Mad Men 7x14

Mad Men 7x14

Je nachdem, wie man die letzte Szene des Serienfinales von Mad Men interpretiert, ist es zutiefst zynisch oder einfach nur folgerichtig. Der Rest von Person to Person ist viel weniger ambivalent. Den meisten Figuren ist ein glückliches Ende beschieden.

Alle wichtigen Gespräche führt Don Draper (Jon Hamm) im Serienfinale am Telefon. / (c) AMC
Alle wichtigen Gespräche führt Don Draper (Jon Hamm) im Serienfinale am Telefon. / (c) AMC
© (c) AMC

Im Vorfeld dieser letzten Mad Men-Episode war viel darüber spekuliert worden, was es nach den herausragenden letzten Episoden wohl noch zu erzählen gäbe. Hatten nicht sämtliche Hauptfiguren ihren würdigen Abschluss bereits bekommen? Don (Jon Hamm) grinste in Oklahoma in die Morgensonne, Peggy (Elisabeth Moss) war Mrs. Cool, Roger (John Slattery) hatte sich von den Ruinen seiner eigenen Firma verabschiedet, Joan (Christina Hendricks) war dem frauenfeindlichen Moloch McCann Erickson entkommen, Pete (Vincent Kartheiser) reich und mit seiner Familie wiedervereint, und Betty (January Jones) und Sally (Kiernan Shipka) hatten im Angesicht von Bettys tödlicher Krebserkrankung endlich eine echte emotionale Verbindung zueinander gefunden.

When something's wrong, it's always wrong

Außer der niederschmetternden Gewissheit über Bettys baldigen Tod blieben diese Handlungsbögen trotz zufriedenstellendem Abschluss ambivalent. Würde sich Peggy bei McCann Erickson durchsetzen können? Wie wird es Pete und Trudy (Alison Brie) fern der pulsierenden Großstadt ergehen? Was werden Joan und Roger mit ihrer freien Zeit anfangen? In Person to Person werden diese Fragen nun beantwortet - und kein Zweifel daran gelassen, dass den meisten Figuren eine blühende Zukunft winkt. Nur bei einem ist das nicht sicher: Don Draper.

Er hat sich mittlerweile nach Utah durchgeschlagen, wo er mit verschwitzten Automechanikern an einem Boliden feilt, der den Geschwindigkeitsrekord brechen könnte. Glücklich ist er dabei aber nicht, eher betrunken und jämmerlich. Förderlich für seinen Gemütszustand ist natürlich auch nicht, dass ihm Sally von Bettys Erkrankung erzählt. Statt sofort nach Hause zu reisen und sich um die Kinder zu kümmern, ruft er seine Exfrau an - vielleicht, um sich bestätigen zu lassen, was ihm seine Tochter schon versucht hat, einzubläuen. Niemand will, dass er nach Hause kommt. Er soll sich nicht um die Kinder kümmern, denn er hat sich nie wirklich (mit Ausnahme von Sally) um seine Kinder gekümmert.

Von dieser Erkenntnis niedergeschmettert, lässt er sich mit seiner Papiertüte und dem dünner werdenden Geldbündel nach Los Angeles fahren, wo er Unterschlupf bei Stephanie (Caity Lotz) sucht, der Nichte von Anna Draper. Er will ihr den Ehering ihrer Tante zurückgeben und sich um sie und ihren Sohn kümmern, weiß da aber noch nicht, dass Stephanie in einer ähnlich verzwickten, gleichzeitig selbstverschuldeten Lage steckt. Don lässt sich von ihr zu einem Hippie-Selbstfindungstrip überreden, der ihn aber nur dorthin zurückbringt, von wo er unbedingt entkommen wollte: den falschen Versprechungen und Lügen der Werbeindustrie. Oder einfacher ausgedrückt: zu sich selbst.

Betty (January Jones) bei ihrem letzten Gespräch mit Don © AMC
Betty (January Jones) bei ihrem letzten Gespräch mit Don © AMC

Matt Weiner, der in dieser Episode sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, wird in den wenigen Interviews, die er nun bald geben wird, wohl niemals zugeben, dass Don der Schöpfer des berühmtesten Coca Cola-Spots aller Zeiten ist. Aber lässt die Montage am Ende des Serienfinales irgendeinen anderen Schluss zu? Nach seinem Zusammenbruch am Telefon mit einer verwirrten Peggy, die nicht genau weiß, was Don ihr da gerade erzählt, lässt er sich zu einer weiteren Therapiesitzung überreden. Bekommt er da schon die Cola-Idee?

