Mad Men 7x12

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Zu Beginn der neuen Mad Men-Episode Lost Horizon, der drittletzten der Serie, sieht es für einen kurzen Moment so aus, als sähen unsere liebsten Charaktere einer vielversprechenden Zukunft entgegen. Im Verlauf der Episode holt uns Matt Weiner aber unmissverständlich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wie auch immer das Ende von Mad Men ausfallen wird, es wird für die ehemaligen Angestellten und Chefs der Werbeagentur SC&P ein neues, ein anderes Leben bereithalten.
This business doesn't have feelings
Schnell stellt sich nämlich heraus, dass Jim Hobart (H. Richard Greene) diesen Kauf aus vielen Gründen getätigt hat - aber ganz sicher nicht aus der Notwendigkeit neuer, im Speziellen dieser Mitarbeiter. McCann Erickson ist ein Werbegigant - mit allen Unannehmlichkeiten, Rationalisierungen und Vereinheitlichungen, die eine solche Corporation mit sich bringt. Unsere „Mad Men and Women“ hätten das eigentlich wissen können, aber die Aussicht auf baldigen Reichtum hat ihre Urteilsfähigkeit eingetrübt.
Am heftigsten bekommt das Joan (Christina Hendricks) zu spüren, die ja bereits im Auftakt der zweiten Hälfte der siebten Staffel, Severance, einen Vorgeschmack auf das bekam, was sich nun mit voller Wucht entlädt. Ihr neuer Kollege Dennis (Greg Cromer) macht ihr auf höchst widerwärtige Weise klar, welch sexistischer Old Boys Club bei McCann das Sagen hat. Noch schlimmer wird es, als sie sich bei Ferg Donnelly (Paul Johansson) darüber beschwert. Er sichert ihr zwar seine Unterstützung zu, insinuiert aber im gleichen Atemzug eine Gegenleistung, die noch viel schlimmer ist als das, was Dennis von sich gibt.
Ihre Reaktion darauf ist großartig und zeigt wunderbar, welche Entwicklung sie im Lauf der Serie durchgemacht hat. In wenigen Szenen kulminiert die Vergangenheit ihrer Figur in der Gegenwart und ebnet einen neuen Weg in die Zukunft. Nicht viele Serien schaffen das, Mad Men gelingt es immer wieder großartig. Nach der sexuellen Belästigung durch Ferg wendet sich die Joan aus dem Jahre 1970, die in den 60ern noch dazu bereit war, mit einem Klienten zu schlafen, um ihre Karriere zu befördern, an dessen einzigen Vorgesetzten. Doch Jim Hobart lässt sich durch ihre Forderungen und Drohungen nicht einschüchtern, wenngleich er nicht in die gleiche sexistische Schublade greift wie seine beiden Untergebenen. Er schlägt Joan einen schlechten Deal vor, den sie auf Anraten Rogers (John Slattery) schließlich zähneknirschend akzeptiert - alles nur, um diesem furchtbaren Betrieb so schnell wie möglich entfliehen zu können.
Joan ist nicht die Einzige, die sich schnell nach vergangenen, besseren Zeiten sehnt. Don (Jon Hamm) bekommt zwar zur Begrüßung viel Honig um den Mund geschmiert, merkt aber schon in der ersten Sitzung, dass die Abläufe bei McCann ganz andere, viel kältere und kalkuliertere sind. Er ist nun nur noch einer von vielen und erkennt: Jim Hobart wollte ihn zwar seit zehn Jahren, hat ihn aber jetzt nur geholt, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Don ist eine Trophäe, keine Verstärkung.
We all have regrets
Ted (Kevin Rahm) hat die gleiche wohlmeinende, aber leere Antrittsrede bekommen wie Don, ist aber mit der neuen Situation ungleich zufriedener, weil er sich längst von höheren Ambitionen verabschiedet hat - oder schlicht etwas einfacher gestrickt ist. Er ist auch der Einzige, dem es überhaupt auffällt, als Don mitten in der Besprechung zum Pitch an das Brauereiunternehmen Miller den Raum verlässt, nachdem er am Himmel ein Flugzeug gesehen hat, das gerade das Empire State Building überfliegt.
Schon zuvor bekommen wir eine vermeintlich vielsagende Szene von Don, wie er versucht, ein Fenster in seinem neuen Büro zu öffnen, weil er draußen den Wind heulen hört. Die Szene wird die These manch eines Mad Men-Fans bestärken, wonach Don die Silhouette aus dem Vorspann ist, die von einem Hochhaus stürzt. Ich habe die Szene hingegen so gelesen, dass Don darin realisiert, was er Besseres mit seiner Zeit anfangen könnte - zum Beispiel seine Familie besuchen. Zu meinem Ärger kommt er aber zu spät in der Francis-Residenz an, um Sally auf ihren Trip durch die Bundesstaaten zu verabschieden, was leider bedeutet, dass wir abermals keinen Auftritt von der tollen Kiernan Shipka bekommen.
