Mad Men 7x06

„At the end of the day, family's all you've got.“ („Am Ende bleibt nur die Familie.“) Dieser Satz ist wohl einer der meistgebrauchten in der (filmischen) Populärkultur. Mit der Episode The Strategy hält er nun auch Einzug in einen der wichtigsten Beiträge zu dieser Kultur, der AMC-Serie Mad Men. Die Serie war schon immer auch eine Abhandlung über die Familie und deren (Nicht-)Funktionieren innerhalb der amerikanischen Gesellschaft der sechziger Jahre.
Familienporträt
Nun, da sich das Jahrzehnt in der Serienhandlung dem Ende neigt und auch die Serie auf ihren Abschluss zusteuert, dekonstruieren Serienschöpfer Matt Weiner und seine Drehbuchautoren ihre Figuren und entblättern ihre tiefsten Ängste, nur um ihnen kurze Zeit später einen intimen Moment der Erlösung zuzugestehen. Sie konzentrieren sich hier wieder auf Essentielles, präsentieren eine echte „Vintage-Mad-Men“-Episode. Die Arbeit in der Werbeagentur reflektiert die Errungenschaften und Niederlagen im Privatleben der Protagonisten. Hier wie dort streiten sie, versöhnen, hassen und lieben sich.
Dort können sie sein, was sie in ihren Familien, in die sie von den gesellschaftlichen Konventionen gedrängt wurden, die sie mit aller Macht zusammenhalten wollen, nicht dürfen. The Strategy porträtiert den Entstehungsprozess einer Werbekampagne von erster Recherche bis zur fertigen Präsentation. Dazwischen liegen Hoffnung und Enttäuschung, Streit und Versöhnung. Kleinste Erschütterungen führen zu pausenlosem Grübeln, Glück und Trauer folgen dicht aufeinander.
Zunächst kommen mehrere Bekannte in New York und bei SC&P an. Pete Campbell (Vincent Kartheiser) will seiner Freundin Bonnie (Jessy Schram) gleichzeitig die Stadt zeigen, sich um die Arbeit kümmern und seine Familie treffen. Schon auf dem Hinflug kündigt sich an, dass sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist - immerhin kann er seinen ersten Eintrag im „Mile-High-Club“ verbuchen. In der Agentur holt er Don (Jon Hamm) in das erste dry run-Meeting für die BurgerChef-Kampagne. Der Don-Ersatz Lou Avery (Allan Havey) und die Kampagnenkreativchefin Peggy (Elisabeth Moss) sind darüber wenig begeistert. Ihre Präsentation kommt bei den Kollegen hingegen bestens an - selbst Don gibt seine volle Zustimmung.

Trotzdem muss Peggy erschrocken feststellen, dass Pete und Lou (und der über Lautsprecher aus Los Angeles zugeschaltete Ted (Kevin Rahm)) übereinstimmend dafür votieren, Don die Kundenpräsentation zu überlassen. Vordergründig legen sie die endgültige Entscheidung in Peggys Hände, lassen jedoch eindeutig durchscheinen, dass sie sich mit Don höhere Chancen ausrechnen. Peggy solle die Frauenrolle in der Kampagne übernehmen - die Mutter, die ihre Kinder ohne schlechtes Gewissen mit Fast Food von BurgerChef versorgt.
Fragwürdige Geschlechterrollen
Sollte der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt vergessen haben, dass die Handlung in den sechziger Jahren spielt, so wird er in zwei peinlich sexistischen Dialogstücken daran erinnert. Zunächst äußert sich Lou Avery über sein Familienbild: „Who gives moms permission? Dads.“ („Von wem bekommen Mütter ihre Erlaubnis? Von den Vätern.“) Später zeigt sich Pete begeistert über Peggys Fähigkeiten als Teamspielerin: „You know that she's every bit as good as any woman in this business.“ („Ihr wisst, dass sie genauso gut ist wie jede andere Frau in diesem Geschäft.“)
Peggy stimmt also widerwillig zu, Don die Präsentation zu übertragen. Sogleich hat er die erste Idee für einen strategischen Kurswechsel. Peggy ist davon wenig begeistert und beharrt auf der Beibehaltung des eingeschlagenen Pfades. Doch Dons Zweifel arbeiten sich langsam in ihr Gehirn und bereiten ihr eine schlaflose Nacht, woraufhin sie sich samstags ins Büro begibt, um über neuen Ideen zu brüten. Auch Stan (Jay R. Ferguson) soll sein Wochenende opfern, schafft es aber, sich herauszuwinden - vielleicht auch, weil Peggy ein schlechtes Gewissen hat, da sie den armen Ginsberg noch nicht im Krankenhaus besucht hat. Nächstes Opfer auf Peggys Racheliste ist Don selbst, der das Telefongespräch jedoch jäh unterbricht, um Zeit mit der überraschend angereisten Megan (Jessica Paré) zu verbringen.
Zwischen den beiden herrscht eine merkwürdige Distanz. Don wünscht sich sichtlich, Megan würde wieder nach New York zurückkommen, sie schafft jedoch immer mehr ihres Hausrats nach Los Angeles. Er plant schon den nächsten Besuch bei ihr. Sie weicht aus und schlägt vor, gemeinsam Urlaub zu machen. Hat sie in L.A. irgendetwas zu verheimlichen? Hatte sie vielleicht eine Affäre und schafft es deshalb nicht, Don in ihrem Zuhause zu empfangen? Ungeachtet dieser Frage bleibt offensichtlich, dass die beiden ständig an ihrer Beziehung werkeln und neue Brände löschen müssen. Es gibt kaum Momente, in denen sie ungezwungen miteinander umgehen.

