Mad Men 7x05

In seiner neuen Episode findet die AMC-Dramaserie Mad Men die richtige Mischung aus komödiantischen Einlagen und dramatischen Entwicklungen. Manche Handlungsbögen funktionieren dabei besser als andere, weil sie organischer in die bisherige Geschichte der Serie eingebaut werden. Das schockierende Ende der Episode hätte beispielsweise einen größeren Eindruck hinterlassen, wäre Michael Ginsberg (Ben Feldman) bisher nicht nur als reiner Witzereißer eingesetzt worden. Diese kleineren Schwächen werden indes von der grandiosen Dialogarbeit der Serie aufgefangen, die hier einmal mehr höchstes Niveau erreicht.
Auf der Flucht
Auch Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) fungiert in dieser neuen Staffel hauptsächlich als comic relief, was der Beginn von The Runaways einmal mehr bestätigt. Dies könnte sich nun jedoch ändern, da sein Freund Ginsberg schwerwiegende psychologische Probleme offenbart. Die „Runaways“ aus dem Episodentitel tauchen in mehreren Handlungssträngen auf. So wollen Sally Draper (Kiernan Shipka) und ihr kleiner Bruder Bobby (Mason Vale Cotton) aus ihrem Zuhause und vor ihrer furchtbaren Mutter flüchten. Stephanie (Caity Lotz) läuft zu ihrem „Onkel“ Don (Jon Hamm), während Don selbst vor den Problemen in der eigenen Ehe flüchtet - zunächst in eine Bar mit Harry Crane (Rich Sommer), dann in einen „Dreier“ mit Megan (Jessica Paré) und deren Freundin Amy (Jenny Wade). Ginsberg flüchtet indes aus Furcht vor der Technologisierung in den Wahnsinn.
Schließlich tritt Don die Flucht nach vorne an, indem er uneingeladen bei einem Meeting von Jim Cutler (Harry Hamlin) und Lou Avery (Allan Havey) mit Managern des Tabakriesen Philip Morris aufkreuzt und einen letzten verzweifelten Versucht startet, die Kunden von seiner Unverzichtbarkeit zu überzeugen. Zuvor war er nach Los Angeles aufgebrochen, um sich dort um die schwangere Stephanie zu kümmern. Als er dort ankommt, hat die schnell eifersüchtige Megan seine „Nichte“ bereits wieder abserviert - und ihn hernach angelogen, Stephanie sei aus freien Stücken wieder abgereist.
Die Interaktion zwischen Megan und Stephanie gehört zu den bestgeschriebenen Szenen der siebten Staffel. Zunächst spielt Megan die perfekte Gastgeberin für das verwahrloste Hippiemädchen, das sich von einem in Haft sitzenden Musiker hat schwängern lassen und sich nun nicht mehr anders zu helfen weiß, als Don um Hilfe zu bitten.
Als Stephanie jedoch durchblicken lässt, dass sie Dons großes Geheimnis - seine wahre Identität - kennt, schlägt die Stimmung bei Megan plötzlich um. Weil sie bisher glaubte, einem illustren Zirkel von Mitwissern anzugehören, fühlt sie sich von Stephanie bedroht. Sie will Don gar nicht erst die Chance geben, väterliche (oder gar anderweitige) Gefühle für die Tochter von Anna Draper aufkommen zu lassen. Also suggeriert sie Stephanie in möglichst freundlichem Ton, einen Scheck anzunehmen und sich wieder auf den Weg zu machen. Die versteht und kommentiert ermattet: „I guess I got what I came for.“ („Dafür bin ich wohl hergekommen.“)

Weil Don am Freitagabend vom machtberauschten Lou Avery die Erlaubnis verwehrt bekommt, rechtzeitig zum letzten Abflug nach Los Angeles das Büro zu verlassen, kommt er erst bei Megan an, als Stephanie schon wieder abgezogen ist. Er ist darüber sichtlich betroffen - eine Bestätigung für Megan, dass sie (in ihrer kleinen emotionalen Gedankenwelt) richtig gehandelt hat. Eine weitere Bestätigung erfolgt am nächsten Morgen, als Don seiner „Nichte“ am Telefon zusichert, sie könne sich jederzeit an ihn wenden.
Don auf neuen Pfaden
Die vorangegangene Nacht gestaltet sich für Don überaus ereignisreich. Zunächst muss er auf Megans Hipsterparty mitansehen, wie seine Ehefrau lasziv mit einem gutaussehenden, jungen Typen tanzt. Dann taucht plötzlich Harry Crane auf. Wenngleich die beiden in vergangenen Episoden kein besonders gutes Verhältnis zueinander hatten, freuen sie sich doch über dieses zufällige Treffen, weil sie beide schnell realisieren, dass sie zu den übrigen Partygästen passen wie Schlagsahne zu einem saftigen T-Bone-Steak. Also schlägt Don vor, auf einen Drink in die nächstbeste Bar zu flüchten - ein Vorschlag, der von Harry dankend angenommen wird.
Nach mehreren Getränken weiht Harry seinen Kollegen schließlich in das Geheimnis um den lukrativsten aller potentieller Kunden - Philip Morris - ein. Dank Harrys vorlauten Mundwerks (Megans Kommentar dazu: „What is wrong with him?“ („Was stimmt mit ihm nicht?“)) wird Don einmal mehr vor Augen geführt, welch geringen Wert ihm die Partner bei SC&P zumessen. Jedoch erkennt er darin auch die Chance eines Comebacks. Dank seines Artikels gegen Lucky Strike hat er eine gewisse Bekanntheit unter Tabakkonzernen und deren Lobbyisten erreicht. Wenn es ihm also gelänge, die negative Meinung über ihn umzukehren und seine Erfahrungen mit der Tabakindustrie ins Spiel zu bringen, könnte er sich für die Agentur wieder unverzichtbar machen.
Er beschließt also, frühstmöglich wieder nach New York aufzubrechen - jedoch nicht, ohne zuvor die Möglichkeit eines „Dreiers“ mit Megan und Amy wahrzunehmen. Die Szene zeigt einmal mehr gnadenlos auf, wie verzweifelt Megan um Dons Anerkennung und Liebe kämpft - und wie wenig das Don interessiert. Zurück in New York widmet er sich sogleich seinem Plan, die Philip-Morris-Manager mit einer möglichst dreisten Aktion von seinen Qualitäten zu überzeugen. Glaubt man seiner stolzen Pose in der letzten Einstellung der Episode, könnte sein Vorhaben geglückt sein. Glaubt man eher dem abfälligen Kommentar von Jim Cutler, ist sein Ansinnen zum Scheitern verurteilt.

