchaus kritisch anmerken, dass die Macher vielleicht ab und an zu hastig den Plot vorantreiben. Wie bereits in so einigen Episoden zuvor merkt man den Serienschöpfern um Greg Berlanti, Andrew Kreisberg und Ali Adler mal wieder ihren Hang zum Überfluss an: Die Episode ist vollgepackt mit allerlei Handlung, wodurch vielversprechende Aspekte leider ein wenig unter den Tisch fallen, so zum Beispiel Karas „Ausflug“ nach Krypton. Dies war vielleicht aber auch eine Kostenfrage, und so kommen die Szenen auf Krypton allesamt etwas kurz.

Sweet dreams
Dabei ist dieses Element aber mitunter am spannendsten: Karas Rückkehr zu ihrer Familie; die Erfahrungen, die sie nun macht, welche sie aufgrund der Katastrophe auf Krypton nie machen konnte; ihre Flucht in eine wunderbare Traumwelt, die sie das Leben kosten könnte, während sie erst spät erkennt, was sie in ihrer neuen Heimat der Erde für eine „Familie“ hat - Kara (wie auch ihr Cousin) ist ein heimatloser Außenseiter, auf deren Seele der Verlust ihrer Eltern extrem schwer wiegt. Umso nachvollziehbarer ist, dass sie sich von dem Parasiten in die Irre führen lässt und die von ihm geschaffene Traumwelt als Realität wahrnimmt.
Doch irgendwie fehlt in „For the Girl Who Has Everything“ die eine oder andere Szene, die uns deutlich macht, warum sich Kara so erfolgreich von Black Mercy einlullen lässt und nicht mehr aus dieser Fantasie herauswill. Ein paar Szenen mit ihrer Mutter und ihrem Vater (der eigentlich kaum eine Rolle spielt) sowie ein kurzer Händedruck mit dem jungen Kal-El (Daniel DiMaggio) reichen da nicht ganz aus, um mir persönlich die Schwere von Karas Entscheidung gegen diese gefährliche Fantasievorstellung und für ihr eigentliches Leben auf der Erde zusammen mit ihren Freunden (ihrer neuen Familie) wirklich vor Augen zu führen.
The enemy of my enemy
Während ich gerne ein paar Szenen mehr von Krypton und Karas Leben ohne einschneidende Katastrophe gesehen hätte, um nicht nur die gefährliche Macht von Black Mercy zu verdeutlichen, sondern auch Karas Kampf mit sich selbst, ihr gerade zurückgewonnenes Familienglück wieder aufzugeben, kann ich aber auch nicht abstreiten, dass die Episode hält, was sie verspricht: Sehenswerte Fernsehunterhaltung. Es scheint fast so, als hätte sich Supergirl nach der Winterpause gefunden, die Dynamik unter der Darstellerriege ist herrlich mit anzusehen und das ordentliche Erzähltempo sorgt für wenig Langeweile.
Natürlich kann man in den verschiedensten Szenen auch kleine Details herauspicken, die etwas fragwürdig sind: Maxwell Lord (Peter Facinelli), letzte Woche noch zum Staatsfeind Nummer Eins erklärt, wird recht schnell zum wichtigen Gehilfen gemacht, weil die außergewöhnliche Situation es nun einmal erfordert. Auch Astras (Laura Benanti) emotionale Unentschlossenheit nimmt plötzlich eine sehr prominente Rolle ein und ruft einen moralischen Konflikt in ihr hervor, der bereits angedeutet wurde (ihre Entscheidung gegen Nichte Kara und für ihre Mission beziehungsweise andersherum) und uns nun mit voller Wucht vor den Bug geknallt wird. Manch einer hätte wohl erwartet, dass die Autoren Astras Rolle sowie ihre mögliche Abkehr von ihrem impulsiven Gatten Non (Chris Vance) in der Serie noch etwas ausführlicher behandelt hätten. Am Ende der Episode wird sie jedoch von Alex mit einer Klinge aus Kryptonit (eine coolere Waffe wird man wohl kaum finden) ins Reich der Toten geschickt.
