Masters of Sex 2x12

Masters of Sex ist nun schon die zweite Retroserie in diesem Jahr, die ein zentrales historisches Ereignis der sechziger Jahre verarbeitet. Im Midseason-Finale von Mad Men schauten die Hauptfiguren der Serie gebannt zu, wie im Jahre 1969 erstmals ein Mensch den Mond betrat. Die Ereignisse in The Revolution Will Not Be Televised spielen indes vor dem Hintergrund der Wahl von John F. Kennedy zum US-Präsidenten zu Beginn des Jahres 1961.
Live the life that you have
Bei Mad Men funktionierte die Einbindung eines so einschneidenden historischen Ereignisses viel besser, weil es in den vorherigen Episoden immer wieder thematisiert worden war. In Masters of Sex ist das Thema aber plötzlich einfach da, es hat bis dahin keine dramaturgische Unterfütterung erfahren. Deswegen hinterlassen die letzten Szenen im Staffelfinale auch viel weniger emotionalen Eindruck als die Szenen in Mad Men, in denen Don Draper und Co gebannt auf den Fernsehbildschirm schauen - mit Tränen in den Augen ob dieser unvorstellbaren menschlichen Leistung.
Nun nahm sich Serienschöpferin Michelle Ashford (die auch das Drehbuch zum Finale schrieb) selbst die Möglichkeit einer intensiveren Einbindung historischer Ereignisse, weil sie sich dafür entschied, die Ereignisse der neuen Staffel direkt an die Ereignisse der ersten anschließen zu lassen. Weil diese Phase im Leben der echten Masters und Johnson jedoch in dramaturgischer Hinsicht nicht besonders interessant war, mussten die Seriengeschehnisse sowohl durch einen Zeitsprung als auch durch die Erfindung mehrerer Nebenhandlungen aufgepeppt werden.
Das funktionierte nur bedingt, was im Staffelfinale noch einmal deutlich wird. Die Geschichten um Austin Langham (Teddy Sears) und Libby Masters (Caitlin Fitzgerald) finden zu keinem befriedigenden Abschluss, eben weil sie über die gesamte Staffel schon kein echtes Interesse generieren konnten. Immerhin erfahren wir, dass Libby über die Affäre zwischen Masters und Johnson die ganze Zeit Bescheid wusste - und trotzdem pflegte sie offensichtlich weiterhin eine freundschaftliche Beziehung zu Virginia (Lizzy Caplan).

Die Einbindung der Bürgerrechtsbewegung hätte indes besser funktioniert, hätte sich Ashford dazu entschieden, mehr Zeit im Buell-Green-Krankenhaus zu verbringen. So schlug der Handlungsstrang zwischen Libby und Robert (Jocko Sims) eher eine melodramatische Richtung ein und war überdies ziemlich vorhersehbar. Trotzdem funktionierte er noch besser als die Geschichte rund um Austin Langham, die größtenteils als comic relief konzipiert wurde, dafür aber nicht annähernd witzig genug war.
I know I want to feel
Ein weiterer Handlungsbogen, der sich unvorbereitet und deshalb flach anfühlte, war der um Virginias Kinder. Erst in der letzten Episode kam ihr Exmann George (Mather Zickel) völlig überraschend zurück in ihr Leben. Im Finale fordert er nun von Virginia, mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu dürfen - schlimmer noch: Er will das bestehende Sorgerechtsmodell der beiden umkehren, damit er die Kinder größtenteils bei sich und seiner neuen Ehefrau Audrey (die wir nicht kennenlernen) haben kann. Weil wir Henry (Cole Sand) und Tessa (Kayla Madison) aber über den Großteil der Staffel nicht gesehen haben, kann dieser plötzliche Verlust kaum emotionale Wucht entfalten. (Ein weiteres Problem des Zeitsprungs ist übrigens, dass die Kinder kaum gealtert sind - und das in einer Phase, in der sich Kinder in jedem Jahr eigentlich dramatisch verändern.)
Der gelungenste Teil von The Revolution Will Not Be Televised kreist um - wie soll es anders sein? - Masters (Michael Sheen) und Johnson und ihre Studie. Zu Beginn feiern sie einen Teilerfolg, als es ihnen bei ihren privaten Studiensitzungen im Hotel gelingt, Masters' Impotenz zu durchbrechen. Virginia ist darüber so begeistert, dass sie auch gegen den Rohschnitt der CBS-Sendung nichts einzuwenden hat, obwohl der so überhaupt nicht das wiedergibt, was die beiden eigentlich erreichen wollen.
Masters hingegen ist empört über die weichgespülte Endfassung der Reportage. Er lässt sich von einem alten Bekannten, Barton Scully (Beau Bridges), die Studie seines Rivalen Joseph Kaufman (Bradley White) besorgen und realisiert bei der Lektüre schnell, dass seine Forschungen viel weiter fortgeschritten sind und er das Wettrennen allein durch die Konzentration auf den eigentlichen Inhalt gewinnen kann. Also sabotiert er die Ausstrahlung der eigenen Sendung, indem er einem rivalisierenden Network (es wird nicht erwähnt, welches) Informationen über Kaufmans Studie zukommen lässt.

