Mad Men 6x05

„Sometimes I go about in pity for myself, and all the while, a great wind carries me across the sky.“ Dieses Sprichwort der amerikanischen Ureinwohner Anishinabe - bekannt aus der Episode The Fleshy Part of the Thigh von The Sopranos - findet äußerst passende Anwendung auf die neue Episode von Mad Men, The Flood. Deutlich wird dies vor allem im Schlussteil, als es einen seltenen Moment gibt, in dem sich Don Draper (Jon Hamm) gegenüber seiner zweiten Ehefrau Megan (Jessica Paré) zu öffnen scheint.
You're in my life. You're a part of my life.
Zu Beginn werden die Handlungsstränge von Martin Luther Kings gewaltsamem Tod überschattet. Sämtliche Protagonisten fühlen tiefe Bestürzung und Trauer über den Mord an der Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Während also ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung den Rahmen der Episodenhandlung diktiert, verfangen sich die Charaktere schnell wieder in ihren eigenen kleinen Lebenswelten. Alle erleben einen Moment der Ohnmacht, versuchen sich jedoch gleichzeitig darüber zu versichern, dass sie noch Herr über ihr eigenes Schicksal sind.

Das öffentliche Leben scheint jedenfalls für einige Tage stillzustehen. Direkt im Anschluss an die Ermordung Kings brechen in mehreren amerikanischen Großstädten sogenannte Rassenunruhen aus. Dabei werden Demonstrationen afroamerikanischer Bürgerrechtsgruppen teilweise gewaltsam von Polizei und Militär niedergeschlagen. Außer dem ständig im Hintergrund flimmernden Sirenengeheul fällt davon jedoch nichts in die Welt der Mad Men und ihrer Familien ein. Es bleibt ein Begleitgeräusch, ein ständiges Fiepen im Alltagsrauschen der Protagonisten.
Sicher, die Bestürzung ist groß, doch im Vordergrund steht das Geschäftliche, vor allem jedoch das Persönliche. Und wie stark die Rassentrennung weiterhin in den Köpfen der Menschen verwurzelt ist, zeigt eine sehr kurze, aber ebenso aussagekräftige Szene zwischen Joan Harris (Christina Hendricks) und Dons afroamerikanischer Sekretärin Dawn Chambers (Teyonah Parris). In einer peinlichen Geste umarmt Joan die verdutzte Dawn und eröffnet ihr: „We're all so sorry.“ Als müsste nur der schwarze Bevölkerungsteil trauern, während die Weißen ihn trösten dürfen.
Zu einem weiteren Kommentar lassen sich die Autoren Tom Smuts und Matthew Weiner allerdings nicht hinreißen. Fortan rückt das reale Geschehen immer weiter in den Hintergrund, während die Protagonisten sich wieder ihren persönlichen - und auch geschäftlichen - Problemen widmen. Der verschwiegene Don darf sich beispielsweise von Roger Sterling (John Slattery) eine - unbeabsichtigte - Allegorie auf seinen momentanen Zustand anhören: „Man knew how to talk. I thought that would save him. I thought that would solve the whole thing.“
They must all be watching TV somewhere
Natürlich meint Sterling damit Martin Luther King, der Satz könnte jedoch auch auf Draper gemünzt sein. Der muss zwar nicht vor fanatischen Attentätern, jedoch ganz sicher vor sich selbst und seinen inneren Dämonen gerettet werden. In einer intensiven Szene mit Megan gibt er denn auch in selten gesehener Offenheit zu, welch schwarzes Loch sein Innenleben darstellt. Er hat lange gebraucht, um echte väterliche Liebe für seine Kinder zu entwickeln. Sich und Megan erklärt er dies mit seinem eigenen, zuneigungsfreien Aufwachsen.

