Mad Men 6x11

Nachdem in den Anfangsepisoden der sechsten Staffel von Mad Men die Grundsteine für eine gründliche Dekonstruktion des Don Draper (Jon Hamm) gelegt wurden, zeichnen die finalen Episoden ein ambivalenteres Bild des Werbefachmanns. Irgendwo in seinem dunklen Herzen findet der zentrale Charakter den Willen, seinem Nachbarn und Freund Arnold Rosen (Brian Markinson) in einer verzwickten Lage auszuhelfen. Indem er die Schutzbedürftigkeit dessen Ehefrau Sylvia (Linda Cardellini) schamlos ausnutzt, konterkariert er dieses positive Bild jedoch wieder sofort.
I bet you don't have a lot of friends, Don
Dieses Mal ist jedoch nicht nur seine unwissende Angetraute Megan (Jessica Paré) die Gelackmeierte. Tochter Sally (Kiernan Shipka) erwischt Sylvia und ihn nämlich in flagranti. Für sie, Don und Sylvia bricht dabei eine Welt zusammen - untermalt von beinahe Angelo-Badalamenti-esker Filmmusik. In Dons Gedankenwelt spielt sich das Geschehene daraufhin wahrscheinlich so ab, dass er sich auch noch darüber beschwert, wie ihm nur ein solches Unglück widerfahren konnte. Zur Konfliktlösung zieht er jedenfalls ein Mittel zu Rate, mit dem er bestens vertraut ist: die Notlüge. Durch die verschlossene Zimmertür erklärt er seiner Tochter, er habe die Nachbarsdame lediglich besänftigen wollen.

Dass er glaubt, dieses Vorgehen könnte tatsächlich funktionieren, zeigt nur, wie weit er von der Lebensrealität seiner Kinder entfernt ist. Natürlich weiß Sally, was sie da gerade gesehen hat - dreht sich ihre Welt doch fast ausschließlich um Jungs und was man mit ihnen alles anstellen kann. Zwar hat sie wohl laut Aussage ihrer vorlauten Freundin Julie (Cameron Protzman) noch keinerlei sexuelle Erfahrungen gesammelt, jedoch ließ sie sich von dieser berichten, was es bedeutet, zur second base zu gelangen. Schließlich ist ihre Schwärmerei für den Sohn der Rosens, Mitchell (Hudson Thames), der vorrangige Grund für ihre Entdeckung der väterlichen Untreue.
Sally ist derweil nicht die einzige, die Probleme mit dem Sexleben ihrer nächsten Verwandten hat. Auch Pete Campbell (Vincent Kartheiser) muss sich gleich an zwei Fronten mit delikaten Themen auseinandersetzen. Der von Bob Benson (James Wolk) empfohlene Altenpfleger Manolo (Andres Faucher) scheint seine Aufgaben tadellos zu verrichten, bis Petes Mutter Dorothy (Channing Chase) plötzlich anfängt, recht explizit von einer Liebesaffäre zu ihrem Versorger zu schwadronieren. Pete will sich fortan nicht von der Idee abbringen lassen, dass es sich bei Manolo um eine Art „Perversen“ handelt.
Selbst als sich Bob Benson mit einer Aufklärung über dessen wahre sexuelle Vorlieben einschaltet, will Pete davon nichts wissen: „Great, that means he's capable of anything.“ Im gleichen Gespräch offenbart Benson eine Charaktereigenschaft, die ihn zu einer noch rätselhafteren Figur werden lässt: Ist er etwa schwul und hat sich in Pete verliebt? Die entsprechende Szene deutet dies jedenfalls recht unzweideutig an. Für Pete ist dies alles etwas zu viel zu verdauen und so geht er auf Bobs eindeutige Avancen nicht weiter ein. Schließlich hat er kurz zuvor von der eigenen Mutter die Leviten gelesen bekommen: „You are a sour little boy and you are a sour little man. You've always been unlovable.“
I told you we needed a nurse and you sent us a rapist
Besser könnte man Pete Campbell kaum charakterisieren, seine Figur wandelt sich immer mehr zum beinahe schon bemitleidenswerten Würstchen. Seine letzte Szene der Episode spricht Bände: Er kommt in sein einsames Apartment, zu essen gibt es nur ein paar trockene Cornflakes, aus der Packung rieseln jedoch nur die spärlichen Reste. Pete ist alleine, verlassen von seiner Familie und verstoßen von der eigenen Mutter. Ihm droht ein dunkles Ende im schwarzen Loch der Einsamkeit, denn wer soll ihn da herausholen? Die einzige, die noch irgendwie Zugang zu Pete bekommt, scheint Peggy (Elisabeth Moss) zu sein.

