Masters of Sex 2x09

Es hätte eigentlich besser gepasst, hätte die neue Episode von Masters of Sex den Titel ihrer Vorgängerin erhalten: Mirror, Mirror. Noch mehr als üblich werfen Geschichten und Erlebnisse von Bekannten und Verwandten der Protagonisten ihre langen Schatten auf deren eigenes Leben voraus. Wie auch Mad Men übertreibt es Masters of Sex bisweilen mit den vielen Querverweisen, die wenig subtil in die Handlung eingebettet sind.
It hasn't been about the study in years
In Story of My Life funktioniert das aber vor allem deswegen, weil im Mittelpunkt der Handlung nun wieder Bill Masters (Michael Sheen) und Virginia Johnson (Lizzy Caplan) stehen - und weil die Studie wieder eine größere Rolle spielt. Die Episode holt uns dort ab, wo sie uns vor einer Woche abgesetzt hatte, im Behandlungszimmer des Psychologen Dr. Lloyd Madden (John Billingsley). Er durchschaut Virginia schnell und erkennt, dass sie nicht ihre eigene Geschichte vor ihm ausbreitet.
Doch statt sie bloßzustellen, bewahrt er seine berufliche Integrität und versucht, das Thema auf sie zu lenken. Unabhängig davon, ob er weiß, welchen Plan Virginia verfolgt, ist dies die richtige Entscheidung - nicht nur für Virginia, sondern vor allem auch für Barbara (Betsy Brandt). Ihr will Virginia eigentlich nur helfen, löst aber nun schon zum zweiten Mal ungewollt größeres emotionales Durcheinander bei ihr aus.
Virginia trägt den Rat, den sie bei ihrer ersten Sitzung von Dr. Madden bekommen hat, sogleich an Barbara weiter. Sie solle sich ausmalen, wie sie als Kind ihrem Bruder „Nein“ sagt, wie sie dessen ungebührliche sexuellen Avancen abwehrt. Barbara versteht den Vorschlag jedoch falsch und konfrontiert ihren Bruder sogleich persönlich mit den damaligen Ereignissen. Der hat indes eine gänzlich andere Erinnerung. Barbara sei diejenige gewesen, die den Vorschlag gemacht habe, Sex miteinander zu haben. Nun ist sie vollends verwirrt und weiß nicht mehr, was sie glauben soll. Virginia sollte sich also schleunigst von diesem zum Scheitern verurteilten Therapieversuch verabschieden.

Dr. Madden und eine unverhoffte Begegnung mit Libby (Caitlin Fitzgerald) bringen Virginia schließlich auf den richtigen Kurs. Am Ende konfrontiert sie Bill mit ihrer Erkenntnis, den Betrug gegenüber seiner Ehefrau (und ihrer Freundin) endlich einstellen zu müssen. Der will das nicht einsehen, weil er ihre nächtlichen Hoteltreffen immer noch nicht als Affäre einstuft, sondern weiterhin als Forschungsarbeit. Virginia macht ihm jedoch argumentativ deutlich, wieso es sich schon lange nicht mehr nur um wissenschaftliche Tätigkeiten handle.
I was reintroducing myself to you
Dann lässt Bill endlich die Katze aus dem Sack - und wir Zuschauer bekommen die endgültige Bestätigung für etwas, was uns im Laufe der letzten Episoden immer deutlicher vorgehalten wurde: Bill ist selbst impotent und hat deshalb ein gesteigertes Interesse daran, die Studie in diese Richtung zu vertiefen. Er hat in der Vergangenheit bereits mit vielfältigen Methoden versucht, Virginia als Sexualpartnerin zu behalten - diese wird sicherlich ähnlich gut funktionieren.
Zuvor musste aber auch Bill einen eigenen Lernprozess durchmachen. Den ebenso impotenten Kameramann Lester (Kevin Christy) schickt er zur Prostituierten Kitty (Erin Cummings), die es trotz elaborierter Methodik jedoch nicht vermag, dem armen Kerl auf die Sprünge zu helfen. Der stets auf amüsante Weise in Filmzitaten und -referenzen kommunizierende Lester will aus der Behandlung aussteigen, gibt Masters aber einen Hinweis darauf, wie es vielleicht besser funktionieren könnte als mit einer Prostituierten - nämlich mit einer von ähnlichen Problemen belasteten Sexualpartnerin.
Wer würde sich da also besser anbieten als Barbara? Durch den einseitigen Spiegel des Behandlungszimmers beobachtet Lester sie, während sie sich weigert, Masters' Behandlung fortzuführen. Was aus diesen beiden Nebenhandlungssträngen für uns Zuschauer, aber auch für Masters und Johnson deutlich wird, ist die Signifikanz professioneller psychologischer Behandlung beim Vorliegen einer sexuellen Störung. Nachdem die Studie über den Verlauf der zweiten Staffel - vor allem nach dem Zeitsprung in Asterion - etwas vernachlässigt wurde, kehrt die Serie nun also dorthin zurück. Das ist gut so.