Dabei bemerkt er nicht, wie sehr dies Virginia verletzen könnte, hat sie doch soeben einen Großteil ihres Familienlebens für die Studie aufgegeben. Ihr ist es sowieso schon schwergefallen, zu verstehen, wie wenig es ihren Kindern ausmacht, fortan mehr Zeit bei George zu verbringen. Aber weder weiß Bill von ihren Plänen noch sie von seinen. Virginias Zusammenbruch nach der Erkenntnis, ihre Kinder für etwas aufgegeben zu haben, das vielleicht niemals eintritt, ist auch der emotional stärkste Moment im Finale.
It's real and complicated and very sexy
Auf gleichem Niveau emotionaler Intensität spielte aber ebenso der Handlungsbogen von Lester (Kevin Christy) und Barbara (Betsy Brandt), der endlich die comic relief-Ebene verlassen durfte. Die beiden glauben, neue Formen von Romantik und Beziehung entdeckt zu haben - Formen, die auf Sex verzichten können. Masters will das nicht glauben, für ihn ist Sex so wichtig und fundamental wie das Atmen. Also überredet er die beiden Liebenden, trotz der ersten Enttäuschung noch einmal an der Studie zur Heilung von Impotenz teilzunehmen.
Die Kamera fährt daraufhin aus dem Besprechungszimmer, in dem Masters und Johnson soeben noch die Sätze des jeweils anderen beendet haben. Sie verharrt einen kurzen Moment auf der Antrittsrede von John F. Kennedy als Präsident, bevor der Abspann einsetzt. Viel mehr mitgerissen war ich aber von Lesters und Barbaras gemeinsamen Kinobesuchen, die erst witzig sind und dann ernst werden. Zunächst regt sich Lester über die harmlose Darstellung von Liebe und Sex in einem Hollywood-Streifen auf („Pillow Talk“, zu Deutsch: „Bettgeflüster“ aus dem Jahre 1959). Dann weckt ein Antonioni-Streifen aus dem Jahre 1960 („L'avventura“, „Die mit der Liebe spielen“) seine Leidenschaft, woraufhin er über Barbara herfällt und sie stürmisch küsst.
In der neuen Staffel wird es spannend sein, den Fortschritt in der Beziehung der beiden zu sehen - sollte es eine solche überhaupt geben. In einem Interview mit Alan Sepinwall von hitfix.com verriet Serienschöpferin Ashford, dass es in Zukunft noch mehr Zeitsprünge geben werde als in dieser Staffel. Es bleibt also zu hoffen, dass es der Autorin und ihrem Team dann besser gelingt, einzelne Handlungsbögen und Figuren in die große Erzählung einzubetten. In dieser Staffel waren viele Erzählstränge kaum mit der Haupthandlung verbunden (Libby, Langham, Betty), was bei mir größtenteils Desinteresse für die darin handelnden Figuren nach sich zog.
Betrachten wir die zweite Staffel also einfach als dramaturgisches Experiment, das genutzt wird, um es in Zukunft besser zu machen. Es gab eine fantastische Episode (Fight) und einige gute Folgen, insgesamt konnte die Staffel aber nicht mit der herausragenden ersten mithalten.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 29. September 2014(Masters of Sex 2x12)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 2x12
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