Mad Men 6x04

Die neue Episode To Have and to Hold kann exemplarisch dafür angeführt werden, die Einzigartigkeit von Mad Men zu erklären. Hier kommen jene Elemente zusammen, die der Dramaserie ihren ganz speziellen Charme verleihen. Zuvorderst wäre dabei die Großzahl an liebevoll modellierten Charakteren zu nennen, welche diese längst vergangene Welt bevölkern. Solche Nebencharaktere wie Ken Cosgrove (Aaron Staton), Harry Crane (Rich Sommer), Michael Ginsberg (Ben Feldman) oder Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) sorgen für viele heitere und dramaturgisch reizvolle Momente.
Is there anything that makes people more smile than Broadway and football?
Weiterhin besticht diese Episode durch die Mad Men-typischen subtilen Anspielungen auf gesellschaftliche Umbrüche in den späten sechziger Jahren. Dieses Mal wird vor allem die Rolle der Frau am Arbeitsplatz thematisiert. Im Erzählstrang um Harry Cranes Sekretärin Scarlett (Sadie Alexandru) wird die immer noch vorherrschende, beinahe uneingeschränkte männliche Vorherrschaft im amerikanischen Büro verarbeitet. Dass Don Drapers (Jon Hamm) dunkelhäutige Sekretärin Dawn Chambers (Teyonah Parris) darin involviert ist, macht die Dramatisierung noch fesselnder.

Schließlich geht auch von den episodenübergreifenden Handlungsbögen eine große Faszination aus. In dieser Folge steht dabei hauptsächlich die geheimgehaltene Kampagne für Heinz Ketchup („Project K“) im Vordergrund. Im Wettstreit mit einem ihrer größten Konkurrenten, der Agentur von Peggy Olsen (Elisabeth Moss) und Ted Chaough (Kevin Rahm), schaffen beide Parteien durchaus gleichwertige Präsentationen. Am Ende jedoch erhält Peggy mit ihrem Pitch den Zuschlag, was Don unweigerlich mit Stolz auf seinen einstigen Protegé erfüllt. „The student has become the master.“ Ganz so weit ist es sicherlich noch nicht, jedoch zeichnet sich am Horizont langsam eine Wachablösung ab.
So heiter und unbekümmert die Episode verläuft, so tragisch endet sie. Don schafft es einfach nicht, mit der an Fahrt aufnehmenden Karriere seiner Ehefrau Megan (Jessica Paré) zurechtzukommen: „I'm sick of tiptoeing around you everytime something good happens to me.“ Seine wenig schmeichelhafte Antwort: „You kiss people for money. You know who does that?“
Kurze Zeit später sucht er Ablenkung im Schoß einer anderen. Nachbarin Sylvia Rosen (Linda Cardellini) weiß, wie sie den Frauenschwarm um den Finger wickeln kann, schafft es jedoch gleichzeitig nicht, ihre Sehnsucht nach ihm zu verbergen. Außerdem erkennt sie die geplagte Seele des nach außen doch so kühlen und gefassten Don. „I pray for you... to find peace.“ Aber welchen Frieden meint sie damit eigentlich? Seelenfrieden? Frieden vor den inneren Dämonen? Dies würde auch Frieden vor ihr und seiner Affäre zu ihr bedeuten.
Everybody's scared there
Ein anderer Charakter, der trotz Titeln, Geld und einer vermeintlich guten gesellschaftlichen Stellung mit seiner Situation nicht zufrieden ist, ist Joan Harris (Christina Hendricks). Am Morgen nach einer durchzechten Nacht mit ihrer alten Freundin Kate (Marley Shelton) vertraut sie gerade dieser, von der sie eigentlich um ihre Errungenschaften beneidet wird, ihre Sorgen an. Demnach behandeln die männlichen Mitarbeiter der Agentur sie trotz ihres Status als Partnerin immer noch eher wie eine glorifizierte Sekretärin.
Am deutlichsten wird dies im Konflikt mit Harry Crane. Crane trägt seine persönlichen Schlachten in dieser Episode an mehreren Fronten aus, was zu mehrmaliger großer Erheiterung beiträgt. Wegen eines kleinen Arbeitszeitbetrugs will Joan seine Sekretärin Scarlett feuern, woraufhin Harry seine ganze Männlichkeit zum Einsatz bringt und ein viriles Machtwort spricht. Damit weist er die nominell eigentlich höhergestellte Joan klar in die Schranken. Sie kann der Legitimität seiner Forderung nichts Substantielles entgegensetzen, was durchaus auch daran liegt, dass sie sich ihren Titel als Partnerin wortwörtlich erschlafen hat.

