Mad Men 6x09

Erst rund zehn Jahre nach der Handlung der derzeit laufenden sechsten Staffel von Mad Men erfand eine Firma aus Baltimore ein Buttersubstitut und benannte es recht ungewöhnlich: „I Can't Believe It's Not Butter!“ In der neuen Episode The Better Half werden nun sämtliche porträtierten Erzählstränge der Dramaserie unter dem Licht einer einzigen Metapher untersucht: Butter oder Margarine?
Butter is actually fresh. Margarine is indestructible.
Zu Beginn streiten sich die beiden kreativen Schwergewichte der neuen Überagentur, Don Draper (Jon Hamm) und Ted Chaough (Kevin Rahm), über die richtige Werbestrategie für ihren neuesten Kunden Fleischmann's. Dieser stellt Margarine her und möchte eine ordentliche Vermarktungskampagne starten. Ihre Diskussion dreht sich um die Frage, ob eher bei der Preissensibilität des Kunden oder der Geschmackskomponente - vor allem im Gegensatz zu echter Butter - angesetzt werden soll.

Don vertritt das Argument, wonach die Konsumenten relativ preiselastisch seien, da Margarine ein sowieso sehr günstiges Produkt sei. Ted jedoch beharrt darauf, dass potentielle Kunden einen Preisunterschied von 50 Prozent sehr wohl in ihre Kaufentscheidung einfließen lassen würden. Als Schlichterin holen sie Peggy (Elisabeth Moss) dazu, die sich jedoch aufgrund ihrer Sympathien für beide Alphatiere ungewohnt diplomatisch äußert. Später wird dieser neutrale Standpunkt auch von Don angeprangert, er legt nach wie vor Wert auf Peggys Meinung: „Your opinion matters. I'm not paying you to be a diplomat.“
Peggy jedoch will Ted nicht in den Rücken fallen, da sie über das Geschäftliche weit hinausgehende Gefühle für ihn empfindet. Der legt am Ende der Episode zum ersten Mal seine nice guy-Attitüde ab. Nachdem er Peggy gestanden hat, in sie verliebt zu sein und sie diese Gefühle etwas weniger eindeutig erwidert, lässt er sie recht unzweideutig abblitzen, als sie das Ende ihrer Beziehung zu Abe (Charlie Hofheimer) verkündet. Ihre unbewussten Sympathiebekundungen während eines Treffens mit Fleischmann's werden von ihm rigoros abgelehnt, mit dem schlichten Verweis auf seine eigene Beziehung kehrt er zur professionellen Beziehung mit Peggy zurück.
Die letzte Aufnahme symbolisiert Peggys Einsamkeit in diesem Moment. Zwischen Teds und Dons Büro stehend schließen sich beide Türen, sie bleibt alleine zurück. Zuvor hatte sie sich in äußerst makabrer Art und Weise von Abe getrennt, beziehungsweise er sich von ihr. Drastischer hätte er es wohl nicht formulieren können: „Your activities are offensive to my every moment.“ Die Meinungsverschiedenheiten der beiden, vor allem in politisch-gesellschaftlichen Fragen, durchzogen ihre Beziehung von Beginn an. Ob sie ihn nun absichtlich mit ihrem improvisierten Bajonett abgestochen oder es sich um ein echtes Versehen gehandelt hat, sei mal dahingestellt. Glücklich war sie mit ihm und seinen linksradikalen Ansichten zu keinem Zeitpunkt.
All the teenagers in the world are in revolt
Bezeichnend für diese Episode ist auch, dass das zuvor erwähnte Treffen mit Fleischmann's in Abwesenheit des Zuschauers stattfindet. Dies verdeutlicht die klare Intention von Serienschöpfer Matthew Weiner und Kollegen, sich in The Better Half auf die persönlichen Beziehungen der Protagonisten zu konzentrieren. Das Geschäftliche wird, mit Ausnahme der Eröffnungsszene, in kurzen Nebensätzen abgehandelt. Die Frage „Margarine oder Butter?“ bezieht sich vielmehr auf die Charaktere und ihre Suche nach echter, wahrhaftiger - und wahrscheinlich unerreichbarer - Erfüllung.

