Supergirl 1x12

Das Kreativteam hinter Supergirl präsentiert uns im Zuge der neuen Episode Bizarro zum genau richtigen Zeitpunkt eine kleinen, vorzeitigen Höhepunkt in der konfliktbeladenen Geschichte zwischen Team Supergirl auf der einen und dem skrupellosen Techmogul Maxwell Lord (Peter Facinelli) auf der anderen Seite. In den vorangegangenen Episoden servierte man uns immer wieder mehr oder minder große Appetitanreger, in welche Richtung diese Handlung wohl gehen würde und dass eine Eskalation der angespannte Situationen zwischen diesen beiden Parteien nur noch eine Frage der Zeit ist. Zwar bleibt in „Bizarro“ der ganz große Knall mitsamt hochturbulentem Spektakel und der Auflösung des „Problems Lord“ aus, der Zwischenschritt, den man in diesem Handlungsstrang gemacht hat, gelingt aber dennoch und schürt die Erwartungen an den weiteren Verlauf dieser Geschichte.
Wie so oft in „Supergirl“ zeigen sich in „Bizarro“ ein paar Probleme, wenn es um die zwischenmenschlichen Momentaufnahmen geht, die von dick aufgetragenem Melodram geprägt sind, das so manchen abschrecken könnte. Konzentriert sich die Episode jedoch auf ihre Haupthandlung, in der Supergirls (Melissa Benoist) Comicnemesis Bizarro Girl ihren ersten richtigen Auftritt feiert, entspinnt sich eine spannende Geschichte, die sich unter anderem mit den moralischen Fragen des Literaturklassikers „Frankenstein“ von Mary Shelly befasst. Außerdem zeichnet sie ein eindringliches Bild von Lord und der Gefahr, die von ihm ausgeht, und stellt Team Supergirl zum Ende der Episode vor die schwierige Aufgabe, den bisherigen Status quo beizubehalten, welcher wiederum von Maxwell Lord nach den Ereignissen in „Bizarro“ ordentlich auf den Kopf gestellt wurde.
Prometheus
Die eher ruhige Entwicklung des schwerreichen Visionärs und begabten Ingenieurs sagt mir persönlich von vornherein zu - die Serienmacher haben hier mit Bedacht und Weitsicht dessen charakterliches Profil entworfen. Manchmal trat Lord etwas prominenter auf, manchmal etwas zurückhaltender, seine Motivation war jedes Mal jedoch klar und deutlich: Supergirl Einhalt gebieten. Aber warum stellt er sich gegen die Heldin von National City, die sich nun über einen längeren Zeitraum verdient gemacht hat? Aus Angst davor, sie würde eines Tages von der Retterin zur Geißel der Menschheit werden. Ihr Dasein gefährdet die Unabhängigkeit der Menschen, denn, wenn sie wollen würde, könnte sie blankes Chaos anrichten. Ganz zu schweigen von den außerirdischen Bedrohungen, die ihre Präsenz auf der Erde hervorgerufen hat.

Savior
Lord entspricht in seinem Handeln sehr deutlich dem Credo von Superman-Erzfeind Lex Luthor, doch diese offensichtlichen Anleihen, die sich der Charakter von der DC-Schurkenikone nimmt, sind einfach zu tolerieren, sind sie für den Zuschauer doch stets nachvollziehbar. Was oder wer hält das allmächtige Supergirl auf, sich nicht gegen die Menschen zu stellen, die komplett von ihrer Gnade abhängig sind? Niemand. Lord sieht sich in der Pflicht, dies zu ändern, er hat es sich schon fast zur Lebensaufgabe gemacht, die Menschen von Supergirl zu emanzipieren und wandelt dabei auf moralisch fragwürdigen Pfaden, um sein Ziel zu erreichen. Erschreckend ist dabei, wie kühl, unaufgeregt und fast schon spielerisch er sich präsentiert, angstbefreit, voller Selbstbewusstsein und von sich überzeugt sowie ohne jeden Skrupel.