Der Frust auf Joan und allgemein seine Nichtbeachtung trotz selbst konstatierter großer Errungenschaften treibt Harry denn auch zu einem seiner größten Auftritte in Mad Men überhaupt. Als unter den Partnern ein Treffen stattfindet, stürmt er dieses regelrecht und macht seinem Ärger in großartig komischer Manier Luft: „It's either me or her.“ Der verdutzte Pete bekommt nicht ganz mit, worum es eigentlich geht und fragt: „Joan?“ Wer bisher noch keine Tränen gelacht hat, der darf das an dieser Stelle gerne nachholen.
Um Harry zu beschwichtigen, beschließen Roger Sterling (John Slattery) und Bert Cooper (Robert Morse), den Heißsporn mit einer großzügigen Provision zu besänftigen. Doch der lässt sich nicht so einfach abspeisen. Indirekt droht er mit Abwanderung, sollten seine Dienste nicht angemessen - sprich mit einem Aufstieg in den Rang eines Partners - honoriert werden. Die beiden Alteingesessenen sind zum ersten Mal so richtig von Crane beeindruckt: „That's the first impressive thing he's done.“
Fazit
Beeindruckend ist vor allem, wie schnell Mad Men wieder seinen gewohnten Groove gefunden hat. Die verschiedenen Erzählstränge, selbstreferentiellen Einstreuungen und gesellschaftlich relevanten Einschübe überlagern und befruchten sich gegenseitig: „It's TV. We can't really do anything.“
Die Episode To Have and to Hold ist so vollgepackt mit kleinen humoristischen Passagen, dass es schwerfällt, sie alle aufzuzählen. Der Erzählstrang rund um Harry Crane ist hier zuallererst anzuführen. Dieser fand in der Kritik auch deshalb größere Erwähnung, weil in ihm auch die politische Botschaft dieser Episode transportiert wurde. Frauen hatten im Vergleich zu Männern bis auf wenige Ausnahmen keinerlei Mitspracherecht in den Unternehmen.
Ein Blick in die Gegenwart offenbart: Heute sieht es zwar besser aus, die Rolle der arbeitenden Frau wird jedoch heißer diskutiert als kaum zuvor. Man denke dabei nur an das unsägliche Stichwort der sogenannten „Frauenquote“. Hier offeriert Mad Men, was die Serie in ihren besten Momenten sein kann: ein Spiegel aus der Vergangenheit für die Zukunft.
In diese Kategorie fällt schließlich auch der Konflikt zwischen Don und Megan, dem sich die ambitionierte Schauspielerin allerdings heldenhaft entgegenstemmt. Don weiß, dass er gegen die hochtrabenden Ziele seiner maßgeblich jüngeren Ehefrau nichts, aber auch gar nichts ausrichten kann. Tatenlos muss er zusehen, wie sie vor der Kamera fremde Männer küsst, und er muss sich von schmierigen Drehbuchautoren Swinger-Party-Angebote machen lassen. Er kennt darauf nur eine Lösung: Die Flucht zu einer anderen. Ob er jemals Frieden findet?
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 23. April 2013(Mad Men 6x04)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x04
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