Supergirl 1x07

Es ist vielleicht etwas zu drastisch, wenn ich sagen würde, dass meine Gebete endlich erhört wurden. Fest steht aber zweifelsohne, dass die Macher hinter dem CBS-Serienneustart Supergirl in der nunmehr siebten Episode des Superheldendramas genau zum richtigen Zeitpunkt für frischen Wind sorgen, neue Wege gehen und gleichzeitig einigen meiner Wünsche, was den weiteren Verlauf der Handlung betrifft, entgegenkommen. Nicht nur, dass die Handlung sich trotz eines nebensächlichen Auftritts eines profillosen Schurken der Woche in eine spannende Richtung entwickelt, nein! Auch die wöchentliche Herausforderung für unsere zentrale Superheldin gestaltet sich angenehm anders als sonst und bietet den perfekten Nährboden für einige sehr starke Szenen unter den Darstellern und Darstellerinnen.
Die verschiedenen Handlungsstränge sind dabei wie so oft geschickt miteinander verzahnt und befeuern sich durch zahlreiche Parallelen gegenseitig. Manch eine Momentaufnahme mag vielleicht etwas arg manipulativ wirken, aber die emotionale Wirkung vieler Szenen, die sich der Frage widmen, was wirklich einen Held oder eine Heldin ausmacht, ist einfach sehr hoch und funktioniet bei mir persönlich ausgezeichnet. Der leichte narrative Stillstand der letzten Wochen an manchen Fronten wird darüber hinaus gegen ein recht hohes Tempo eingetauscht, so dass man nicht nur aufgrund einer sehr überraschenden Enthüllung in dieser Episode gespannt der nächsten Episode entgegenblickt.
Rise above
Doch bevor wir uns dem Moment der Folge widmen (zumindest ist er das für den einen oder anderen Comickenner), der wiederum von CBS auf deren Facebook-Seite aus welchen Gründen auch immer für Teile der Zuschauerschaft gespoilert wurde, soll zunächst die eigentliche Haupthandlung von Human For a Day Thema sein. Diese ist nicht nur sehr stimmig aufgebaut, die Autoren beweisen auch abermals ein Händchen dafür, ihre Titelfigur glaubhaft eine wichtige Entwicklung durchlaufen zu lassen, dabei jedoch nicht nur den Fokus auf Kara aka Supergirl (Melissa Benoist) zu legen, sondern auch den Nebencharakteren Raum zur Entfaltung zu geben.

Dead battery
Am Ende der letzten Episode (Red Faced) erfuhren wir, dass Kara plötzlich doch körperlich verletzlich ist, wie ein blutiger Einschnitt an ihrem Finger zeigte. Die Ursache dafür wird uns von dem Expositionshologramm von Karas verstorbener Mutter Alura (Laura Benanti) erklärt: Karas Kampf mit Red Tornado hat ihre Kräfte aufgebraucht, die sich nun erst einmal wieder regenieren müssen. Auch ihr Cousin Superman („He's such a nerd.“) hatte schon mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, Kara fühlt sich aber besonders unwohl ohne ihre übernatürlichen Fähigkeiten. Vor allem, weil diese einfach nicht zurückzukommen scheinen. Kara erfährt, was es bedeutet, wirklich menschlich zu sein und eben nicht über besondere Talente zu verfügen, die das Dasein auf der Erde recht angenehm und einfach machen.
Von dem stressigen Weg zur Arbeit bis hin zu einer einfachen Grippe, Kara betritt in der Tat eine neue Welt, in der sie ohne ihre Superkräfte etwas auf verlorenem Posten steht. Dies stellt wiederum einen erfrischenden Ansatz dar, aus dem die Autoren folglich einiges machen. Als nämlich ein verheerendes Erdbeben National City heimsucht (auch eine gute Abwechslung zu irgendeinem x-beliebigen Fiesling, der für Chaos sorgt), wird Kara nämlich klarer als jemals zuvor, wie hilf- und machtlos sie eigentlich ist. Sie muss mit ansehen, wie die Bewohner der Stadt schwere Verluste hinnehmen müssen. Doch braucht man wirklich Superkräfte, um Heldentaten zu vollbringen? Oder steckt viel mehr dahinter, ein Held zu sein?
