Mad Men 7x07

Innerhalb des Mad Men-Universums gab es bisher vielleicht noch keine Episode, die so perfekt zusammenfasste, wofür wir die Serie lieben, wie Waterloo. Die Verzahnung von historischen Ereignissen mit fiktionalen Geschichten, die Bildkomposition, der Score, die charmant an Filme aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts erinnernden Bluescreenaufnahmen, dramatische und überraschende Handlungsabläufe, Charakterentwicklungen, die perfekt zur bisherigen Darstellung der Figuren passen. All das wird im Mid Season-Finale der siebten Staffel vereint. Nun dauert es wieder ein Jahr, bis wir dem wirklichen Finale beiwohnen dürfen.
Ein perfekter Abschluss
Die Ereignisse in Waterloo finden rund um die erste Mondlandung am 20. Juli 1969 statt. Mad Men schafft es auch dieses Mal meisterlich, die 45 Jahre alten Ereignisse so zu inszenieren, dass sie auch heute noch für atemlose Spannung sorgen. Als sämtliche Hauptcharaktere der Serie gebannt auf den Fernseher schauen, um Neil Armstrongs legendären Worten zu lauschen („That's one small step for man, one giant leap for mankind.“), spürte ich, wie auch mir die Tränen in die Augen stiegen. Für einen kurzen Moment hielt die ganze Welt inne - und drehte sich am nächsten Morgen doch wieder wie gewohnt weiter.
Für die Führungsriege von SC&P hält diese schicksalhafte Nacht jedoch weitere - unschöne - Überraschungen bereit. Nachdem Bert Cooper (Robert Morse) der Mondlandung beiwohnen durfte, stirbt er plötzlich auf der heimischen Couch. Seine Figur spielte in den letzten Staffeln (und auch in den sieben Episoden der neuen Staffel) keine tragende Rolle mehr. Bei seinen letzten Auftritten in den Büros seiner Agentur gibt er seinem Protegé Roger Sterling (John Slattery) noch einmal eine wichtige Lehre mit auf den Weg. Als Don Drapers (Jon Hamm) geschäftsinterner Erzfeind Jim Cutler (Harry Hamlin) seinem Widersacher auf eigene Faust wegen Vertragsbruchs kündigen will, votiert Cooper für Dons Verbleib - obwohl er eigentlich gegenteiliger Überzeugung ist.
Viel mehr als der wirtschaftliche Erfolg seines Unternehmens zählt für Bert Cooper jedoch die Loyalität zu verdienten Mitarbeitern - so schwierig der Umgang mit ihnen auch ist. Als Don von Coopers plötzlichem Ableben erfährt - Sterling ist dabei schon wieder zu Scherzen aufgelegt („Every time an old man starts talking about Napoleon, you know they're gonna die“) - hält er dies für den letzten Nagel im Sarg seiner Karriere bei SC&P. Deshalb überträgt er seiner designierten Nachfolgerin Peggy Olson (Elisabeth Moss) die Verantwortung für die Präsentation bei Burger Chef. In The Strategy teilten die beiden einen intimen Moment miteinander, als sie zusammen zum damaligen Nummer-eins-Hit „My Way“ tanzten. Nun wird Peggy während der Präsentation von ihrem Mentor mit dem Lächeln eines stolzen Vaters bedacht.

In dem Moment glaubt Don noch, dass er sich bald einen neuen Job wird suchen müssen. Weil Coopers Stimme nun weggefallen ist, könnten seine Gegner innerhalb der Agentur die Oberhand gewinnen. Auf seiner Seite stehen eigentlich nur Sterling und Pete Campbell (Vincent Kartheiser). Cutler ist sein erbitterter Widersacher, Joan (Christina Hendricks) schlägt sich auf dessen Seite, weil Don sie mehrmals schon Geld gekostet hat. Ted Chaoughs (Kevin Rahm) Rolle bleibt vorerst unklar, wenngleich Cutler behauptet, er könne für ihn sprechen.
Lebensmüder Teddy?
Chaough wurde in der SC&P-Dependance in Angeles nie wirklich glücklich, der ehrgeizige Pete sieht bereits die Möglichkeit, ihn mit Don zu ersetzen. Da weiß er jedoch noch nicht, dass Dons Ehe mit Megan (Jessica Paré) in die Brüche gegangen ist. Sein Kommentar dazu - „Marriage is a racket“ - kommt beinahe an das grandiose „Not great, Bob!“ von letzter Staffel heran und verdeutlicht einmal mehr, welch großartiges komödiantisches Talent Kartheiser besitzt. Ted ist jedenfalls so unzufrieden mit seinem Job, dass er sich völlig gehen lässt. Dabei gefährdet er sogar die Geschäftsbeziehung zum Getränkeproduzent Sunkist (die ja der einzige Grund für die Eröffnung des SC&P-Außenbüros war), da er seinen beiden Fluggästen den Schreck ihres Lebens einjagt. Später beschwichtigt er den aufgebrachten Cutler: „I don't want to die, I just don't want to do this anymore.“
Am Ende spielt Ted jedoch eine entscheidende Rolle. Nachdem Roger (vielleicht zum ersten Mal in seinem komfortablen Berufsleben) beschlossen hat, sich für etwas einzusetzen, seine alte Agentur wiederherzustellen und Don den Job zu retten, indem er der Konkurrenz von McCann-Eriksen ein Angebot zur Übernahme von SC&P unterbreitet, muss er den Partnern seinen Plan schmackhaft machen. Angesichts der immensen Auszahlungssumme für die Partner gibt es bei Joan und Pete - vereint in Honigkuchenpferdpose - keine Überzeugungsarbeit zu leisten. Der Geschäftsabschluss wurde seitens McCann jedoch mit mehreren personellen Bedingungen verknüpft: Don Draper muss zum Team gehören (was natürlich Jim Cutler missfällt) - und Ted Chaough (was Pete Campbell missfällt).
Der tut sich schwer mit der Entscheidung, hat er doch die letzten Jahre damit verbracht, sich im Werbegeschäft eine veritable Depression anzuarbeiten. Bevor Don einmal mehr seine übermenschlichen Überzeugungskünste spielen lässt, wird dem dauergebeutelten Harry Crane (Rich Sommer) durch den sichtlich amüsierten Roger einmal mehr das Mitspracherecht entzogen. Er wird kein Partner in der neuen alten Agentur werden, weil er seinen Vertrag noch nicht unterschrieben hat. Slattery ist ein echter Könner, wenn es um süffisant-lakonische Erniedrigungen geht. In dieser Episode spielt er jedoch seine gesamte darstellerische Reichweite aus - vor allem in den Szenen kurz nach Bert Coopers Tod.

