Mad Men 7x13

Mad Men 7x13

Die Abenteuer des lebenssinnsuchenden Don Draper im Mittleren Westen Amerikas gehen in The Milk and Honey Route weiter. Zu Hause kündigen sich unterdessen sowohl glückliche als auch traurige Abschlüsse an. Überall gilt indes: Das Ende ist nahe.

Allein, ohne Besitz, glücklich: Don Draper (Jon Hamm) im Nirgendwo. / (c) AMC
Allein, ohne Besitz, glücklich: Don Draper (Jon Hamm) im Nirgendwo. / (c) AMC
© (c) AMC

Nun bleibt nur noch eine Episode, bevor sich die AMC-Dramaserie Mad Men für immer verabschiedet. Irgendwie ist das aber nicht wirklich traurig, denn diese letzten Episoden waren alle phänomenal gut. Wie schon in Time & Life und Lost Horizon sind die Handlungen der Figuren in The Milk and Honey Route zutiefst von ihrer eigenen Vergangenheit beeinflusst, während sie versuchen, ein gütliches Ende oder eine aussichtsreiche Zukunft für sich zu finden.

Always looking for something better

Das ist Charakterzeichnung vom Allerfeinsten - kein Wunder, hat Serienschöpfer Matt Weiner, der in dieser Episode mit Carly Wray das Drehbuch schrieb und Regie führte, sein Handwerk doch bei The Sopranos gelernt. Ebenjene Serie begründete das goldene Zeitalter des Fernsehens am Ende des vergangenen Jahrtausends. Mad Men ist die vielleicht letzte Serie (mit Ausnahme von The Americans, worüber sich streiten lässt), die zu dieser herausragenden Ära gezählt werden kann. Einer von vielen Beweisen dafür ist diese Episode, sind überhaupt die letzten Episoden dieser nicht immer großartigen siebten Staffel.

Don Draper (Jon Hamm) wacht zu Beginn aus einem Alptraum auf. Darin wird er von einem Polizisten als der erkannt, der er ist: Ein Betrüger, der ob des Identitätsklaus, der ihn zu diesem machte, ängstlich über seine Schultern blickt. Don schreckt aus dem Traum auf, er liegt im Bett eines Motelzimmers in Anytown, USA. Es ist eigentlich völlig egal, wo er ist. Er weiß ja nicht mal selbst, wo er hinmöchte. Er befindet sich auf der Flucht - wie er überhaupt immer Reißaus nimmt, wenn es irgendwo zu eng, zu klein, zu gefährlich wird. Wovor er flüchtet? Auch das kann er sicherlich nicht mit Bestimmung sagen.

Als in Oklahoma sein Cadillac zusammenbricht, wird er mehrmals gezwungen, seiner eigenen Vergangenheit, vor allem aber seiner Lebenslüge ins Auge zu sehen. Im „Zimmermädchen“ Andy (Carter Jenkins) erkennt er eine junge Version seiner selbst. Die Einladung der Motelbesitzer, die ihn unweigerlich an das Idealbild all jener Familien erinnern, die er in seinen Werbekampagnen stets als wahren Geist Amerikas beschwor, lehnt er zunächst ab. Erst, als ihm anhand des kaputten Coca Cola-Getränkeautomats bewusst wird, wovor er flüchtet (für McCann sollte er Coca Cola als Kunden gewinnen), nimmt er das Angebot an - er hat ja sonst nichts zu tun.

Betty (January Jones) bekommt eine niederschmetternde Diagnose - und findet sich schnell damit ab. © AMC
Betty (January Jones) bekommt eine niederschmetternde Diagnose - und findet sich schnell damit ab. © AMC

Auf dem Veteranentreffen seines Gastgebers Del (Chris Ellis) braucht es mehrere Drinks, bis sich Don traut, zumindest die halbe Wahrheit über seine Vergangenheit zu erzählen. Die Nacht endet mit einem Vollrausch - und höllischen Kopfschmerzen. Die Veteranen glauben nämlich, Don habe die Spendendose gestohlen, mit der für eine neue Küche für Floid (Max Gail) gesammelt worden war. In Wirklichkeit war es Mr. Don Draper junior, Andy, doch der gerät nicht in Verdacht, weil er kein Fremder ist und nicht mit dicken Geldbündeln hantiert.

Don't waste this

Für wen soll die verschworene Dorfgemeinschaft Don auch halten? Es scheint so, als wolle er jedem zeigen, wie wohlhabend er ist. Dabei ist er es aus New York einfach nur nicht anders gewohnt. Und in gewisser Weise ist ihr Verdacht ja auch richtig: Don ist ein Con Man, ein Betrüger - nur will er nicht sie betrügen, sondern einmal mehr sich selbst. Oder ist er etwa gar nicht auf der Flucht vor, sondern nur auf dem Weg zu sich selbst? Immerhin hält er rudimentären Kontakt zu der Person, die er im Leben am liebsten hat: zu seiner Tochter Sally (Kiernan Shipka).

