Mad Men 6x06

For Immediate Release: Die Pressemitteilung, die Peggy Olson (Elisabeth Moss) nachts in ihre Schreibmaschine hackt, soll also sofort veröffentlicht werden. Schließlich enthält sie die Nachricht, dass ein neuer Spieler den Markt der 25 größten amerikanischen Werbeagenturen betritt. Dank eines alkoholinduzierten Einfalls von Don Draper (Jon Hamm) im Beisein seines Konkurrenten Ted Chaough (Kevin Rahm) gelingt es ihnen und ihren Werbeagenturen SCDP respektive CGC, einen dicken Fisch an Land zu ziehen: Chevrolet.
You make your own opportunities
Das Kunststück glückt, weil das unvorhergesehene Team nicht nur die kreativ beste Präsentation hält, sondern gleichzeitig ankündigt, die Agenturen zusammenzuführen. Da weder CGC noch SCDP an der Börse notiert sind, dürften die Entscheidungswege für einen solch weitreichenden Beschluss entsprechend kurz gewesen sein, einige joviale Handschläge zwischen ehemaligen Konkurrenten genügen völlig. Das kreative - und dieses Mal auch geschäftliche - Hirn hinter diesem Coup ist Don Draper. Der hat es jedoch auch bitter nötig, endlich einmal der Überbringer guter Nachrichten zu sein, hat er doch zuvor die halbe Agentur gegen sich in Stellung gebracht.

Sein aufbrausendes Ego, sein Unwille zur Kompromissfindung und seine Missachtung monetärer Notwendigkeiten haben ihn in eine Situation manövriert, aus der er nur noch mit drastischen Maßnahmen herausfindet. Bei einem Treffen mit dem äußerst komplizierten Kunden von Jaguar, Herb Rennet (Gary Basaraba), platzt ihm schließlich in unentschuldigter Abwesenheit des Verkaufsgenies Roger Sterling (John Slattery) der Kragen. Er lässt Rennet fallen wie eine heiße Kartoffel, jedoch nicht ohne ihm vorher noch einige Nettigkeiten zukommen zu lassen: „Never felt better in my life.“
Zuvor hatte sich schon Megans (Jessica Paré) vulgäre Mutter eindeutig im Ton vergriffen. Mit ihrer Figur haben sich Serienschöpfer Matthew Weiner und Konsorten einen wahrhaft unausstehlichen Charakter einfallen lassen. Schon bei ihrem ersten Auftritt in der fünften Staffel rückte sie sich mit einem Spontanblowjob für Roger Sterling in die Schmuddelecke. Dieses Mal glänzt sie mit einem erniedrigenden Rat für ihre Tochter, die - zurecht - fürchtet, Ehemann Don könnte ihr entgleiten. Megan solle einfach an die animalischen Instinkte ihres Göttergatten appellieren. Das gutgläubige TV-Sternchen gehorcht natürlich sogleich.
Nachdem sich die Botschaft vom Verlust Jaguars in der Agentur wie ein Lauffeuer verbreitet hat, konfrontiert Hitzkopf und Finanzjongleur Pete Campbell (Vincent Kartheiser) den gerade ankommenden Don vor versammelter Mannschaft. Joan Harris (Christina Hendricks) versucht schließlich zu schlichten, gerät jedoch selbst ins Kreuzfeuer. Als Pete seine Ladung verschossen zu haben scheint, holt sie zum Rundumschlag aus und bezichtigt Don der Selbstsucht: „Just once, I would like to hear the word 'we'.“
This business is rigged
Joan und Pete sehen den geplanten Börsengang in Gefahr, den sie zuvor mit Bert Cooper (Robert Morse) eingefädelt hatten und der allen Partnern ein Millionenvermögen einbringen sollte. Hier ist zum wiederholten Male ein Motiv verarbeitet, das die Autoren der sechsten Staffel immer wieder in den Vordergrund der Handlung rücken: die ständige Jagd nach mehr, kombiniert mit einer unterschwelligen Unzufriedenheit bei sämtlichen Protagonisten.
Die Spannungen zwischen Don und Megan, Pete und Trudy (Allison Brie) oder Peggy und Abe (Charlie Hofheimer) erzeugen eine ungeheure Bildschirmpräsenz und sind deshalb kaum auszuhalten. Die alkoholgeschwängerte Atmosphäre fremder Betten, das ständige Unzufriedensein mit der momentanen Situation und das Kaschieren eigener Probleme müssen zwangsläufig Ablehnung hervorrufen. Dabei stellt sich die Frage, ob dies nun ein genialer Schachzug der Autoren ist oder ob sie damit riskieren, die Charaktere auch noch ihrer letzten charmanten Züge zu berauben.

