The Orville 1x06

The Orville 1x06

Mit der sechste Episode liefert The Orville ein frühes Meisterstück über Völkerverständigung in bester Trek-Tradition ab und bringt zudem Drama und Humor nahezu perfekt in Einklang. Die Crew muss einem Notruf aus der Kolonie nachgehen.

Seth MacFarlane, Adrianne Palicki und Kelly Hu in „The Orville“ / (c) FOX
Seth MacFarlane, Adrianne Palicki und Kelly Hu in „The Orville“ / (c) FOX
© eth MacFarlane, Adrianne Palicki und Kelly Hu in „The Orville“ / (c) FOX

Was passiert?

Der Notruf einer Kolonie führt die Crew der Orville mitten hinein in einen Kampf mit den Krill. Um den Widersacher endlich besser verstehen zu können, sollen Ed (Seth MacFarlane) und Gordon (Scott Grimes) undercover in ein Schiff eindringen und Erkenntnisse über die Bibel und somit den Glauben des Volkes zu ihren Vorgesetzten zurückbringen...

Dies & das

Erstmals stammt das Drehbuch nicht von MacFarlane selbst, sondern von „Trek“-Veteran David A. Goodman. Dieser hatte zum Beispiel bei Star Trek: Enterprise den Rohrkrepierer Precious Cargo verbrochen. Als Regisseur war diesmal Jon Cassar mit dabei.

Spruch

We need to understand them.“ (Admiral Ozawa)

Das hättest Du bei „Star Trek“ sicher nicht gehört

Dude, we're vampire hunters.“ (Malloy)

Das hättest Du bei „Star Trek“ sicher nicht gesehen

Ein Crewmitglied, das von einer Serviette über einen Kaktus und ein Glas bis hin zu einer Handvoll Wasabi alles isst, was die Kollegen verlangen.

Vom Kaktus zum Mercer-Manöver

Erneut punktet die Serie direkt mit dem Teaser - und das sogar in zweierlei Hinsicht. Die Eröffnung in der Kantine ist ein Gagfeuerwerk und zeigt, wie sympathisch die Crewmitglieder interagieren. Dass Bortus (Peter Macon) statt des Sushi eine Handvoll Wasabi probiert und sich danach zeigt, dass er so ziemlich alles zu sich nehmen kann (Serviette, Kaktus, Glas), ist für einige Lacher gut. Er bleibt somit der Worf der Crew, erhält hier aber eine kreative Backgroundgeschichte, die auf natürliche Weise zum Gag führt.

Ein erneuter Notruf bringt dann den zweiten Punktsieg: Um ein Krill-Schiff von der Zerstörung einer Kolonie abzuhalten und nicht selbst dabei zu sterben, muss die Orville-Crew alles riskieren. Captain Mercer überrascht dabei mit waghalsig-cleveren Ideen, die nicht nur zur Zerstörung des Feindes führen, sondern auch zu staunenden Gesichtern. Verdient! Hier wurde definitiv das Mercer-Manöver geboren. Ab sofort Schulstoff an jeder Union-Hochschule für angehende Offiziere.

Die Idee

Nach der Zerstörung des Krill-Schiffes bekommt die Orville Besuch eines deutlich größeren Union-Schiffes mit Admiral Ozawa (Kelly Hu) an Bord, die eine verblüffend simple, aber umso eindrucksvollere Idee im Gepäck hat: Man muss den Feind besser verstehen. Da es sich bei den Krill um eine äußerst religiöse Kultur handelt, die andere Kulturen geringschätzt und man Angst vor einem langen heiligen Krieg haben muss, möchte Ozawa Einblick in die Bibel dieses Volkes erhalten und setzt Ed und Gordon darauf an, undercover für diese Informationen zu sorgen. Dabei helfen sollen mobile Holo-Emitter und ein Krill-Shuttle, das den Angriff überstanden hat. So ausgestattet fliegen die beiden Richtung nächstes Krill-Schiff. Hübsch ist dabei übrigens, wie Kelly (Adrianne Palicki) sich um Ed sorgt.

Aber es ist keine Frage: Man präsentiert hier einen Ansatz, der frisch und überraschend ist. Wo normalerweise nach Schwachstellen oder geheimen Informationen über Waffen und Angriffsplänen gesucht werden soll, geht es einzig darum, das Wesen dieser fremden Kultur zu ergründen, indem man sich das anschaut, was den Wesen am wichtigsten ist. Die wenigsten Menschen, die sich über den Islam aufregen, haben vermutlich jemals den Koran gelesen. Ein wirklich gelungener Ansatz, der auch „Star Trek“ gut zu Gesicht gestanden hätte - oder noch stehen würde.

