The Orville 1x07

© eth MacFarlane, Penny Johnson Jerald, Mark Jackson, Peter Macon, Giorgia Whigham and Halston Sage in „The Orville“ / (c) Ray Mickshaw/FOX
Was passiert?
Die Crew der Orville sucht zwei verschwundene Offiziere in einer fremden Kultur, die der Erde des 21. Jahrhunderts sehr ähnlich ist. Durch die große Abhängigkeit des Rechtssystems von einer Art Social-Media-Bewertung gerät jedoch während der Rettungsmission auch noch John LaMarr in große Bedrängnis...
Dies & das
Erneut stammt das Drehbuch von Serien-Mastermind Seth MacFarlane. Bis auf die letzte Episode hat er somit bisher alle geschrieben.
Gastschauspieler Steven Culp kennt man zum Beispiel als MACO aus Star Trek: Enterprise sowie aus den Deleted Scenes von „Star Trek: Nemesis“.
Spruch
„What kind of ship are you running out there, captain?“ (Admiral Tucker)
Das hättest Du bei „Star Trek“ sicher nicht gehört
„Government by American Idol.“ (Malloy)
Das hättest Du bei „Star Trek“ sicher nicht gesehen
Ein Crewmitglied entweiht ein Heiligtum durch eine peinliche Aktion - hier John LaMarr, der einen Lapdance an der Statue einer Volksheldin vollführt. Moment mal. Verdammt. Porthos hat doch in A Night in Sickbay an den heiligen Baum gepinkelt. Na ja, immerhin ist der aber ein Hund und kein Offizier...
I am healthy and happy
Der Weltraum, unendlich gleiche Kulturen. Auf Sargus IV ist in bester „Trek“-Tradition eine Gesellschaft entstanden, die dem 21. Jahrhundert unserer Erde nicht nur ähnelt, sondern genau genommen gleicht. Von den Menschen über die Autos bis zu den Gepflogenheiten handelt es sich hier um ein 1:1-Spiegelbild unserer Zeit. Einziger Unterschied: Jeder Bürger trägt eine Vorrichtung mit einem grünen Pfeil und einem roten Pfeil an der Kleidung. Diese Pfeile stehen für „Upvotes“ und „Downvotes“. Mit diesen können Mitmenschen das Verhalten des Einzelnen bewerten und dem Gegenüber auch direkt die Beliebtheit beziehungsweise den sozialen Status ansehen.
Klingelt da vielleicht etwas? Die oft (aber nicht immer) wunderbare Serie Black Mirror hat just in diesem Jahr in ihrer dritten Staffel eine Episode abgeliefert, bei der eine junge Frau auf der Jagd nach einem besseren Society-Rating alles verliert. Dort wie hier zog jede noch so kleine Aktion eine Social-Media-Reaktion nach sich.
Während es bei Black Mirror jedoch um die gesellschaftliche Stellung ging, kommt hier noch ein weiterer Aspekt dazu. Sammelt man zu viele „Downvotes“, wird man strafrechtlich verfolgt. Exakt das ist den beiden vermissten Wissenschaftlern geschehen, da diese im Bus einer Schwangeren nicht ihren Platz angeboten hatten und danach öffentlich abgestraft wurden. Denn wer sich daneben benimmt, landet auf dem Masterstream (eine Art Dauer-Gerichts-Reality-TV) und wird somit medienwirksam an den Pranger gestellt.

Um es vorwegzunehmen: Einer der gesuchten Wissenschaftler starb bei einem Fluchtversuch, der andere wurde durch die Strafverfolgung „korrigiert“ - eine Folge der Verurteilung durch den Willen des Volkes. Dass er danach nur noch in seiner Wohnung vor sich hin vegetiert und ständig debil lächelnd „I am healthy and happy“ sagt, bleibt das traurige Ergebnis seiner Arbeit in dieser fremden Kultur. Doch das ist, wenn auch als Aufhänger eingeführt, eben gar nicht das akute Thema der Episode. Genauso wenig übrigens wie seine Verbindung zu Dr. Finn, die inhaltlich verpufft. Verschenkte Arbeit am Charakter. Ein Schicksal, das jedoch auch LaMarr teilt, der über den Status des schrägen Vogels - im Gegensatz zu Malloy in einigen Episoden zuvor - hier nicht hinauswachsen kann.
