Grey's Anatomy 13x10

Grey's Anatomy 13x10

Bailey, Arizona und Jo behandeln eine schwangere, 16-JĂ€hrige Patientin in einem HochsicherheitsgefĂ€ngnis. Die Darstellung der Ohnmacht auf beiden Seiten verweist dabei nicht nur indirekt auf Alex, sondern zeichnet ein intensives und erschĂŒtterndes Bild der amerikanischen GefĂ€ngnisrealitĂ€t.

Im GefĂ€ngniskrankenhaus in der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC
Im GefĂ€ngniskrankenhaus in der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC
© m GefĂ€ngniskrankenhaus in der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC

Obwohl uns die Auftaktepisode You Can Look (But You'd Better Not Touch) nach der ewig erscheinenden Winterpause einen direkten Anschluss an vergangene Ereignisse verwehrt, dĂŒrfte kaum EnttĂ€uschung aufgekommen sein - im Gegenteil.

Seit geraumer Zeit verzichten die Autoren auf die Entfaltung interessanter, eigenstĂ€ndiger Patientengeschichten, die nicht nur zur Plotentwicklung der Protagonisten dienen. Ein bedauerlicher Umstand, zĂ€hlte es doch zu den stĂ€rkeren Seiten der langlebigen Serie in kĂŒrzester Zeit eine IntensitĂ€t zu erzeugen, die durch bis dato unbekannte Figuren vermittelt wird.

Erfreulicherweise kehrt You Can Look (But You'd Better Not Touch) zu alter StĂ€rke zurĂŒck. Die Rahmenhandlung um die 16-JĂ€hrige schwangere Insassin Anna Jacoby-Heron eines HochsicherheitsgefĂ€ngnis vermag es, ĂŒber die individuelle UnertrĂ€glichkeit ihrer Situation hinaus zu verweisen, indem durch Bailey (Chandra Wilson) und die GefĂ€ngnisĂ€rztin Dr. Eldridge (Klea Scott) auf die grausame RealitĂ€t des amerikanischen GefĂ€ngnissystems aufmerksam gemacht wird. Dank der sensiblen Inszenierung und Plotentwicklung gelingt es den Autoren außerdem, sich den verschiedenen Positionen innerhalb der GefĂ€ngnishierarchie mehrdimensional zu nĂ€hern.

Über Alex' (Justin Chambers) Verbleib werden wir - trotz der letzten Szene - weiterhin im Dunkeln gelassen. Da wir zeitlich unmittelbar an das Winterfinale You Haven't Done Nothin' anschließen und Bailey, Arizona (Jessica Capshaw) und Jo (Camilla Luddington) die „Nacht der Entscheidung“ bei ihrer Patientin Kristin verbrachten, bleibt weiterhin unklar ob Meredith (Ellen Pompeo) Alex von einem vorzeitigen SchuldeingestĂ€ndnis abhalten konnte oder nicht.

Be Good

Dass die GrĂŒnde fĂŒr die 20 Jahre Haftverwahrung der minderjĂ€hrigen Insassin in einem HochsicherheitsgefĂ€ngnis fĂŒr Frauen konsequent unerwĂ€hnt bleiben, zĂ€hlt mit zu den stĂ€rksten erzĂ€hlerischen Entscheidungen der aktuellen Episode. Dass diese Frage erst am Ende relevant wird und ihre mögliche Beantwortung von Bailey ebenso konsequent verweigert wird, vermittelt gewissermaßen die Botschaft der ErzĂ€hlung: Hier geht es nicht um das Warum, um rechtmĂ€ĂŸige Vergeltung, um Schuld oder TĂ€terschaft. Stattdessen wird die Wahrnehmung der Zuschauer insofern gelenkt, als dass eine grĂ¶ĂŸtmögliche Unvoreingenommenheit gegenĂŒber den Insassinnen entwickelt wird. Der Clue besteht darin, dass diese Unbefangenheit rĂŒckwirkend erzeugt wird. Durch die Augen Baileys nĂ€hern sich die Zuschauer insbesondere Kristen zunehmend als Mensch, als junges MĂ€dchen und nicht mehr als brutale TĂ€terin einer unerwĂ€hnt bleibenden Tat.

Die Autoren unterlassen es dabei, einer einfachen Umkehrung anheim zu fallen und die Vorzeichen der Macht- und SchuldverhÀltnisse schlichtweg zu Àndern. Vielmehr wird sich den Gegenpolen in Gestalt der jungen Patientin und der GefÀngnisÀrztin auf komplexe, mehrdimensionale Weise genÀhert.