Sense of duty
Kommt dieser Tod zu früh? Hätte man diesen Handlungsstrang noch etwas mehr ausreizen können? Sicherlich, doch dann würde man früher oder später das Risiko eingehen, den „Absprung“ nicht zu finden. Astras Tod fühlt sich zwar nicht unbedeutend an, aber etwas überraschend und wie aus dem Nichts kommt er schon. Eine derartig drastische Entscheidung passt aber auch ein Stück weit zu der neu ausgerufenen Philosophie der Serienmacher, die uns immer weniger Verschnaufpausen geben, ordentlich auf die Tube drücken und dadurch dementsprechend kurzweilige Episoden fabrizieren, die neben Spannung auch eine ganze Menge Spaß machen. Interessant wird es nun zu sehen sein, ob man auch mal wieder etwas das Tempo zügeln kann, woran ich aber wenige Zweifel habe, treten die Macher doch immer wieder den Beweis an, dass sie innerhalb einer Episode auch einmal einen Gang zurückschalten können und die verschiedenen Charaktere glaubhaft und sympathisch interagieren lassen können.

Hard choice
Das Prunkstück in For the Girl Who Has Everything stellt dabei ohne Frage das Duo bestehend aus Melissa Benoist und Chyler Leigh dar, die sowohl einzeln als auch als Szenenpartner groß aufspielen. Benoist punktet dabei mal wieder mit ihrer sehr guten Mimik (ihre Irritation im Rahmen ihrer Fantasievorstellung von Krypton ist förmlich greifbar), aber auch ihre Gestik ist diese Woche ein wahrer Hingucker. In der kleinen Nebenhandlung um Cat (Calista Flockhart) verkörpert sie hervorragend den sehr pragmatischen, kühlen Hank Henshaw (David Harewood), der sich als Kara ausgibt, um ihren Job zu sichern. Sei es ihr andersartiger Duktus oder eben die sehr militärische Gangart, die ein eher kräftiger Typ wie Hank an den Tag legt, Benoist hat sichtlich Spaß an dieser kleinen „Body swap“-Einlage und auch wir als Zuschauer bekommen ein paar hochamüsante Szenen zwischen Cat Grant und Hank aka J'onn J'onzz im Körper von Kara zu sehen. Dies mag vielleicht auch daran liegen, dass Cat und Hank charakterlich gar nicht so verschieden sind und hier zwei Pole aufeinanderprallen, die nur eine Richtung kennen: Geradlinig vorwärts.
Das „heavy lifting“, die Schwerstarbeit in Sachen dramatisches Schauspiel, wird in dieser Woche aber Chyler Leigh zuteil, die dieser Aufgabe wiederum mehr als gewachsen ist. Der Episodentitel trifft dabei genau so sehr auf Kara wie auf Alex zu, die sich als Kind lange mit ihrer Adoptivschwester hat herumärgern müssen und erst später erkannte, wie wertvoll und erfüllend diese Geschwisterbeziehung eigentlich ist. Diese will Alex natürlich nicht verlieren, also kämpft sie mit aller Macht um Kara, während sie dabei auch einige Grenzen überschreitet (wie sie Lord an die Wand nagelt, ist ein Fest) und sich selbst in große Gefahr bringt.
Little sister
Ihr Auftritt in Karas „Traum“ ist dann ein starkes, emotionales Stück Arbeit, das so manchen Kritikpunkt an dieser Folge vergessen macht. Alex' Plädoyer für ihr neues Leben sitzt: Kara wird erfolgreich vor Augen geführt, dass sie sich nicht an einer Sache festkrallen darf, die sie eh nicht ungeschehen machen kann. Dadurch führt sie sich nur selbst Schaden zu. Sie muss sich dem Verlust ihrer Familie stellen, diesen Schmerz akzeptieren und verarbeiten, ihn mitnehmen in ihr neues Leben, in dem sie Halt bei ihren Nächsten findet, die wie eine Familie für sie da sind. Dies zeigen Alex, Winn (Jeremy Jordan), James (Mehcad Brooks) und Hank in For the Girl Who Has Everything gleich mehrfach. Kara muss sich nicht in ihre tragische Vergangenheit und in ein manipulatives Trugbild flüchten, um Glück zu erfahren. Sie hat doch schon längst eine neue Form von diesem gefunden, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Es wird hier schon ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt, doch meiner Meinung nach dürfen sich dies die Autoren auch erlauben, haben sie es bisher doch sehr gut geschafft, ein wunderbares Gebilde an unterschiedlichen Charakteren zu erschaffen, das längst eine Stärke des Formats geworden ist. So sehr man Berlanti und Co. auch dafür kritisieren kann, dass sie oft nicht wissen, wann es vielleicht zu viel des Guten ist, sie zeigen in ihren zahlreichen Serienproduktionen immer wieder ein Händchen dafür, die richtigen Leute zu besetzen, die dann zumeist in einem hervorragend eingespielten Team auftreten, das bereit ist, Opfer füreinander zu bringen.
