Supergirl 1x04

Nach den furchtbaren Ereignissen in Paris am vergangenen Wochenende haben sich die Produzenten hinter dem Superheldendrama Supergirl in dieser Woche dafür entschieden, die eigentlich geplante Episode „How Does She Do It?, Supergirl“, in der die Titelheldin Bombenangriffe auf National City verhindern muss, aus Respekt vor den Verstorbenen und Trauernden auszutauschen. So zieht man die Folge Livewire vor, die ursprünglich erst nächste Woche - passend zu Thanksgiving - ausgestrahlt werden sollte.
Eine nachvollziehbare Entscheidung der Macher, die mehr als angemessen ist. Für die bisherige Geschichte in „Supergirl“ hat dies zur Folge, dass uns Zuschauern hier und da ein paar Informationen fehlen, um gewisse Aspekte der Episode nachvollziehen zu können. Am deutlichsten wird dies wohl an der neuerlichen Beziehung zwischen James (Mehcad Brooks) und seiner Exfreundin Lucy Lane (Jenna Dewan Tatum), die anscheinend doch wieder zusammengefunden haben. „Livewire“ fügt sich aber im Großen und Ganzen problemlos in die laufende Handlung ein und bietet uns darüber hinaus ein paar interessante neue Entwicklungen an. Gleichzeitig merkt man der Episode ihren „Feiertagscharakter“ an, behandeln die Autoren mit ihrer Familiengeschichte doch ein typisches Thanksgiving-Thema.
Crossing the line
Zunächst fällt einem in „Livewire“ ein gewisse Leichtfüßigkeit auf, die allen voran durch den sehr flotten Einstieg in die Episode bedingt wird. Das gefangen genommene Alienwesen kann sich zwar recht einfach befreien, die actiongeladene Auftaktszene dient aber vor allem dazu, zu zeigen, dass Kara (Melissa Benoist) mit Blick auf ihre kämpferischen Fähigkeiten mittlerweile eine kleine Entwicklung durchgemacht hat. Sie bewegt sich nun weitaus durchdachter, hat sich eine eigene Technik zugelegt und weiß ihre Umgebung in einer Auseinandersetzung zu nutzen. Ihr Lernprozess als Superheldin, die sich zu Beginn in vielen Konfrontationen etwas unbeholfen präsentiert hat, wird nachvollziehbar dargestellt.
Die Episode folgt dann für eine Weile ihrer recht beschwingten Erzählart, was jedoch spätestens dann ein Ende hat, wenn die vorlaute Radiomoderatorin Leslie Willis (Brit Morgan) in ihrer Sendung kein gutes Haar an Supergirl lässt und Kommentare zur neuen Heldin von National City in ihr Mikrofon faucht, die deutlich unter die Gürtellinie gehen. Der von Alex (Chyler Leigh) erwartete Stress mit ihrer Mutter, die zu Thanksgiving ihre beiden Töchter besucht, wird so zunächst etwas nach hinten verschoben. Leslies Hetzkampagne und unbedgründete Hasstiraden gegenüber Supergirl rücken erst einmal in den Vordergrund.

Brand of negativity
Erneut wagen sich die Serienmacher etwas versteckt an ein bisschen Medienkritik, stellt die zynische Leslie doch eine Art der Medienvertreter dar, die Negativität predigen, grenzwertig andere Menschen verbal attackieren und dadurch polarisieren. Diese Masche verkauft sich eben gut, wenn nicht sogar besser, als wenn jemand brav sein Programm abspielt. Was mir bei der Charakterzeichnung von Leslie aber fehlt, ist eine gute Begründung, warum sie so ist, wie sie ist, warum sie so über Supergirl denkt, wie sie denkt. Letztlich wahrscheinlich nur, weil es eben ihre Art ist. Das genügt mir aber nicht wirklich. Vielleicht kann ich persönlich aber auch einfach nicht sehr viel mit der Figur anfangen, weil ich diese Art Mensch nicht ausstehen kann und versuche, derartige Personen im echten Leben zu meiden.
