Mad Men 6x03

Die Autoren der neuen Episode der AMC-Retroserie Mad Men, The Collaborators, packen ihre Erzählung noch mehr als in den beiden Auftaktepisoden voll mit historischen Referenzen. So werden die Machtergreifung der Nazis, die Tet-Offensive im Vietnamkrieg und die Kaperung des amerikanischen Aufklärungsschiffs USS Pueblo durch die Nordkoreaner thematisiert. Ganz nebenbei wird Roger Sterling (John Slattery) von Don Draper (Jon Hamm) zurechtgewiesen. Zuvor hatte er nämlich ein Zitat Winston Churchills seiner Mutter in den Mund gelegt: „You were given the choice between war and dishonor. You chose dishonor and you will have war.“
Eine geschichtsträchtige Episode
Dieses Zitat markiert die nächste historische Referenz, die Pete Campbell (Vincent Kartheiser) leicht zu überfordern scheint. Churchill soll dies zum damaligen britischen Premierminister Neville Chamberlain gesagt haben, nachdem der am 30. September 1938 gemeinsam mit den Regierungschefs Frankreichs, Italiens und des Deutschen Reichs das Münchner Abkommen unterzeichnet hatte. Darin wurde die Eingliederung des Sudetenlandes ins Deutsche Reich beschlossen. In der Diktion Drapers und Sterlings kurz: „We gave them Munich.“

Der schlichte Ausdruck kann auf mehrere Erzählstränge der aktuellen Mad Men-Episode angewendet werden. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dieser, man habe jemandem den kleinen Finger gegeben und derjenige habe danach die ganze Hand gewollt. Draper bezieht dies auf den in der letzten Staffel abgeschlossenen verhängnisvollen Pakt, um an einen Auftrag der Edelautomobilmarke Jaguar zu kommen. So wurde Jaguar-Händler Herb Rennet (Gary Basaraba) sein unmoralisches Angebot mit Joan Harris (Christina Hendricks) verwirklicht, das diese auch gar nicht ablehnte.
Das war also der kleine Finger, jetzt will der grandiose Widerling Herb die ganze Hand. Er fordert von der Agentur, seine Ideen als ihre zu verkaufen, um seiner Jaguar-Niederlassung mehr Laufkundschaft zu besorgen. Don ist von der Idee alles andere als angetan. Gleichzeitig weiß er natürlich genau, welche Schlagworte er nutzen muss, um vordergründig für diese Idee zu plädieren, zwischen den Zeilen aber das genaue Gegenteil durchscheinen zu lassen. Zahlenmeister Pete geht danach durch die Decke, auch weil er sich Herbs Genöle anhören musste. Eine großartige Szene entfaltet sich zwischen Don, Roger und Pete, in der die beiden älteren Semester sich darüber amüsieren, wie der junge Heißsporn Dampf ablässt.
Eventuell kann sich Don ja so gut darüber amüsieren, weil er sich selbst teilweise in Pete wiedererkennt. Zumindest weisen die Erzählstränge der beiden Charaktere bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf. Auf beide trifft das „Munich“-Sprichwort gewissermaßen zu. Ihre jeweiligen Ehefrauen geben ihnen den kleinen Finger, sprich: die lange Leine. Und trotzdem ist es ihnen nicht genug. Dons Exfrau Betty (January Jones) hatte schon nach kurzer Zeit ihre Konsequenzen gezogen, jetzt ist Trudy Campbell (Alison Brie) an der Reihe.
Starke Frauen braucht das Land
Als sie herausfindet, dass ihr lieber Pete sich nicht einmal zu schade ist, in der direkten Nachbarschaft nach Gespielinnen Ausschau zu halten, zieht sie die Notbremse. Pete darf gehen. Sollte er sich unerwünscht blicken lassen, „then I will destroy you.“ Markige Worte für ein so zierliches Persönchen. Doch angesichts des unterschwellig ständig grassierenden Sexismus in Mad Men muss man als Zuschauer schon froh sein, wenn eine Dame die Chuzpe besitzt, ihrem Göttergatten die Meinung zu geigen.

