Grey's Anatomy 7x22

Grey's Anatomy 7x22

Grey's Anatomy kann singen, Geister sehen, um sich schießen - eines ist immer sicher: ein aufwühlendes Finale. Die siebte Staffel endet ohne Leichensäcke und dafür mit ungewohnt starkem Charakterdrama.

Szene aus „Grey's Anatomy“: Meredith (Ellen Pompeo, r.) bricht mit Alex (Justin Chambers). / (c) ABC
Szene aus „Grey's Anatomy“: Meredith (Ellen Pompeo, r.) bricht mit Alex (Justin Chambers). / (c) ABC

Unaccompanied Minor beginnt, wie wir es von einem Grey's Anatomy-Staffelfinale erwarten: Merediths Fehler fliegt auf, Cristina muss mit einer ungewollten Schwangerschaft klarkommen, Freundschaften wie Karrieren stehen auf der Kippe. Dann stürzt ein Flugzeug ab und im Seattle Grace bereitet man sich auf den Ausnahmezustand vor. Mit den üblichen Mitteln einer Staffelend-Katastrophe führt „Grey's“ den Zuschauer in die Irre. Denn statt der klassischen medizinischen Großlage sehen wir ein beinahe leergefegtes Krankenhaus - und großes Charakterdrama.

Nachdem Alex (Justin Chambers) sich in der vorherigen Folge betrunken verplappert hat, blickt Meredith (Ellen Pompeo) wegen ihres Eingreifens in Dereks Alzheimer-Studie jetzt ernsten Konsequenzen entgegen. Anders als Chief Webber (James Pickens Jr.), den Merediths wahre Beweggründe mit sofortiger Wirkung besänftigen, will Derek (Patrick Dempsey) das Geheimnis nicht wahren. Fast sieht es aus, als folge er nur ihrer Forderung, die sie kurz zuvor schnippisch äußerte: Im Krankenhaus solle er sie doch bitte wie eine Kollegin und nicht wie seine Ehefrau behandeln. Tatsächlich aber sitzen bei Derek Enttäuschung und Wut viel tiefer, ist es doch „your disease“, Merediths Krankenheit, die er zu heilen versucht.

Nach der spontanen Hochzeit und der Aussicht auf Adoptivkind Zola stellen die Autoren das Paar mal wieder vor eine ernste Herausforderung. Es ist nicht so, dass MerDer glücklich nicht immer noch ein tolles Gespann wären, aber es schlummerte wohl doch zu viel Konfliktpotential in den Unterschieden der beiden, um sie ohne weitere Hürden zu einer Familie zusammenwachsen zu lassen. Derek, für den es ganz klar Kategorien wie schwarz und weiß gibt, versus Meredith, die sich nicht das erste Mal von ihrem Bauchgefühl diktieren ließ, den Verstand auszuschalten.

Szene aus %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; mit Sandra Oh © ABC
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Meredith hat ihr Bett gemacht - das weiß sie auch -, und so steht das von Derek am Ende der Episode im Freien. Der Cliffhanger dürfte den Ehekrach jedoch gerade etwas schwerwiegender aussehen lassen als er tatsächlich ist. Hoffen wir mal, dass „Grey's“ nicht noch die McFamilygründung rückgängig macht - Ellen Pompeo ist einfach zu hinreißend mit der kleinen Zola.

Auch mit der Freundschaft zwischen Meredith und Cristina (Sandra Oh) meint es derweil jemand nicht gut. Die Kluft wird nur noch größer durch die aktuelle Entwicklung: Im Hause Hunt/Yang hält sich das Babythema hartnäckig. Cristina findet heraus, dass sie in der sechsten Woche schwanger ist. Was tun? Ganz klar: Die Autoren bleiben der Figur treu, die stets sehr genau wusste, was sie wollte. Oder eben nicht wollte.

This doesn't have to be your problem“, sagt Owen zu ihr. „You wouldn't even…“ - „What? Notice? It'll be a baby. I'm not a monster. If I have a baby, I'll love it.“ Ein großartiger Dialog zwischen Oh und On-Screen-Ehemann Kevin McKidd, dem sie sich nach diesem Kommentar verständlicherweise erst Recht verschließt. Meredith jedoch, die so lange versucht hat, schwanger zu werden, dürfte die angekündigte Abtreibung nicht so gutheißen wie Cristina wohl hofft, als sie auf der Suche nach Zustimmung und Asyl ihre Freundin aufsucht.

