Masters of Sex 1x07

Was eine Hand auf einem Busen in Brave New World (1x06) so unvermittelt eingeleitet hatte, wird nun in seiner Gänze vollstreckt: Virginia Johnson (Lizzy Caplan) und William Masters (Michael Sheen) haben - zum Dienste der Wissenschaft gründlich verkabelt - Sex miteinander. Auch wenn zwischen den Forschern längst nicht alles zum Besten steht, sind es in dieser Episode von Masters of Sex andere Charaktere, die am meisten zu leiden haben.
Aller Anfang ist...
Gewohnt aufdringlich begutachtet die Kamera das intime Spektakel, das sich zwischen Masters und Johnson entspinnt. Doch statt sich an der Wollust zu berauschen, möchte man sich im Angesicht von Virginias mangelnder Befriedigung und beim Anblick des zweifellos unangenehm berührten Masters am liebsten von dem intimen Geschehen abwenden. Elvis Presleys gefühlsbetontes „Love Me Tender“ wirkt hier dementsprechend wie ein makaberer Scherz. Doch immerhin können sich die beiden Forscher später zumindest auf der körperlichen Ebene verbessern.
Zwischen Nähe und Distanz
Dank des Knowhows aus dem Kamasutra und anatomischer Fachkenntnis gelingt es den kopulierenden Wissenschaftlern schließlich sogar, gemeinsam zum Orgasmus zu kommen. Doch während das Körperliche harmoniert, können Virginia und William psychisch nicht näher zueinander finden. Als Masters seine Forschungsassistentin zum Essen einladen möchte, scheint sich darin ein Bedürfnis nach Nähe zu Virginia widerzuspiegeln. Später verkehrt sich das ungleiche Zuneigungsverhältnis jedoch ins Gegenteil. Virginia macht ihrem Vorgesetzten zwar zunächst wortgewaltig klar, dass sie das Körperliche von dem Emotionalen zu trennen vermag und darauf auch bei ihm besonders großen Wert legt. Nur so könnten die „Sexperimente“ weitergehen. Doch als Masters dann am Ende der Episode seinerseits ein gemeinsames Essen ausschlägt, um sich stattdessen mit Libby (Caitlin FitzGerald) zu treffen, lässt die Inszenierung Virginias keinen Zweifel daran, dass sie über die Abweisung traurig ist.
Was will Virginia?
Es ist unmöglich, zu verstehen, was Virginia sich von ihrer Beziehung zu Masters erhofft. Auf der einen Seite scheint sie ihrem Chef nicht in dem Ausmaß verfallen zu sein wie er ihr. Zudem tut sie in dieser Episode von Masters of Sex alles, um William wieder mit seiner Ehefrau zu konsolidieren. Doch Virginias darauffolgender Herzschmerz lässt wiederum auf tiefere Gefühle schließen.
Vielleicht ist dieser scheinbare Widerspruch ja einfach auf ihre Impulsivität und ihren ausgeprägten Wankelmut zurückzuführen, der sich beispielsweise aus ihren beiden Scheidungen und der spontanen Annäherung an Masters in der vorangegangenen Episode schließen lässt. Es ist gerade einer der verlockendsten Aspekte der Serie, mehr über diesen Charakter zu erfahren, der gerade durch sein inkonsequentes Handeln so menschlich anmutet.