So erschafft er in einem Hauch von Gott-Komplex Bizarro Girl, das Monster zu seinem Dr. Frankenstein (wie passend, dass seine private Einrichtung, in der er Genexperimente an sieben jungen Frauen durchführen ließ, den Namen Prometheus Genetics trägt). Diese indoktroniert er mit dem blanken Hass auf Supergirl, setzt sie einer Art Schocktherapie aus, um ein Feindbild zu schaffen, das Bizarro Girl um jeden Preis vernichten will.
Lord verkommt aber nicht zu einem eindimensionalen, manischen Wissenschaftler: Er kalkuliert und denkt stets einen Schritt weiter, er akquiriert wertvolle Informationen, die er als Versicherung einsetzen kann. Wen verwundert es da noch, dass er zum einen so tiefenentspannt bleibt, als er von Alex (Chyler Leigh) ob seiner Untaten konfrontiert wird. Wo sind die Beweise? Und kann man jemanden wie Lord, weltbekannt und privilegiert, überhaupt so einfach dingfest machen? Alex tut es letzten Endes, was Lord nicht weniger beeindrucken könnte. Es ist bezeichnend, dass er, auch wenn er sich am Ende der Episode im Gewahrsam der DEO wiederfindet, nach wie vor alle Fäden in der Hand hält.
Going rogue
Lord weiß von Kara und ihrer Superheldenidentität. Er weiß von Alex' Mutter. Für ihn scheint der Kampf gegen Supergirl schon fast wie ein Spiel zu sein, das er unbedingt gewinnen will, koste es, was es wolle. Und das macht ihn so gefährlich. Er zeigt keine Reue, kein Gewissen, keinen Schwachpunkt, den Team Supergirl angreifen könnte. Nicht nur, dass sie ihn in seiner Skrupellosigkeit unterschätzt haben, sie haben sich mit seiner Verhaftung jetzt auch in eine äußerst angespannte Lage manövriert, die nicht so einfach wieder aufzulösen ist. Die Autoren stellen uns am Ende der Episode vor die spannende Frage, wie es mit Lord weitergehen wird. Am „einfachsten“ wäre wohl sein Ableben - eine Option, die für Kara niemals in Frage kommen würde, wird sie sich doch nie auf das gleiche Niveau wie Lord begeben wollen. Doch: Was tun mit dem eingesperrten Techmilliardär, der ihr ans Leder will und, wie er selbst sagt, aufgrund seines sozialen Status schon bald vermisst werden wird?
Den Serienmachern gelingt es vortrefflich zu etablieren, wer in Bizarro die Kontrolle hat und dass Supergirl trotz ihrer übernatürlichen Fähigkeiten nahezu machtlos ist. Sie und ihr Team sind vielleicht sogar etwas ratlos, was ihr nächster Schritt in der Causa Maxwell Lord sein sollte. Zusätzlich gehen auch die bereits angesprochenen Parallelen zwischen Bizarro Girls Entstehungsgeschichte und der klassischen Frankenstein-Erzählung gut auf. Die Aufmerksamkeit wird so nicht nur auf den gottgleichen Erschaffer (Lord) gelenkt, sondern auch auf das Wesen (Bizarro Girl), das dieser zum Leben erweckt. Wie Kara an einer Stelle treffend festhält, ist Bizarro Girl nicht die Böse in dieser Geschichte - sie ist das Opfer Lords, das Ergebnis seiner Experimente, ein manipuliertes Werkzeug ohne eigenes Bewusstsein.
Perfect creation
Wunderbar ist dann aber, dass nach dem ersten Aufeinandertreffen zwischen Supergirl und Bizarro Girl sich eben doch eine menschliche Regung in Lords Instrument zeigt. Die Art, wie sich Bizarro Girl ausdrückt („like the cookie monster“), ist vielleicht etwas anstrengend, entspricht jedoch durchaus ihrem geistigen Niveau. Sie ist leicht zu beeinflussen, entwickelt dann aber den Ansatz eines eigenen Bewusstseins, in dessen Rahmen Bizarro Girl die ihr von Lord aufgetischte Doktrin, Supergirl zu töten, infrage stellt, sieht sie doch mit ihren eigenen Augen, dass ihre vermeintliche Erzfeindin Gutes tut und Menschenleben rettet. Und hätte Kara die Chance bekommen, an die eigene Identität von Bizarro Girl appellieren zu können, wäre der Tag wahrscheinlich schneller gerettet gewesen als gedacht.

