Mad Men 6x08
Die 1960er Jahre waren unbestritten das Jahrzehnt des Aufbruchs und des freudigen Experimentierens - vor allem mit Drogen und Sexualität. Neue Lebensformen trafen auf alte, verkrustete Strukturen und erzeugten so ein explosives soziales Gemisch. Jedoch waren die Mitglieder der Hippiebewegung nicht die einzigen, die mit neuartigen Wundermitteln experimentierten. Auch im sogenannten Establishment wurde großzügig zugegriffen, wenn es darum ging, die eigene Leistung zu fördern oder einen tieferen Einblick ins eigene Seelenleben zu bekommen.
Do you understand that I have no power whatsoever?
Eindrucksvoll wurde dies schon in der Episode Far Away Places aus der fünften Staffel porträtiert, als sich Roger Sterling (John Slattery) auf einen LSD-Trip begab. Mit sonstigen, legalen Drogen kennen sich die Mad Men sowieso aus, konsumieren sie doch Alkohol und Zigaretten in rauen Mengen. Don Draper (Jon Hamm) wird daran durch seinen alltäglichen morgendlichen Hustenanfall erinnert, einen Zusammenhang will er trotzdem nicht erkennen.

Der neue Firmenpartner Jim Cutler (Harry Hamlin) glaubt jedenfalls, die Lösung für die Übermüdung seiner wegen des höchst komplizierten Kunden Chevrolet und dessen Mutterfirma General Motors völlig überarbeiteten Mitarbeiter gefunden zu haben. Er lässt einen Quacksalber (Rick Zieff) antanzen, der die Mitarbeiter mit Vitaminpräparaten versorgt - per Spritze in den Allerwertesten. Nach Verabreichung dieser angeblichen Vitaminmixtur platzen Don und Kollegen beinahe vor Energie, brauchen weder Schlaf noch Nahrung und spüren keinerlei Schmerzen, wie Bürohallodri Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) eindrucksvoll beweist.
Der einzige, der sich dem allgemeinen Vollrausch entzieht, ist Michael Ginsberg (Ben Feldman), der liebenswerte kreative Kopf, der nie wirklich weiß, wann er den Mund zu halten hat. Auf seinen Charakter wurde in den bisherigen Rezensionen zur sechsten Staffel noch nicht hinreichend eingegangen. Er stellt eine Art comic relief (quasi der Pausenclown) der Serie dar. Immer wenn es zu düster wird, darf der schlagfertige Ginsberg einen Spruch raushauen oder durch professionellen Ungehorsam glänzen. Schnell ist man als Zuschauer geneigt, ihm mehr Spielzeit zu wünschen - als sidekick funktioniert die Figur jedoch schon jetzt bestens: „Wasting my saturday with lunatics.“
Für das Gegenteil, die düstere Dramatik, ist selbstverständlich Don Draper zuständig. Sein drogeninduziertes Wohlgefühl geht einher mit einigen Nebenwirkungen. Zunächst erlebt er immer wieder Flashbacks in seine Zeit als Jugendlicher bei der Bordellbetreiberfamilie Johnson. Der an früherer Stelle schon beschriebene allgegenwärtige Husten spielt auch hier eine Rolle. Die Rückblenden führen ihn zurück zu der Zeit unmittelbar vor seiner Entjungferung durch die Prostituierte Ms. Swenson aka Aimée (Megan Ferguson). Zuvor hatte sie den kranken Dick (Brandon Killham) gesund gepflegt.
Then I realized: I don't know anything about you
Hier erlebte der junge Dick Whitman zum ersten (und vermutlich auch letzten) Mal echte mütterliche Fürsorge und Zuneigung. Die Absenz ebenjener im Rest seines Lebens ist das große Trauma des Don Draper: ein ebenso einfaches wie faszinierendes Komplexmotiv. Sein drogenberauschter Ehrgeiz gilt dementsprechend nicht der Chevrolet-Kampagne, sondern seiner geplanten Zurückeroberung von Sylvia Rosen (Linda Cardellini).