Libbys Kampf
In der Episode Brave New World hatte es fast gewirkt, als ob Libby (Caitlin FitzGerald) ihren unzugänglichen Ehemann - und somit auch ihre Ehe - bereits aufgegeben hätte. Wie sich jedoch herausstellt, besteht ihre größte Sorge im Gegenteil darin, dass William sie für eine andere Frau verlassen könnte. So instrumentalisiert Libby sowohl Virginia als auch Ethan Haas (Nicholas D'Agosto), um ihren Mann wieder für sich zu erwärmen.
Ethan soll ihr eine neuerliche Schwangerschaft bescheren, damit sie und William künftig etwas „gemein“ haben können. Die Idee, eine problemgeplagte Ehe mithilfe eines Kindes zu retten, ist zwar sicherlich nicht der weiseste Ansatz. Doch wenn man zum einen die Gegebenheiten der späten 1950er Jahre bedenkt - in der sich eine alleinstehende Frau kein Auto kaufen kann - und zum anderen Libbys mit ihrer Zeit kohärenten Charakter einbezieht, hat dieses Vorgehen durchaus Sinn.
Libbys Freundin Virginia soll dafür sorgen, dass William nicht so spät - und vor allem so ausgelaugt - nach Hause kommt. Das brisante Wissen darum, was genau Libbys „Daddy“ immer so müde macht, verleiht der Interaktion der beiden Frauen eine ausgeprägte Intensität.
Leben in der Lüge
Es ist schwer zu sagen, welchen Partner der Eheleute Scully es schlimmer getroffen hat. Barton Scully (Beau Bridges) hat als schwuler Mann in einer homophoben Zeit keine Chance, seine hohe gesellschaftliche Stellung mit einem öffentlichen Bekenntnis zu seiner sexuellen Orientierung in Einklang zu bringen. Statt in einer längerfristigen Beziehung zu einem Mann sein Glück zu finden, muss er sich in dunklen Gassen mit männlichen Prostituierten treffen. Auch wenn sein käuflicher Geliebter Dale (Finn Wittrock) ihm in einem Moment der Not beisteht, sind seine Intentionen nicht zwangsläufig ehrbar. Schließlich wissen die Zuschauer, dass er Barton bereits über seine Zusammenarbeit mit Masters belogen hatte. Aus der Geste, in der der dankbare Scully seinem Liebhaber gerührt die Hand küsst, spricht ein so hohes Maß an Verletzlichkeit und Einsamkeit, dass es einem fast das Herz bricht.
Die Folter der Unwissenheit
Es mutet nach wie vor unplausibel an, wie schnell Margaret Scully (Allison Janney) unter dem Einfluss ihres Geliebten Austin Langham (Teddy Sears) aufblüht. Irgendwie scheint es nicht zu ihrer treuen Grundeinstellung zu passen, wie bedenkenlos sie mit Austin im Hause ihres Mannes herumalbert. Auf der anderen Seite sollte man die Auswirkungen plötzlicher sexueller Erfüllung nach so langer Zeit sicher nicht unterschätzen.
Während Margarets Interaktion mit Austin den düsteren Grundton der Episode zeitweise aufzuheitern vermag, bringt ihr Charakter jedoch auch tiefe Tragik mit in die Handlung.

Als Margaret Barton in der Küche praktisch um eine Erklärung für die körperlich lieblose Ehe anfleht, kann man sich dem intensiven Spiel von Allison Janney nicht entziehen. Insgeheim wünscht man sich vielleicht, dass Barton ihr in diesem packenden Moment die Wahrheit erzählen würde. Da Margaret ihn fraglos liebt, würde sie ihm ja trotz des Standes der Homosexualität in der Gesellschaft vielleicht zur Seite stehen. Zumindest hätten mit dem Geständnis hoffentlich ihre nagenden Selbstzweifel ein Ende. Doch eventuell würden sich ja auch die düsteren Prognosen von William Masters bewahrheiten und Barton würde mit der Wahrheit praktisch das Ende seiner gesamten Existenz besiegeln...
Die zweite Wahl
Vieles spricht dafür, dass auch Vivian Scully (Rose McIver) die Chance auf eine bedingungslos erwiderte Liebe verwehrt bleiben wird. So wird eindrucksvoll deutlich, dass das Herz von Ethan nach wie vor für Virginia schlägt. Doch wenn man bedenkt, welche beträchtlichen Zugewinne der junge Arzt in puncto Sympathie in letzter Zeit verbuchen konnte, besteht zumindest die Hoffnung, dass er ihr trotzdem ein guter Ehemann werden könnte.
Fazit
Auch in der Episode All Together Now schreitet die Handlung zügig voran, wobei an vielen Stellen neue Facetten der wichtigsten Charaktere offenbart werden. Libby will kämpfen, Virginia scheint ihren Chef doch ein bisschen zu lieben und Barton und Margaret sträuben sich zaghaft gegen ihre hoffnungslose Lage.
Abseits der Haupthandlung kann die Serie Masters of Sex ebenfalls überzeugen. Exkurse in die Sitzungen von Austin mit seinem durch Alan Ruck porträtierten Therapeuten („Another stupid shrink question!“) dienen als wirkungsvolle Auflockerung der oft tragischen Grundthematik. Auch die Tatsache, dass Jane Martin (Heléne Yorke) in ihrer neuen Funktion als motivierte und buchstabierfreudige Sekretärin - „... This time with my clothes on“ - zusätzliche Spielzeit eingeräumt wird, ist positiv zu bewerten.
Das gesamte Schauspielerensemble leistet weiterhin grandiose Arbeit. Seien es Lizzy Caplan und Michael Sheen, die so glaubhaft veranschaulichen, dass Übung den Meister (of Sex) macht, oder Beau Bridges und Allison Janney, die eine fast schon schmerzhafte Anspannung zwischen ihren Charakteren heraufbeschwören können.
Diesen außergewöhnlichen Darstellern ist es zu verdanken, dass man der Serie auch die unplausibleren Wendungen glaubt, ohne dass das Sehvergnügen allzu sehr darunter leiden müsste.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 11. November 2013(Masters of Sex 1x07)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 1x07
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