Dass diese Episode nicht zu einem pĂ€dagogisch-platten LehrstĂŒck ĂŒber „Menschlichkeit“ gerĂ€t, ist nicht zuletzt dem dĂŒsteren Humor von Kristen zu verdanken, die Arizonas zuckersĂŒĂŸes Auftreten mit einem entnervten “Like unicorns and rainbows are about to shoot of your ass“ kommentiert, oder einem ebenso bitteren AbwĂŒrgen von Jos gutgemeintem AnnĂ€herungsversuch: “Stars, they're just like us...“.

Es ist dem weitestgehenden Verzicht auf emotionalisierende Ornamentik zu verdanken, dass die Szene der Entbindung, in der Kristen verzweifelt und herzzerreissend um die Anwesenheit ihrer Mutter fleht, nicht in einen sozialkritischen Kitsch abdriftet. Vielmehr werden die Zuschauer mit der rohen, unvermittelten RealitĂ€t konfrontiert, in der sich Kristen befindet. Es ist egal, was sie getan hat, und es ist nicht als großmĂŒtiges ZugestĂ€ndnis der GefĂ€ngnisĂ€rztin zu verstehen, dass sie sich schließlich ĂŒber die illegalen Anweisungen hinwegsetzt und Kristen endlich von den quĂ€lenden Handschellen befreit. Nur weil etwas Gesetz ist, ist es nicht unbedingt gerecht.

Kept In The Dark

Das zeigt sich auch an anderer Stelle. Es mag der einzige Schwachpunkt der Episode sein, dass Bailey einmal mehr die Rolle der GelĂ€uterten ĂŒbernehmen muss, doch sieht man ĂŒber diesen Umstand hinweg, zĂ€hlen die Szenen zwischen Bailey und Dr. Eldridge ebenfalls zu den besten der Episode.

Dr. Eldridge bringt Baileys naive, von einem unreflektiertem Gerechtigkeitsempfinden motivierte Empörung ĂŒber die mangelhaften ZustĂ€nde im GefĂ€ngniskrankenhaus, mit einem einzigen Blick in den Materialraum zum Schweigen. So ist auch Dr. Evil nicht einfach nur willige Vollstreckerin, die den Insassinnen eine angemessene und ausreichende Behandlung verweigert. Auf den Punkt gebracht: “I don't allocate my resources. The state does. And when the state decides between cutting the school budgets or the prisons, guess which one they pick.“ Am Ende sind es nun immer noch Personen wie Dr. Eldridge, die diesen unertrĂ€glichen Zustand mittragen - auch, wenn sie ihn als solchen erkennen. Und auch, wenn die hintergrĂŒndige Wahrheit nicht ausgesprochen wird, schwingt die KomplexitĂ€t in jedem Satz dieser Szene mit: Das Falsche dieser Verfasstheit ist die kollektiv empfundene, lĂ€hmende Ohnmacht aller, die zu ĂŒberwinden möglich wĂ€re.

Fazit

Nach der Winterpause schwingt sich Grey's Anatomy mit der Auftaktepisode You Can Look (But You'd Better Not Touch) zu alter StĂ€rke auf. Aus mehrdimensionaler Perspektive nĂ€hert sich die ErzĂ€hlung dem Alltag eines HochsicherheitsgefĂ€ngnis fĂŒr Frauen, in deren Zentrum sich die minderjĂ€hrige schwangere Kristin befindet. So gelingt es den Autoren durch den Verzicht auf ĂŒberdramatisierende Elemente, sich dieser RealitĂ€t glaubhaft zu nĂ€hern. Mit Blick auf das amerikanische GefĂ€ngnissystem, das gerade hinsichtlich der Verwahrungspraxis in Hochsicherheitseinrichtungen international immer wieder Menschenrechtsorganisationen auf den Plan ruft, gelingt es der Episode, sich sowohl im Ganzen, als auch im Einzelnen diesem Thema anzunehmen.

Der Verzicht auf einen unmittelbaren Anschluss an die Ereignisse des Winterfinales können deshalb verschmerzt werden - mit hoher Wahrscheinlichkeit wendet sich die kommende Episode wieder dem Handlungsstrang um Alex, Jo, Meredith und Andrew De Luca zu.

Trailer zur Episode 13x11: Jukebox Hero

Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 27. Januar 2017

Grey's Anatomy 13x10 Trailer

Episode
Staffel 13, Episode 10
(Grey's Anatomy 13x10)
Deutscher Titel der Episode
Nicht anfassen!
Titel der Episode im Original
You Can Look (But You'd Better Not Touch)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 26. Januar 2017 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 26. April 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 10. April 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 1. Mai 2017
Autor
Tia Napolitano
Regisseur
Jann Turner

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 13x10

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