Mad Men 7x09

Mad Men 7x09

Konträr zum Episodentitel wickelt Mad Men in New Business hauptsächlich Altlasten ab. Die Serie konzentriert sich dabei bisweilen zu sehr auf Figuren, die ihre dramaturgische Nützlichkeit längst abgelegt haben. Don Draper bleibt indes, wer er schon immer war.

Peinlich, peinlich: Don Draper (Jon Hamm, 2. v. l.) im Kreise alter und neuer Liebschaften. / (c) AMC
Peinlich, peinlich: Don Draper (Jon Hamm, 2. v. l.) im Kreise alter und neuer Liebschaften. / (c) AMC
© (c) AMC

Bevor sich die AMC-Retroserie Mad Men am Ende der ersten Hälfte der siebten Staffel zu einem neuerlichen Höhepunkt aufschwang, sah sich das Format wachsender Kritik ausgesetzt. Die Geschichten ähnelten sich zu sehr, die Protagonisten begingen immer wieder die gleichen Fehler, ihre Fähigkeit zu persönlicher Entwicklung sei unrealistisch limitiert. Dann kamen Episoden wie The Strategy und Waterloo und die Kritik verstummte schlagartig - wir wurden daran erinnert, wie großartig diese Serie sein kann.

What if you never get past the beginning again?

Nun bietet der Start in die abschließenden sieben Episoden neues Futter für alle Kritiker. Zunächst einmal fühlte sich nicht nur das Ende des ersten Teils wie ein Serienfinale an, auch der Auftakt dieser letzten Folgen kam wie ein Staffelauftakt daher - da konnte Serienschöpfer Matthew Weiner vorher noch so sehr versichern, dass dies nicht so sein würde. Was bei Breaking Bad noch gut funktionierte, war bei Mad Men zum Scheitern verurteilt. Der einfache Unterschied zwischen den beiden Formaten: „Bad“ war plotorientiert, „Mad“ legt den Fokus auf seine Charaktere.

Das eine Format kann sich darauf verlassen, dass Fans nach einem monströsen Cliffhanger ein Jahr darauf hinfiebern, wie die Geschichte wohl zu Ende geht. Beim anderen ist es nicht wirklich wichtig, wie die Geschichte ausgeht - wenn sie das überhaupt tut, schließlich ist ein offenes Ende hier sogar sehr wahrscheinlich. Dazu gesellte sich das bereits erwähnte Problem, dass sich schon Waterloo wie ein sehr gelungenes Serienfinale ausnahm. Es hätte wohl niemand nach mehr „Mad Men“ geschrien, wenn die Serie nach Episode 7x07 beendet worden wäre.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es denn auch ziemlich unverständlich, wie Weiner und seine Autoren mit der knapp bemessenen übrigen Erzählzeit umgehen. Schon in Severance hat überrascht, wie viel Spielzeit plötzlich Ken Cosgrove (Aaron Staton) zugestanden wurde - eine Figur, die mit Ausnahme einiger (sehr gelungener) comic relief-Auftritte mehrere Staffeln lang auf der Reservebank schmoren musste. In New Business bekommen wir nun also eine weitere fragwürdige dramaturgische Entscheidung vorgesetzt - die kleinteilige Verhandlung der Scheidung von Don (Jon Hamm) und Megan (Jessica Pare).

Hier bekommen all diejenigen Kritiker neue Munition, die sich über zu wenig dramaturgischen Fortschritt beschweren. Don reagiert nämlich auf gewohnte Weise auf diese neuerliche Niederlage - indem er sich ein neues Mädchen sucht, mit dem er die gleichen Fehler begehen kann. Es ist kein Zufall, dass Diana (Elizabeth Reaser) seinen übrigen Eroberungen äußerlich sehr ähnelt, mit Ausnahme seiner ersten Ehefrau Betty (January Jones), die als Mutter seiner Kinder immer noch eine Sonderstellung einnimmt - und diese wohl auch nie verlieren wird.

Can't you see I don't want anything?

Beim Aussehen hat sich die Ähnlichkeit zwischen Diana und Megan, Sylvia (Linda Cardellini) oder Rachel Katz (Maggie Siff) aber auch schon erschöpft. Anders als sie lässt sich Diana nämlich nicht so leicht um den Finger wickeln und als hörige Mädchenfrau instrumentalisieren. Sie trägt eine große persönliche Tragödie auf ihren Schultern und will - anders als vielleicht ein Großteil von uns Menschen - davon nicht abgelenkt werden. Sie will den Schmerz immerzu spüren, den diese schlimmsten aller Verluste hinterlassen haben. Don Draper hält sie davon nur ab, weshalb er am Ende alleine in einer leeren Wohnung steht.

