Masters of Sex 2x03

Masters of Sex 2x03

Mit Fight liefert uns Masters of Sex den bisherigen Höhepunkt der noch jungen zweiten Staffel - wenn nicht sogar der gesamten Serie. In einem atemberaubenden Kammerspiel belauern sich Virginia und Bill so lange, bis sie gegenseitig die Deckung fallen lassen.

Am Ende ihres ganz eigenen Boxkampfs behält Virginia (Lizzy Caplan) vermeintlich die Oberhand. / (c) Showtime
Am Ende ihres ganz eigenen Boxkampfs behält Virginia (Lizzy Caplan) vermeintlich die Oberhand. / (c) Showtime

Woher kennen wir das nur? Zwei zentrale Charaktere einer Serie werden in einem Kammerspiel zusammengepfercht, nebenher läuft ein legendärer Boxkampf, und die beiden stacheln sich mit ihrer bloßen Gegenwart zu emotionalen Ausflügen ins eigene Ich an. Die neue Masters of Sex-Episode Fight erinnert in Konzeption und Ausführung stark an die Mad Men-Episode The Suitcase (4x07), was ihr herausragende Qualität jedoch keineswegs schmälert.

I never lost a fight

Via Alan Sepinwall von HitFix ließ Serienschöpferin Michelle Ashford gar wissen, dass sie diese Episode nie gesehen habe. Angesichts des erschreckend geringen TV-Konsums Fernsehschaffender (zumindest derer, mit denen ich Interviews geführt habe) ist diese Aussage durchaus glaubwürdig. Zumal ein Kammerspiel für sogenannte Qualitätsserien kein ungewöhnlicher Pfad ist. Und das Boxen? Ja, das Boxen lässt sich bestens als Allegorie auf sämtliche zwischenmenschliche Beziehungen anwenden. Ein Sohn wurde von seinem Vater geschlagen, er wehrte sich nicht, sondern ertrug es, weil er glaubte, das würde ihn zu einem echten Mann machen. Dann lernte er boxen, um sich wehren zu können. So einfach ist das.

Zu Beginn der Episode liefern Masters (Michael Sheen) und Johnson (Lizzy Caplan) die Projektionsflächen, auf denen im Laufe der Episode ihre eigenen Vorgeschichten ausgebreitet werden. Masters bringt per Kaiserschnitt ein Kind zur Welt, das zwar genetisch ein Junge ist, aber ein uneindeutiges Geschlechtsorgan hat. Der Vater ist darüber empört, bezeichnet seinen neugeborenen Sohn als „Es“ und verlangt von Masters sofort, den Jungen in ein Mädchen zu verwandeln, denn: „Better a tomboy than a sissy“ („Besser ein burschikoses Mädchen als ein Weichei“).

Für Bill ist das wie eine Zeitreise in die eigene verpfuschte Kindheit und Jugend. Er sieht in dem Vater des Jungen seinen eigenen gewalttätigen Vater. Entsprechend vehement versucht er deshalb, ihn von seinem Plan abzubringen und dem Kind ein normales Leben zu ermöglichen. Doch als Masters von seinem intensiven Affärenabend mit Virginia zurückkommt, hat der Typ längst einen anderen Arzt damit beauftragt, seinen Sohn zu entmännlichen.

Während sich im Fernsehen Archie Moore (l.) und Yvon Durelle duellieren... © Showtime
Während sich im Fernsehen Archie Moore (l.) und Yvon Durelle duellieren... © Showtime

Virginia ist indes damit beschäftigt, aufmerksam den Ausführungen ihrer Tochter über die Zahnfee, Prinzessinnen und Prinzen zu lauschen. Auch hier erhalten wir eine Vorlage für das, was uns in der folgenden Episode erwartet. Virginia glaubt, dass ihre Tochter Märchen so liebe, weil sie „like(s) knowing how things are going to end.“ („es mag, zu wissen, wie Sachen zu Ende gehen.“). Sie schlägt vor, doch auch einmal die Prinzessin diejenige sein zu lassen, die den Prinzen rettet - und nicht immer nur andersrum.

Maybe it is a noble sport

Im Zwiegespräch mit Bill offenbart sich dann später, dass Virginia tatsächlich die Prinzessin sein könnte, die Prinz Bill rettet - vor einem Leben als Lüge, vor Dämonen aus der Vergangenheit, vor einer Existenz in psychischer Agonie. Um schneller und effizienter zu ihm vordringen zu können, bedient sie sich einem einfachen Rollenspiel. Sie ermutigt Bill, für seinen Charakter „Dr. Holden“ eine Hintergrundgeschichte zu erfinden, die natürlich irgendwann keine Hintergrundgeschichte mehr ist, sondern die seiner eigenen Vergangenheit.

Als wären das nicht schon genug Doppeldeutigkeiten und Symboliken, wird das Kammerspiel im Hotelzimmer auch noch mit einer Box-Allegorie versehen. Als die beiden in ihrem Liebesnest ankommen, beginnt gerade ein Kampf, der heute noch als einer der besten aller Zeiten gefeiert wird. Am 10. Dezember 1958 standen sich der Boxweltmeister (und bis heute als einer der besten Boxer aller Zeiten geltende) Archie „The Old Mongoose“ Moore und sein Herausforderer Yvon „The Fighting Fisherman“ Durelle gegenüber. Durelle wurde bei den Buchmachern mit einer Quote von 4-1 als Underdog gehandelt, überraschte seinen Gegner aber in der ersten Runde mit einem furiosen Beginn, bei dem Moore gleich drei Mal auf die Bretter ging.