Über Masters' eigene psychische Konstitution erfuhren wir bisher immer nur Bruchstückhaftes. Mit der Ankunft seines Bruders Frank (Christian Borle) dringen wir tiefer in seine Vergangenheit und die dort erlittenen Traumata vor. Frank nimmt ihn unter falschen Vorwänden mit zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo er eine Rede über seine schwierigen familiären Verhältnisse hält. Bill verlässt sie allerdings frühzeitig, weil er sich angegriffen fühlt.
You really think you would've walked away?
Bei der anschließenden Konfrontation der beiden kommt heraus, dass sie gleichermaßen unter dem tyrannischen Vater zu leiden hatten. Bill fühlte sich als größerer Bruder jedoch stets ungerecht behandelt, er glaubt, Frank sei das Lieblingskind („the apple of his eye“) des Vaters gewesen - vor allem auch deshalb, weil Francis senior dem Zweitgeborenen seinen Namen gegeben habe. Frank empfand Bills frühzeitiges Verschwinden jedoch so, als habe er ihn verlassen - ganz so, wie der Vater Bill verlassen hatte. Das alles sind schwerwiegende psychologische Traumata, die sicher nicht einfach aufzuarbeiten sind - vor allem, wenn man wie Bill glaubt, dass eine solche Selbstfindung gar keinen Wert habe: „The past is past. You cannot change it.“
Ein Anfang ist jedoch gemacht - genau wie bei Libby, die ihrem neu gefundenen Enthusiasmus für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung auch gegen starke Widerstände seitens Robert (Jocko Sims) nachgeht. Dieser Handlungsstrang passt immer noch nicht wirklich in den größeren Kontext der Serie, nimmt aber mittlerweile halbwegs interessante Gestalt an. Aufschlussreicher für ihre Beziehung zu Bill und Virginia ist da schon ihr Gespräch mit Franks Ehefrau Pauline (Marin Ireland), in dem ihr schmerzlich vorgeführt wird, wie tatenlos und schwach sie den Eskapaden ihres Ehemanns gegenübersteht. Ihre Figur wird dadurch wieder interessanter, auch wenn wir wissen, wo ihre Geschichte ultimativ hinführen wird.
Mit der Zuwendung zu Psychologie und der Einbindung dieses Forschungsfeldes in die Arbeit von Masters und Johnson kann sich die Serie etwas aus dem Trott befreien, der seit Mitte der Staffel herrscht. Besonders lobenswert ist dabei die stärkere Einbindung der Nebendarsteller, die in Story of My Life allesamt hervorragende schauspielerische Leistungen abliefern. Wenngleich der als großer Cliffhanger gedachte Schlussmoment weniger effektiv ist als vielleicht von Autorin Amy Lippman (die auch schon die bisher beste Episode der Staffel, Fight, schrieb) erhofft, etabliert er doch genug neuen Stoff für einen konfliktreichen Abschluss dieser Staffel.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 10. September 2014Masters of Sex 2x09 Trailer
(Masters of Sex 2x09)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 2x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?