Das tolle Bild schließt die Klammer dieser Episode, die zu Beginn geöffnet wurde, als Don sehnsüchtig auf seine Familie (und deren neues Oberhaupt, Henry Francis) blickt und realisiert, dass dies sein eigenes Leben hätte sein können - sein besseres Leben. Mit einer Ehefrau Betty, die sich ein Grinsen nicht verkneifen kann, als sie erzählt, wo sie gerade war (beim Dinner mit einem entfernten Verwandten der Rockefeller-Dynastie - einfach wunderbar!), und die stolz berichtet, dass sie demnächst ein Psychologiestudium aufnehmen werde, weil: „People love to talk to me.“ („Menschen lieben es, mit mir zu reden.“)

Das ist witzig und tragisch zugleich, vor allem auch angesichts der folgenden Ereignisse, die Don wieder dorthin zurückholen, von wo er doch so unbedingt entfliehen will - der stillen Leere seiner Einsamkeit. Die Episode dreht sich zu einem großen Teil um die Abwicklung der Scheidung zwischen Don und Megan, was hoffentlich bedeutet, dass wir in den ausstehenden Episoden nichts mehr von Megan sehen werden, hat diese Figur ihre dramaturgische Nützlichkeit doch längst verloren.

Wir sehen noch einmal, welch furchtbarer Mensch Harry Crane (Rich Sommer) sein kann, dürfen dem erneuten Aufflammen der Affäre zwischen Roger Sterling (John Slattery) und Megans Mutter Marie (Julia Ormond) beiwohnen und werden einmal mehr Zeuge, wie Don nicht versteht, was die Menschen um ihn herum eigentlich brauchen. Wobei Megan die eine Million Dollar sicherlich gut gebrauchen kann - lieber wäre ihr wohl aber eine glückliche Beziehung zu Don gewesen.

Das Zurückholen von Megan und ihrer Verwandtschaft (auch die Schwester hilft beim Umzug) gibt der Episode eine merkwürdige Struktur. Wir bekommen mehrere comic relief-Momente, wobei nicht alle zünden. Roger und seine Verärgerung über das Sekretärinnen-tag team funktioniert nicht, weil nie erklärt wurde, wieso Caroline (Beth Hall) ihre Aufgaben plötzlich nicht mehr alleine schafft.

I can feel the tension of your need for my opinion

Gut funktionieren hingegen die wenigen Szenen mit Pete Campbell (Vincent Kartheiser), der seine bewundernde Verachtung für Don kaum mehr verbirgt. Zusammen sollen sie zu einer Partie Golf mit einem Kunden. Don vergisst sowohl Golftasche als auch das entsprechende Outfit und beschließt kurzfristig, einfach in seinem Anzug zu spielen und sich die Ärmel hochzukrempeln: „They'll love it.“ („Sie werden es lieben.“) Pete kann darauf nicht anders reagieren als mit einem Grummeln: „They probably will.“ („Wahrscheinlich werden sie das wirklich.“) Die Beziehung von Don Draper und Pete Campbell in zwei kurzen Sätzen zusammengefasst - großartig!

Peggy (Elisabeth Moss) und art director („I do everything!“ - „Ich mache alles!“) Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) geraten indes über die Anstellung der Fotografin Pima Ryan (Mimi Rogers) in Streit, die hinter einer professionell-flirtigen Fassade die gleiche Verzweiflung durchscheinen lässt, die so viele Charaktere dieser Serie eint. Um an neue Jobs zu kommen, ist sie bereit, sowohl Stan als auch Peggy zu umgarnen, hat aber nur beim äußerlich robusten, angesichts fehlenden Fortschritts in seiner Kunst aber überaus unsicheren Stan Erfolg. Peggy durschaut das Spiel aber schnell und beschließt sogleich, Pima keine weiteren Aufträge zu geben.

Dieses Material funktioniert wunderbar, weil darin Figuren vorkommen, die noch viele interessante Geschichten zu erzählen haben, und weil Mimi Rogers als androgyne Künstlerin tollen neuen Schwung in die Story bringt. Im Kern erzählt zwar auch diese Nebenhandlung kompromisslos von der inneren Verzweiflung ihrer Charaktere. Einziger, aber sehr bedeutender Unterschied dabei: Diese Charaktere sind allesamt interessanter als die Frauen aus dem Calvet-Clan. Eine Partie Golf mit Pete, Don und den ob deren Gehässigkeit verblüfften Kunden hätte ich mir schon viel eher gewünscht. Matt Weiner ist jedoch großer Megan-Fan, weshalb weitere Auftritte von ihr nicht auszuschließen sind. Ansonsten darf sich Mad Men gerne wieder auf seine zentralen Figuren konzentrieren.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 13. April 2015
Episode
Staffel 7, Episode 9
(Mad Men 7x09)
Deutscher Titel der Episode
Vergessen
Titel der Episode im Original
New Business
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 12. April 2015 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 13. April 2015
Autoren
Tom Smuts, Matthew Weiner
Regisseur
Michael Uppendahl

Schauspieler in der Episode Mad Men 7x09

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