Mad Men 7x10

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Don Draper (Jon Hamm) ist ein Mann, der oft bekommt, was er will. Noch öfter weiß er aber gar nicht, was er will. Was kommt als Nächstes? Wo gehe ich jetzt hin? Was wartet auf mich? Was erwarte ich von mir und meiner Zukunft? Diese Fragen stellt er in The Forecast nicht nur sich selbst - er befragt auch manche seiner Kollegen dazu, bis hin zur eigenen Sekretärin. Damit er sich diese Fragen stellt, muss er aber erst animiert werden. Wie wir es von Roger Sterling (John Slattery) gewohnt sind, wälzt er seine unangenehmen Aufgaben auf Mitarbeiter und Untergebene ab.
Do you ever think there's less to do but more to think about?
Don wird also regelrecht dazu gezwungen, über die Zukunft seiner Firma, vielmehr aber natürlich über seine eigene Zukunft nachzudenken. Beruflich ist er nun wohl schon am Höhepunkt angelangt, aber was soll jetzt noch kommen? Zur Ergründung dieser Fragen wendet er sich an seine Kollegen. Ted Chaough (Kevin Rahm), dessen freundliche Begrüßung er zunächst stirnrunzelnd ignoriert (toller Einsatz des typischen Mad Men-Humors), weiß bereits, dass sich Don nicht aus lauter Freundschaftlich- und Redseligkeit mit zwei Donuts in seinem Büro einfindet. Er selbst hat die Aufgabe als Erster von Roger bekommen und sich erfolgreich vor ihr gedrückt.
Mit gutem Grund, wie sich schnell herausstellt. Sein größter Traum ist es nämlich, mit der Firma einen Kunden aus der gutsituierten Pharmabranche an Land zu ziehen - wie profan und kleinkariert! Genau deswegen hat wohl auch Roger schnell erkannt, dass er der falsche Mann für den Job ist. Als Nächstes ist Peggy (Elisabeth Moss) an der Reihe, die von Don eigentlich eine Leistungsbeurteilung einfordert, dann aber doch nur nach Ideen befragt wird. Bemerkenswerterweise ist sie die einzige, die eine klare Vorstellung von der Zukunft hat. Für diese Offenheit gegenüber ihrem Mentor bezahlt sie aber, indem sie sich seine Belustigung darüber anhören muss. Ihre Reaktion fällt entsprechend harsch aus: „Why don't you write down all of your dreams so I can shit on them?“ („Warum schreibst du nicht einfach alle deine Träume auf, damit ich drauf scheißen kann?“)
Weil alle anderen Kollegen entweder keine Zeit haben oder er sie nicht als befragenswert erachtet, wendet sich Don schließlich sogar an seine Sekretärin Meredith (Stephanie Drake) - und sie bringt ihn tatsächlich auf eine gute Idee. Jedoch werden sie vom wutschnaubenden John Mathis (Trevor Einhorn) unterbrochen, der einen Ratschlag Dons angenommen hat und deswegen nun kurz vor der Entlassung steht. Den letzten Nagel im Sarg seiner Karriere bei SC&P haut er schließlich alleine rein, als er Don bezichtigt, nur wegen seines guten Aussehens in der jetzigen Position zu sein. Er reiht sich somit ein in eine lange Reihe an Kreativangestellten, die seit der Herrschaft von Don und Peggy ihren Hut nehmen mussten.

Das Schmieden von Plänen spielt auch im nächsten Handlungsstrang eine Rolle, der endlich Sally Draper (Kiernan Shipka) zurück in die Serie bringt. Während sie sich auf einen Trip (12 States in 12 Days) vorbereitet, bekommt sie überraschenden Besuch von Glen (Marten Holden Weiner), der ihr mitteilt, dass er der Armee beigetreten ist und bald in Vietnam kämpfen wird. Sally kann das nicht glauben, war sie doch davon überzeugt, dass Glen sich selbst als Kämpfer gegen den Krieg sieht. Natürlich spielt aber auch ihre Sorge um ihn eine große Rolle für ihren Wutausbruch.
You are like your mother and me
Schlimmer als der mögliche Verlust ihres guten Freundes könnten aber die emotionalen Wunden wiegen, die Sally jedes Mal davonträgt, wenn sie dabei zusehen muss, wie ihre Eltern mit Kindern ihres eigenen Alters flirten. Betty (January Jones) erkennt Glen zunächst gar nicht, weshalb sie ihn auch nicht aus dem Haus verjagt. Zwischen den beiden kommt es gleich zweimal zu Situationen, die zu allerlei Fremdscham einladen. Zunächst flirten Betty und Glen vor den Augen von Sally und Glens Freundin. Als Sally zu ihrer Reise aufgebrochen ist, stattet Glen ihrer Mutter noch einmal einen Besuch ab und versucht, sie zu küssen. Glücklicherweise verhindert Betty das aber.
Sie erfährt dabei, dass Glen nicht ganz freiwillig zur Armee geht. Er hat seinen Schulabschluss nicht geschafft und seinen Eltern davon nichts erzählt. Deshalb kann er nicht zur Uni und muss sich eine andere Beschäftigung suchen. Glen hat zwar einen Plan, aber einen, der viel zu viele Löcher hat, um von ihm aufrechterhalten werden zu können. Ist auch nicht wirklich besser, als - so wie Don Draper - ohne Plan durchs Leben zu gehen.
Der offensichtliche Flirt zwischen Betty und Glen macht denn auch zunichte, was ein freundliches Tischgespräch zwischen ihr und Sally eventuell hätte aufbauen können. Die beiden wirken dabei weniger feindselig als sonst, Betty muss sich sogar mehrmals das Lachen über die Witze ihrer Tochter verkneifen. Als dann auch noch Don beim Abschiedsessen mit einer Freundin seiner Tochter flirtet, reicht es ihr. Sie wolle niemals so werden wie ihre Eltern und so schnell wie möglich so weit wie möglich von ihnen wegkommen. Ihren Ärger kanalisiert Don in einen wertvollen elterlichen Ratschlag: „You're a very beautiful girl. It's up to you to be more than that.“ („Du bist ein wunderschönes Mädchen. Es liegt an dir, mehr als das zu sein.“)
Hier verarbeitet Don genau das, was ihm selbst vorgeworfen wurde. Ob Sally irgendwann einmal den Gehalt dieses Ratschlags gutheißen kann, sei dahingestellt. Ich freue mich nur, dass sie nach zwei Episoden Abwesenheit wieder in der Serie zu sehen ist - und ganz ohne Konflikte wäre das ja auch langweilig.