Dire situation
Zugegeben - die Moral der Geschichte in Human for a Day ist, wie von der Serie Supergirl gewohnt, herrlich positiv und für manchen Zuschauer vielleicht sogar ein bisschen zu perfekt. Ich verteidige diese Art der Erzählung aber gerne, geht sie für mich persönlich doch sehr gut auf, da sie nicht nur konform mit dem Charakter unserer Hauptfigur und der Comicvorlage geht. Die Serienmacher ergründen die Frage nach dem Heldendasein nämlich in den verschiedensten Richtungen, sorgen dadurch für reichlich Abwechslung und zeigen die verschiedensten Perspektiven zu diesem Thema auf. „Human for a Day“ kennt keine Langeweile und stellt nicht nur aufgrund seiner durchdachten Struktur, sondern auch wegen seines Inhalt die bisher womöglich wichtigste und ergiebigste Lehrstunde für unsere Protagonistin dar.
Ohne ihre Kräfte wird Kara erst wirklich bewusst, was es bedeutet, in den Augen anderer Menschen eine Heldenfigur zu sein. Nehmen wir zum Beispiel Maxwell Lord (Peter Facinelli), der in der Öffentlichkeit nicht müde wird zu erwähnen, was er von Supergirl hält (nicht viel) und die Meinung vertritt, dass ihre allgegenwärtige Retterpräsenz die Menschen nur abhängiger und angreifbarer macht. Im Grunde genommen ist er auf eigene Art und Weise ein Held, stellt er doch Ressourcen zur Verfügung, um den Bewohnern von National City in ihrer Not zu helfen.
Selbst Winn (Jeremy Jordan), der nach wie vor nicht wirklich von seiner Arbeitgeberin Cat Grant (Calista Flockhart) wahrgenommen wird, wird von ebendieser zu einer Art Held gemacht. Die Medienunternehmerin kann dank seiner Hilfe, seines technischen Knowhows und seines Einsatzes einen Livestream starten. Dieser gibt den verzweifelten Menschen Hoffnung, dass sie sich ein Beispiel an Supergirl nehmen sollten und in ihrem Geiste den Mut und die Kraft aufbringen müssen, um zu beweisen, dass sie der schrecklichen Naturkatastrophe und ihren Folgen trotzen.
Solace
Kara selbst ist eine einfache Beobachterin des Chaos, aber auch wie die Menschen um sie herum, so zum Beispiel auch James (Mehcad Brooks, in einer körperlichen Verfassung, die ihn schon fast selbst zum Man of Steel macht), rappelt sie sich auf, setzt sich für andere ein, hilft und steht nicht nur tatenlos herum. Natürlich schwingt hier immer wieder eine gehörige Portion Pathos in den vielen heldenhaften Szenen der Episode mit. (Das Gespräch zwischen Kara und James über James' vestorbenen Vater, der im Dienst für sein Land ums Leben kam, fällt hier besonders auf. Glücklicherweise erspart man uns aber einen Dialog à la „Dein Vater war ein Held, James.“, wobei die Szene bezüglich einer solchen Aussage deutlicher nicht sein könnte.)
Letztlich stimmt man aber dennoch die richtigen Töne an. Woran dies genau liegt, ist nur schwer zu sagen. Vielleicht ist es mein persönlicher Geschmack, vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass ich doch recht empfänglich für derartige Geschichten bin.
Vielleicht ist es aber auch einfach nur der Umstand, dass es sehr gut zur Mentalität der Serie und seiner Hauptfigur passt, die Hoffnung, Selbstglaube und eine positive Einstellung proklamiert. So zynisch und pessimistisch die Gedanken sind, die wir uns heutzutage immer wieder machen (Maxwell Lord lässt grüßen), ist dieser Ansatz vielleicht einfach mal gut für die Seele. Man braucht keine Laseraugen, keinen Frostatem und keine unmenschlichen Superkräfte, um etwas zu bewegen und um an das Gute in den Menschen zu appellieren - wie Kara es in einer starken Szene am eigenen Leib erfährt, als sie sich auf ein riskantes Spiel einlässt und sich trotz gebrochenen Armes und ohne ihre Talente einigen Plünderern stellt.
Melissa Benoist macht, was ihre gute Form betrifft, übrigens genau da weiter, wo sie in Red Faced aufgehört hat und spielt die neue Verletzlichkeit ihrer Figur überzeugend, ebenso wie all die Momente, in denen Kara erkennt, was es wirklich bedeutet, für andere Menschen da zu sein.

