Grey's Anatomy 13x05

Nach der vielversprechenden Vorgängerepisode nimmt Both Sides Now wieder etwas Tempo aus der Erzählung. So dürfen die Patientengeschichten um Granny June (Phoebe Dorin) und Chelsea (Erica Jaye Green), die beide dringend eine Lebertransplantation benötigen, gleichrangig neben den Angelegenheiten der Protagonist/-innen stehen. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass der Verzicht auf höchstmögliche Dramatik, wie wir sie in I Ain't No Miracle Worker präsentiert bekamen, der Plotentwicklung zugutekommt. So findet sich nicht nur Raum für Humor, sondern auch für die leisen Töne des alltäglichen Kampfes um Leben und Tod in einem Krankenhaus.
Glücklicherweise lassen sich die Autor/-innen nicht dazu hinreißen, die Frage aufzuwerfen, wer der beiden Patientinnen - die 25-jährige Chelsea oder die über 80-jährige June - die Leber „mehr verdient“ hätte, würde dies doch indirekt implizieren, dass hierbei tatsächlich Diskussionsbedarf besteht. So geht es vorrangig um die Dringlichkeit, die sich insbesondere aus Chelseas Situation ergibt. Die amüsante Aufbrechung des Klischees der gütigen, selbstlosen alten Dame lässt den Handlungsstrang zudem an Komplexität gewinnen, wenngleich seine Auflösung etwas zu einfach daherkommt.
Derweil kämpfen Meredith (Ellen Pompeo) und Dr. Webber (James Pickens, Jr.) gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester um das Leben von Chelsea. Weil ihre Schwester überraschend erfährt, dass sie schwanger ist, kann sie Chelsea nicht als Spenderin zur Verfügung stehen - dieser Umstand wiederum schlägt den Bogen zu jüngsten Entwicklungen in Bezug auf Owen (Kevin McKidd) und Amelia (Caterina Scorsone).
Im Grunde könnte man sagen, dass hier viel Wind um Nichts gemacht wurde - wie sich am Ende von Both Sides Now herausstellt, ist Amelia doch nicht schwanger. Ähnlich absehbar wie das Ergebnis des Schwangerschaftstests ist indes die sich nun ankündigende Entwicklung dieses Handlungsstrangs - so zumindest die Befürchtung.
Zuschauer/-innen des Grey's Anatomy Spin-Offs Private Practice dürften sich an Amelias größtes Trauma erinnern: Sie verlor einst nicht nur ihren Verlobten an eine Überdosis Drogen, sondern auch ihr Kind. Dass sich dies nun auf die gemeinsame Familienplanung mit Owen auswirken wird oder könnte, ist zwar inhaltlich konsequent. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass uns eine Neuauflage von Owens Beziehungskiller Nummer 1 erspart bleibt.
But screw her!
Weil es dieser Serie immer wieder gelingt, einerseits mit stereotypen Figuren zu arbeiten, diese Rahmung andererseits aber durch Dialogwitz oder die Einbindung gesellschaftskritischer Ansätze zu brechen, könnte man Grey's Anatomy gelegentlich als pädagogisches Entertainment bezeichnen. Die Glaubwürdigkeit dieser Positionierungen - ob es um beziehungsweise gegen Sexismus, Rassismus, Klassismus geht, um nur einige Beispiele zu nennen - ergibt sich dabei vor allem aus dem Umstand, dass die Autor/-innen nicht auf einen medialen Hype aufspringen, sondern sozusagen ab der ersten Stunde zu diesen Themen relativ klar Stellung beziehen.
Selbstverständlich liefert die Serie keine umfassende Gesellschaftskritik, aber das ist auch nicht ihr Anspruch. Deshalb ist es umso erfreulicher, wenn Ansätze Eingang in die Handlung finden, wie etwa - wenn auch deutlich subtiler als in anderen Fällen - hinsichtlich der Patientengeschichte um June und Chelsea.