Interessant ist dann, dass es gerade Cat (Calista Flockhart) ist, die sich gegen Leslie stellt. Sie hat die Radiosprecherin zu der bekannten und offenbar beliebten Persönlichkeit gemacht, die Leslie heute ist, sieht nun aber, dass Leslies Hass und Zynismus sie auf eine schiefe Bahn gebracht haben. Auch für Cat scheint es Grenzen zu geben, insbesondere bei Supergirl, an der die Unternehmerin interessiert ist, sie zu einer Symbolfigur für die Stadt aufzubauen - natürlich auch aus Gründen des Profits, verkaufen sich Positivismus und Heldengeschichten in Zeiten wie diesen doch wie warme Semmeln. Kara freut es indes, dass sich ihre Chefin so für Supergirl einsetzt, während Leslie alles andere als glücklich ist, fortan via Helikopter über den Verkehr in National City zu berichten.
Mean girl
Der Handlungsstrang um Livewire, so das Alias, welches sich Leslie nach ihrer Verwandlung zur stromgeladenen Antagonistin gibt, stellt letzten Endes eine recht simple Rachegeschichte dar, möchte Leslie Cat doch dafür büßen lassen, wie diese mit ihr umgegangen ist. Leslies Fähigkeit, nicht nur Elektrizität als Waffe zu benutzen, sondern sich auch durch elektrische Schaltkreise bewegen zu können, gefallen mir gut, ebenso wie die visuelle Umsetzung dieser.
Etwas komisch ist es aber schon, dass Leslie relativ fix ihre neuen Talente verstehen und beherrschen kann. Ebenfalls etwas lieblos und schlicht wirkt die Erklärung, wie Leslie ihre Kräfte bekommen hat: Während Karas Rettungsaktion, die den Verkehrshelikopter mitsamt Leslie vor dem Absturz bewahrte, wurde die Superheldin von einem Blitz getroffen, der durch sie durch auch Leslie traf. Im Zusammenspiel mit Karas kryptonischer DNA als Zwischenleiter entwickelt Leslie nun eben ihre elektrisierenden Fertigkeiten. Nicht besonders kreativ und recht zweckdienlich, aber auch nicht krass störend.
Livewires erster Angriff kann erfolgreich abgewehrt werden, auch weil Cats unerschrockener Einsatz Kara etwas Zeit kauft, um in ihr Superheldenkostüm zu schlüpfen und letztlich Schlimmeres zu verhindern. Hier spannen die Serienmacher nun den Bogen zu ihrem anderen Handlungsstrang um Kara, Alex und deren Mutter Eliza (Helen Slater), die, wie sich herausstellt, doch ein problematisches Verhältnis zu ihrer leiblichen Tochter hat, nachdem Kara sich als Superheldin geoutet hat. Während Cat immer wieder Menschen in ihrem Umfeld antreibt, damit diese neue Höhen erreichen und ihr wahres Potential verwirklichen (siehe Leslie), ignoriert sie leider, dass dieser Druck nicht immer positiv ist und mehr Schaden anrichten kann, als sie sich vorstellt.
Adults
Die Mutter von Alex hat ebenfalls immer sehr hohe Ansprüche an ihre Tochter gestellt, was für die junge Wissenschaftlerin und DEO-Angestellte wiederum belastend war und sich jetzt mehr als deutlich zeigt. Eliza wollte stets nur, dass Alex besser und für Kara eine größere Hilfe als sie selbst sein würde, urteilte dabei aber zu hart über Alex, die das Gefühl hatte, es ihrer Mutter nie wirklich recht machen zu können. Dieser Mutter-Tochter-Konflikt, in dem sich laut eigener Aussage auch Cat einst wiederfand, ist eine recht bekannte Trope aus dem Fernsehgeschäft, weshalb dem Ganzen etwas die Originalität und Frische fehlt. Die Darstellerinnen reißen dies jedoch durch ihre emotionalen Darbietungen wieder raus, so dass diese Szenen zumindest schauspielerisch sehr solide sind.