Kelly Hu in „The Orville“ /
Kelly Hu in „The Orville“ / - © FOX

Die Ausführung

Die Undercovermission an sich spielt viel Humor aus und zeigt die beiden Helden nicht unbedingt von ihrer hellsten Seite. Das beginnt bei den ungewöhnlichen Namen und geht über Gordons Dauergeplapper bis hin zu vielen verräterischen Äußerungen. Hier muss man ein Auge zudrücken: Die Krill merken lange nichts und wir haben unseren Spaß. Nett ist jedoch, dass sogar Ed irgendwann genug von Gordon hat und ihn zurückpfeift.

Ein Highlight ist dann die Teilnahme an einer obligatorischen Messe, bei der ein abgetrennter Menschenkopf aus der Kolonie gezeigt und dann durch den Priester mit einem Dolch malträtiert wird. Andere Länder, andere Sitten. Die Krill bleiben bei dem Prozedere alle äußerst ruhig und bedächtig, besonders eine weibliche, mit der sich Ed und Gordon anfreunden.

Ein netter Gag ist, dass Ed gefühlte drei Millionen Seiten der Bibel mit seinem Pseudohandy abfotografieren muss - einzeln. Ein Bereich, in dem die futuristische Technik wohl Nachholbedarf hat.

Wie durch Zufall kommen Ed und Gordon dann jedoch hinter eine Sache, die sich nicht ignorieren lässt: Die Krill bauen eine Massenvernichtungswaffe und wollen diese am Heimatplaneten von Prinzessin Leia ausprobieren. Oh, verdammt. Falsches Universum. Sie wollen sie natürlich an der zuvor angegriffenen Kolonie der Menschen ausprobieren - und die Zeit drängt bereits, da man kurz vor der Fertigstellung steht. Was nun?

„The Orville“ /
„The Orville“ / - © FOX

Zunächst will man die Waffe überladen und somit das Krill-Schiff sprengen. An sich eine gute Idee, doch, wie Gordon korrekt anmerkt, kam man doch eigentlich, um Frieden zu schließen. Es ist eben nicht so einfach mit interkulturellen Kontakten. Mehr Zweifel kommen den beiden, als sie bemerken, dass sich nicht nur Soldaten, sondern auch Kinder auf dem Schiff befinden. Nun, das hatte die Borg bei der Enterprise-D auch nie interessiert - Ed jedoch differenziert und möchte sich so einen Teil seiner Menschlichkeit und Seele bewahren. Courage under fire.

Das Drehbuch punktet an dieser Stelle auch, da man dem Krill-Nachwuchs spannende und neugierig-naive Fragen in den Mund legt. Fragen, die zu einem besseren Verständnis der Menschen führen könnten, wenn die Antworten der Lehrerin nicht so stark von eingefahrenem Denken geprägt wären. Man sieht jedoch: Die Chance auf einen Neustart zwischen Völkern liegt in der neugierigen Unschuld der Kinder, in dem Willen, zu lernen. Wenn zu den richtigen Fragen irgendwann die richtigen Antworten kommen würden, bestünde sicher eine Chance auf Frieden.

Der ausbaldowerte Plan von Ed und Gordon ist dann immerhin ziemlich clever und bezieht die Eigenheiten der Krill mit ein (wann ist Mr. Mercer eigentlich so ein Blitzmerker geworden?), scheitert am Ende aber fast an der Enttarnung von Gordon. Dennoch kann der Captain gerade noch alle Kinder an einem sicheren Ort um die Lehrerin versammeln - die ihm zu diesem Zeitpunkt einfach instinktiv vertraut, ohne zu wissen, wen sie da vor sich hat.

Das Ende

Knüppeldick kommt es dann aber doch noch: Die Crew - bis auf die Kinder und ihre Lehrerin - stirbt durch den Plan von Ed und Gordon. Doch was war - wie der Captain es später auch die Lehrerin fragt - die Alternative? Alle Menschen auf dem Planeten sterben zu lassen? Die Krill hätten mit ihrem Angriff auf die Kolonie nicht einmal die Kinder verschont. Hätten die Rebellen in „Star Wars“ nicht auch den kompletten Todesstern in die Luft gejagt, um Alderan zu retten? Ed und Gordon hatten keine Wahl und haben unter Zeitdruck und in einer höchst brisanten Situation noch versucht, Mitgefühl mit den Schwachen und Unschuldigen zu zeigen. Um die Tragweite der Situation erfassen zu können, lassen wir den abschließenden Dialog kurz auf uns wirken.

Why did you safe the children?

They're kids. They have their full lives ahead of them. They are not my enemies.

After they saw what you did today, they will be. They will be.