Die beiden telefonieren zwar nur einmal zu Beginn der Episode, aber dieses Gespräch ist so wunderbar pointiert, dass man als Zuschauer gar nicht mehr braucht. In der Szene kulminiert das Verhältnis von Don Draper zu seinem Lieblingskind. Sie ist gelangweilt von seinen immergleichen Erzählungen und Eskapaden, während er sie ermahnt, besser mit Geld umgehen zu lernen. Dabei ist er selbst dafür das schlechteste Vorbild, hat er sich doch gerade wissentlich von einer millionenschweren Auszahlung bei McCann verabschiedet. Sie sprechen auch über eine bevorstehende Reise Sallys nach Madrid, woraufhin es aus Don herausplatzt: „I wanna go to Spain.“ („Ich will auch nach Spanien.“)

Ob er erkennt, dass er sich längst auf einem solchen eskapistischen Trip befindet? Im Moment müssen wir annehmen, dass Don jeden Tag, jede Stunde, vielleicht sogar jede neue Minute so nimmt, wie sie gerade kommt. Am Ende kauft er sich aus seiner nicht vorhandenen Schuld frei und belohnt sein jüngeres Ebenbild Andy auch noch. Statt ihm eine Lektion zu erteilen, schenkt er ihm seinen Wagen. Er selbst bleibt zurück und wartet auf den Bus. Auf einer Bank. In der Mitte von Nirgendwo. Aber das ist egal. Don lächelt und blickt in die Sonne. Er hat jetzt kaum noch mehr als die Kleidung, die er trägt. Und er ist glücklich, weil die Zukunft offensteht.

Sally (Kiernan Shipka) hört die schlechten Nachrichten - und flüchtet sich nur am Anfang in kindisches Verhalten. © AMC
Sally (Kiernan Shipka) hört die schlechten Nachrichten - und flüchtet sich nur am Anfang in kindisches Verhalten. © AMC

Bekommt Don, der Antiheld dieser Serie, also ein Happy End? Wir müssen noch das Serienfinale abwarten. Für eine andere Figur scheint dies jedoch jetzt schon zuzutreffen. Wer hätte gedacht, dass Pete Campbell (Vincent Kartheiser), das verzogene, launische, weinerliche, divenhafte, in Reichtum geborene Gör, ein solcher Abschluss beschieden sein würde? Ein Umzug nach Kansas - mit Frau, Kind und privatem Jet? Dies ist wohl Matt Weiners Art, mit der Kritik an und dem Hass gegenüber dieser Figur umzugehen. Er scheint uns zuzurufen: „Hier seht ihr es, liebe Fans. Am Ende gewinnt immer der privilegierte weiße Mann!

Why was I ever doing it?

So niederschmetternd die Diagnose von unheilbarem Krebs auch ist, die Dons Exfrau Betty (January Jones) in dieser Episode bekommt, kam ich nicht umhin, das Ende ihrer Geschichte auch als Happy End für sie zu betrachten. Sie scheint nun endlich mit sich im Reinen, sie ist voller Tatendrang, sie weiß, was sie will, sie tanzt nun nur noch nach der eigenen Pfeife. Aber was vielleicht am wichtigsten ist: Sie hat endlich einen Draht zu Sally gefunden. Und nicht nur das: Sie kann ihre Tochter verstehen, ja sogar bewundern: „I know your life will be an adventure.“ („Ich weiß, dass dein Leben ein Abenteuer sein wird.“)

Es ist die größte Liebeserklärung, die diese Mutter ihrer Tochter hätte machen können. Zuvor hatte Sally offenbart, wie erwachsen sie wirklich ist. Als sie die Nachricht von Bettys Erkrankung hört, hält sie sich wie ein kleines Kind die Ohren zu. Wenige Minuten später tröstet sie aber schon ihren Stiefvater, der bis zu diesem Zeitpunkt wie besessen versucht hatte, Betty zu einer Therapie zu überreden, und dann doch in sich zusammenbricht. Bei ihrem Besuch zu Hause setzt sich Sally am Küchentisch auf den Platz ihrer Mutter und versorgt ihre jüngeren Brüder, nachdem Betty beleidigt aus dem Zimmer gestürmt ist.

Sally ist nun eine kluge, selbstbewusste, in sich ruhende Frau. Betty erkennt das und ist stolz darauf. Es ist ein Grund mehr, warum sie beschließt, ohne peinigende, ultimativ aussichtslose Therapie aus dem Leben zu gehen. Auch sie ruht nun in sich selbst.

Das alles sind grandiose Momente eines bisher zutiefst zufriedenstellenden finalen Laufs dieser Ausnahmeserie. Weiterhin fällt es schwer, zu erahnen, wie Mad Men ausgehen wird. Werden wir Peggy Olson (Elisabeth Moss) und Roger Sterling (John Slattery) noch einmal sehen? Waren dies die letzten Auftritte von Betty und Sally? In einer Woche wissen wir mehr. Und dann ist alles vorbei.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 11. Mai 2015
Episode
Staffel 7, Episode 13
(Mad Men 7x13)
Deutscher Titel der Episode
Loslassen
Titel der Episode im Original
The Milk and Honey Route
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 10. Mai 2015 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 11. Mai 2015
Autoren
Carly Wray, Matthew Weiner
Regisseur
Matthew Weiner

Schauspieler in der Episode Mad Men 7x13

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?