Ted lässt sich also von Don überreden, es kommt zur entscheidenden Abstimmung. Als Letzter hebt sogar Jim Cutler das Händchen - angesichts der Perspektive, bald zum Millionär zu werden, will er es sich ja nicht mit seinen Partnern verscherzen. Cutler ist ein echter Widerling und Wendehals, was in einer vorigen Szene einmal mehr bestätigt wird. Da blafft er den aufgeregten Lou Avery (Allan Havey) an: „We don't owe you anything. You're a hired hand. Now get back to work.“ Überhaupt ist es bemerkenswert, wie präzise Mad Men die Arbeitsrealität in einer millionenschweren Werbeagentur beschreibt. Eigentlich herrscht ständig Streit und dicke Luft, jeder ist ständig eifersüchtig auf die erfolgreicheren Kollegen, Neid und Missgunst sind an der Tagesordnung.
Genosse schlägt sich, Genosse verträgt sich
Und doch setzen sich die Berufsgenossen immer wieder erneut miteinander an den Verhandlungstisch - mehr noch, sie gestalten gemeinsam ein überaus erfolgreiches Unternehmen. Keiner verharrt allzu lange in seiner Schmollecke - wenngleich einmal aufgebaute Rivalitäten selten bis nie aufgebrochen werden. Diese zutiefst menschliche Sturheit und gleichzeitige Fähigkeit zur Wandlung sorgte mehrmals für überraschende Wendungen. Peggy entdeckt den eigenen Mutterinstinkt, als ihr der Nachbarsjunge angesichts eines drohenden Umzugs in die Arme fällt. Das Kind, das sie einst mit Pete zeugte und dann abgab, könnte etwa im gleichen Alter sein wie Julio (Jacob Guenther).
Auch Sally Draper (Kiernan Shipka) handelt gänzlich anders als erwartet, als sie sich den jungen, nerdigen Bruder der besuchenden Familie ausguckt - und eben nicht dem durchtrainierten, athletischen verfällt. Shipka hätte nach meinem Geschmack eine größere Rolle spielen dürfen, hoffentlich bekommt sie im zweiten Teil der siebten Staffel mehr zu tun. Die 15-jährige Darstellerin ist eines der größten Nachwuchstalente der Branche. In den wenigen Szenen, die sie in dieser Staffel hatte, spielte sie ihre Partner regelmäßig an die Wand. So wie es ihrer Mutter Betty kaum gelingt, die quirlige Sally in Schach zu halten, dürfte es auch deren Darstellerin January Jones schwerfallen, gegen Shipka anzukommen.
Neben den grandiosen darstellerischen Leistungen des Ensembles muss unbedingt auch die technische Umsetzung positiv herausgestellt werden. Lichteinsatz und Bildkomposition waren in Waterloo meisterlich. Als Beispiel lässt sich die Szene anführen, in der Megan und Don am Telefon ihre Trennung besiegeln. In der Szene kommen Kameraarbeit, Drehbuch und Schauspiel perfekt zusammen, um die Auflösung der unheilvollen Beziehung zu bebildern. Sogar die von Don erträumte Musicaleinlage mit Bert Cooper in der Hauptrolle begeisterte mich als dezidiert musicalaversiven Filmfreund. Sicher: „The best things in life are free.“ Aber manchmal kosten sie auch den Preis einer DVD-Box. In dieser Form hat Mad Men seinen Platz im Serienolymp jedenfalls sicher.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 26. Mai 2014(Mad Men 7x07)
Schauspieler in der Episode Mad Men 7x07
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