American Unidol
Der Suchtrupp um Kelly, Alara und John LaMarr (der hier also endlich einmal mehr zu tun bekommt) benötigt nämlich nur wenige Minuten, um einen ganz anderen Brandherd zu eröffnen. Aus einer harmlosen Unterhaltung wird eine Situation, die eigentlich nur albern ist, jedoch direkt ins Verderben führt: LaMarr tanzt aufreizend an einer Statue und zieht somit die Öffentlichkeit auf und einen Rattenschwanz nach sich.
So weit, so banal. Doch es gefallen vor allem die diversen Kleinigkeiten: Der Schwarzmarkthändler, der dem Trupp mit zwei Millionen positiven Klicks geladene Vorrichtungen verschachert, das für die Orviller völlig unbekannte Geld, die Unterhaltung über „American Idol“, die Frau, die wegen ihres Ratings (das auf Jugendsünden basiert) keinen Kaffee bekommt („no exceptions“) oder die Beobachtungen über den alltäglichen Social-Media-Wahn unserer Zeit (jeder Facebook-Nutzer weiß: Hast du kein Selfie gemacht, warst du niemals da).

Wag the dog
Ein guter Gag ist auch der konkrete Verlauf innerhalb des Rechtssystems. Nach einer bestimmten Anzahl an „Downvotes“ wird man erst mal verhaftet und muss an der Seite eines schmierigen Publicity Officers (Anwälte kennt man nicht) durch verschiedene Talkshows tingeln („apology tour“). Live im TV wird nun immer wieder das Fehlverhalten gezeigt, kommentiert und seziert - und die Bevölkerung darf ihr Missfallen bekunden. Somit sammelt man immer mehr „Downvotes“ - bis zur magischen Grenze von zehn Millionen, bei der man zur „Korrektur“ geschickt wird, die nichts anderes als eine Art Lobotomie ist. Hier gelingen MacFarlane auch die besten Kniffe am Stoff. So versucht der Berater noch verzweifelt, LaMarrs Talente rauszukitzeln - die jedoch nur zu weiteren Sympathieverlusten führen.
Am Ende gerät die Handlung gar zu einer Art „Dead Man Walking“ meets „The Green Mile“, als LaMarr von Sicherheitskräften zu seiner finalen Verhandlung auf einen Stuhl samt Strafkappe gebracht und geschnallt wird.
Gut fürs Drehbuch - aber schlecht für LaMarr - war dabei, dass der konsultierte Admiral von Beginn an einen Eingriff (und somit eine Rettung) untersagt hatte und Captain Mercer somit gezwungen war, nach den Regeln der Kultur zu spielen.
Das bringt im letzten Akt eine zwar kriminelle, aber dafür clevere Lösung hervor, die frei nach dem Film-Meisterwerk „Wag the Dog“ einfach schnell die Realität umdichtet und aus LaMarr einen Kriegsveteranen, Hundeliebhaber, Oma-Retter und noch einiges mehr macht.
Zunächst begnügt man sich mit Tweets, dann wird ein Kindheitsfoto verändert (weil dicke Kinder sympathischer sind) und schließlich bastelt man ein ganzes Video, bei dem LaMarr in Uniform aus dem Krieg nach Hause zurückkehrt und freudig seinen Hund begrüßt - definitiv eine Hommage an die Szene aus dem genannten de Niro/Hoffmann-Vehikel, in der ein Mädchen in einem Dorf in Afghanistan mit einem Kätzchen auf dem Arm aus den Flammen flüchtet - gedreht in einem Studio in den Vereinigten Staaten.
Am Ende kommt dank dieser Eingriffe der Counter bei 9.999.996 „Downvotes“ zum Stehen. Isaac (der hierbei erneut den Data-Part spielt) und Kellnerin Lysella (die man einfach an Bord holte) sei Dank.
Grundsätzlich bleibt jedoch die zentrale Frage der Episode: Was definiert eigentlich echte Demokratie? Die Chance, Vertreter zu wählen, die die wichtigen Entscheidungen übernehmen? Oder sollte tatsächlich jeder eine Stimme haben dürfen („everybody deserves a voice“) - und die Mehrheit entscheidet dann? Natürlich bezieht die Episode hier eindeutig Stellung gegen das Verfahren dieser Kultur, doch die Fragen sind durchaus ein paar Gedanken wert.
Etwas plump geriet am Ende, wie Lysella am folgenden Tag aufwacht, und dem Impuls, einem neuerlichen Bürger auf „apology tour“ den roten Pfeil zu geben, widersteht und stattdessen den Fernseher ausschaltet. Hier wäre weniger mehr gewesen.