Bei ihrer Geschäftsreise nach Los Angeles lernt Joan (Christina Hendricks) schließlich einen Mann kennen, der sich Planlosigkeit als Lebensinhalt verschrieben hat. Richard Burghoff (Bruce Greenwood) umgarnt sie ab dem ersten Augenschlag, als sie ihn fälschlicherweise für einen potentiellen Kunden hält. Das SC&P-Büro in L.A. wird mittlerweile von Lou Avery (Allan Havey) geleitet, der sich weiterhin erlaubt, Arbeitszeit für die Vermarktung seines Comics über einen Affen in der Armee (seine Sekretärin dazu: „I think he misses it.“ („Ich glaube, er vermisst sie.“)) zu nutzen.
Create something of lasting value
Richard und Joan landen schnell im Bett. Während eines Dates in New York, wohin er wegen ihr ziehen möchte, zeigt sich aber bald seine dunkle Seite. Er wird laut und aggressiv, als die Sprache auf ihren Sohn kommt. Joan lässt sich das glücklicherweise nicht gefallen. Ihren Frust darüber darf Babysitterin Maureen (Amy Ferguson) ausbaden, wobei bewusst ambivalent gehalten ist, ob ihre Anklage an Maureen oder ihren Sohn gerichtet ist. Richard überdenkt seine Haltung jedenfalls noch einmal und entschuldigt sich in aller Form, was ihm eine zweite Chance einbringt. Ob seiner leichten Reizbarkeit sollte Joan künftig aber sehr vorsichtig sein.
Mit Ausnahme dieses Handlungsbogens ruft The Forecast in Erinnerung, wie witzig Mad Men doch sein kann. All diese kleinen Konflikte - ob im Büro oder zu Hause - sind so gut geschrieben, dass ich beim Schauen mehrmals laut auflachen musste. Es ist die bittersüße Wahrheit unserer Existenz, dass oftmals die Dinge am witzigsten sind, die wir eigentlich ablehnen sollten. Wie Peggy Meredith behandelt und vice versa, wie sich Peggy und Pete (Vincent Kartheiser) um die Zukunft von Mathis und Ed (Kit Williamson) streiten, wie sich Betty und ihre Tochter zanken - das alles sollten Beispiele dafür sein, wie man nicht miteinander umgehen sollte. Und trotzdem holen Matt Weiner und Konsorten aus diesen Szenen die größtmögliche Portion Humor, was nicht weiter verwunderlich ist, hat Weiner sein Handwerk doch bei The Sopranos gelernt, einer weiteren Serie, die es brillant verstand, Drama und Humor zu verquicken.
The Forecast wäre eine sehr gute Mad Men-Episode, würde sie nicht so spät im Lauf der Serie kommen. Weil aber nur noch vier Episoden ausstehen, kommt angesichts eines kaum vorhandenen Plots die Frage auf, worauf diese letzten Folgen denn hinauslaufen sollen. Hat Matt Weiner - analog zu seiner Hauptfigur - etwa keinen Plan, wie seine Serie ausgehen soll? Ich gehe nicht davon aus, zog die Dramaturgie der Serie in den vergangenen Staffeln doch öfters erst zum Ende der jeweiligen Season an. Momentan konzentriert sich die Geschichte aber noch sehr auf das Seelenleben Don Drapers, das wir eigentlich schon ziemlich gut kennen. Falls es diese jemals gab, sind die Pläne für das Ende der Serie aber längst gemacht. Hoffentlich sind sie gut.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 20. April 2015(Mad Men 7x10)
Schauspieler in der Episode Mad Men 7x10
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