Die Szene zwischen Don und seiner Freud-lesenden Ex-Ehefrau Betty (January Jones) ist dafür umso besser. Sie hat offensichtlich ihren Frieden mit der rebellischen Ader ihrer Tochter gemacht. Und Don? Der realisiert einmal mehr, was er gehabt haben könnte. Vergessen scheint die Zeit, in der sich er und Betty regelmäßig an die Gurgel wollten. Kurzzeitig verfällt er sogar in alte Verhaltensweisen, als er Betty die Schultern massiert. Sie lässt das kurz zu, merkt dann aber, dass dies nicht wirklich angemessen ist. Sie erzählt Don von ihrem Traum, den sie jetzt endlich erfüllen könne. Er ist darauf sichtlich stolz und verabschiedet sich auf die bestmögliche Art: „Knock 'em dead, Birdie.“
Beide tauschen einen warmen, freundschaftlichen Blick miteinander aus, woraufhin Don beschließt, im Mittleren Westen Amerikas auf die Suche nach Diana (Elizabeth Reaser) zu gehen. Und warum auch nicht? Die schier unendlichen Weiten der Flyover States versprechen eine ungleich größere Verheißung als die Langeweile seines neuen Jobs. Auch nach seiner erfolglosen Finte gegenüber dem Ex-Mann Dianas bleibt ungewiss, ob Don nach New York zurückkehren wird. Vor dem Abspann nimmt er einen Tramper mit zu einem Ort, zu dem er gar nicht wollte. Mit dem Abspann erklingt schließlich „Space Oddity“ von David Bowie - ein Song, der von einem Astronauten handelt, der Raumschiff und Crew zurücklässt, um neue Welten zu erkunden.
Are any of you planning to work here?
Neben Ted Chaough ist Pete Campbell (Vincent Kartheiser) der Einzige der alten Bande, der sich bestens an die neuen Umstände gewöhnt hat. Er war nie ein Romantiker wie Don, er hat keinen Körper wie Joan und hat sich stets als wandlungsfähig erwiesen - vor allem in einem solchen Umfeld, wo es von Business-Blaublütern wie ihm nur so wimmelt. Roger fällt es indes am schwersten, sich von den alten Räumlichkeiten und all ihren Erinnerungen zu trennen. Er überredet Peggy (Elisabeth Moss) dazu, ein letztes Mal mit ihm anzustoßen. Sie will das erst nicht, weil sie sich darum kümmern will, bei McCann ernstgenommen zu werden. Den scheinbar alles umfassenden Sexismus dort unterstreichend, hat man einfach angenommen, Peggy arbeite als Sekretärin.
Wir können Roger Sterlings Überzeugungskraft wahrhaft dankbar sein, entspringt aus ihr doch eine der tollsten Szenen dieser letzten Episoden. Roger spielt darin eine Orgel, während Peggy ihn auf Rollschuhen umkreist, was in diesem referenzenschwangeren Abschnitt von Mad Men unweigerlich an diese Szene erinnert (Danke an Alan Sepinwall für sein Serien-Elefantengedächtnis). Ihren Hangover versucht sie am nächsten Tag durch Sonnenbrille zu kaschieren. Dazu kombiniert sie eine lässige Zigarette im Mundwinkel und das Bild von Burt Cooper (Robert Morse), auf dem ein Oktopus zu sehen ist, der eine Frau befriedigt. Sie sorgt so für den wohl coolsten Einlauf, den McCann Erickson jemals gesehen hat - und für eine weitere erinnerungswürdige Szene, die jetzt schon ihren Platz in den Annalen großer Serienszenen sicher hat.
Wie bei sovielen Staffeln dieser fantastischen Serie hat es ein wenig gedauert, bis Mad Men zu alter Form gefunden hat. Die Geduld hat sich gelohnt - diese beiden letzten Episoden waren Zeugnisse vom herausragenden Talent des gesamten Produktionsteams. Wir wissen nun nicht, wie es weitergehen könnte - was gibt es dramaturgisch Besseres kurz vor dem Ende einer der besten Serien aller Zeiten? Alles ist möglich. Don könnte nie wieder nach New York zurückkehren. Joan könnte ihren letzten Auftritt gehabt haben. Roger auch. Pete auch. Peggy auch. Betty auch. Wäre das schade? Natürlich! Ist es schade, dass die Serie zu Ende geht? Auf jeden Fall! Geht sie gerade großartig zu Ende? Ja!
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 4. Mai 2015(Mad Men 7x12)
Schauspieler in der Episode Mad Men 7x12
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