Eventuell orientieren sie sich ja an dem allseits gut aufgelegten Ken Cosgrove (Aaron Staton), der Pete mal wieder - zumindest vorübergehend - aus der Patsche hilft: „Mutually assured destruction. That's why I don't worry about the bomb.“ Gemeint ist hier natürlich die Atombombe und die wechselseitige Aufrüstung der beiden Supermächte USA und UdSSR. Pete hat derweil ein ganz eigenes, hochexplosives Problem zu lösen, wobei ihm die Verquickung von Familie und Arbeit zum Verhängnis wird.
Den bevorstehenden Börsengang feiernd, trifft er in einem Bordell auf seinen Schwiegervater, der von seinem Auszug aus dem Familienanwesen noch gar nichts mitbekommen hat. Pete sieht ihn dabei, wie er ein Zimmer kurz nach einer drallen Prostituierten verlässt. Für Pete ist das schlimmste an der ganzen Sache, dass es sich bei der Gespielin um eine Afroamerikanerin handelt.
Nachdem der Schwiegervater die zukünftige Zusammenarbeit zwischen dessen Firma (Vicks) und SCDP kündigt, glaubt er, keine andere Möglichkeit zu haben, als Trudy vom vermeintlichen Fehltritt ihres Vaters zu berichten („200 pound negro prostitute.“). Die jedoch entscheidet sich sogleich für ihren alten Herrn und lässt Pete davonschleichen. Mitleid empfindet der Zuschauer in diesem Moment allerdings kaum.
Genauso wenig Mitleid dürfte auch den diversen Fremdgehern entgegengebracht werden. Don erlaubt sich in dieser Episode zwar keinen Fehltritt, kann aber durch die Bestätigung seiner animalischen Instinkte auch nicht unbedingt glänzen. Und auch sein Schützling Peggy wandert immer mehr in den großen Spuren des zwanghaften Schwerenöters. Sie fantasiert von einer Affäre mit ihrem Chef Ted. New York, Madison Avenue am Ende der 1960er Jahre: ein einziger Sündenpfuhl.
Fazit
Was sich in den vergangenen Episoden schon angekündigt hat, wird immer mehr zur Realität der sechsten Staffel von Mad Men. Die Autoren beginnen, ihre Charaktere langsam, aber sicher zu dekonstruieren. Es fällt immer schwerer, den Hauptprotagonisten sympathische Charakterzüge abzugewinnen.
Wenn Don nicht einmal mehr dazu kommt, seine mitunter genialen Marketingideen präsentieren zu können, gerät sein Charakter recht eindimensional. Als er jedoch von der Chevrolet-Gelegenheit erfährt, blitzt die alte Begeisterung in seinen Augen auf und verdrängt zumindest kurzzeitig den dauerschwelenden Schwermut.
Auch Hitzkopf Pete verschwindet immer mehr hinter seiner Fassade aus blindem Ehrgeiz und aufbrausender Selbstüberschätzung. Für eine lächerliche Affäre hat er sein vermeintlich glückliches Eheleben aufgegeben. Jetzt steht er vor den Trümmern seiner Existenz, was wiederum spannende Storyline für zukünftige Episoden verspricht.
Mad Men bleibt weiterhin ein atmosphärisch höchst stimmig erzähltes Drama, das jedoch in seiner neuen Staffel einen noch düstereren Ton anschlägt als zuvor schon. Der Serie würde es also nicht schaden, bisweilen eine oder mehrere Handlungsstränge mit positivem Einschlag auszuformulieren.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 6. Mai 2013(Mad Men 6x06)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x06
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