Supergirl 1x09

Für das Superheldendrama Supergirl von CBS war es im Vergleich zu vielen anderen Fernsehproduktionen eine eher kurze Winterpause, die am 14. Dezember des letzten Jahres mit dem sehr kurzweiligen Mid Season-Finale Hostile Takeover begann und nun mit der neuen Episode Blood Bonds bereits wieder ein Ende gefunden hat.
In dieser schließen wir zunächst direkt an den Cliffhanger - der Auseinandersetzung zwischen Non (Chris Vance) und seinen kryptonischen Streitgenossen auf der einen, Supergirl (Melissa Benoist) und das DEO um Alex (Chyler Leigh) und Hank Henshaw (David Harewood) auf der anderen Seite - inmitten der Forschungseinrichtung des dubiosen Maxwell Lords (Peter Facinelli) an. Dass man die Auflösung von diesem Konflikt aufschob, verärgerte mich persönlich ein klein wenig. Die alles in allem sehr zufriedenstellende Episode, die wir nun zum Auftakt der zweiten Hälfte der ersten Staffel von „Supergirl“ zu sehen bekommen, macht diese kleine Restportion an Frust jedoch mehr als wett.
Wenn sich die Macher hinsichtlich „Blood Bonds“ vor allem einen Kritikpunkt gefallen lassen müssen, dann ist es wie so oft in „Supergirl“ die Vorhersehbarkeit der Handlung, worunter bisweilen die Spannung leidet. Die „Lektion der Woche“, für uns Zuschauer wie für unsere junge Superheldin, ist nun auch nicht wirklich überraschend, aber immerhin geschickt in einer in sich schlüssigen Geschichte verpackt, in der Kara abermals von Selbstzweifeln geplagt wird und einen Weg finden muss, mit ihren Emotionen richtig umzugehen. Während schließlich einer der bisher zentralen Handlungsstränge der Serie eine kleine Pause einzulegen scheint, bereitet man zunächst nebenbei und letztendlich sehr deutlich die Geschichte um Maxwell Lord und dessen dunkle Absichten als treibendes Element in den nächsten Episoden vor. Mit Erfolg, wohlgemerkt.
Empty words
In „Blood Bonds“ passiert viel und reichlich, dennoch gelingt es den Seriemachern gut, den Überblick zu behalten und uns nicht mit zu viel Inhalt zu bombardieren, auch wenn man sich gelegentlich an der Grenze zum inhaltlichen Überfluss bewegt. Im Großen und Ganzen präsentiert man uns jedoch abermals eine sehr runde Erzählung, deren gelegentliche Abstecher in etwaigen Nebengeschichten aufgehen sowie durchaus unterhaltsam sind. Im Fokus steht jedoch die kontinuierliche Weiterentwicklung von Supergirl und ihrem Charakter, die hier vor einige sehr emotionale Entscheidungen gestellt wird und von der Summe der belastenden Ereignisse, in die sie verwickelt wird, überfordert ist. Aber irgendwie muss sie es dennoch fertigbringen, sich und ihrer Art treu zu bleiben. Mit ihrer Tante Astra (Laura Benanti) verfügt Kara über ein prominentes Beispiel in ihrer eigenen Familie, das ihr zeigt, was für Folgen es haben kann, wenn man sich von seinen Gefühlen wie Angst oder Wut leiten lässt.

In charge
Nach einer kleinen, kurzweiligen Schlägerei zwischen Kara und Non, Astras Ehemann und erster Adjutant, gerät Hank in die Hände des kryptonischen Fieslings, der den DEO-Direktor kurzerhand als Geisel nimmt und gegen die gefangene Astra eintauschen will. Alex will als Interimschefin des DEO sogleich sämtliche Maßnahmen einleiten, um ihren Vorgesetzten zu befreien, bekommt es jedoch erneut mit dem mürrischen General Sam Lane (Glenn Morshower), Vater von Lois und Lucy Lane, zu tun, welcher auf Geheiß des Präsidenten die Behörde für Vorfälle bezüglich außerirdischer Lebensformen übernimmt. Der hochrangige Militärangehörige verfolgt wiederum einen gänzlich anderen, weniger friedvollen Ansatz, was Spannungen zwischen ihm und Alex sowie Supergirl zur Folge hat.