Bumpy ride
Was mich aber etwas irritiert, ist das Verhalten von Eliza, das für mein Empfinden extrem unfair gegenüber ihrer Tochter Alex ist. Hier überzeichnen die Autoren die problembehaftete Beziehung zwischen Mutter und Tochter etwas zu sehr. Als Zuschauer kann man die Vorwürfe der Mutter, Alex hätte Kara nicht genügend vor sich selbst geschützt, nicht ganz nachvollziehen. Alex handelt doch stets im Interesse Karas und weist diese immer wieder auf mögliche Gefahren hin. Dass Eliza und Alex sich in einer schönen Szene aussprechen (Chyler Leigh darf hier etwas auftrumpfen, was ihr auch gelingt) und ihre Differenzen beilegen können, stellt wiederum einen runden Abschluss dieser Nebengeschichte dar. Auch wenn ich anmerken muss, dass man es mit dem Drama ein Stück weit übertreibt und uns am Ende alles andere als subtil eine Moral (Mütter wollen nur das Beste für ihre Töchter, Ehrlichkeit und gegenseitiges Vertrauen zahlen sich aus et cetera) auftischt.
Da gefallen mir die Szenen rund um Cat stets etwas besser, weil diese sich oft sehr nuanciert anfühlen und die Autoren ihre Charaktere nicht immer das aussprechen lassen, was sie gerade denken. Die Figur ist ein gutes Beispiel, wie es eigentlich funktionieren soll, dass wir als Zuschauer uns den Charakter selbst zusammensetzen, die verschiedenen Seiten von ihr entdecken und festellen, dass sie vielleicht sogar eine neue Entwicklung durchmacht, wie in den letzten Zügen der Episode angedeutet wird.
Das Zusammentreffen mit Leslie Willis aka Livewire hat der eigentlich unbelehrbaren Cat eine Lektion eteilt, ihren Umgang mit anderen Menschen zu überdenken. So möchte sie Kara, die ihrer Chefin auf verschachtelte Art und Weise von ihrer tragischen Kindheit berichtet, mehr Aufmerksamkeit schenken, was auch einfach eine Frage des gegenseitigen Respekts ist. Ob Kara es aber gebrauchen kann, dass Cat sich mehr mit ihr beschäftigt - könnte ihre Geheimidentität als Supergirl doch darunter leiden - bleibt abzuwarten.
Blackout
Neben Livewire, die Kara nach einem wuchtigen Kampf auf offener Straße dank abermaliger Ablenkung durch Cat (sie fühlte sich sogar verantwortlich und lockte Leslie aus der Reserve) und einem einfachen Trick (Elektrizität und Wasser vertragen sich bekanntermaßen nicht besonders gut) besiegen kann, stellen sich der jungen Superheldin weitere kleinere Problemherde, die ihre Aufmerksamkeit benötigen. Ich finde die äußerst positive Lebenseinstellung unserer Hauptfigur übrigens sehr gelungen und Melissa Benoist passt mit ihrer offenen Art vortrefflich in diese Rolle - so zum Beispiel als Schlichterin zwischen Alex und Eliza. Karas freundliche, verständnisvolle Attitüde ist schon fast ansteckend und wird nicht umsonst im direkten Kontrast zu der bissigen Leslie Willis dargestellt, um die Agenda und Methodik unserer Protagonisten zu untermauern.