Not the enemy
Über einen Adrenalinschub, der wohlgemerkt zum genau richtigen Zeitpunkt kommt, kehren ihre Superkräfte schließlich zurück, wodurch sie wiederum James vor dessen sicheren Tod bewahren kann. Das Fehlen Karas besonderer Fähigkeiten hat sie aber zuvor zu einer besseren Superheldin gemacht, die eine neue, wichtige Perspektive darüber erhalten hat, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt und welche Verantwortung ein jeder hat - ob mit tollen Superkräften ausgestattet oder nicht. Sogar Cat ist auf ihre Weise eine Heldin, weiß sie doch ganz genau, was für eine Verantwortung bei ihr liegt und über welche „Macht“ sie verfügt. Als Advokatin Supergirls (Calista Flockhart schlägt sich weiterhin hervorragend in ihrer Rolle als Mentorin, ob nun für Kara oder wen auch immer) trägt auch sie ihren Teil dazu bei, den Bewohnern der Stadt Kraft und den Glauben an sich selbst zu geben.
Gleichzeitig besticht die Figur nach wie vor durch ihr sehr intelligentes Auftreten, denn während sie nach außen die besten Motivationsreden hält, geht sie am Ende doch hart mit Supergirl ins Gericht. Dieser verdeutlicht sie noch einmal, dass sie mehr als nur eine Superheldin ist. Sie ist auch ein Symbol, das die Menschen brauchen und diese daran erinnert, zu was sie in der Lage sind. Dies beißt sich wiederum komplett mit den Ansichten von Lord, der in Supergirl eine außerirdische Bedrohung sieht, die die Menschheit devot und demzufolge schwächer macht. In diesem Aspekt, in der Auseinandersetzung dieser beiden Seiten - auf der einen die Ansichten von Cat Grant, auf der anderen Maxwell Lord, während Supergirl ihren Weg zwischen diesen beiden entgegengesetzen Polen finden muss - schlummert noch reichlich hochinteressantes Konfliktpotential, von dem ich hoffe, dass man es in naher Zukunft auch abrufen wird.
Sole survivor
Auch im sehr prominenten Nebenhandlungsstrang um Karas Schwester Alex (Chyler Leigh) wird das Heldenthema aufgegriffen, indem man große Fortschritte in der geheimnisvollen Geschichte um DEO-Boss Hank Henshaw (David Harewood) und dem verstorbenen Vater von Alex macht. Die Gefahr geht hier zunächst von einem außerirdischen Wesen namens Jemm (ein erster versteckter Hinweis für alle Comicleser bezüglich der großen Enthüllung um die wahre Identität von Hank Henshaw) aus, der die Gedanken anderer kontrollieren und infolge des Erdbebens aus seiner gläsernen Zelle entkommen kann.
Nach einem ersten Fehlschlag, bei dem zwei DEO-Agenten im direkten Zusammentreffen mit Jemm ums Leben kommen (darunter dummerweise auch der Sicherheitschef der Basis), möchte Henshaw das Problem auf eigene Faust lösen. Es scheint so, als würde er als einziger die Bedrohung, die von Jemm ausgeht, einschätzen können, während Alex weiterhin Vertrauensprobleme gegenüber ihrem Vorgesetzten hat und sich wenig später im Alleingang dem Alien stellen will.
Alex übernimmt sich hier vielleicht ein klein wenig und unterschätzt Jemm etwas, wobei ihr Plan, diesen dingfest zu machen, gut koordiniert ist und Chyler Leigh außerdem mal ordentlich auf den Putz hauen darf, als es zum Schusswechsel zwischen den beiden kommt - hat sich hier noch jemand an die taffe Lara Croft aus „Tomb Raider“ erinnert gefühlt? Die Actionszenen sind aufgrund der sehr spärlich beleuchteten Kulissen gelegentlich etwas unübersichtlich, aber durchaus atmosphärisch. Als es dann wahrlich düster für Alex aussieht, erscheint wie aus dem Nichts Hank, der doch ziemlich schnell kurzen Prozess mit Jemm macht. Die Gefahr ist gebannt, doch jetzt wird es langsam Zeit für ein paar Anworten auf die vielen Fragen, die nicht nur Alex, sondern auch wir Zuschauer haben.