MacFarlane zeigt mit diesem Drehbuch dennoch erneut, dass seine Serie für ihn eben nicht nur reiner Klamauk ist. Er möchte relevante Themen aufgreifen und diese im Retro-Stil alter SF-Shows wie „Trek“, Stargate SG-1 oder auch Sliders behandeln. Selbstverständlich ist das nicht neu - macht aber auch hier wieder viel Spaß.

The only way is up
Fast möchte man hoffen, dass die Serie endlich einmal eine richtig miese Episode vorlegt. Hier jedoch kann davon erneut keine Rede sein. Zwar kopiert sich Seth MacFarlane weiterhin quer durch „Star Trek“ und andere Formate, bleibt dabei jedoch derart charmant, witzig und im Kleinen kreativ, dass die Freude am Schauen nicht getrübt wird. Für alle, die das „Star Trek“ der 60er bis 90er Jahre vermissen, ist diese Serie wie ein Jungbrunnen. Völlig aus der Zeit gefallen, teilweise überkandidelt, aber einfach nur zum Verlieben.
Natürlich kommt es uns aber ein wenig Spanisch vor, dass hier neben bekannten „Trek“-Vorbildern wie Bread and Circuses oder Who Watches the Watchers direkt noch eine sehr aktuelle Episode von Black Mirror ein Plagiat an die Hand bekommt. Von der Produktionsgeschichte her betrachtet ist jedoch anzunehmen, dass schlicht beide Varianten auf der gleichen Vorlage - „So You've Been Publicly Shamed“ von Jon Ronson - basieren.
Erstaunlich: Black Mirror zieht in diesem Fall sogar den Kürzeren, weil die Episode dort zu sehr an Redundanz erstickte und sich teilweise in ihren selbstgefälligen Metakommentaren verlor. Sie kann sich aber immerhin damit trösten, dass Style und Titel dort besser gelangen - das knackigere Gesamtprodukt zum Thema jedoch liefert Seth MacFarlane mit The Orville. Kann man das glauben?
Beobachtungen
Erneut wird Alaras Verschleiß an Männern thematisiert - diesmal jedoch nicht, weil sie den Auserwählten, wie zuletzt angedeutet, zu stark wäre, sondern, weil der gute Mann nicht tanzen konnte. Ein hübscher Running Gag.
Das Wissenschaftlerteam, das den Planeten studieren sollte, sowie die Einbindung von Lysella in die Auflösung an Bord der Orville erinnern stark an die wunderbare „TNG“-Episode Who Watches the Watchers oder auch an die weniger wunderbare Wesley-Crusher-Folge Justice.
Das Stirnband, welches Alara zunächst ablehnt, ist natürlich eine Hommage an Spock (und Tuvok), die bei ähnlichen Einsätzen gerne damit ihre vulkanischen Ohren tarnten.
Technisch betrachtet
Regie führte mit Tucker Gates diesmal ein absoluter Vollprofi, der für Serien wie The X-Files, Lost, Alias oder auch Bates Motel und House of Cards aktiv war und ist. Ihm gelang mit einer einfach umzusetzenden Episode sicher kein Meisterwerk, den Charme der Situation konnte er aber einfangen. Gelungener war da schon erneut der auffällige Score, der bisher jedoch noch nie enttäuschte.
Schauspielerisch war Steven Culp ein erfreulicher Gast, vom Stammcast schwankte ausgerechnet „DS9“-Heldin Penny Johnson Jerald diesmal wieder zwischen Durchschnitt und schwachen Momenten.
Was den Humor betrifft, hatte besonders Peter Macon alias Bortus einige Lacher auf seiner Seite - dank diverser wunderbarer one-liner („I sing.“).
Gib dem Kind einen Namen
Majority Rule: Ein generischer Titel für die gezeigte Handlung; deutlich subtiler war da „Black Mirror“ vorgegangen und hatte die ähnliche Episode nach dem Handlungsverlauf des zentralen Charakters benannt: „Nosedive“. Hätte auch hier gepasst...
Fazit
Mit einer zwar durch den Garten zusammengeklauten, aber äußerst humorvollen, unterhaltsamen und charmant aufgelösten Gesellschaftskritik gelingt „The Orville“ das Unglaubliche: Man läuft ausgerechnet einer ähnlich aufgebauten „Black Mirror“-Episode den Rang ab. Dass die Hommagen dabei besser funktionieren als die Charaktere und die finale Aussage etwas plump daherkommt, bleibt nur eine Randnotiz.
Verfasser: Björn Sülter am Freitag, 27. Oktober 2017The Orville 1x07 Trailer
(The Orville 1x07)
Schauspieler in der Episode The Orville 1x07
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