Die Ereignisse in „Casa Francis“ wirken dramaturgisch indes weniger durchdacht als Dons angepeilte Rückkehr an die kreative Spitze von SC&P. Einmal mehr wird aufgezeigt, welch zerrüttetes Verhältnis Betty (January Jones) zu ihrer Tochter Sally pflegt. Die Streitereien und zutiefst verletzenden Wortgefechte zwischen den beiden gehen über normale Auseinandersetzungen in der Pubertät weit hinaus. Doch auch Bobby ist von Habitus, Strenge und Unfairness seiner Mutter geschädigt - er leidet regelmäßig unter starken Bauchschmerzen.
Die glückliche Familie und der amerikanische Traum
Die Szenen zwischen ihm und Sally strahlen eine wunderbare emotionale Wärme zwischen Geschwistern aus, die stets wissen, dass sie füreinander da sein müssen, wollen sie die Erziehung ihrer Mutter halbwegs schadlos überstehen. Betty befindet sich in einer existentiellen Krise: Von ihrem Ehemann wird sie behandelt, als wäre sie lediglich Erfüllungsgehilfin seiner beruflichen und privaten Bedürfnisse. Gleichzeitig sieht sie anderen Frauen dabei zu, wie sie eigene Karrieren aufbauen und dadurch das klassische Bild der „Frau am Herd“ revolutionieren. Betty würde gerne ausbrechen aus ihrem goldenen Käfig, kann dazu aber weder den Mut noch die Tatkraft aufbringen. Also lässt sie ihre Depressionen an Ehemann und Kindern aus. Die Folgen: Sally nennt sie nur noch beim Vornamen und möchte so schnell wie möglich von zu Hause abhauen.
Das Bild, das Mad Men von Familie Francis zeichnet, ist ein düsteres, die versteckte Hölle des amerikanischen Idealbilds aus den Vorstädten reproduzierendes - es könnte direkt dem Film „Blue Velvet“ von David Lynch entlehnt sein. Wahrlich makaber wird die Serie in The Runaways aber erst mit dem Handlungsbogen um Michael Ginsberg. In vergangenen Episoden wurde stets angedeutet, dass Ginsberg einen Hang zu psychologischer Instabilität haben könnte. Wie sich sein Wahnsinn nun jedoch manifestiert, ist reichlich kurios (und erinnert ein bisschen an den Rasenmäherunfall aus Guy Walks into an Advertising Agency (3x06)).
Zunächst flüchtet Ginsberg am Wochenende aus dem Büro zu Peggy (Elisabeth Moss), weil er das Summen des Computers nicht aushält. Außerdem hat er Cutler und Avery bei einer Besprechung im Computerraum entdeckt und glaubt hernach, die beiden pflegten eine homosexuelle Beziehung zueinander*. Er ist überzeugt, die Maschine wolle alle Menschen in Homosexuelle verwandeln und will Peggy deshalb zum Geschlechtsverkehr überreden, um der Verwandlung entgegenzuwirken. Als sie entsetzt widerspricht und ihn aus der Wohnung wirft, findet er einen anderen Weg, seine angestauten Gefühle und Ängste loszuwerden: Er schneidet sich die rechte Brustwarze ab, weil er glaubt, die offene Wunde könne als Ventil funktionieren.
Zu allem Überfluss überreicht er Peggy die Warze auch noch - in einer kleinen Geschenkebox, in der normalerweise Schmuck übergeben wird. Sie weiß sich daraufhin nicht anders zu helfen, als die Polizei und den Krankenwagen zu rufen. Während seines Abtransports auf einer Trage ruft er seinen verängstigten Kollegen noch zu: „Get out while you can!“ („Ergreift die Flucht, solange ihr könnt!“) Moss liefert in diesen Szenen eine grandiose Leistung ab und gibt den Vorgängen den angemessenen morbid-verstörenden Anstrich. Zunächst hatte ich dabei noch ein Grinsen auf den Lippen, schnell übernahm jedoch der Schock. Und so endet eine Episode, die damit begonnen hatte, dass sich die kreativen Quatschköpfe um Stan Rizzo über die Comicambitionen ihres Chefs lustig gemacht hatten. Mad Men trifft momentan einfach die richtigen Töne.
*Die Szene ist eine weitere Hommage an den Science-Fiction-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“: Ginsberg versucht, die Lippen von Cutler und Avery zu lesen - ganz so wie im Film der Supercomputer HAL-9000, der dadurch herausfindet, dass sich die Besatzung des Raumschiffs gegen ihn gewendet hat. Kleiner fun fact am Rande: „HAL“ ist eine Referenz an „IBM“ - jeder Buchstabe in ersterem Akronym steht im Alphabet genau eine Stelle vor demjenigen im anderen. Der bei SC&P aufgestellte Computer ist von IBM.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 12. Mai 2014(Mad Men 7x05)
Schauspieler in der Episode Mad Men 7x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?