Not a monster
Doch Alex' Impulsivität, die den Kampf gegen Lord mittlerweile als eine sehr persönliche Angelegenheit sieht, was Hank (David Harewood) wiederum sichtlich beunruhigt, macht ihr da einen Strich durch die Rechnung. Durch das Eingreifen von Alex (der Einsatz von Kryptonitmunition) wird Bizarro Girl, die zuvor noch Kara eins zu eins glich, nicht nur optisch entstellt, es wird auch eine neue Form des Hasses in ihr für Supergirl geweckt. Auch Alex sollte so eine wichtige Lektion gelernt haben, dass vorschnelles Handeln aufgrund emotionaler Befangenheit (ihre Sorge um Schwester Kara ist verständlich, ihr Anspruch sollte es dennoch sein, einen kühleren Kopf zu bewahren) stets mit einem gewaltigen Risiko verbunden ist.
Letzten Endes gelingt es den Danvers-Schwestern, das unheimliche Ebenbild Supergirls, welches über die entgegengesetzten Fähigkeiten der Heldin verfügt (zum Beispiel ein Feueratem anstelle eines Eisatems), ruhigzustellen und die Behandlung der armen jungen Frau, die gegen ihren Willen genmanipuliert wurde, in die Wege zu leiten. Wie so oft zeigt sich in der Szene am Krankenbett von Bizarro Girl (Hope Lauren) die gute Seele Karas und ihr natürlicher Gerechtigkeitssinn, will sie doch nicht nur helfen, sondern auch Lord für seine Experimente zur Rechenschaft ziehen.
Doch, wie ihr dies gelingen wird, ohne die Fassung zu verlieren (am Ende scheint es fast so, als würde sie auf ihren Laserblick zurückgreifen wollen, was man ihr nicht verübeln könnte) und Lord seiner verdienten Strafe, wie auch immer diese aussieht, zuzuführen, ist die große Frage. Lässt sie sich dazu hinreißen, Lord körperlich dafür büßen zu lassen, was er den vielen jungen Frauen angetan hat, spielt sie Lord nur in die Karten. Dieser kann es wohl kaum erwarten, dass Supergirl die Hand gegen ihn erhebt, wäre dies doch Wasser auf seinen Anti-Supergirl-Mühlen.
Invasion of the Body Snatchers
Während der zentrale Handlungsstrang um Lord und Bizarro Girl sehr gut gefällt und die Episode in ihrer Gänze erneut eine sehr schlanke Figur macht, da man wie bereits in der Folge zuvor nicht zu viele Konfliktherde aufmacht, fühlt man sich bei den Inhalten der hier zu sehenden Nebengeschichten abermals etwas hin- und hergerissen. Die Darstellerriege sammelt natürlich mal wieder Sympathiepunkte, doch wie bereits so einige Male zuvor trägt man in vielen Szenen ziemlich dick auf, weshalb sich das Drama bisweilen ein Stück weit zu konstruiert anfühlt. Dies zeigt sich vor allem in der Nebenhandlung um Adam (Blake Jenner) und Kara, die zusammen eigentlich ein charmantes Duo abgeben. Aus Angst vor Lord, der ihre Geheimidentität kennt und die Menschen attackieren könnte, die Kara nahestehen, bricht sie die Beziehung zu Adam aber flugs wieder ab, was ihr selbst mehr Schaden zufügt, als sie glaubt.
Mentorin Cat Grant (Calista Flockhart) spricht wahre Worte, wenn sie Kara deutlich mitteilt, dass diese aufgrund ihrer falschen Prioritätensetzung ein für sie persönlich nicht sehr erfüllendes Leben führen wird. Natürlich geht mit Karas Dasein als Superheldin eine besondere Verantwortung einher. Doch, wenn wir uns ständig anhören müssen, dass sie auch gerne ein ganz normales Leben führen möchte, ihre Chance auf ein solches aber nach kurzer Überlegung wegwirft (Adam verschwindet erst einmal wieder aus der Stadt), dann ist dies als Zuschauer schon recht frustrierend mit anzusehen. Vor allem, weil man ja erkennt, dass die Beziehung zu Adam für Kara eine lang ersehnte und wichtige Ergänzung in ihrem aufregenden Leben ist.