Zurzeit bekommt man aber eher den Eindruck, dass Kara sich ein klein wenig besser als Superheldin schlägt, als sie es in ihrem wahren Leben tut. Mit der Beziehung zwischen James und Lucy hat man der möglichen Liebelei zwischen dem Fotografen und Kara etwas den Wind aus den Segeln genommen, wobei weiterhin eine gewisse amouröse Anspannung zwischen den beiden zu spüren ist. Diese fühlt sich aber nicht so aufgesetzt und überbetont an wie noch in der Episode Fight or Flight, wo die Serienmacher es diesbezüglich etwas übertrieben hatten.
Woran Kara wiederum arbeiten muss, ist ihr Verhältnis zu Winn (Jeremy Jordan), der lobenswerterweise den ersten Schritt wagt und Kara unmissverständlich klarmacht, was er für sie empfindet. Der unglücklich verliebte IT-Fachmann („What's a Winn?“) löst bei mir allen voran Mitleid aus, während ich die etwas dezentere Einbindung der romantischen Nebenkriegsschauplätze besser als noch zuvor finde.

Lightning in the bottle
Etwas Spannung für die kommenden Episoden wirft dann noch die Enthüllung auf, dass Alex' Vater sich einst schützend vor Kara gestellt hatte, sich mit seiner Forschung und Recherchen Hank Henshaw verpflichtete und letztlich im Rahmen seiner Arbeit für die dubiose Organisation DEO ums Leben kam. Somit befeuern die Autoren geschickt den geheimnisvollen Handlungsstrang um Henshaw, der immer besser mit Supergirl harmoniert, aber definitiv etwas zu verbergen hat. Alex und Kara werden dem auf den Grund gehen, während ich doch sehr gespannt bin, wohin diese interessante Nebengeschichte gehen wird. David Harewood gefällt mir ohnehin in dieser undurchsichtigen Rolle. Nun muss sich zeigen, ob man die Spannung auch dementsprechend hoch halten kann.
Abschließend sei noch angemerkt, dass Livewire neben handfestem Familiendrama, einer soliden Schurkin der Woche und düsterem foreshadowing bezüglich eines Verbündeten aus den eigenen Reihen auch zahlreiche kleinere Szenen zu bieten hat, die schlichtweg unterhaltsam und bisweilen sehr amüsant sind. Von ein paar popkulturellen Referenzen (die „Ghostbusters“-typische Falle für Livewire kommt leider nicht zum Einsatz) bis hin zu diversen herrlichen Kommentaren von Cat (gegenüber Leslie: „Congratulations, you have the wit of a YouTube comment.“) präsentiert man uns einige extrem kurzweilige Momentaufnahmen, die die Handlung etwas auflockern und so zu der bereits erwähnten Leichtfüßigkeit des Formats beitragen.
Fazit
Livewire gefällt mir persönlich etwas besser als die vorangegangene Episode Fight or Flight, was wohl einfach daran liegt, dass die Macher auf vielen Ebenen einen Gang zurückschalten. Dabei passiert nach wie vor einiges in Supergirl, das sich in dieser Woche allen voran persönlicheren Geschichten widmet. Die hier entworfenen dramatischen Konflikte fühlen sich allesamt sehr bekannt an, wodurch es an der Darstellerriege liegt, diesen etwas Leben einzuhauchen - was wiederum größtenteils auch gelingt, wie zum Beispiel Chyler Leigh und Calista Flockhart zeigen. Die einzelnen Handlungsstränge können im Großen und Ganzen überzeugen, Parallelen zwischen diesen offenbaren ein paar interessante Entwicklungen für unsere Charaktere.
Doch trotz der Vielfalt der verschiedenen Nebengeschichten, schafft es keine davon, mich komplett zu fesseln oder mitzureißen. Man hat weiterhin seinen Spaß mit der Serie, die ganz großen dramatischen Fleischtöpfe bleiben aber noch unberührt. Dies könnte sich demnächst jedoch ändern, siehe zum Beispiel die Causa Hank Henshaw.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 17. November 2015(Supergirl 1x04)
Schauspieler in der Episode Supergirl 1x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?