Die Ehe zwischen Don und Megan scheint zum Scheitern verurteilt - ein Prozess, den Pete schon vor längerer Zeit durchlaufen hat. Um einen Tag mit seiner Tochter verbringen zu können, schickt er Bonnie alleine in die Stadt. Als er in seinem ehemaligen Wohnhaus ankommt, erlebt er gleich zwei Enttäuschungen: Tammy scheint völlig entfremdet und traut sich nicht zu ihrem Vater und Trudy (Alison Brie, yay!) ist bei einer Verabredung und lässt sich von der Haushälterin vertreten. Das alles ist zu viel für Petes monströses Ego. Also beschließt er, die abendlichen Pläne mit Bonnie abzusagen, betrunken auf Trudy zu warten und seine Eifersucht an ihr auszulassen.
Freddy Rumsen über allem
Pete, Don und Peggy: Alle sind sie einsam, alle sind sie verloren. Diese Erkenntnis führt bei Don dazu, nach einem Kinobesuch mit Megan (im umstrittenen, weil sexuell expliziten Film „Ich bin neugierig (gelb)“; Peggys Kommentar dazu: „Of course, Megan wants to go see a dirty movie“) doch noch ins Büro zu kommen und Peggy zu unterstützen. Es folgen Szenen, die zu den besten der gesamten Serie gehören: Das Dream-Team beherzigt gemeinsam Freddy Rumsens einfache Faustregel („Do the work!“) und beginnt mit der Werbekampagne für BurgerChef noch einmal von vorne.
Während Peggy anzweifelt, dass es noch Familien gibt, die glücklich gemeinsam am Esstisch sitzen, kommt ihr der entscheidende Einfall. Die Kampagne dürfe sich eben nicht auf die Mutter allein konzentrieren, sondern müsse BurgerChef als Ort porträtieren, wo Familien hingehen könnten, um das zu tun, was für den innerfamiliären Zusammenhalt von größter Bedeutung ist: zusammen essen.
Am Ende der Episode machen Don, Peggy und Pete genau das. Sie essen zusammen. Und sind dabei glücklich - glücklicher, als sie es in den Episoden zuvor jemals waren. Zuvor gibt es zwischen Don und Peggy einen Moment entwaffnender Ehrlichkeit und inniger Zärtlichkeit. Während ihrer nächtlichen Überstunden zeigt sich Don überraschend offen, als Peggy von ihm wissen will, worüber er sich gräme: „That I never did anything. And that I don't have anyone.“ („Dass ich nie etwas erschaffen habe. Und dass ich niemanden habe.“) Der Moment wird vom plötzlichen Erklingen des Frank-Sinatra-Hits „My way“ unterbrochen (der 1969 die Spitze der Charts eroberte), woraufhin Don seinen ehemaligen Protegé zum Tanz auffordert. Es ist ein wunderbar inniger, vertrauter Moment, der an die Beziehung zwischen Vater und Tochter erinnert und keinerlei romantische Konnotation hat.

Sowohl diese Tanzszene als auch die abschließende Szene im Fast-Food-Restaurant hätten durchaus als letzte Einstellungen der gesamten Serie fungieren können. Sie wäre wohl so interpretiert worden, dass man sich seine Familie eben nicht aussuchen kann - dass vielmehr äußere Umstände darüber entscheiden, wer zur echten Vertrauensperson und zum langjährigen Begleiter wird. Weiner hat sich jedoch offensichtlich dazu entschieden, die Geschichte noch weiter zu erzählen. Wenn dies bedeutet, dass wir weitere solcher grandiosen Mad Men-Episoden bekommen, habe ich dagegen keinerlei Einwände.
Joan und Onkel Bob
Die Mitglieder des ungleichen „Triumvirats“ sind jedoch nicht die einzigen, die sich mit familiären oder familienähnlichen Verwerfungen auseinandersetzen. Bob Benson (James Wolk) überrascht Joan (Christina Hendricks) nach seiner vorübergehenden Rückkehr aus Detroit mit einem Heiratsantrag. Kurz zuvor hat er durch ein Missgeschick seines Auftraggebers bei GM, Bill Hartley (Matthew Glave), erfahren, wie man als schwuler Mann Karriere machen kann. Man brauche eine Scheinehefrau, um den Geschäftspartnern die eigene „Normalität“ vorführen zu können.
Weil „Onkel“ Bob zuvor die Aussicht auf eine Beförderung erhalten hat, verspricht er Joan ein sorgloses, wohlbehütetes Leben. Sie jedoch lehnt dankend ab. Joan weiß mittlerweile genau, was sie vom Leben erwartet. Um diese Erwartung zu erfüllen, musste sie einst eine Affäre mit einem wichtigen Kunden eingehen. Ihr ganzes restliches Leben will sie jedoch nicht als Lüge verbringen. Bei SC&P treffen Bobs Nachrichten indes auf gemischte Reaktionen. Jim Cutler (Harry Hamlin) nutzt die Absage von Chrysler, um seinen persönlichen Kleinkrieg gegen Roger Sterling (John Slattery) fortzuführen, während der nach seinem Treffen in der Sauna bereits neue Geschäftsideen wälzt.
Harry Crane (Rich Sommer), der Vater des ersten SC&P-Computers, wird in Abwesenheit von den Partnern als neues Mitglied ihrer illustren Runde begrüßt. Roger verlässt noch vor der Abstimmung den Konferenzraum und auch Joans heftige Proteste können nichts gegen diese Beförderung ausrichten. Im Gegensatz zu den meisten Familien herrscht in der Führungsriege von SC&P eben Demokratie - vielleicht gibt es ja deswegen solch große Animositäten. Mad Men befindet sich wieder auf der Höhe seiner Schaffenskraft.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 19. Mai 2014(Mad Men 7x06)
Schauspieler in der Episode Mad Men 7x06
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