Und so hält im Haus Tief Cristina Einzug, nachdem sich Hurrikan Alex von dannen gemacht hat. Man möchte als Zuschauer von Grey's Anatomy des Öfteren die Charaktere anschreien, wenn sie mal wieder die absurdesten Entscheidungen treffen. Karev begeht zwischen all den Verrückten wohl noch die menschlichsten Fehler, was ihn jedoch in diesem Fall nicht zu einem geringeren Idioten macht. Könnte es sein, dass nach all den Rückschlägen der Vergangenheit der Bruch mit Meredith Alex den Rest gibt?

Das Staffelfinale hat das Beziehungsgefüge der „Original“-Ärzte ganz schön aufgerüttelt - aus Gründen. Wie Shonda Rhimes in einem Interview hat durchblicken lassen, könnte die nächste Staffel die letzte mit dem ursprünglichen Cast sein. Die Verträge von Pompeo und Dempsey zum Beispiel laufen danach aus und ohnehin verfolgt die Produzentin schon seit Längerem den Wunsch, Grey's Anatomy soweit von ihren Hauptdarstellern zu lösen, dass ein Ensemble wahrgenommen wird statt einzelner Darsteller.

So sehr wir uns also nach „dark and twisty“ und „whole and healed“ auf Meredith 3.0 und einen Schwerpunkt auf die alten Charaktere freuen dürfen - es könnte die Abschiedsstaffel für „Grey's“, wie es einmal war, werden.

Aus Neu mach Alt

Gleichzeitig - oder gerade wegen der kommenden Wende - zeigt Unaccompanied Minor auch, wie gut das Ensemblekonzept schon jetzt funktioniert. Ob Lexie (Chyler Leigh) im anhaltenden Gefühls-Ping-Pong zwischen Jackson (Jesse Williams) und Mark (Eric Dane) oder April (Sarah Drew), die als Chief Resident eine nur noch zentralere Rolle spielen wird in der kommenden Season.

Der Nachteil des wachsenden Casts ist zwar, dass in einer wichtigen Episode wie dem Staffelfinale auf einmal Arizona und Callie vollkommen fehlen. Dafür können (und müssen) die Autoren beweisen, dass sie mit wenig Screentime forciert wirkende Beziehungen zu etwas Sehenswertem aufbauen können.

Scott Foley und Kim Raver in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC
Scott Foley und Kim Raver in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC

Sehr schön hat das bereits bei Teddy (Kim Raver) und ihrem Versicherungsehemann geklappt, für den sie am Ende der Folge Super-Andrew (James Tupper) verlässt. „You're my husband and I think I'm falling in love with you“, sagt sie zu Henry. Was für ein „Grey's“-Satz! Scott Foley bleibt uns hoffentlich erhalten, denn er ist nicht nur ein Charmeur, sondern spielt seine Rolle auch fast naiv gelassen inmitten all dieser neurotischen Charaktere.

Worum drehte sich noch mal der Fall der Woche? Ach ja, von den hunderten Passagieren des abgestürzten Flugzeuges hat nur ein kleines Mädchen überlebt und muss jetzt operiert werden. Dass mehrere großherzige Menschen, die gerade ihre Angehörigen verloren haben, nichts anderes zu tun haben als für dieses Kind zu bleiben, soll wohl Finalstoff im minimalistischen Sinne sein. Wirkt aber eher etwas belanglos - wie übrigens auch große Teile der siebten Staffel. (Die Ereignislosigkeit könnte man auch zugunsten von „Grey's Anatomy“ auslegen, wenn man sich regelmäßig darüber aufregt, wie übertrieben es zum Beispiel drüben bei Private Practice ist...)

Alles in allem bleibt nicht viel im Gedächtnis, was in den letzten Monaten im Seattle Grace passiert ist. Das, woran man sich vor allem erinnert, gehört trotz Sarah Ramirez' toller Stimme in eine Schublade mit Izzies Geistersex. Und diese Schublade schließen selbst große „Grey's“-Fans bekanntlich ab, damit auch bloß keine der Absurditäten entweichen kann. Insofern war das deutlich gesetztere Staffelfinale vielleicht ganz weise. Und der Beweis, dass Grey's Anatomy auch gut und kraftvoll sein kann, ohne die Leichensäcke auszupacken.

Verfasser: Carolin Neumann am Samstag, 21. Mai 2011
Episode
Staffel 7, Episode 22
(Grey's Anatomy 7x22)
Deutscher Titel der Episode
Absturz
Titel der Episode im Original
Unaccompanied Minor
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 19. Mai 2011 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 17. August 2011
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 15. August 2011
Autor
Debora Cahn
Regisseur
Rob Corn

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 7x22

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