Nach heutigen Regeln wäre der Kampf dadurch schon abgebrochen und Durelle zum Sieger erklärt worden. Doch Moore rettete sich in die Pause. Nachdem Durelle ihn in der fünften Runde abermals niedergeschlagen hatte, schwanden dessen Kräfte. Schließlich gelang es Moore, seinen völlig ausgelaugten Opponenten in der elften Runde (damals gingen Boxkämpfe noch über maximal 15 Runden) auszuknocken. Vor diesem Hintergrund graben Masters und Johnson also in der Psyche des jeweils anderen und holen dort interessante Dinge hervor.

...tragen Virginia (Lizzy Caplan) und Bill (Michael Sheen) ihren ganz eigenen Kampf aus. © Showtime
...tragen Virginia (Lizzy Caplan) und Bill (Michael Sheen) ihren ganz eigenen Kampf aus. © Showtime

Virginia erfährt zum ersten Mal, dass Masters boxen kann. Nachdem er von seinem Vater ins Internat geschickt wurde, nahm er sich dort vor, einen Sport zu erlernen, mit dem er sich gegen Angriffe (wie die seines Vaters) wehren könnte. Er wurde von seinem Vater mehrmals körperlich misshandelt, einmal hat er ihm sogar die Nase gebrochen. Es habe nur einen echten Vater-Sohn-Moment zwischen ihnen gegeben. Da habe ihn sein Vater mit in einen Herrensalon in New York genommen und ihm Haarschnitt und Rasur gegönnt. Der einzige gemeinsame Ausflug der beiden sei aber nur zustande gekommen, weil New York auf halber Strecke zwischen ihrem Zuhause und dem Internat gelegen habe. Dort angekommen, habe er Bill im Ankunftsbereich abgesetzt und habe sich nicht weiter um ihn gekümmert. Seitdem habe er seinen Vater nicht mehr gesehen.

I never begged. Not once. I took it. Like a man.

Bill bettet diese Geschichte in seine Erklärungen für die boxunerfahrene Virginia und die erfundene Identität seines Pendants Dr. Francis Holden ein. Sie liefert ihm indes viel mehr als nur einen Einblick in die eigene Vergangenheit. Der erhellt zumindest Virginias Offenheit gegenüber sexueller Aktivität und ihre Verschlossenheit gegenüber romantischer Verwicklungen. Sie sei einst in einen Soldaten verliebt gewesen, der sie von einem Tag auf den anderen für eine Verlobte habe sitzen lassen, von der sie glaubte, dass sie gar nicht mehr existierte. Auch diese Entwicklung ist glaubwürdig und verständlich - und das ist es, was diese Episode von Masters of Sex trotz der offensichtlichen Parallelen zu besagter Mad Men-Folge so großartig macht. Die Geschichten, die hier erzählt werden, passen perfekt in die vorgegebene Figurenzeichnung. Deshalb ist der emotionale pay-off für den Zuschauer hier auch so enorm hoch.

Wie auch die Kreativen hinter Mad Men schießt Autorin Amy Lippman mit ihrer symbolischen Herangehensweise hier manchmal über das Ziel hinaus. All diese kleinen Erkenntnisse und das vorsichtige gegenseitige Abtasten hätten nicht unbedingt in verschiedene Box-Metaphern verpackt werden müssen. Weiterhin ist auffällig, dass in der Serienhandlung viel mehr Zeit vergeht als im eigentlichen Boxkampf. Hier hat die Episode ein kleines Continuity-Problem.

Wenn dabei jedoch immer solch mitreißende Episoden herauskommen sollten, darf sich Masters of Sex gerne öfter solche kleinen Fauxpas leisten. Sheen und Caplan spielen sich mit ihren Darstellungen in die erste Riege der amerikanischen TV-Darsteller - ihre Chemie ist umwerfend, ihre emotionale Intensität beängstigend. Am Ende, als sie sich sprichwörtlich und buchstäblich voreinander entblößt haben, ist es Virginia, die wieder in den Normalmodus schaltet und die Erkenntnisse ihrer „Studie“ zusammenfasst. Masters hätte da lieber einen Abschiedskuss gehabt - ganz so, wie es verheiratete Paare tun würden. Doch die beziehungsscheue Virginia weicht dem aus und entscheidet so einen Kampf für sich, bei dem es zwischendurch danach aussah, als habe Masters die Oberhand gewonnen. Es ist aber nur ein Punktsieg.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 29. Juli 2014
Episode
Staffel 2, Episode 3
(Masters of Sex 2x03)
Deutscher Titel der Episode
Ein Meister im Antäuschen
Titel der Episode im Original
Fight
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 27. Juli 2014 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 16. September 2014
Autor
Amy Lippman
Regisseur
Michael Apted

Schauspieler in der Episode Masters of Sex 2x03

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