Die gesamte Episode steht derweil im Zeichen von Konflikten, die von zwei unterschiedlichen Seiten herrühren, die verschiedene Ansätze und Methoden verfolgen, um mitunter ein und dasselbe Problem zu lösen. Auch zwischen Astra und Alura kam es, wie wir über einen Rückblick erfahren, zu einer ähnlichen Situation, die Karas Mutter letzten Endes keine andere Wahl ließ, als ihre eigene Schwester für ihr extremes Verhalten, das vielen Unschuldigen auf Krypton das Leben gekostet hat, zu verurteilen. Gleichzeitig zeigte Alura aber auch Verständnis für Astra und ihre Sorgen über ihre Heimat. Doch Terrorakte, die aus Hilflosigkeit, Frust und Angst begangen werden, können nicht und werden auch nie die Lösung sein, um ein Problem zu beheben. Auch Blutsbande schützen einen nicht davor, zu Recht bestraft zu werden, ebenso wenig, wie Loyalität und Zuneigung nicht nur darüber definiert werden, mit wem man verwandt ist.
Nothing left
Die Läuterung Astras und die Parallelen, die zwischen den verschiedenen Handlungssträngen sowie zwischen Kara und ihrer Tante - Kara macht innerhalb kürzester Zeit wichtige Erfahrungen, die ihr erst deutlich machen, wie man von seinen eigenen Emotionen korrumpiert werden kann - gezeichnet werden, geben der Episode eine sehr interessante Note und tragen dazu bei, dass die unterschiedlichen Handlungsebenen wunderbar ineinandergreifen und miteinander verschmelzen. Die neuerliche Entwicklung Supergirls - die an einem Punkt beinahe die Kontrolle verliert und in ihrer Rage einen eher gewalttätigen Ansatz verfolgen will, um Maxwell Lord Einhalt zu gebieten - geht, zugegeben, recht zügig vonstatten. Ein Charakterdrama auf einem Kabelsender hätte sich wohl mehrere Folgen Zeit gelassen, um aufzuzeigen, warum die Hauptfigur dermaßen überfordert, langsam nicht mehr Herr beziehungsweise Frau der Lage ist und sich eventuell zu einer folgenschweren Kurzschlussreaktion hinreißen lässt.
Ich persönlich hätte nichts dagegen gehabt, wäre man von der bisher gängigen Formel „eine Lektion pro Woche“ abgewichen und würde man sich stattdessen über mehrere Episoden den neuen Selbstzweifeln Karas, befeuert durch Enthüllungen über ihre eigene Familie und der Drucksituation auf ihren beiden Arbeitsstellen (beim DEO und bei CatCo), widmen. Aus nachvollziehbaren Gründen (die Sorge um sinkende Zuschauerzahlen) bleibt man jedoch bei dem eher kurzweiligeren Ansatz, unsere Protagonistin zu Beginn einer Folge vor ein Problem zu stellen, sie ins Straucheln kommen zu lassen, eigenhändig oder mithilfe ihrer Freunde eine Lösung zu finden und letztlich einen wichtigen Schritt in ihrer Persönlichkeitswerdung machen zu lassen. Dieses Schema kann gelegentlich etwas Abwechslung vertragen, in „Blood Bonds“ geht es jedoch sehr gut auf, da die Situation unserer Heldin für den Zuschauer nachvollziehbar konstruiert wird.
Not so different
Dies liegt mitunter an den starken Schauspielleistungen von Melissa Benoist und Laura Benanti, die erneut ein formidables Duo als zwei auf den ersten Blick sehr gegensätzliche Charaktere abgeben. Vor allem erstere präsentiert sich erneut in sehr guter Form, was sich sowohl in den eher unterhaltsameren, lockeren Passagen im Zusammenspiel mit Calista Flockhart als auch in weitaus dramatischeren Szenen zeigt. So zum Beispiel, als sie wutentbrannt Lord attackieren will, aber gerade noch so von ihren Freunden geerdert werden kann.