So ist es vor allem Junes Figur, die plötzlich eine interessante Wandlung erfährt. Zunächst lernen wir sie als Kekse backende, herzliche und selbstlose Granny, als human sun flower, kennen, die von ihrer ebenfalls anwesenden Familie geliebt und geschätzt wird. Der Stereotyp der aufopferungsvollen Großmutter beziehungsweise Frau erfährt einen Bruch, als sich June entgegen aller Erwartungen dazu entscheidet, die ihr versprochene Leberspende nicht der 25-jährigen Chelsea zu überlassen. Genau an dieser Stelle wird der Finger in die Wunde gelegt: Wo es eigentlich um Dringlichkeit gehen müsste, also um die Frage, wessen Überleben akuter bedroht ist, rückt plötzlich eine Erwartungshaltung in den Vordergrund, der sich einige Figuren nicht entziehen können.
Diese Frage ist komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Besonders eindringlich wird dieser Umstand an Richard Webbers und Baileys Verhalten illustriert, indem direkte und indirekte Fragen aufgeworfen werden, wie: Wessen Leben ist es mehr wert, gerettet zu werden, das einer 25-jährigen oder das einer 80-jährigen? Mit welcher Erwartungshaltung, die sich durch welche Bilder ergibt, überlassen die Ärzt-/innen diese Entscheidung June? Dass erstgenannte Frage eigentlich keiner Diskussion bedarf, sollte klar sein, weshalb Webber umstandslos von Bailey und Arizona (Jessica Capshaw) zu Recht Kontra erhält.
I'm the baby guy! You like me!
Nach gefühlt hundert Szenen, in denen wir Owen Hunt in mal mehr, mal weniger knapp am Pathos vorbeistreifenden Patientengeschichten mit Kindern sehen konnten, stellte seine - für ihn sehr überraschend kommende - Überforderung mit der kleinen Harriett eine erfrischende Abwechslung dar. In diesem Handlungsstrang, der von Amelias potentieller Schwangerschaft gerahmt wird, drängen sich unweigerlich Erinnerungen an die Entwicklung seiner Figur auf, die ihn wiederum in ein nicht allzu vorteilhaftes Licht rücken.
Der immense Druck, den er in seinem großen Wunsch, Vater zu werden, einst auf Cristina ausübte, könnte sich nun auch auf seine Beziehung zu Amelia auswirken. Für Owen war und ist es im Grunde unvorstellbar, wie ein Mensch zu der Entscheidung kommt, sich keine Kinder zu wünschen.
Diese Ansicht ist mehr als fragwürdig, vor allem dann, wenn sich daraus ein Verhalten ergibt, das bestenfalls als egoistisch bezeichnet werden kann. So ist es nur konsequent, dass Amelia, die in dieser Hinsicht ein schlimmes Trauma erleiden musste, in Konfrontation mit der Möglichkeit, schwanger zu sein, Ängste entwickelt. Und deshalb erleichtert scheint, als der Test negativ ausfällt - obwohl sie sich durchaus Kinder mit Owen wünscht. Es bleibt daher zu hoffen, dass sich Owen, sollte er bald von Amelias Ängsten erfahren, etwas einfühlsamer und rücksichtsvoller verhält als in seiner Beziehung mit Cristina.
Fazit
In Both Sides Now treten die Belange vieler Hauptfiguren zugunsten der Patientengeschichte um June und Chelsea in den Hintergrund des Geschehens. In diesem Zusammenhang werden auf der Oberfläche einer eher locker, teilweise amüsant erzählten Handlung komplexe Fragen aufgeworfen. Dass sie eher subtil und nicht abschließend beantwortet werden, liegt unter anderem in der vielleicht etwas zu einfach gelösten Problematik des Handlungsstrangs begründet. Weil Maggies Patient stirbt, kann auch Merediths Patientin die notwendige Transplantation erhalten.
An anderer Stelle hadert Amelia mit ihren Gefühlen - der Wunsch, mit Owen eine Familie zu gründen, wird aufgrund der Erinnerung an den erlittenen Verlust ihres Kindes von Angst überschattet. In diesem Zusammenhang bleibt zu hoffen, dass sich Owen, anders als gegenüber Cristina, einfühlsamer verhalten wird. Dieses Spannungsfeld eröffnet gleichzeitig einen interessanten Rahmen für die noch junge dreizehnte Staffel und damit die Möglichkeit, auch Owens Figur in eine neue Richtung zu lenken.
Trailer zur nächsten Episode der US-Serie „Grey's Anatomy“, „Roar“ (13x06):
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 21. Oktober 2016Grey's Anatomy 13x05 Trailer
(Grey's Anatomy 13x05)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 13x05
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