There are a lot of better places than here

Oder erst später, als er auf einer Klippe vor traumhafter Kulisse meditiert und folgende Worte vernimmt: „New day, new ideas, a new you.“ Don grinst erneut in die Sonne - weil er endlich eine Idee hat, wie man Coca Cola am besten verkaufen könnte? Der nächste Schnitt suggeriert dies jedenfalls stark: Da singen junge Leute in besagtem Clip in traumhafter Kulisse ein furchtbar schmalziges Lied über Bienchen und Täubchen und Liebe und Harmonie. Eines der Mädchen aus dem Clip ähnelt frappierend dem Mädchen, bei dem Don zuvor schon auschecken wollte, aber nicht konnte.

Garantiert kein Zufall © AMC
Garantiert kein Zufall © AMC

Ähnlich wie beim Finale von The Sopranos wird es keine definitive Antwort geben. Ich interpretiere die Szenen so, dass Don zu seinem alten Ich nach New York zurückgekehrt ist und seinen Traum von Coca Cola erfüllt hat. Schließlich ist Don immer wieder zu sich selbst zurückgekehrt, wenngleich er auch immer wieder versucht hat, ein besserer Vater zu sein, ein treuer Ehemann oder ein weniger abstoßender Kollege. Und so zufriedenstellender es gewesen wäre, am Ende einen erleuchteten Don zu sehen, so passend ist dieser Abschluss für diese Geschichte, die zwar all denjenigen ein gütliches Ende erlaubt, die unter Don zu leiden hatten, aber eben nicht ihm selbst.

Es gibt kein Szenario, in dem Don Draper glaubt, mit diesem Werbespot zur Wahrheit menschlichen Zusammenlebens vorgedrungen zu sein. Es gibt aber ein Szenario, in dem Don Draper glaubt, mit diesem Werbespot sehr viel Coca Cola verkaufen zu können. Er war schon immer ein solcher Zyniker, seit Episode eins: „What you call love was invented by guys like me to sell nylons.“ Da ist es mehr als plausibel, dass er zu dem zurückkehrt, was er am besten kann: Dinge unter falschem Vorwand verkaufen. Und das bei McCann Erickson, ebenjenem realen Werbegiganten, der tatsächlich für die Konzeption dieses Werbespots verantwortlich war. Ob es am Ende Peggy war, die zu ihm durchgedrungen ist?

Peggy (Elisabeth Moss) bei ihrem letzten Gespräch mit Don © AMC
Peggy (Elisabeth Moss) bei ihrem letzten Gespräch mit Don © AMC

Sie macht sich nach dem Telefonanruf genuine Sorgen um Don, was den übrigen Ereignissen in ihrem Leben etwas die Luft aus den Segeln nimmt. Zunächst bekommt sie von Joan ein Angebot zur Partnerschaft, worüber sich die Fans der Serie wohl noch mehr gefreut haben als sie selbst. Am Ende lehnt sie es jedoch ab, weil sie das Werbegeschäft viel zu sehr liebt - und sich beweisen will, dass sie es im misogynen Haifischbecken von McCann Erickson auf eigene Faust schaffen kann.

There's more to life than work

Ihre Eigenständigkeit und neugefundenes Selbstbewusstsein waren für Matt Weiner indes nicht genug Happy End. Über das Telefon kommt sie außerdem mit Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) zusammen, was angesichts der langen gemeinsamen Historie der beiden nicht unschlüssig ist, für meinen Geschmack aber etwas zuviel Fanservice. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass die beiden romantische Gefühle füreinander entwickelt haben, die Figur Peggy ist aber stark genug, um einen solchen Moment gar nicht nötig zu haben. Sie kann glücklich sein ohne Mann. Sie ist eine selfmade woman. Sie hat auf eigene Faust und gegen starke Widerstände erreicht, wovon sie schon immer geträumt hat.

Genau wie Joan, die nun ihren Mädchennamen benutzt, um ihr neu gegründetes Produktionsstudio professioneller erscheinen zu lassen. Sie steht am Ende ohne Mann da, ist aber nicht weniger glücklich als Peggy. Was hätte sie auch tun sollen? Mit Richard (Bruce Greenwood) im Rentnerparadies Florida rumhängen und Koks ziehen? Gääääähn! So gerne ich gesehen hätte, wie Joan und Peggy gemeinsam die New Yorker Werbewelt aufmischen, so wahr fühlt sich dieses Ende für diese beiden großartigen Figuren an.

