Masters of Sex 3x01

Die zweite Staffel des Showtime-Dramas Masters of Sex startete furios und fand mit der exzellenten Episode Fight (2x03) einen frühen Höhepunkt, bevor die Probleme begannen. Showrunnerin Michelle Ashford hatte sich entschieden, die Staffel zu einem Zeitpunkt im Leben der beiden Protagonisten Bill Masters (Michael Sheen) und Virginia Johnson (Lizzy Caplan) zu platzieren, an dem beruflich weniger los war als privat.
Free of fear, but also full of understanding
Überdies schien das Autorenteam nie so richtig zu wissen, was sie mit der dritten Hauptfigur, Libby Masters (Caitlin Fitzgerald), anfangen sollte. Sie verirrte sich in einem Handlungsbogen, der völlig losgelöst war von den übrigen Geschichten und deswegen keinen emotionalen Fußabdruck hinterlassen konnte. Am Ende jedoch erhielt sie Gewissheit über die Affäre zwischen ihrem Ehemann und dessen wissenschaftlicher Mitarbeiterin, was schließlich sie selbst dazu animierte, einen Teil ihrer Selbstachtung zurückzuerobern.
Die Auftaktepisode der dritten Staffel trägt den Titel Parliament of Owls und verspricht, dass die Diskrepanz zwischen den beiden Haupthandlungssträngen - über die beruflichen und privaten (Miss-)Geschicke von Bill und Ginny - wieder aufgehoben sein könnte. Die Geschichte von Libby Masters ist nun wieder untrennbar mit der ihres (Noch-)Ehemanns und dessen Geliebter verbunden. Überdies springt die Serie abermals mehrere Jahre nach vorne - in die Zeit kurz vor der Veröffentlichung des wissenschaftlichen Meilensteins Human Sexual Response.
Sowohl beruflich als auch privat geht es beim Familienverbund Masters & Johnson also hoch her - was auch daran liegt, dass Ginnys Kinder nun im Teenageralter sind und ihre Aufgabe sehr ernst nehmen, das Leben ihrer Eltern zur Hölle zu machen. Die Struktur der Episode - Szenen vom Familienanwesen am See wechseln sich mit Szenen aus der Pressekonferenz zur Vorstellung der kontroversen Studie ab - trägt dazu bei, dem Format neuen Schwung zu verleihen.
Auch der Ton hat sich verändert. Wo in früheren Episoden meistens das Drama an erster Stelle stand, gönnt sich die Serie hier eine erste Episodenhälfte, die problemlos als komödiantisch bezeichnet werden kann. Eröffnet wird die Episode gar beinahe vulgär, als Ginny nicht schlafen kann, deswegen ihren Arbeitskollegen um Beischlaf bemüht, diesen dann aber mit einem Wortschwall irritiert: „You should stop talking so I can fuck you properly before we sleep.“
We are the sexual revolution
Solch dreisten Worte haben wir selten von Bill Masters gehört, was jedoch nicht weiter verwunderlich ist, steht doch der vielleicht wichtigste Tag in seiner akademischen Karriere bevor. Er und Ginny sind gleichermaßen aufgeregt, gehen damit aber unterschiedlich um. Während er die Worte seiner Präsentation so oft wiederholt, dass er sie auch im Schlaf aufsagen könnte, stopft sie sich ein schweres englisches Frühstück rein und muss sich gar selbst ermahnen, mit dem gierigen Runterschlingen aufzuhören.
So amüsant diese Szenen sind, so hart ist die Prüfung, die die beiden vor der versammelten Landespresse zu bestehen haben. Angesichts des heutigen Zustands der Literatur-, Musik- oder Filmkritik ist es ist beinahe schon drollig, wie viel Respekt die beiden vor der Rezeption haben. Vor allem Bill fürchtet sich vor dem Schicksal, das Darwin ereilte, nachdem er seine Evolutionstheorie veröffentlicht hatte. Virginia macht sich hingegen Sorgen um Fragen nach ihrer wissenschaftlichen Kredibilität, fehlt ihr doch immer noch der akademische Abschluss, der ihr in Fachkreisen die nötige Anerkennung bescheren würde.