Inspirieren lässt er sich dafür von einer alten Werbekampagne für Haferflocken der Marke Granger's. Darauf zu sehen: Eine liebende Mutter mit ihrem Sohn und der Überschrift: „Because you know what he needs.“ Fortan ist er besessen von dem Gedanken, seine vermeintliche, von ihm gestalkte Traumfrau zurückzugewinnen. Da kann auch das junge Hippiemädchen Wendy (Alexa Nikolas) mit ihrer freizügigen Art nichts ändern. Zuvor jedoch trifft sie einen wunden Punkt: „Does someone love me? It's everyone's question.“
Schwerenöter Rizzo nimmt sich fortan der offenherzigen Wendy an, wahrscheinlich höchstens bis zu dem Zeitpunkt, an dem er erfährt, dass sie die Tochter des zwischenzeitlich an Krebs gestorbenen CGC-Gründungsmitglieds Frank Gleason (Craig Anton) ist. Zuvor hatte Stan trotz des Verweises auf seinen kürzlich im Vietnamkrieg gefallenen Cousin eine zärtliche Abfuhr von Peggy Olson (Elisabeth Moss) kassiert: „You have to let yourself feel the pain.“
Den Schmerz dürfte Don auch spüren, spätestens nach seiner nicht gerade zärtlichen Landung auf dem Wohnzimmerfußboden. Seiner Ohnmacht war eine unheimliche Begegnung seiner Tochter Sally (Kiernan Shipka) mit einer Fremden in der eigenen Wohnung vorausgegangen. Megan (Jessica Paré) hatte Sally damit beauftragt, auf ihre Brüder aufzupassen, während sie sich ein Theaterstück ansehen wollte. Mitten in der Nacht, während der Lektüre des Horrorromans „Rosemary's Baby“, hört das älteste Draper-Kind also Geräusche.
Im Wohnzimmer steht die Afroamerikanerin Ida (Davenia McFadden) und durchsucht die Wohnung. Von Sallys Präsenz lässt sie sich nicht abschrecken, sondern erfindet eine hanebüchene Lügengeschichte, mit der sie die Kleine um den Finger wickelt. Bevor Sally die Polizei rufen kann, macht sich die Einbrecherin mit Dons Uhrenkollektion aus dem Staub. Zurück bleiben verwirrte Kinder („Are we negroes?“) und eine genauso empörte wie äußerlich verwandelte Mutter: Betty Draper (January Jones) hat sich von ihrem Dunkle-Haare-Experiment verabschiedet und ist deutlich schlanker geworden. Aber deswegen ist Don sicherlich nicht in Ohnmacht gefallen.
Fazit
Der Episodentitel The Crash der neuen Mad Men-Episode dürfte nicht nur auf den wilden Autounfall von Ken Cosgrove (Aaron Staton) zu Beginn zurückzuführen sein. Er könnte auch als Vorschau auf den Ausgang des Chevrolet-Experiments interpretiert werden. Don hat sich schon von dem Projekt verabschiedet, in reichlich humorvoller Art und Weise: „Call me around 1970 when they're ready to make an ad. Every time we get a car, this place turns into a whorehouse.“
Das whorehouse hat auch in Dons bewegter Vergangenheit einen Stammplatz. Die zahlreichen Rückblenden der Episode geben hilfreiche Hinweise auf Dons mentalen Zustand. Das gezeichnete Psychogramm gerät jedoch etwas einfach: Er sehnt sich nach mütterlicher Liebe und ist deshalb außer Stande, selbst ausreichend Liebe und Mitgefühl für seine Nächsten zu entwickeln. Klingt eher nach Küchenpsychologie als nach ernsthafter Auseinandersetzung.
Die Episode konzentriert sich voll auf die Agentur und deren ehrgeizige Zukunftspläne. Unter der meist lockeren Oberfläche schwelen jedoch einige Konflikte. Mit dem Chevrolet-Projekt könnten sich die Partner verhoben haben. Auch sind die Machtverhältnisse in der neuen Agentur noch nicht hinreichend geklärt. Genug Konfliktstoff also, um die verbleibenden Episoden der sechsten Staffel spannend zu gestalten.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 21. Mai 2013(Mad Men 6x08)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x08
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