Ebenso wahr - und unglaublich bewegend - fühlt sich das Ende der Geschichte von Dons Familie an. Sally ist zu einer reifen jungen Frau geworden, die emotionale Situationen bereits besser einschätzen kann als ihr Vater. Sie rät ihm ebenso wie ihre Mutter Betty davon ab, sich um das Sorgerecht für ihre Brüder Bobby und Gene zu streiten. Sie kümmert sich um Bobby (Mason Vale Cotton), der längst weiß, dass seine Mutter bald sterben wird. Sie schmeißt den Haushalt, als Betty dafür zu schwach ist, immer noch raucht und nur noch die Zeitung lesen kann, während die Psychologie-Literatur unangetastet auf dem Tisch liegen bleibt. Sollte es jemals ein Mad Men-Spin-off geben (was ich stark bezweifle), würde ich am liebsten wissen, wie es mit Sally weitergeht.

Sally (Kiernan Shipka) bei ihrem letzten Gespräch mit Don © AMC
Sally (Kiernan Shipka) bei ihrem letzten Gespräch mit Don © AMC

Roger beschließt indes, die Hälfte seines Vermögens an seinen Sohn zu vermachen, von dem niemand weiß, dass er sein Sohn ist. Er darf gegenüber Joan und seiner neuen (bald ehemaligen) Sekretärin Meredith (Stephanie Drake) noch ein paar Witze reißen und sich dann mit Marie (Julia Ormond) in eine neue Ehe nach Kanada verabschieden. Seine letzten Auftritte hinterlassen weniger emotionalen Eindruck als die der anderen Hauptfiguren, was nicht weiter verwunderlich ist, hatte er doch im Verlauf der Serie weniger profunde Handlungsbögen als sie.

You make everything okay

Übrig bleibt noch Pete Campbell, dessen Geschichte eigentlich schon in den letzten Episoden mit einem roten Schleifchen versehen worden war. Wir bekommen nur noch eine richtige Szene mit ihm, die aber in wenigen Minuten auf wunderbare Weise zeigt, welch herausragender Figurenzeichner Matt Weiner ist. Pete präsentiert darin gegenüber Peggy und Harry (Rich Sommer) die dürftigen Abschiedsgeschenke, die er bekommen hat, worüber er sich aber gar nicht wirklich echauffiert.

Seine Verabschiedung von diesen beiden langjährigen Kollegen fällt dann sogar noch dürftiger aus. Peggy hat keine Zeit für ein letztes gemeinsames Mittagessen, Harry stürmt erbost davon. Wieso, fragt sich Peggy, sie hätten doch noch nie zusammen zu Mittag gegessen. Pete lacht und verabschiedet sich mit einem Kompliment. Kein Wort von ihrem gemeinsamen Kind. Sie waren Kollegen und jetzt sind sie es nicht mehr. So läuft das eben.

So unspektakulär geht auch Mad Men zu Ende. Man wird sich noch ein paar Jahre darüber streiten können, ob Don Draper nun diesen Cola-Spot ersonnen hat oder nicht. Man wird die Serie - wie The Sopranos oder The Wire - unendlich oft anschauen können. Man wird immer wieder Neues darin entdecken. Man wird sie zu den besten ihrer Zunft zählen, sie ist nun Kanon. Person to Person war nicht ihr bester Eintrag, aber diese letzte siebte Staffel hat uns einige der besten Episoden beschert, die die Serie jemals hervorgebracht hat. Es war eine schöne Zeit. Es hätte gerne auch weitergehen können. Ich hätte Lust gehabt, die Lebenswege dieser endlos faszinierenden Figuren weiterzuverfolgen - fast soviel Lust, wie ich jetzt auf eine kalte Cola habe.

Aber nur „the real thing“.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. Mai 2015
Episode
Staffel 7, Episode 14
(Mad Men 7x14)
Deutscher Titel der Episode
Sie erkannten einander
Titel der Episode im Original
Person to Person
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 17. Mai 2015 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 18. Mai 2015
Autor
Matthew Weiner
Regisseur
Matthew Weiner

Schauspieler in der Episode Mad Men 7x14

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