Eine andere Szene, die in die gleiche, beinahe melodramatische Kategorie gehört, ist das Telefongespräch zwischen dem kürzlich erst getrennten Ehepaar Pete (Vincent Kartheiser) und Trudy Campbell (Alison Brie). Darin wird zart angedeutet, dass sich beide immer noch viel bedeuten. Vordergründig sprechen sie über die Vorkommnisse des Tages, beide wissen jedoch: Es geht nur um sie und ihre Beziehung zueinander.
Am nächsten Morgen ist Pete bei der Arbeit dann so gereizt, dass er sich auf ein verbales Scharmützel mit Harry Crane (Rich Sommer) einlässt. Die beiden haben gegensätzliche Meinungen darüber, wie die amerikanische Öffentlichkeit mit den Ereignissen umgehen sollte. Harry fürchtet um die Einnahmen seiner Werbekunden. Diese verlangen aufgrund der ständigen Sonderprogrammierungen der TV-Sender eine Erstattung ihrer bereits bezahlten, aber unausgestrahlten Werbespots.
Pete geht bei so viel Eigensucht an die Decke: „It's a shameful, shameful day.“ Im Kasernenton nennt er den guten Harry einen Rassisten, woraufhin sich Seniorpartner Bert Cooper (Robert Morse) zum Eingreifen gezwungen sieht. Sowieso würde er das Büro schließen, wäre da nicht das Treffen mit Sterlings esoterisch-abgefahrenem Bekannten Randall Walsh. Der für eine Immobilienversicherung tätige Walsh behauptet, des Nachts Kings Geist begegnet zu sein und sieht das schreckliche Ereignis als Gelegenheit: „The heavens are telling us to change.“
Fast überflüssig zu erwähnen, dass mit diesem potentiellen Neukunden erst einmal kein Geschäft zustandekommt. Auch Peggy (Elisabeth Moss) muss sich über einen geplatzten Deal ärgern. Sie bekommt nicht den erhofften Zuschlag für ein Apartment auf der Upper East Side. Schnell wird sie jedoch getröstet vom freimütigen Bekenntnis ihres Freundes Abe (Charlie Hofheimer), mit ihr eine Familie gründen zu wollen. Trost findet indes auch Betty Draper (January Jones), als ihr Ehemann Henry (Christopher Stanley) von seinen ehrgeizigen neuen Karriereplänen berichtet. Sohn Bobby (Jared Gilmore) verbringt unterdessen Zeit mit seinem Vater Don im Kino: „Everybody likes to go to the movies when they're sad.“
Fazit
Auch mit einem Ereignis von weltweiter Tragweite hält Mad Men es nicht anders als mit weniger bedeutenden Vorkommnissen. Der Mord am Bürgerrechtler Martin Luther King, Jr. wird als Aufhänger genutzt, um in Parabeln die persönlichen Verletzungen der Protagonisten zu porträtieren.
Um das zu Beginn zitierte Sprichwort noch einmal aufzugreifen: Die Geschehnisse, die von den Protagonisten nicht beeinflusst werden können, sind der Wind, der sie immer weiter trägt, während sie sich darin ergehen, ihr eigenes Schicksal immer wieder zu hinterfragen. Don kann seine Kinder nicht lieben, weil er selbst als Kind keine Liebe erfahren hat, Pete ist niemals mit seiner aktuellen Situation zufrieden und Peggy wünscht sich nichts so sehr, wie eine eigene Familie zu gründen.
Nun ließe sich vortrefflich darüber streiten, ob es nicht zu einem interessanteren Handlungsfortlauf kommen könnte, würden die Autoren das weltpolitische Geschehen stärker in die Erzählung einfließen lassen. Indem sie jedoch ebenjenes Geschehen mit der persönlichen Entwicklung ihrer Charaktere verweben, schaffen sie Identifikationspotential für den Zuschauer, statt sich auf die detaillierte Rekonstruktion historischer Tatsachen zu konzentrieren.
Dies war schon immer die Stärke von Mad Men. In der neuen Staffel kommt das bisher besonders eindrucksvoll zum Vorschein. Sämtliche Handlungsstränge werden unaufgeregt weitererzählt und - so zumindest die subjektive Einschätzung des Rezensenten - mit noch mehr Humor versehen als zuvor. Alleine die Dynamik zwischen Pete Campbell und Harry Crane reicht schon für den einen oder anderen Lachanfall. Die Mad Men 2013: von Beginn an bestens aufgelegt.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 30. April 2013(Mad Men 6x05)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x05
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