Da Kara innerhalb recht kurzer Zeit beide Seiten, sowohl die Perspektive ihrer Mutter (Verständnis, Friedfertigkeit) und die ihrer Tante (Aggression aus Angst und Hilflosigkeit, blinde Wut), kennenlernt, kann man ihr Verhalten und ihre Unsicherheit gut verstehen und baut eine Verbindung zu ihr in dieser strapaziösen Lage auf. Hinzu kommt, dass manch einer sich vielleicht schon selbst in einer vergleichbaren Situation wiedergefunden hat, in der man sich absolut machtlos fühlt und blindlings voranpreschen will, um auf Gedeih und Verderben seiner Misere zu entkommen. Abhilfe schaffen in solchen Fällen oft die Menschen, die einem am nächsten stehen, wie auch in dieser Episode in einer gefühlvollen Szene, als Winn (Jeremy Jordan) und James (Mehcad Brooks) Kara beistehen.

Find a way
Am Ende enthält auch „Blood Bonds“ wie viele Folgen zuvor eine sehr positive Botschaft, sprechen sich die Macher der Serie doch für mehr Kommunikation, Verständnis und einen friedlichen Umgang miteinander aus, ganz im Gegensatz zu dem eher kriegstreiberischen General Lane, der Non in seiner Skrupellosigkeit in nicht viel nachsteht. Diese Erkenntnis beziehungsweise Moral der Geschichte kann - nebenbei bemerkt - als eine Art politisches Statement gelesen werden, fühlt man sich doch in gewisser Weise an unsere eigene Realität erinnert, in der miteinander in einem Konflikt stehende Parteien oft erst einmal schießen, bevor sie sich an einer diplomatischen Lösung versuchen und mit dem Finger immer wieder auf den anderen zeigen, bevor sie ihr eigenes Gebaren überdenken.
Der General stellt indes erneut einen kleinen Kritikpunkt für mich dar, was vor allem daran liegt, dass er ein furchtbar eindimensionaler Charakter ist, dessen kleine Anekdote über einen prägenden Kinobesuch als Kind von „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ zwar ganz nett ist, er mir insgesamt als Figur aber egaler nicht sein könnte. Dass ihm seine Soldaten nicht gehorchen und seine Befehle verweigern, weil sie von Supergirl gerettet wurden, ist fast schon ein Sinnbild dafür, wie nebensächlich und unbedeutend dieser Charakter ist. Die Autoren zeichnen hier schon ein sehr deutliches Bild von Schwarz (der böse General Lane) und Weiß (das gute Supergirl), was eventuell etwas zu simpel ist. Wenn die Serienmacher selbst wirklich Interesse an der Figur von Lane hätten, hätten sie ihn wohl etwas komplexer und nuancierter geschrieben, was leider nicht der Fall ist.
Conflicted
Neben der Haupthandlung in Blood Bonds bekommen wir darüber hinaus über die Nebengeschichte zwischen Cat und Kara, in der die Medienmogulin - fest davon überzeugt, dass ihre Assistentin in Wahrheit Supergirl ist - ein paar auflockernde Momente serviert, die durchaus unterhalten. Eine richtige Verbindung zum zentralen Plot kann man nicht ausmachen, außer dass Cats ständiges Nachbohren und Karas drohende Entlassung eben ihre aktuelle Gemütslage mit beeinflussen. Thematisch lässt sich zumindest die Parallele erkennen, dass auch Cat eher aggressive Methoden und Ansätze verfolgt, um das zu erreichen, was sie will - in diesem Fall Karas Geständnis, dass sie Supergirl ist. Diese kann in einer schönen, aufrichtigen Szene ihrer Chefin, der Kara als ihre Art Mentorin viel verdankt und unter der sie gerne weiterlernen möchte, jedoch etwas die Augen öffnen.