Der kritischste aller anwesenden Journalisten, David Buckland (Eric Lange, Lost), der immer wieder Fragen zu den gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Studie stellt, macht am Ende eine überraschende Kehrtwende, die dramaturgisch nachvollziehbarer hätte aufbereitet werden müssen. Da gibt er zu, dass er nur deshalb so unnachgiebig nachbohre, weil er die Studie als etwas Bahnbrechendes erachte, das die Gesellschaft nachhaltig verändern könne. Aus unserer Warte wissen wir natürlich längst, dass das richtig ist. Aus damaliger Sicht wäre aber durchaus nachvollziehbar gewesen, wenn dieser Journalist seine Meinung nicht so zügig geändert hätte.
Da die wissenschaftlichen Errungenschaften von Masters und Johnson aber nur die Folie sind, auf der sich das eigentliche Drama abspielt, sind solche kleineren Unzulänglichkeiten verzeihbar. Das echte Drama spielt sich in Parliament of Owls nämlich nicht in der Pressekonferenz, sondern meist hinter geschlossenen Türen ab. Die Kinder bringen jedes auf seine Art neue Dynamik in die Serie, was sämtliche beteiligte Erwachsene auf ganz eigene Weise beantworten.
I hate 'Life'
Im Konflikt mit seinem ältesten Sohn Johnny (Jaeden Lieberher) muss Bill schmerzlich erkennen, dass mehr von seinem eigenen Vater in ihm steckt als ihm lieb sein kann. Auch für diese starke Szene hat die bereits erwähnte Episode Fight geniale Vorarbeit geleistet. Während Johnny also um die genuine Aufmerksamkeit seines Vaters kämpft, setzen Ginnys Kinder Tessa (Isabelle Fuhrman) und Henry (Noah Robbins) andere Mittel ein, um ihrer Mutter soviel Ungemach wie möglich zu bereiten.
Henry spielt mit dem Gedanken, zur Armee zu gehen, worauf Ginny verständlicherweise schockiert reagiert. Trotz seiner bisher dürftigen Erfolgsgeschichte in Erziehungsfragen ist es dieses Mal ihr Exmann George (Mather Zickel), der unter all der Aufregung einen kühlen Kopf bewahrt und den einzig möglichen Weg aufzeigt, Henry von seinem Vorhaben abzubringen. Ginnys barsche Reaktion ist angesichts des in vollem Gange befindlichen Vietnamkriegs indes leicht nachvollziehbar.
Tessa schafft es auf weniger lebensbedrohliche Art, ihre Mutter in eine unbequeme Position zu manövrieren. Sie fordert offensiv die eigene Aufklärung über Sex ein, was ihr Ginny aber versagt. Sie schickt lieber Bill vor, der sich zunächst aber auch ziert. Angesichts des früheren Umgangs von Ginny mit ihren Kindern überrascht ihr aktuelles Verhalten. Angesichts des Schamgefühls, das wohl jeder in einer solchen Situation verspürt, ist es dann aber doch wieder einigermaßen verständlich.
Die ungewöhnliche Lebenssituation im Hause Masters und Johnson - de facto leben Libby, Ginny und Bill in einer Vielehe - verspricht viele spannende Konflikte. So interessant die wissenschaftlichen Fortschritte des Forscherpaares auch sind - das emotionale Fleisch lag immer auf den Rippen der interpersonellen Konflikte (was auch hier wieder mit den beiden stärksten Szenen - zwischen Bill und Johnny sowie Libby und Ginny - verdeutlicht wird). Umso besser, wenn diese dramaturgischen Elemente miteinander verflochten werden. Parliament of Owls schafft diesbezüglich einen vielversprechenden Auftakt.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 15. Juli 2015(Masters of Sex 3x01)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 3x01
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