Grey's Anatomy 6x23

Es hebe die Hand, wer nicht angesichts der Beschreibungen des großen Grey's Anatomy-Finales laut aufgestöhnt und gedacht hat: Nicht schon wieder! Ein Patient, der sich an einem Arzt rächen will, ein Gewalttäter im Krankenhaus, eine Klinik unter Lockdown. Vor allem Shonda Rhimes' Ankündigungen, diese Episode würde alles verändern, ließ viele zweifeln. Doch dann begann mit der Episode Sanctuary das Finale - und Mann, lagen wir falsch.
Eins, zwei, drei, vier, fünf...
Es dauert keine zehn Minuten, bis Serienschöpferin Shonda Rhimes so brutal und direkt wie noch nie eine Serienfigur dahinrafft: Reed (Nora Zehetner) trifft ein Schuss mitten in den Kopf, in bester Serienkiller-Film-Manier. Doch während diese erste Fatalität dem Zuschauer nur ein gemäßigtes „Oh“ entlockt haben dürfte, weil ihr Charakter storytechnisch ohnehin obsolet war, geht der nächste Treffer direkt ins Herz des „Grey's“-Fans: Alex (Justin Chambers) wird angeschossen, Schicksal ungewiss. Zu diesem Zeitpunkt ist nur deshalb abzusehen, dass es durchaus noch schlimmer geht, weil die Doppelfolge im Vorhinein als alles verändernd angekündigt worden war.
Der Schütze: natürlich Gary Clark (Michael O'Neill), dessen Frau in der Obhut von Derek (Patrick Dempsey), Webber (James Pickens Jr.) und Lexie (Chyler Leigh) gestorben ist und der, wie wir ja schon wissen, Vergeltung sucht. Bis er die findet, wird ein Statist nach dem nächsten erschossen - weil er im Weg stand oder einfach nur, weil er Chirurg ist. Das wird auch dem nächsten der neuen Docs, Charles Percy (Robert Baker), zum Verhängnis. Zwar ist sein Tod nur einer in der Statistik, aber er ebnete auch den Weg für eine der besten Leistungen, die wir von Chandra Wilson je gesehen haben. „Where's the water coming from?“, fragt Miranda Bailey in dem zum Glück auch in diesen Episoden nicht vernachlässigten Humor der Serie - um überrascht festzustellen: Sie weint. Später stellt sie wie die meisten der „Grey's“-Darsteller unter Beweis, wie sehr sie mit ihrer Figur verwachsen ist - ein sehr schöner Ausraster, den wir hier zu sehen bekommen.
Dass die Schießerei mehr ist als nur eine schnelle Möglichkeit, den mittlerweile zu groß gewordenen Cast schnell und schmerzhaft zu reduzieren, zeigt sich spätestens am Ende von Sanctuary: Er fleht, erklärt, beruhigt - und wird dann doch angeschossen. Für einen Moment denkt selbst der Spoiler-bewussteste Zuschauer: Hat Shonda Rhimes gerade Patrick Dempsey gefeuert? Aber mit diesem genialen Schachzug fangen die eigentlichen Charakterentwicklungen, für die Grey's Anatomy mal bekannt war und die für das Finale angekündigt waren, erst an.
„I can't live without you“, sagt Meredith (Ellen Pompeo) ihrem Derek, der zu Beginn der zweiten Finalepisode, Death and All His Friends, in seinem eigenen Blut liegt und dem ziemlich sicheren Ende entgegenschaut. Aber Shonda Rhimes wäre nicht Shonda Rhimes - allem Geistersex-Quatsch zum Trotz -, wenn sie daraus nicht nur erstklassiges Drama, sondern auch einige der besten Szenen überhaupt gewinnen würde.
So auch diese: Wir kannten Cristina (Sandra Oh) und Meredith bisher fast ausschließlich als das leicht verkorkste Duo, das - obwohl beide so emotional verkrüppelt - füreinander wohl alles getan hätte. Doch als Cristina Meredith davon abhält, zu ihrem verletzten Post-It-Mann zu laufen, schubst sie ihre Freundin weg; eine Szene, die symbolisch steht für die Entwicklung, die ihre Figur in dieser Staffel durchgemacht hat - ohne dabei, wie man hätte annehmen können, ihren Charme zu verlieren. Im Gegenteil: Meredith, die schwanger ist und lieber selbst sterben würde als Derek zu verlieren, ist vom teils unerträglichen Mittelpunkt der Serie zu einem angenehmen, noch immer genügend dramatischen Charakter von vielen geworden. So gönnt man ihr das Scheinwerferlicht dann doch mal gerne. Chapeau für diese Wendung, Shonda Rhimes!
Cristina, unsere Heldin!
Hervorragend auch, wie die Cristina/Meredith-Geschichte bis zum Ende der Finalepisode durchgehalten wird: „I'm trying to save your guy, please save mine“, fordert Cristina, als Owen (Kevin McKidd), der ihretwegen ins verriegelte Krankenhaus zurückkehrt, ebenfalls angeschossen wird. Und tatsächlich: Meredith unterbricht die Behandlung des zum Glück nur leicht Verletzten nicht einmal, als sie eine Fehlgeburt erleidet.