Die hat jedoch eigene Probleme. Nach ihrer Trennung von Abe (Charlie Hofheimer) fehlt der Mann im Haus. Alleine traut sie sich nämlich nicht, den Ratten in ihrer Wohnung die Stirn zu bieten, selbst wenn sie schon halbtot in der Falle zappeln. Ein nächtlicher Anruf bei Kollege und Bewunderer Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) hilft da auch nicht weiter. Selbst gegen das Angebot gewisser Dienste lässt sich dieser nicht aus dem Bett bewegen. Darin einen weiteren moralischen Verfall Peggys zu deuten, wäre jedoch zu viel der Interpretation. Sie mag ihn, sie findet ihn attraktiv, sie hätte bestimmt nichts gegen ein Tête-à-Tête mit ihrem Kollegen aus der Kreativabteilung.
Wäre er nicht genau das: ihr Kollege. Die geschäftlichen Vorgänge der neu benannten Agentur Sterling Cooper & Partners werden in der neuen Episode Favors kaum thematisiert. Die Handlung konzentriert sich hauptsächlich auf die Dauerrivalität zwischen den beiden kreativen Tonangebern, Don Draper und Ted Chaough (Kevin Rahm). Bei letztgenanntem wird erstmals eine weitere Facette seines Charakters definiert: seine Familie. Ehefrau Nan (Timi Prulhiere) konfrontiert ihn mit seiner dauernden - physischen wie geistigen - Abwesenheit. Sie scheint zu spüren, dass er einer Anderen hinterherhechelt und bittet ihn inständig darum, die Familie nicht auseinanderbrechen zu lassen. Der gute Ted gehorcht.
Eine solche Handlung wäre von Don zu diesem Zeitpunkt kaum zu erwarten, was ein etwas negatives Licht auf den allgemeinen dramaturgischen Fortschritt der Geschichte wirft. Zu sehr versteifen sich die Macher zum momentanen Zeitpunkt darauf, ihre begonnene Schwarz-Weiß-Zeichnung fortzusetzen. Einzelne Charaktere werden in die düsterste Ecke abgeschoben, während andere immer wieder die Chance zur Läuterung erhalten. Auf Don Draper einzuprügeln, scheint den Drehbuchautoren jedenfalls unheimlichen Spaß zu bereiten. Ob dies auch für die Zuschauer gilt, bleibt bis zum Staffelfinale abzuwarten.
Fazit
Dunkle Wolken ziehen über Manhattan auf. Den Spannungsbogen dieser Episode haben die Autoren perfekt aufgezogen: Recht unerwartet darf Sally ihren Vater beim Ehebruch erwischen. Den Zuschauer holt dies zwar aus seiner Lethargie, der große Knall bleibt jedoch (noch) aus.
Doch was könnte überhaupt noch passieren, das Don Draper nicht schon widerfahren wäre? Das Eheaus mit Megan scheint sowieso unvermeidlich, die emotionalen Narben der traumatischen Entdeckung durch Tochter Sally werden unter den Teppich gekehrt und interessieren nach einigen Wochen kaum noch.
Dem Zuschauer stellt sich dabei die Frage: Wohin führt die Geschichte um Don Draper eigentlich? Ein Ende ist nicht wirklich absehbar. Durch das Porträt seiner ständigen Verfehlungen gewinnt der Charakter nicht weiter an Tiefe, sondern droht viel mehr, eindimensional zu werden. Jetzt fügt er also nicht nur den erwachsenen Frauen in seiner Umgebung emotionale Schmerzen zu, sondern auch seiner eigenen Tochter.
Auffangen könnten dies die Autoren durch eine stärkere Hinwendung zu agenturspezifischen Geschichten. Aber hier konzentriert sich das Drehbuch lediglich auf die Konflikte am Arbeitsplatz, statt beispielsweise eine revolutionäre Kampagne zu präsentieren. Realistisch ist dies sicher - aber ist es auch unterhaltsam?
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 13. Juni 2013(Mad Men 6x11)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x11
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