The Martian
Wie von mir gehofft hat die ganze Geheimniskrämerei um Hank Henshaw nun endlich ein Ende: Er offenbart Alex, dass er nicht nur gar nicht Hank Henshaw ist, sondern auch, dass ihr Vater mit dem echten Hank Henshaw vor vielen Jahren eine gestrandete außerirdische Lebensform geortet hatte, die Henshaw letztlich auslöschen wollte. Alex' Vater opferte jedoch sein Leben und stellte sich schützend vor dieses Wesen, welches nun dank seiner Fähigkeiten als Gestaltwandler in Form von Hank Henshaw vor ihr steht. Darf man vorstellen: John Jones aka J'onn J'onzz aka The Martian Manhunter, ein sehr bekannter DC-Charakter (unter anderem ein Mitglied der Justice League), dessen Auftritt in „Supergirl“ so wahrscheinlich niemand vorhergesehen hat. J'onn versprach dem Vater von Alex, dass er auf dessen Tochter Acht geben würde und wurde deshalb zu ihrem Mentor, um in ihrer Nähe zu sein und sie beschützen zu können.
Die Enthüllung des Martian Manhunter ist eine gewaltige Überraschung, die wohl nicht wenige auf dem falschen Fuß erwischt. Die meisten Kenner der DC-Comics haben wohl mit einer anderen bekannten DC-Figur namens Cyborg Superman gerechnet, jedoch sollte man dessen Auftritt noch nicht ausschließen, ist der Verbleib des echten Hank Henshaws (oder womöglich auch seiner Leiche) doch nach wie vor ein Rätsel. Die Einführung des Martian Manhunter ist indes nicht minder uninteressant und so wird es spannend zu sehen sein, wie man diesen Charakter in die Handlung einbauen und weitere Fragen zu seiner Figur klären wird.
Warum weihte er Alex zum Beispiel nicht früher ein? Wird er vielleicht eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Karas Tante Astra spielen? Diese tritt nun ebenfalls wieder auf den Plan und lässt kurzerhand ihre Nichte entführen. Was genau sie mit Kara vorhat, bleibt abzuwarten. Wir Zuschauer können uns derweil freuen, dass die übergreifende Handlung und die mit Abstand interessantesten Nebengeschichten in Supergirl nun ordentlich Fahrt aufgenommen haben. Ob man dieses Tempo bis zur Winterpause beibehalten kann, wird man sehen. Für den Moment hat die Serie aber ohne Frage einiges zu bieten: Drama, Spannung und einfach sehr gute Unterhaltung.

Fazit
Es geht doch: Nicht, dass die Superheldenserie in den letzten Wochen etwas schwach auf der Brust gewesen wäre, doch Supergirl ging mit Blick auf seine dramatische Ausrichtung doch ein klein wenig der Zug zur Sache abhanden, so dass sich ein Großteil der letzten Episoden auf dem Level der soliden bis überdurchschnittlichen Fernsehunterhaltung eingepegelt hatten. Human For a Day hebt das Format jetzt jedoch auf ein etwas anderes Niveau. Packendes Drama, in dem die verschiedenen Handlungsstränge clever miteinander verknüpft werden, ordentliche Actionsequenzen, starke Charaktermomente und dann auch noch das gewisse Etwas in Form deftiger Überraschungen. „Human for a Day“ ist ein fast komplettes Gesamtpaket, das eigentlich nicht viel zu wünschen übrig lässt.
Am ehesten kann mir hier noch den für manche Geschmäcker vielleicht zu weich gewaschenen Charakter der Serie kritisieren, die immer wieder wenig subtil mit wunderbaren Weisheiten um sich wirft. Darauf muss man sich schon ein Stück weit einlassen, doch, wie bereits geschrieben, entspricht diese Art auch dem Geiste der Comicvorlage.
Für mich persönlich störender sind da schon die romantischen Nebenkriegsschauplätze, die immer wieder von Neuem aufgemacht werden. Dagegen spricht ja im Grunde auch nichts, ich hinterfrage nur immer wieder die Entscheidung, wann es zu diesen Augenblicken kommen muss. Das Gebaren zwischen James, Kara und Winn (der sich schon recht unfair gegenüber Kara verhält) fühlt sich hier zum Beispiel etwas fehl am Platze an. Man wird sehen, ob die Macher in den nächsten Episoden ein besseres Gespür für zwischenmenschliche Szenen dieser Art zeigen werden. Ansonsten gibt es nicht viel an „Human for a Day“ auszusetzen, das einen starken Aufgalopp für das Mid Season-Finale in der nächsten Woche darstellt.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 8. Dezember 2015Supergirl 1x07 Trailer
(Supergirl 1x07)
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