Denn Don führt im Doppel mit Nachbar Arnold Rosen (Brian Markinson) in dieser Episode wieder einige Male vor, was er von den Ambitionen seiner schauspielernden Gattin Megan (Jessica Paré) hält. Das reicht kaum noch für ein müdes Schulterzucken: „She doesn't earn much.“ Wüsste Arnold, was Don mit seiner Gemahlin Sylvia (Linda Cardellini) hinter seinem Rücken in den Gemächern der Haushälterin treibt, würden ihm die sexistischen Witze wohl im Hals stecken bleiben. So jedoch lädt er gar seine Frau zu einem Abendessen mit Draper alleine ein, Megan schöpft in der Folge auch noch keinen Verdacht.
Dies liegt natürlich auch daran, dass sie gerade andere Sorgen plagen. Ohne Dons Wissen war sie schwanger geworden, hat das Kind jedoch bei einer Fehlgeburt verloren. Ausgerechnet der sie betrügenden Sylvia vertraut sie sich also an. Diese jedoch reagiert auf Megans offenherziges Geständnis recht pikiert. Zwar zeigt sie einen Hauch von Mitgefühl. Der Aussage Megans, über die Fehlgeburt sogar etwas erleichtert zu sein, tritt sie jedoch entschieden entgegen.
Die progressivste der Mad Men-Frauen, Peggy Olson (Elisabeth Moss), hat derweil ganz eigene Probleme. In ihrer neuen Agentur sieht sie sich mit subjektiv unfähigen Schreiberlingen konfrontiert, die nur witzig oder kreativ sein können, wenn es darum geht, ihr Streiche zu spielen. Also reagiert sie sich dadurch ab, mit ihrem Kumpel Stan Rizzo (Jay R. Ferguson) von der alten Agentur lange Telefonkonferenzen abzuhalten. Während einer dieser Konferenzen erfährt sie ein Detail, das ihrem neuen Unternehmen einen großen Kunden zuschustern könnte: Heinz Ketchup (laut Ken Cosgrove (Aaron Staton) „the Coca Cola of condiments!“).
Stan verrät ihr, dass innerhalb des Heinz-Imperiums große Diskrepanzen existieren. Der von John Sloman grandios gespielte Vertreter von „Heinz Baked Beans“, Raymond Geiger, hat zwar ein Treffen des „Heinz Ketchup“-Mitarbeiters Tim Jablonski (Kip Pardue) mit Don und Pete organisiert, möchte eine Kooperation aber um jeden Preis vermeiden. Er ist verbittert ob seiner Nichtbeachtung in der Firma und will wenigstens einen kleinen Sieg davontragen können: „The company gave me a suicide mission. Vinegar, Sauces and Baked Beans.“ Gleichzeitig weiß er: „Ketchup is the Gold Standard.“ Großartige Komödie in einer grandiosen Dramaserie!
Fazit
Behutsam wie immer schildert Mad Men die Alltagsprobleme seiner Protagonisten. Dabei werden die privaten geschickt mit den persönlichen Problemen verwoben. Es ist schon erstaunlich, wie eine solch präzise erzählte Dramaserie ohne sofort vernehmbare dramaturgische Höhepunkte beim Publikum so gut ankommt.
Eine große Faszination geht dabei vor allem von den vielen historischen Referenzen aus. Dies gilt nicht nur für Ereignisse der Zeitgeschichte, sondern auch für die Einbindung großer Markennamen, mit denen jeder Zuschauer aufgewachsen ist (Heinz, Coca Cola). Dadurch birgt die Serie ein ungeheures Identifikationspotential. Gleichzeitig wurden viele Figuren, vor allem auch die Nebencharaktere, als tragikomische Gestalten modelliert, was Mad Men eine besonders charmante humoreske Note verleiht.
Sehr unterschwellig werden dabei die gesellschaftlichen Veränderungen in den USA Ende der sechziger Jahre dokumentiert. Dies geschieht vor allem anhand der Frauenfiguren, allen voran Peggy Olson. Aber auch der in einem aufklärerischen Anfangsstadium steckende Umgang mit der schwarzen Bevölkerungsminderheit wird durchaus thematisiert, wenngleich die Rolle der Bürgerrechtsbewegung noch etwas stärker in den Vordergrund gerückt werden könnte.
Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass es sich bei Mad Men immer noch um ein Unterhaltungsformat handelt. Dass die Serie unterhält, steht außer Frage. Wenn dann noch zahlreiche interpretationswürdige Querverweise (Flashbacks!) hinzukommen, umso besser.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 16. April 2013(Mad Men 6x03)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x03
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