Um endgültig etwas Ruhe zu bekommen, muss aber Hank aka J'onn J'onzz aka The Martian Manhunter aushelfen, welcher dank seiner Fähigkeiten als Gestaltwandler Cats unnachgiebige Fragerei beenden kann. Nach der letzten Episode, Hostile Takeover, bin ich eigentlich davon ausgegangen, dass die Macher recht offen mit dem Thema umgehen würden und Cat wäre nun im Bilde, wer Kara wirklich ist. Hier findet man letztlich aber eine clevere und charmante Lösung, um Karas Geheimidentität zu wahren, was dem großen Moment zwischen Cat und Supergirl beziehungsweise Kara aus der vorangegangenen Episode vielleicht etwas die Konsequenz nimmt, ich aber nicht weiter als störend empfinde.
Barking dog
Nachdem Hank gegen Astra ausgetauscht wird und diese ihren impulsiven Gatten zurückhält, ihre Nichte anzugreifen, scheint es so, als würde der Handlungsstrang um Astra nun erst einmal für geraume Zeit ad acta gelegt werden. Damit kann ich gut leben, führt man doch vielversprechend die bisher recht undurchsichtige Geschichte um Techmilliardär Maxwell Lord als möglichen neuen zentralen Plot ein. Dessen Absichten blieben bis jetzt im Verborgenen, doch nun wird ein Gang höher geschaltet, nachdem Winn und James - ebenfalls ein gutes Duo - auf eigene Faust Lords Motive untersucht haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass dieser wohl zum Gegenangriff auf die Kryptonier bläst - eingeschlossen Kara aka Supergirl.

Auch Lord wird in gewisser Weise von Angst, auch wenn er dies niemals zugeben würde, angetrieben: Angst, seine Unabhängkeit (beziehungsweise die der Menschheit im Allgemeinen) an übermächtige, außerirdische Lebewesen zu verlieren. Dementsprechend bastelt er an einer Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, anstelle auf seinen auserkorenen „Feind“ Supergirl zuzugehen und gemeinsam an einer vernünftigen Lösung zu arbeiten, die beide Seiten zufriedenstellt.
In Maxwells Labor (genauer: in dem Raum mit der Nummer 52, eine kleine Anspielung für alle DC-Comickenner) werkelt dieser nämlich an einer „Jane Doe“ rum, deren dunkle Augen auf den baldigen Auftritt von Supergirls Nemesis Bizarro-Girl hindeuten. Diese kann man als Art finsteres Spiegelbild der Heldin verstehen, interessant ist nun, dass anscheind Maxwell Lord für die Erschaffung der Schurkin verantwortlich sein wird. Zu wem der mechanische Arm gehört - vielleicht ein Überbleibsel von Red Tornado? - ist mir nicht ganz klar, ebenso wenig, was Lord mit diesem will. Die finale Szene stellt auf jeden Fall einen spannenden und sehr interessanten Abschluss dieser Episode dar, in der der Konflikt zwischen Maxwell Lord und Supergirl nun endlich ins Rollen kommt.
Fazit
Die Episode Blood Bonds hat neben guter Fernsehunterhaltung wie immer einiges mehr zu bieten: Handfestes Drama, in dem die Darstellerriege überzeugen kann, charmante Augenblicke, die zum Schmunzeln einladen und, wenn man es so möchte, auch den einen oder anderen politischen Kommentar. Sei es zu der Handhabung von Konflikten oder gar erneut zum Thema Medien und ihrer Rolle in unserer Gesellschaft (Lord und James geraten in dieser Hinsicht etwas aneinander, nachdem der erste Spionageversuch des Fotografen schiefgegangen ist) - hier lässt sich einiges finden.
Mir persönlich gefällt es gut, dass man die unterschiedlichsten Themenbereiche abgrast. Ich würde mir an mancher Stelle aber wünschen, dass man sich vielleicht noch den entscheidenden Schritt traut, der gelegentlich fehlt. Insgesamt merkt man dem Format immer wieder an, dass es doch recht einfach gestrickt ist und dennoch baut es viele universelle Themen geschickt in seine Geschichten ein. Das Endergebnis mag nicht immer perfekt sein, unterhält jedoch auf hohem Niveau und hat aufgrund der thematischen Vielfalt für jeden Geschmack etwas zu bieten.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 5. Januar 2016Supergirl 1x09 Trailer
(Supergirl 1x09)
Schauspieler in der Episode Supergirl 1x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?