Prioritize
Etwas überraschend ist indes auch, wie dünnhäutig Cat gegenüber ihrer Assistentin reagiert, als sie erfährt, dass es zwischen Kara und ihrem Sohn aus ist. Hier spricht Cat aber womöglich aus ihrer Sorge um Kara und den Erfahrungen heraus, die sie selbst gemacht hat. So, wie bei Cat sich einst die Frage zwischen Karriere und Familie gestellt hat, muss auch Kara irgendwann Prioriäten setzen. Die Frage, wie man ein normales Leben als Mittzwanzigerin in einer Beziehung und gleichzeitig als verantwortungsbewusste Superheldin unter einen Hut bringen soll, ist nach wie vor spannend. Es wird aber langsam müßig (The Flash-Staffel zwei lässt wieder einmal grüßen), weil man uns im Grunde genommen immer wieder die gleichen Situationen auftischt und die Macher selbst keine konsequente Entscheidung treffen wollen, was nun wichtig für ihre Hauptfigur ist.
Dann lasst Supergirl doch einfach mal für ein paar Episoden nur Supergirl sein. Möglich, dass wir dies - unsere Protagonistin losgelöst von all dem zwischenmenschlichen Ballast - in den nächsten Folgen sehen werden. Ich fände dies durchaus interessant, so wirklich daran glauben tue ich aber nicht, unter anderem, weil nun James (Mehcad Brooks) erneut als Faktor und love interest in Position gebracht wird. Während sich Winn (Jeremy Jordan) erstaunlich erwachsen präsentiert (richtig so, das Leben geht weiter), eiert James noch zwischen seiner Zuneigung zu Lucy und Kara hin und her, wobei im Zuge seiner Besänftigungsversuche gegenüber Bizarro Girl sehr deutlich wird, was er wirklich für Kara empfindet. Vielleicht täte dem Format mal ein klein wenig Abstand von all den Liebeleien und melodramatischen Augenblicken ganz gut. Oder eben etwas Konsequenz, die den oft soapig anmutenden Szenen zwischen einigen der Charakteren mal etwas mehr Klarheit geben könnte.
Fazit
Die Episode Bizarro überzeugt vor allem dank einer starken Haupthandlung, in der Supergirls zur Zeit vermeintlich gefährlichster Widersacher gekonnt zum Angriff bläst und eine hochinteressante Ausgangslage für die kommenden Episoden schafft, wobei wir wohl in der nächste Woche eher mit einer weiteren außerirdischen Bedrohung der Woche rechnen können, schaut man sich doch den überraschenden Angriff auf Supergirl durch ein seltsames Tentakelwesen am Ende der Folge an - zugegeben ein recht plumper Schockmoment, wenn auch nicht uninteressant. Die Einführung des Comiccharakters Bizarro Girl gelingt gut und bereichert die Folge thematisch, während die wuchtigen Actionsequenzen insgesamt kurzweilig daherkommen und die Auseinandersetzung der beiden „Supergirls“ Lust auf mehr macht.
Die Nebengeschichten schwächeln indes trotz wie gewohnt guter Schauspielleistungen etwas, was jedoch größtenteils durch die hohe Qualität des zentralen Handlungsstranges aufgefangen werden kann. Was hier fehlt, ist vielleicht noch der „Punch“ zum Ende, der einen zum Abschluss von den Socken haut und welchen man sich wahrscheinlich für eine spätere Episode aufgehoben hat. Insgesamt befindet sich die Superheldenserie aber zurzeit in bestechender Form und so kann man gespannt den nächsten Folgen entgegenblicken.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 2. Februar 2016(Supergirl 1x12)
Schauspieler in der Episode Supergirl 1x12
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