Harter Tobak, toll geschrieben und dabei verdammt ehrlich. Doch bleibt die Hoffnung, dass die Neugierde der Kinder irgendwann zu einem größeren Verständnis abseits der kulturellen und religiösen Lehren führen kann - egal in welcher der folgenden Generationen. Und hierbei geht es nicht um einen Identitätsraub oder das Verwässern einer Kultur. Den Krill fehlt an diesem Punkt schlicht die Wertschätzung für das Leben anderer Völker. Wer bereit ist, eine wehrlose Kolonie zu zerstören, weil es so schön einfach ist, hat die wichtigste Lektion schlicht noch nicht gelernt: den Wert des Lebens und die Bedeutung von gegenseitigem Verständnis. Der Ansatz, die Krill besser verstehen zu wollen, war sehr lobenswert - hat am Ende aber auch nur zu Zerstörung und Tod geführt. Es bleibt die Hoffnung auf einen Ölzweig, einen Anfang. Wer sich wundert: Ich spreche tatsächlich über eine Episode von „The Orville“.

Die Story ist relevant, behutsam geschrieben und aufgebaut, der gesellschaftliche Kommentar potent und die Erkenntnisse schmerzhaft. Ja, ich spreche immer noch über „The Orville“. Dazu kommt Humor, der teilweise zum Totlachen einlädt und eine Umsetzung, die keine Wünsche offen lässt.

Könnte bitte jemand dringend den Amerikanern sagen, dass sie für stabile Quoten sorgen sollen? Oder Netflix zwingen, die Serie zu unterstützen und in die Welt zu bringen? Selten bin ich bereit, für ein Format auf die Barrikaden zu gehen, hier haben wir es jedoch mit einer Kreation voller Liebe, Seele und Humor zu tun, die zudem auch noch etwas zu sagen hat und gerne noch lange auf Sendung bleiben darf. Und ja - ich spreche auch jetzt immer noch über „The Orville“. Glauben kann ich es selbst nicht.

Technisch betrachtet

Das eindrucksvolle Krill-Schiff macht Laune, die Actionsequenzen sind optimal umgesetzt. Auch das Innere des Schiffes kann gefallen, ebenso wie die Masken. Klar ist das alles aber auch ziemlich retro, passt sich hier dennoch perfekt ins Bild ein.

Der Score läuft erneut auf allen Zylindern und bringt dabei nicht nur diverse „Star Wars“-Anleihen (die auch thematisch sehr gut passen), sondern hält auch die Spannungskurve hoch. Erneut eine mehr als auffällige und tolle Arbeit, die die Serie bereichert. Bei den Effekten meinte ich sogar kurz, das Kreischen eines imperialen Jägers gehört zu haben - Einbildung?

Adrianne Palicki, Mark Jackson und Peter Macon in „The Orville“ /
Adrianne Palicki, Mark Jackson und Peter Macon in „The Orville“ / - © FOX

Schauspielerisch begeistern diesmal MacFarlane und Grimes, die es in den starren Krill-Masken schaffen, eine tolle Mimik hervorzuzaubern.

Was den Humor betrifft, gibt es einige tolle Momente und „Trek“-Referenzen, wie die Szene, als Alara den Kanal noch gar nicht geöffnet hat und Ed schon seine Begrüßungsworte spricht. Auch erwähnenswert ist der Versuch, außerirdische Namen zu erfinden (um dann bei Kris und Devon zu landen) oder die diversen Anspielungen auf die Ähnlichkeit zwischen dem Namen der Krill-Gottheit und der bekannten Autovermietung: Avis. Mit Humor geht wirklich alles besser. Oder in diesem Fall: noch besser.

Gib dem Kind einen Namen

Krill: Wie bei der vergangenen Episode begnügt man sich mit einem fantasielosen Ein-Wort-Titel, vermutlich ein Einfluss von Brannon Braga und David A. Goodman, die auch zu ihrer „Trek“-Zeit nie sonderlich großen Wert auf dieses Feld gelegt haben.

Fazit

Ich gebe zu, ich bin platt: Einen kreativeren Ansatz zum Verstehen eines Feindes habe ich selten gesehen. Dass die Handlung dazu wendungsreich, authentisch und grundehrlich ist, sie es sich an keiner Ecke zu einfach macht und schließlich sogar ein konsequent beinhartes Ende präsentiert, kommt völlig unerwartet. Genau wie die abschließende Gänsehautunterhaltung, die selbst in „DS9“ zu den Highlights gehört hätte. Die Serie überrascht hier weit über Gebühr und zeigt, dass sich Geduld mit einem Format auszahlt. Wenn man diese Qualität konservieren kann (und die Quoten halten), werden wir noch viel Freude mit der Orville haben. Die Höchstwertung zu vergeben, ist zugegebenermaßen ein Brett - dennoch glaube ich, dass eine Episode wie diese eine Idealversion der Serie darstellt, weil sie inhaltlich überzeugt, frische Ideen präsentiert, handwerklich toll gemacht ist und die beiden Ansätze Drama und Humor wunderbar ausbalanciert.

Verfasser: Björn Sülter am Freitag, 13. Oktober 2017

The Orville 1x06 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 6
(The Orville 1x06)
Titel der Episode im Original
Krill
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 12. Oktober 2017 (Hulu)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 27. März 2018
Autor
David A. Goodman
Regisseur
Jon Cassar

Schauspieler in der Episode The Orville 1x06

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