No place like home
Der abschließende Blick auf Team Supergirl, kurz nachdem Alex sich doch dagegen entschieden hat, Kara die Wahrheit über Astra zu sagen (Hank nimmt ihren Tod auf sich), fühlt sich echt und authentisch an. Während vielleicht manch einer mit den Augen rollt, ist das traute Zusammensein der Freunde zum Ende der Episode letztlich die Quintessenz der gesamten Episode, ein runder Abschluss, der uns vor Augen führt, dass es mehr als nur die Familie gibt, in die man hineingeboren wird. Derweil habe ich kaum Zweifel daran, dass Kara früher oder später in Erfahrung bringen wird, dass Alex Astra auf dem Gewissen hat. Hier dürfte es noch zu einem Konflikt zwischen den beiden Schwestern kommen, war Kara doch nie wirklich bereit, ihre Tante aufzugeben. Sie war überzeugt, Astra doch noch auf ihre Seite ziehen zu können, Alex hat diesem Unterfangen jetzt jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es wird sich zeigen, was die Autoren aus dieser Problematik machen werden.

Für etwas Spektakel ist indes zum Ende gesorgt, als zum einen Kara gegen Non antritt, welcher den Parasiten auf sie losgelassen hat, und Alex gleichzeitig zusammen mit J'onn J'onnz gegen Astra kämpft. Während das Scharmützel zwischen J'onnz und Astra etwas abgehackt aussieht, gefällt mir die wuchtige Tracht Prügel, die Kara ihrem Onkel verpasst, schon weitaus besser. Ihre Wut, weil sie Non ein weiteres Mal den Verlust ihrer Familie hat durchleben lassen, ist greifbar und ein unaufhaltbarer Antrieb, der selbst Non auf dem falschen Fuß erwischt. Dieser tritt letzten Endes die Flucht an, hat aber dank eines Virus und dem Zugriff auf Lords Technologie ein dubioses Programm (?) namens Myriad in die Wege geleitet, dass bisher mehr Rätsel als alles andere aufgibt. Um was es sich hierbei genau handelt, ist nicht klar, ebenso, ob noch mehr hinter der Motivation Nons steckt oder er einfach nur aus Machtgründen die Menschheit in die Knie zwingen will, was ehrlich gesagt etwas lahm wäre.
Fazit
Supergirl macht in der Episode For the Girl Who Has Everything vieles richtig, auch wenn man hier und da ein paar kritischere Töne anschlagen kann. Hanks Auftritt als Kara ist zwar spaßig, aber wird Winn und James später einfach mal halb durch die Blume mitgeteilt, dass Hank Kara gespielt hat, wie auch immer dies möglich ist? Die beiden Herren geben sich mit wenig bis gar keiner Erklärung zufrieden, was schon ein wenig seltsam ist. Szenen wie diese, die ein paar Fragen aufwerfen, gibt es einige, im großen Gesamtbild fallen diese aber nicht so eklatant auf. Vielmehr reißt einen die zackige Handlung mit, die hier und da etwas gestrafft sein könnte, aber neben starken Schauspielleistungen von Benoist und Leigh, gute Action sowie zahlreiche kurzweilige Momente zu bieten hat.
Als Rezensent könnte ich einige Punkte ins Feld führen, die gegen eine überdurchschnittliche Bewertung der Episode sprechen, so zum Beispiel auch der viel zu geringe Anteil der Handlung auf Krypton, Budgetfragen hin oder her. Sehe ich die Folge aber als Ganzes, bleibt eine abermals sehr unterhaltsame Dreiviertelstunde Fernsehen übrig, die wenig Längen hat, emotional bewegen kann und wie bereits die Episoden aus den letzten Wochen Lust auf mehr macht. Oder seht Ihr das anders?
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 9. Februar 2016(Supergirl 1x13)
Schauspieler in der Episode Supergirl 1x13
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