Und Cristina stellt wie nicht anders erwartet - „bad ass“ (Dr. Avery) - auch unter diesem Druck ihr Können unter Beweis. Sie gibt Dereks Leben selbst dann nicht auf, als der schießwütige Clark auf einmal die Waffe an ihre Schläfe hält - ja, dieser Mann ist wirklich überall! Dass Owen wiederum für sie sein Leben riskiert und sich dabei eine Kugel einfängt, sollte für die beiden in der kommenden Staffel auf jeden Fall ein Happy End zur Folge haben.
Für wen es ein Happy End gibt - auf der nächsten Seite...
Die wohl schönste Entwicklung - neben der offensichtlichen: dass Derek überlebt hat - gehört Arizona (Jessica Capshaw) und Callie (Sara Ramirez), die durch das traumatische Erlebnis endlich wieder zueinanderfinden. „I don't wann have kids if it means I can't be with you.“ - „No, we'll have kids, we'll have all kinds of kids. ... I can't live without you and our ten kids.“ Hat es sich also doch bewahrheitet, was Shonda Rhimes vor wenigen Wochen sagte: „Die beiden brechen mir das Herz, ... und ich will sie wieder miteinander sehen.“
Überraschend, aber sehr weise geschrieben, war das Finale hingegen für das Dreieck aus Alex, Lexie und Mark (Eric Dane). Als Sloan sich zu Beginn der Schießerei in Sanctuary schützend über Lexie wirft, denkt man schon, die Sache ist gelaufen, die Wiedervereinigung nur noch Formsache. Doch am Ende riskiert sie nicht nur für Alex ihr Leben - sein Leben riskieren steht in diesem Finale ohnehin auf der Tagesordnung -, sondern sagt ihm auch „Ich liebe dich“, als der noch immer hoffnungsvolle Mark direkt neben ihnen steht. Autsch, das muss gesessen haben. Für die neuen Episoden, die ABC sich für Herbst gesichert hat, müssen die Autoren sich entscheiden, wie es weitergeht, denn nicht nur sahen wir Alex Karev zuletzt mit allerlei Schläuchen im Gesicht, sondern er hielt im Wahn des ausblutenden Mannes Lexie auch noch für seine Ex Izzie, die zu ihm zurückgekehrt ist. Was die (Katherine Heigl) bekanntlich nicht vor hat. Also: einen Schritt zurück in die Arme von Mark, der mit einem gebrochenen Herzen in die Sommerpause gegangen ist, oder ein Leben an der Seite eines Mannes, der ganz offensichtlich noch immer alte Wunden leckt? Zumindest aber bekam auch Lexie-Darstellerin Chyler Leigh endlich mal wieder einige große Szenen, die sie weitestgehend hervorragend meisterte.
Goldgruben und Abgründe
Überhaupt fördern Katastrophen wie die, derer sich Shonda Rhimes für das Grey's Anatomy-Finale angenommen hat, ungeahntes Talent zu Tage und stellen vor allem die Dynamik eines Casts unter Beweis. Das haben wir in „Grey's“ in so großartigen Folgen wie Into You Like A Train oder Walk on Water bereits gesehen, aber noch nie zuvor auf einer so persönlichen Ebene.
Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Sarah Drew so gut in diese Serie passt? Ihre Hysterie in der Doppelfolge war sehr gut gespielt und hat bewiesen, wie gut sich die Rolle und ihre Darstellerin in die verquere Welt des Seattle Grace Mercy West Hospitals fügen könnten, wenn man sie ließe. Und ihr sehr hübscher Moment mit Meredith hat einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie es sein könnte, sollte Drew im Herbst weiter dabei sein.
Zu viel des Guten
Von zu vielen Shonda-Rhimes-typischen Beziehungsgesprächen inmitten der größten Krise abgesehen, gab es nur wenige Tiefpunkte. Sie gehörten allesamt Dr. Webber, vor allem auf seine pathetische Überzeugungsarbeit, um Clark zum Selbstmord zu bewegen - hallo!? - hätte man gut verzichten können.
Doch sieht man davon ab - und das fällt nicht schwer -, so war das sechste Staffelfinale von Grey's Anatomy der Beweis, dass Shonda Rhimes es nach wie drauf hat. Und eine der besten Episoden der Serie überhaupt! 90 Minuten eine solche Hochspannung aufrechtzuerhalten und nebenbei noch eine derartige emotionale Achterbahnfahrt zu kredenzen - das ist ganz großes TV-Drama. Ob es aber alles verändert hat wie versprochen, das wollen wir doch im Herbst erst mal sehen.
Verfasser: Carolin Neumann am Freitag, 21. Mai 2010(Grey's Anatomy 6x23)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 6x23
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