Mad Men 7x11

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Hatte es nach den ersten drei Episoden des abschließenden Teils der siebten und letzten Staffel (danke für dieses Formulierungsmonstrum, Matt Weiner!) noch den Anschein, als würde uns Mad Men mit der Erkenntnis entlassen, dass am Ende alles so ist wie immer, kehrt die Episode Time & Life diesen Eindruck eigenhändig um. Wir bekommen wieder den narrativen Schwung, den wir von der Serie gewohnt sind. Und, was noch besser ist: Die Geschichte kreist um all jene Figuren, die seit den Anfängen dabei sind.
Sayonara, my friend. Enjoy the rest of your miserable life.
Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch zur üblichen Plotverdichtung in der Mitte einer jeden Staffel. Wo wir sonst unseren Helden zusahen, wie sie mit einem kreativen und willensstarken Kraftakt das Glück auf ihre Seite zwangen, bekommen sie nun gar nicht erst die Möglichkeit, ihres eigenen Glückes Schmied zu bleiben. Die Führungsriege von SC&P hat zwar einen lukrativen Deal mit McCann Erickson abgeschlossen, muss nun aber erkennen, dass ihr neuer Overlord niemals Interesse daran hatte, ihre Unabhängigkeit zu gewährleisten.
Wie sich nun herausstellt, hält die Zukunft für Don Draper (Jon Hamm) und Konsorten zwar ein finanziell gemütliches Polster bereit, jedoch keine kreative oder anderweitige Freiheit. Sie sind nun Teil eines gigantischen Firmensystems, das große Namen bereithält, aber keine Seele hat. Die Aussicht darauf lässt die Partner also noch einmal alle Kräfte mobilisieren, wie wir es ja schon in früheren Staffeln gesehen haben. Plötzlich liegt Don nicht mehr nur lethargisch auf der Couch, sondern ist von echtem Handlungseifer getrieben - ganz so wie in den besten Zeiten, als man über den Dächern New Yorks stand und in eine blühende Zukunft blickte.
Es gelingt ihnen, einen vermeintlich vielversprechenden Plan auszuarbeiten. Sie wollen einfach die Büroräume in Kalifornien nutzen, um von dort aus unter unabhängiger Flagge weiter das SC&P-Label hochzuhalten. Bis auf den neuen Arbeitgeber des immer noch racheerfüllten Ken Cosgrove (Aaron Staton) sind die potentiellen Klienten an Bord, doch alles Käfigrütteln ist umsonst. Beim Pitchmeeting wird Don abrupt von seinem neuen Chef Jim Hobart (H. Richard Greene) unterbrochen. Schnell wird klar: McCann Erickson hat nie auch nur den Hauch von Interesse gehabt, SC&P am Leben zu halten. Es ging immer nur um die Absorption eines Marktkonkurrenten.

Die ernüchternde Nachricht lässt Don mit Roger (John Slattery), Pete (Vincent Kartheiser) und Joan (Christina Hendricks) auf die guten alten Zeiten anstoßen und gleichzeitig deren Untergang beweinen. Ted (Kevin Rahm) ist auch dabei - und er ist der einzige, der sich über die Komplettübernahme freut, bekommt er doch nun endlich seinen Kunden aus der Pharmabranche. Alle anderen wissen, dass sie sich neue Jobs suchen müssen, wollen sie im riesigen System des Marktführers nicht zu unbedeutenden Rädchen verkommen.
You are okay
Blieb die dramaturgische Ausrichtung dieser letzten Episoden noch reichlich konfus, lässt sich nun ein deutlichers Bild ausmachen. Darin lässt sich mit bestem Willen kein gütlicher Ausgang für Don Draper erkennen. Er hat bisher seine Ehefrau und sein Apartment verloren. Nun verliert er sogar seine ganze Agentur. Ihm bleiben seine Freunde - wenn man seine langjährigen Kollegen überhaupt so nennen kann -, aber auch ihnen scheint ein besseres Ende beschieden zu sein.
Zumindest gilt das für ihr Privatleben. Joan hat mit Richard (Bruce Greenwood) einen Partner gefunden, der bereit ist, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um für sie von Los Angeles nach New York zu fliegen. Roger ist mit der laut Don „verrückten“ Marie Calvet glücklich, Ted bandelt mit einer alten Flamme an und sogar Pete nähert sich - wenn auch in winzigen Schritten - seiner Exfrau Trudy (Alison Brie) an. Und Don? Der irrlichtert weiter der mysteriösen Diana hinterher - ganz einfach, weil es gerade keine Alternativen gibt.
Am Ende stehen er und die übrige Führungsriege verdattert vor ihrer aufgebrachten Belegschaft, weil die sofort erkennt, dass sich hinter Dons Worten nichts als leere Hülsen verbergen: „This is the beginning of something. Not the end.“ („Das hier ist der Beginn von etwas Neuem. Nicht das Ende.“) Es braucht keiner besonderen Menschenkenntnis, Dons schwaches Auftreten richtig zu interpretieren. Die Sätze würden umgekehrt Sinn ergeben. So darf sich ein jeder Angestellter darauf vorbereiten, bald arbeitslos zu sein. Und was bleibt dann noch von Mad Men? Vielleicht die Erinnerung an ein dunkleres Ende als das, was man sich vorgestellt hat.