Don hat Megan (Jessica Paré). Im Gegensatz zu Butter-Betty (January Jones) und Butter-Sylvia (Linda Cardellini) ist sie jedoch nur Margarine: ein billiger, fader, geschmackloser Abklatsch. Don wiederum ist und war für Betty und Sylvia nur Margarine. Deutlicher als in dieser Episode hat sich dies kaum je abgezeichnet, mit Ausnahme der break up-Szene zwischen Don und Sylvia in Man with a Plan. Nach zwei Staffeln glamouröser Abwesenheit bekommt Betty endlich einmal wieder einen großen Auftritt.
Sie schafft es, gleichzeitig ihren Ehemann Henry (Christopher Stanley) von ihren weiblichen Qualitäten zu überzeugen und ihrem Exmann Don ein trauriges Geständnis zu entlocken: Sex bedeute ihm nichts, er wolle jemanden, der ihn in den Schlaf wiegt. Für Megan hat sie nur Mitleid übrig: „That poor girl. She doesn't know that loving you is the worst way to get to you.“ Das sitzt!
Don bekommt also weiterhin sein Fett - oder seine Margarine? - weg. Die sechste Staffel porträtiert ihn fast durchgehend als orientierungslosen Dauersuchenden, dem es - egal, was er anstellt - einfach nicht gelingen will, sich seinem Seelenheil auch nur etwas anzunähern. Sein nächstes Opfer auf dieser immerwährenden Suche wird wohl Megan sein, sollte sie nicht rechtzeitig selbst den Absprung schaffen. Jedoch offenbart sich eine erste selbstbewusste Regung gegenüber Dons Allüren: „Something has to change.“
Im Schatten der großen Handlungsstränge konzentriert sich Mad Men auch in den kleineren Geschichten auf die persönlichen Probleme seiner Protagonisten. Der Don-Draper-Abklatsch Pete Campbell (Vincent Kartheiser) konsultiert auf Rat von Harry Crane (Rich Sommer) einen alten Kollegen vordergründig um eine neue Stelle, will jedoch in erster Linie über seine private Einsamkeit sprechen. Der Headhunter hat einen simplen Rat für ihn: „You've got to spend less time in this place and more at home.“
Zu Hause findet Pete jedoch ebenfalls keine Ruhe und so wendet er sich vertrauensvoll an Joan (Christina Hendricks), die ihm über den Umweg Bob Benson (James Wolk) zumindest mit einem praktischen Problem aushelfen kann. Roger Sterling (John Slattery) erweist sich unterdessen als unfähig, seinen vierjährigen Enkelsohn kindgerecht zu betreuen, was seine Tochter sofort mit einem Wiedersehensverbot bestraft. Der ewige Kindskopf Roger hat's doch nur gut gemeint.
Fazit
Butter oder Margarine? Die sich seit einigen Episoden ankündigende große Metapher zum Ende der sechsten Staffel von Mad Men wurde hier bereits am Beispiel Don Drapers durchexerziert. Sicher kann diese auch bei vielen anderen Charakteren angewendet werden. Abe ist Margarine für Peggy, Ted Butter. Trudy Campbell ist Butter für Pete, er hat sie jedoch mit einer Margarinelady betrogen.
Die Buttermetapher soll an dieser Stelle jedoch nicht überstrapaziert werden. Eher soll noch einmal auf das großartige Betty-Comeback eingegangen werden. Wie January Jones' Charakter nach anderthalb Staffeln in der Versenkung wieder hervorgezaubert wurde, mit altem Glanz und neu gefundenem Selbstbewusstsein, ist sehr bemerkenswert. Und wenngleich es in der Reaktivierung des Don-and-Betty-Sexdrives eher um die Zwischentöne ging, kam die wenig zaghafte Behandlung ihres Ehemanns einer schallenden Ohrfeige gleich.
Wenngleich die Episode vollkommen businessfrei war, so ging von ihr doch ein großer Reiz aus. Dieser lag vor allem in den zugespitzten und für Mad Men-Niveau recht atemlos vorgetragenen Blicken der einzelnen Charaktere auf ihr Privatleben. Die meisten stehen dabei vor einem Scherbenhaufen. Doch der damals noch lebende amerikanische Traum lehrt uns: Jeder bekommt eine zweite Chance. Oder eben: „I Can't Believe It's Butter!“
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 28. Mai 2013(Mad Men 6x09)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x09
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