Time & Life trägt zu Recht diesen epischen, wenngleich generischen Titel. Dies wird in keinem Handlungsstrang so offenbar wie in dem von Peggy Olson (Elisabeth Moss). Sie bekommt mehrere Gelegenheiten, um über das Kind nachzudenken, das sie und Pete gezeugt und dann weggegeben haben. Schließlich muss sie aber von ihrem besten Freund Stan (Jay R. Ferguson) dazu gezwungen werden, dieses Thema zu konfrontieren - und ihm die Wahrheit zu erzählen. Mit Pete scheint sie ein Stillschweigeabkommen geschlossen zu haben, obwohl die beiden immer wieder (auch hier) zeigen, dass sie sich nicht egal sind.
I'm so dumb I believe you
Stan will das aber nicht zulassen. Er spürt genau, dass hinter Peggys Frust über die bevorstehende berufliche Veränderung mehr steckt, als sie zugeben möchte. Ihr Plädoyer dafür, als Frau die gleichen Selbstbestimmungsrechte über das eigene Leben haben zu wollen wie ein Mann, stößt bei ihm auf null Gegenwehr, vor allem auch, weil er erkennt, dass Peggy hier gerade ihr Lebenstrauma verarbeitet.
Auf die Frage, was mit ihrem Sohn denn sei, antwortet sie ernüchtert: „I don't know because you're not supposed to know.“ („Ich weiß es nicht, weil man es auch nicht wissen sollte.“) Stan hat hier einen wunden Punkt getroffen. Gleichzeitig ist es für Peggy wichtig, darüber zu sprechen. Sie weiß das - und bittet ihn, länger mit ihm am Telefon zu bleiben, auch wenn es nichts mehr zu bereden gibt.
Die beiden werden wohl zusammen zu McCann Erickson gehen, sie erwarten dort keine schlechten beruflichen Aussichten, wie sich Peggy von einem Headhunter bestätigen lässt. Die Partner hingegen wissen genau, dass das für sie nicht gilt. Sie würden dort nur ihre Zeit absitzen, bis sie sich ihren großen Scheck ausbezahlen lassen könnten. Und was dann? Würden sie sich dann den Traum von Dean Martin aus dem Abspannsong „Money Burns a Hole in My Pocket“ erfüllen und ihre Millionen für ihre Liebsten ausgeben? Kann das alles gewesen sein?
Je näher wir dem Ende kommen, desto brennender stellt sich diese Frage. Für die Serie selbst gilt das nicht, denn sie kann auch nach sieben Staffeln noch solche herausragenden Episoden wie diese abliefern. Sie könnte das wohl auch nach acht oder neun oder zehn Staffeln noch. Gib diesen Schauspielern ein Script von Matthew Weiner, in dem sie miteinander agieren und du hast eine Antwort auf die Shakespeare'sche Frage: „What's in a name?“ Bei Mad Men ist es allerfeinste Serienkost - leider nicht mehr lange.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 27. April 2015(Mad Men 7x11)
Schauspieler in der Episode Mad Men 7x11
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